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Suburbicon

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kritiken.de Redaktion 09.11.2017
Suburbicon© Bildrechte beim jeweiligen Verleiher / Promotional Material (siehe Impressum)
A ca. 1350 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Suburbicon - Die feine Fassade der Vorstadt und ihre eruptive moralische Verwesung der Fünfzigerjahre

Einleitung

Suburbicon tritt an als eine spiegelnde, bisweilen irritierend scharfe Studie einer amerikanischen Kleinstadtidylle, die sich als Deckmantel für Gewalt, Habgier und moralische Verrohung entpuppt. Der Film nutzt die vertraute Ikonographie der Nachkriegs-Vorstadt - akkurat gepflegte Gärten, pastellfarbene Fassaden, das Versprechen von Sicherheit und Normalität - um die Risse aufzudecken, die unter dieser Oberfläche klaffen. Insofern ist Suburbicon weniger ein nostalgischer Rückblick als eine bewusste Konfrontation mit dem Mythos der amerikanischen Mitte.

Seine Relevanz speist sich aus dem doppelten Anspruch, auf der einen Ebene ein Genregebilde - Kriminalstück, schwarzhumorige Satire, Familienpsychogramm - zu handhaben, und auf der anderen Ebene die strukturellen Widersprüche der Nachkriegsgesellschaft zu thematisieren. In einer Zeit, in der Debatten über Rassismus, soziale Ausgrenzung und die Konstruktion öffentlicher Ordnung erneut virulent sind, fungiert Suburbicon als filmisches Feld, in dem diese Themen unter dem Mikroskop ästhetischer Konstruktion betrachtet werden.

Der Film lässt sich nur verstanden werden, wenn man ihn in die Arbeit seines Regisseurs stellt. Er ist kein leichter Beitrag zum Regiekorpus seines Schöpfers, sondern ein bewusst komplexes, wohltemperiertes Experiment mit Tonlagen und historischen Bildern. Suburbicon fordert vom Zuschauer, die Diskrepanz zwischen Oberfläche und Substanz zu lesen und die filmischen Mittel - Mise-en-Scène, Ton, Montage - als Teil dieser Lesart zu begreifen.

Kurzüberblick zur Produktion

Suburbicon wurde unter der Regie von George Clooney realisiert, einem Filmemacher, der seit seinen frühen Regiearbeiten immer wieder politische und historische Bezüge in Formate goss, die zwischen Biopic, politischem Drama und genremischender Unterhaltung oszillieren. Clooney versucht hier, seine Vorliebe für klares, zugleich ironisches Erzählen mit einem düsteren, satirischen Ton zu verbinden, der an die schroffe Lakonie erinnert, wie sie sonst oft mit der Handschrift bestimmter Drehbuchautoren assoziiert wird.

Die Produktion zeichnet sich durch eine bewusste Retrospektive aus: Kostüme, Ausstattung und Farbgebung verweisen ausdrücklich auf die Ästhetik der Fünfzigerjahre, ohne nostalgisch zu verharren. Hinter dem packenden Szenenbild steht die Idee, die visuelle Perfektion der Vorstadt als Kontrapunkt zur moralischen Auflösung zu nutzen. Die Entstehungsgeschichte des Drehbuchs und die Beteiligung verschiedener kreativer Stimmen haben dem Projekt eine hybride Qualität verliehen - ein Stoff, der sich zwischen Familiendrama und politischer Allegorie bewegt und dessen Produktionsbedingungen dieses Spannungsverhältnis spiegeln.

