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Grossstadtklein

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kritiken.de Redaktion 15.08.2013
Grossstadtklein© Warner Bros. GmbH
A ca. 1557 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Grossstadtklein - Lakonische Komödie über Identität, Heimat und die Kollision von Stadt- und Dorfwelten

Einleitung

Grossstadtklein tritt an in einem Genre, das auf den ersten Blick vertraut wirkt: die deutsche Heimatkomödie im modernen Gewand. Doch der Film vermeidet reine Folklore und setzt stattdessen auf eine feine Balance aus Lakonie und Beobachtungssinn. In einer Zeit, in der urbane Selbstbilder und ländliche Wirklichkeiten gegeneinander ausgespielt werden, fungiert der Film als mikrosoziologische Studie mit komödiantischem Zug - relevant nicht nur als Unterhaltung, sondern als Spiegel aktuellen gesellschaftlichen Aushandelns von Identität.

Die Relevanz des Films liegt weniger in spektakulären erzählerischen Innovationen als in seiner Art, alltägliche Spannungen präzise zu sezieren. Er zeigt, wie Generationen, Rollenbilder und soziale Erwartungshaltungen in einem Moment der Lebensentscheidung aufeinanderprallen. Damit adressiert Grossstadtklein ein Publikum, das nach Nuancen verlangt: Zuschauer, die Komik nicht als simplen Stimmungsheber lesen, sondern als Form, um Ambivalenzen und Widersprüche sichtbar zu machen.

Regisseur Ralf Westhoff, der den Film inszenierte, verknüpft dabei eine handwerklich solide Komödienroutine mit einem Blick für kleine, aussagekräftige Details. Seine Filmsprache bevorzugt beobachtende Nähe statt lauten Gags, wodurch menschliche Unbeholfenheit und stilles Scheitern in den Vordergrund rücken. Grossstadtklein lässt sich so in eine Linie mit zeitgenössischen deutschen Produktionen setzen, die Komik als Zugang zur Gesellschaftsanalyse nutzen.

Kurzüberblick zur Produktion

Grossstadtklein entstand als deutschsprachige Kinoproduktion und wurde am 15. August 2013 veröffentlicht. Die Produktionsbedingungen entsprechen dem üblichen Rahmen für tragfähige Genrefilme des deutschen Marktes: ein überschaubares, sorgfältig eingesetztes Budget, professionelle Crewstrukturen und ein Fokus auf Schauspielerensemble und Drehbuch. Diese Ökonomie prägt sichtbar die ästhetische Entscheidung des Films: Keine überbordenden Effekte, stattdessen präzise eingerahmte Szenen und ein Augenmerk auf Dialog und Körperspiel.

Westhoffs Regiehandschrift zeigt sich in der Fokussierung auf Figurenkonstellationen und die kleinen, manchmal unbequemen Momente zwischen Menschen. Seine Inszenierung vermeidet effekthascherische Stilmittel; statt dessen setzt er auf eine zurückhaltende Kameraarbeit und einen Schnitt, der Timing und Pointen Raum lässt. Im Gesamtwerk des Regisseurs markiert Grossstadtklein eine Stimme, die persönliche Befindlichkeiten mit einem Blick für gesellschaftliche Codes verbindet und so das Komödiengenre in Richtung melancholischer Beobachtung zieht.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble von Grossstadtklein vereint jüngere Talente mit etablierten Schauspielern und Profilen aus dem Unterhaltungsgeschäft. Pit Bukowski übernimmt die zentrale Rolle und fungiert als emotionaler Kern des Films; seine Präsenz zeichnet sich durch eine Mischung aus Unsicherheit und lakonischer Stoik aus. Jytte-Merle Böhrnsen liefert die notwendige Gegenfigur, die zwischen Vertrautheit und Fremdheit ausbalanciert, während Markus Hering und Klaas Heufer-Umlauf als prägnante Nebenfiguren komödiantische Impulse setzen und dem Stoff eine zeitgenössische Note verleihen.

Jacob Matschenz und Kostja Ullmann, Vertreter einer jüngeren deutschen Filmszene, bringen eine kontemporäre, leicht rebellische Energie ins Spiel und verknüpfen persönliche Lebensentwürfe mit generationalen Spannungen. Tobias Moretti steht als erfahrener Schauspieler für eine solide, oft wortgewichtige Präsenz und fungiert als Gegengewicht zu den jüngeren Kräften. Niels-Bruno Schmidt ergänzt das Ensemble mit einer theatergeprägten Präzision, die der Spielfläche Tiefenschärfe verleiht.

Handlung (spoilerfrei!)

Grossstadtklein erzählt von der Begegnung zweier Lebenswelten: derjenigen der Großstadt mit ihren Versprechungen von Freiheit und Selbstverwirklichung und derjenigen der Provinz mit ihren Bindungen, Erwartungen und stillen Regeln. Im Zentrum steht eine Figur, deren Lebensentwurf aus der Großstadt heraus gerät, und die sich in einer Situation wiederfindet, die persönliche Entscheidungen und soziale Rollen infrage stellt. Der Film konstruiert daraus eine Reihe von Begegnungen und Missverständnissen, die den zentralen Konflikt ausspielen: Individuelle Autonomie versus kommunale Normen.

Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus äußerem Thrill als aus innerer Reibung. Die Figuren navigieren unterschiedliche Loyalitäten, Generationenkonflikte und die Balance zwischen dem Wunsch nach Abgrenzung und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Tonalität und Atmosphäre halten stets das Gleichgewicht zwischen Komödie und Momenten stiller Reflexion; die Leichtigkeit ist nie gänzlich ohne Schatten, die Komik entsteht oft aus der Zuspitzung von Alltagssituationen.

Zentrale Themen und Motive

Grossstadtklein verhandelt die Frage, was Heimat heute bedeutet - nicht als nostalgische Rückkehr, sondern als Aushandlungsprozess. Der Film fragt danach, ob Identität ein feststehendes Aggregat ist oder ein fluides Konstrukt, das sich in Interaktion mit sozialen Erwartungen formt. Dabei rückt auch die performative Seite moderner Selbstinszenierung in den Fokus: Wie inszenieren sich Menschen in der Stadt, und wie wirkt diese Inszenierung im ländlichen Raum?

Weitere thematische Schichten betreffen Generationenkonflikte und die Rolle familiärer Bindungen. Der Film beobachtet, wie unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinanderprallen und wie das Bedürfnis nach Autonomie mit der Sehnsucht nach Zugehörigkeit konfligiert. Formale Motive - etwa wiederkehrende Räume, Reisebewegungen und kommunikative Missverständnisse - verstärken die inhaltliche Lesart: Identity is negotiated in movement, in der Rückkehr wie in der Abreise. Insgesamt bietet Grossstadtklein ein nüchternes, dabei warmherziges Panorama zeitgenössischer deutscher Lebensentwürfe, das mehr Fragen stellt als feste Antworten liefert.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

In Mecklemburg-Vorpommern gibt es die Ostsee. Abgesehen davon ist in diesem deutschen Landstrich nicht sonderlich viel los. Deshalb zieht es insbesondere junge Menschen aus diesem „neuen“ Bundesland in die große Stadt. Auf Ole (Jacob Matschenz), trifft das eigentlich nicht zu. Der würde liebend gerne für immer mit seinen Kumpels Ronny (Kostja Ullmann) und Marcel (Pit Bukowski) auf der Schwalbe durch den Wald brausen. Doch seine Eltern sind da anderer Meinung und vermitteln ihm heimlich ein Praktikum in Berlin. Schweren Herzens verabschiedet sich Ole von der dörflichen Heimat und bricht in die große Stadt auf, wo nicht nur ein ihm unbekannter und vor allem schlecht gelaunter Cousin (Klaas Heufer-Umlauf als Rokko), sondern auch eine neue Liebe auf ihn wartet.

Dass Nachwuchsregisseur Tobias Wiemann bei Til Schweiger in die Lehre gegangen ist, merkt man seinem Debütfilm manchmal stark, an anderer Stelle wieder überhaupt nicht an. So gehört der Einsatz von Musik eindeutig zu den Elementen, die den Zuschauer umgehend an deutsche Komödien wie „Keinohrhasen“ oder auch die Filme eines anderen Schweiger-Zöglings, Matthias Schweighöfer, denken lassen. Die ausgewählten Lieder sind zugleich dynamisch wie auch unaufdringlich und vermitteln gute Laune und Lebensfreude. In tragischen Momenten drückt die musikalische Untermalung der Szenerie bedauerlicher Weise etwas zu sehr auf die Tränendrüse. Statt dem Zuschauer durch Story, Charaktere oder Schauspielkunst Emotionen zu vermitteln, wird hier meist alleinig auf die Kraft der Musik gebaut, was dem Film in den entsprechenden Passagen eine gehörige Portion Kitsch verleiht.