Innerhalb des Gesamtwerks des Regisseurs markiert Suburbicon einen Versuch, Genreelemente schärfer zu akzentuieren und zugleich eine explizit gesellschaftskritische Lesart in eine formal wohlgesetzte, bisweilen kühl beobachtende Bildsprache zu kleiden. Es ist kein programmatischer Bruch, eher eine Verdichtung bereits vorhandener Interessen - die Auseinandersetzung mit Machtstrukturen, medialer Darstellung und moralischer Verantwortung.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Matt Damon ist in Suburbicon als zentraler Protagonist gesetzt, der die Rolle des auf den ersten Blick versierten Familienvaters übernimmt - eine Figur, deren Fassade von Ruhe und bürgerlicher Kompetenz schnell Risse bekommt. Damons Karriere, geprägt von Rollen in Good Will Hunting, der Bourne-Reihe und The Martian, hat ihn oft in die Position gebracht, komplexe, ambivalente Charaktere zu tragen; hier dient seine kontrollierte Präsenz dazu, die Spannung zwischen Anpassung und Abgründigkeit zu markieren.

Julianne Moore, eine Darstellerin, deren Filmographie von Boogie Nights bis Still Alice reicht und die für ihre nuancierte Innenansicht bekannter Figuren geschätzt wird, spielt die Ehefrau, deren Verhalten und Motivlage den häuslichen Mikrokosmos destabilisieren. Ihre Darstellung setzt auf feine Gesten und eine innere Zerrissenheit, die das Zerbrechliche des suburbanen Lebens sichtbar macht.

Oscar Isaac bringt in einer weiteren zentralen Rolle eine Mischung aus Charisma und latenter Gefährdung ein. Bekannt aus Filmen wie Ex Machina und Inside Llewyn Davis, fungiert er hier als Gegenfigur zur vorstädtischen Gemeinschaft - jemand, dessen Existenz die latent rassistischen und aggressiven Mechanismen der Umgebung freilegt. Noah Jupe, als Kind der Familie besetzt, liefert die Perspektive der Verwundbarkeit; in seinen schauspielerischen Registerkarten zeigt sich oft die emotionale Resonanz dessen, was Erwachsene verschweigen oder inszenieren.

Handlung (spoilerfrei!)

Suburbicon erzählt verdichtet zwei nebeneinander liegende Erzählstränge, die sich thematisch spiegeln: Auf der einen Seite steht das Innenleben einer vermeintlich mustergültigen Familie, deren Alltag durch ein krisenhaftes Ereignis aus der Bahn gerät und eine Kette moralischer Entscheidungen in Gang setzt. Auf der anderen Seite steht die Ankunft einer schwarzen Familie in derselben Nachbarschaft, deren Präsenz die latenten Vorurteile und die Bereitschaft zu Gewalt innerhalb der Gemeinde offenzulegen droht.

Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammenprall von persönlicher Habgier, Angst und sozialer Konvention. In formaler Hinsicht arbeitet der Film mit einer Verschiebung von Tonlagen: Szenen alltäglicher Idylle werden von Momenten abrupten Unheils durchbrochen, so dass die Atmosphäre permanent zwischen kosmetischer Ruhe und unterschwelligem Bedrohungspotenzial oszilliert. Die zentralen Figuren agieren dabei nicht nur als Individuen, sondern als Träger gesellschaftlicher Haltungen, deren Handlungen über das Lokale hinausweisen.

Zentrale Themen und Motive

Suburbicon stellt Fragen nach der Integrität des amerikanischen Traums und der Art und Weise, wie Gemeinschaften Normalität herstellen und zugleich Ausschlussmechanismen betreiben. Der Film verhandelt die Kollision von Privatem und Politischem: Wie sehr prägen Angst und Selbstschutz das moralische Handeln von Menschen? In welchen Formen manifestiert sich Rassismus in banalen, zivilisierten Kontexten? Und wie wird Gewalt institutionalisiert oder verborgen, wenn sie nicht offen benannt wird?

Auf philosophischer Ebene geht es um das Verhältnis von Schein und Sein, um die Illusion von Ordnung und die Unordnung, die diese Illusion erst ermöglicht. Psychologisch betrachtet thematisiert der Film Schuld, Verdrängung und die Art, wie Familienangehörige Komplizenschaft ausbilden. Stilistisch nutzt Suburbicon Motive wie die penible Ordnung der Wohnumgebung, die wiederkehrende Bildsprache der Repräsentation und eine oft ironische Distanz, um die Kluft zwischen Oberfläche und Abgrund zu akzentuieren.