An anderer Stelle vermag sich Wiemann jedoch vom Schweiger’schen Komödienstil abzugrenzen und eine eigene Handschrift zu entwickeln. Kameraführung und Inszenierung wirken zuweilen sehr originell. So arbeitet der Regisseur auffällig oft mit Close-Ups, nicht nur, aber auch von den Gesichtern seiner Figuren. Auch der starke Farbkontrast seiner Bilder fällt ins Auge, zuweilen jedoch auch negativ, wenn einzelne Szenen eher an ein Gemälde als an einen Film erinnern. Auch hier steigt der Kitschfaktor. Insgesamt fällt es schwer, diese stilistischen Eigenarten mit dem Inhalt des Films zu verknüpfen. So lobenswert eine individuelle filmische Handschrift auch sein mag, so bedauerlich ist es, wenn sie vornehmlich als Selbstzweck erscheint.

Inhaltlich nämlich ist „Großstadtklein“ alles andere als originell. Wieder einmal bildet Berlin die Kulisse für eine Coming of Age Geschichte, ohne dass Tobias Wiemann jedoch diese Stadt besonders charmant in Szene zu setzen wüsste. Hauptfigur Ole zeigt sich als eine überzeichnete Version des Landeis, das mit den Gepflogenheiten der großen Stadt kollidiert. Dabei werden die entstehenden Gags bedauerlich selten aus den Figuren und zu oft mit Hilfe ausgelutschter Stereotypen entwickelt. Ein paar pubertäre Gags, ganz vorne dabei ein Intimrasurunfall, lassen das Niveau sinken. Bis auf wenige Ausnahmen kann uns „Großstadtklein“ kaum mehr als ein Schmunzeln entlocken. Doch will Tobias Wiemann das überhaupt?

Neben dem Schauspieltalent von Klaas Heufer-Umlauf ist die Dramaturgie die größte Schwachstelle von „Großstadtklein“. Es scheint, als habe Tobias Wiemann einfach zu viel auf einmal gewollt. Eine Komödie über den Kontrast zwischen Stadt und Land, eine Liebesgeschichte um eine neurotische Berliner Göre (Jytte-Merle Böhrnsen als Fritzi) und dann noch ein Familiendrama. Dabei gelingt es Wiemann nicht, diese drei Komponenten zu einem funktionalen Gesamtkonzept zusammenzuführen. Stattdessen wechseln sich die thematischen Schwerpunkte geradezu untereinander ab, ohne dass sich ein roter Faden von Anfang bis Ende durch die Geschichte hindurchziehen würde. In der Folge fühlt sich der Zuschauer inmitten der verschiedenen Storylines ein wenig orientierungslos. Was ist die Richtung dieser Geschichte? Worum geht es wirklich? Das Erwachsenwerden, die erste große Liebe oder den Wert der Familie? Ohne einen funktionalen Spannungsbogen, einen eindeutigen Schwerpunkt, an dem sich der Rest der Geschichte ausrichtet, zieht sich „Großstadtklein“ merklich in die Länge.

Auch der Cast kann nicht durchgehend überzeugen. Gleich drei Schauspieler - Jytte-Merle Böhrnsen, Kostja Ullmann und Hauptdarsteller Jacob Matschenz – haben ihren Weg zu „Großstadtklein“ über die frühere Zusammenarbeit mit Til Schweiger an „Schutzengel“ gefunden. Die Zurückhaltung von Jacob Matschenz in seiner Rolle als Ole passt zwar zum Naturell der Figur, verleiht ihr zuweilen jedoch auch ein wenig zu viel Demut und Naivität. Grundsätzlich aber kann die ehemalige Schutzengel-Crew überzeugen. Es ist vor allem der schon erwähnte Klaas Heufer-Umlauf, der als Schauspieler in diesem Film ein wenig deplatziert wirkt. Dies mag jedoch zum Teil daran liegen, dass ihm als Vater mit Tobias Moretti ausgerechnet der stärkste Darsteller des Casts gegenüber gestellt wird. In dieser Konstellation kann Heufer-Umlauf nur im Schatten des professionellen Kollegen verschwinden.

Alles in allem wirkt „Großstadtklein“ zu gewollt. Die Figuren sind überzeichnet, die Geschichte konstruiert. Es fehlt an Charme und authentischen Charakteren. Hätte Tobias Wiemann sich für eine stringente Komödie entschieden, würde der Mangel an Tiefgang nicht weiter ins Gewicht fallen. Doch der Nachwuchsregisseur verliert sich so in der Mischung aus Comedy, Drama und Lovestory, dass sein Film letztlich keinem der drei Genres so richtig gerecht werden kann. So bleibt „Großstadtklein“ bedauerlicher Weise in erster Linie eine mittelmäßige und vor allem austauschbare deutsche Komödie, die leider nicht einmal besonders komisch ist.

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