In seiner Gesamtkonzeption bleibt Suburbicon ein filmisches Porträt einer Gesellschaft im Kleinen, das größere historische und gegenwärtige Fragen nach Ausschluss, Verantwortung und der demokratischen Kultur aufwirft. Der Film fordert nicht nur inhaltliche, sondern auch formale Aufmerksamkeit - er will gelesen werden als Konstruktion, die genau durch ihre filmischen Mittel das Offensichtliche in Zweifel zieht.

Filmkritik von Peter Osteried

„Suburbicon“: George Clooney kopiert die Coens

Für sein neuestes Projekt hat sich George Clooney ein Drehbuch der Coen-Brüder geschnappt, es mit seinem Kumpel Grant Heslov aber noch nach eigenem Gutdünken umgeschrieben. Das war vielleicht ein Fehler, da man nun mit Suburbicon einen Film hat, der zwar typisches Coen-Terrain betritt, aber irgendwie unentschlossen wirkt.

Suburbicon ist ein schönes, verschlafenes Nest im USA der 1950er Jahre. Hier lebt man friedlich und zufrieden, bis eine schwarze Familie in die weiße Nachbarschaft zieht. Schon mobilisiert sich der Mob und achtet gar nicht darauf, dass das eigentlich Böse in ihren Reihen haust. Denn der unschuldig anmutende Lodge (Matt Damon) plant, seine Frau aus dem Weg zu räumen, um dann mit ihrer Zwillingsschwester ein schönes Leben zu führen. Aber sein Sohn ahnt etwas – und ein Ermittler der Lebensversicherung auch!

Es ist so, als hätte Clooney versucht, den erzählerischen Stil der Brüder zu kopieren. Man hat das Gefühl, dass Clooney deren Filme sehr genau studiert hat. Aber was herausgekommen ist, ist eine Art Light-Version davon. Ein Coen-Film, der dem ähnlich genug, aber dann auch wieder so weit entfernt ist, dass er unaufrichtig wirkt, auch wenn das Ganze durchaus Unterhaltungswert besitzt.

Der Film ist in sich auch etwas uneins. Die tonale Ausrichtung ändert sich immer wieder. So hat man den Nebenplot um die weiße Bigotterie, der sehr ernsthaft daherkommt, während die Geschichte um den Versicherungsbetrüger, der seine Frau loswerden will, eher auf der skurrilen Seite angesiedelt ist. Der Humor ist hier schräg, was besonders bei den zwei Szenen mit Oscar Isaac als Versicherungsermittler auf die Spitze getrieben wird. Was hier dann passiert, ist zwar in keiner Weise überraschend, bietet aber zumindest höchstes Amüsement.

Der vielleicht interessanteste Aspekt des Films ist aber wohl, dass er sich einer Schwarzweißzeichnung entzieht. So kommt es vor, dass moralisch verabscheuungswürdige Figuren hier etwas tun oder äußern, dass gut und gerecht ist. Das macht es nicht besser, wer oder was sie sind, aber es hilft ungemein, die Protagonisten zu vermenschlichen.

Wunderbar ist die musikalische Untermalung von Alexandre Desplat, die erfreulich beschwingt das Abstruse dieser Geschichte unterstreicht. Man kann sich nach Sichtung des Films aber nicht des Eindrucks erwehren, dass hier sehr viel mehr drin gewesen wäre. Denn so clever, wie sich Suburbicon selbst wähnt, ist der Streifen nun wirklich nicht, allerdings hätte er das Potenzial gehabt, das zu sein. Aber dafür hätten dann wohl doch die Coens selbst sich dieses Films annehmen müssen.

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