Mord im Orient-Express: Elegische Rätselinszenierung zwischen klassischer Detektivkunst und visueller Opulenz und moralischer Ambivalenz
Einleitung
Mit Mord im Orient-Express tritt Kenneth Branagh an ein literarisches Denkmal, das seit Jahrzehnten als Prüfstein für das konventionelle Krimengenre gilt. Die Neuverfilmung 2017 erneuert nicht die Grundstruktur der klassischen Whodunit-Formel, sondern verhandelt deren kulturelle Resonanzen im gegenwärtigen Kino - ein Unterfangen, das den Film über die reine Fallrekonstruktion hinaus relevant macht. In einer Zeit, in der Fragen nach Verantwortung, Vergangenheitsbewältigung und kollektiver Schuld medial virulent sind, gewinnt die Geschichte einer eingeschlossenen Gemeinschaft, die mit einem Verbrechen konfrontiert ist, eine eigentümliche Brisanz.
Branaghs Version tritt in einen Dialog mit dem Stamm an filmischen Adaptionen des Romans, ohne sich ausschließlich auf nostalgische Wiederholung zu verlassen. Die filmische Umsetzung hinterfragt weniger das Rätsel selbst als die Bedingungen seiner Darstellbarkeit: Wie erzählt man eine moralisch komplexe Geschichte in einem Format, das Traditionsbewusstsein und Bildgewalt verlangt? Die Regie versteht sich dabei als Vermittlerin zwischen literarischem Erbe und zeitgenössischer Ästhetik - eine Position, die produktiv Spannungen erzeugt.
Der Film ist zugleich Teil eines größeren Trends im Hollywoodkino der 2010er Jahre - der Rückkehr zu opulenten, starbesetzten Periodendramen, die auf etablierten literarischen Vorlagen beruhen. Diese Konjunktur lässt sich als Suchbewegung nach narrativer Sicherheit lesen, aber auch als Versuch, große Themen in visuell präsenten, massenwirksamen Formen zu verhandeln. Mord im Orient-Express bietet vor diesem Hintergrund einen Schnittpunkt aus Tradition, Prominentenkino und dem Anspruch, moralische Mehrdeutigkeiten filmisch zu illustrieren.
Kurzüberblick zur Produktion
Die Inszenierung von Mord im Orient-Express vereint die Ingredienzien einer großangelegten Studioproduktion - internationales Staraufgebot, prächtige Ausstattung, aufwendiges Kostümdesign und eine Bildsprache, die Raum und Stimmung als erzählerische Ressourcen nutzt. Branagh, der zugleich Regie führt und die zentrale Rolle übernimmt, bringt seine Erfahrung mit klassischer Stoffbearbeitung in die Produktion ein. Seine Handschrift, geprägt von theatralischer Präzision und einer Vorliebe für opulente Bildkompositionen, prägt den Film in auffälliger Weise.
Die Produktionsumstände sind charakteristisch für Neuinterpretationen literarischer Klassiker im zeitgenössischen Kino: finanzielle Mittel und dramaturgische Freiheiten werden eingesetzt, um sowohl ein breites Publikum anzusprechen als auch die Erwartung einer kunstvollen Adaption zu erfüllen. Dabei erfolgt die Inszenierung nicht als bloße Rekonstruktion einer vergangenen Epoche, sondern als bewusst ausgestaltetes Szenenbild, das historische Anmutung mit moderner Kameraführung verbindet.
Im Gesamtwerk Branaghs nimmt der Film eine Position ein, die seine wiederkehrenden Themen und Arbeitsweisen bündelt: die Auseinandersetzung mit klassischem Textmaterial, die operative Doppelrolle als Darsteller und Regisseur sowie das Interesse an klar konturierten Figurenkonstellationen in geschlossenen dramaturgischen Räumen. Mord im Orient-Express steht damit in Folge seiner Shakespeare-Adaptionen und seiner weiteren Arbeiten als Ausdruck eines Regisseurs, der traditionelle Stoffe in gegenwärtiger filmischer Sprache neu formuliert.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Das Ensemble ist bewusst prominent besetzt und funktioniert als kulturelles Kapital des Films. Kenneth Branagh tritt als Hercule Poirot auf - die exzentrische, kontrollierte Figur des Detektivs wird hier zur Mitte, um die sich die Erzählung ordnet. Branaghs Poirot ist zugleich Inszenator seiner eigenen Methode; die Rolle erlaubt ihm, schauspielerische Zurückhaltung und theatralische Geste in einem Ton zu verbinden, der den filmischen Stil bestimmt.
Johnny Depp ist als rätselhafter Passagier eingesetzt und bringt die konturierte, geheimnisvolle Präsenz mit, die seine Hollywoodkarriere geprägt hat. Penélope Cruz verkörpert eine temperamentvolle Mitreisende und nutzt ihre internationale Ausstrahlung, um einer Figur emotionale Tiefe zu verleihen. Willem Dafoe und Tom Bateman sind Teil des vielstimmigen Verdächtigenensembles, das die narrative Dichte trägt; ihre jeweiligen Rollen fügen dem Ensemble unterschiedliche Tonlagen hinzu, von lakonischer Härte bis zu ambivalenter Empfindsamkeit. Die Besetzung ist so angelegt, dass Persönlichkeitstypen und filmhistorische Assoziationen sich wechselseitig aufladen und die soziale Vielfalt innerhalb des Zuges sichtbar machen.
Handlung (spoilerfrei!)
Die narrative Prämisse hält sich an das klassische Muster: Ein Mord geschieht während einer Zugfahrt durch winterliche Landschaften, und der berühmte Ermittler wird mit der Aufgabe betraut, das Verbrechen aufzuklären. Die abgeschlossene Situation des Nachtzuges liefert den dramatischen Rahmen - ein begrenzter Raum, in dem jeder Charakter zum möglichen Täter wird und die Spannung aus der Interaktion der Figuren resultiert.
Im Zentrum steht der Konflikt zwischen individueller Schuld und kollektivem Handeln. Die Untersuchung entfaltet sich als Abfolge von Befragungen, Konfrontationen und Wahrnehmungsverschiebungen, die das Geschehen immer wieder in ein neues Licht rücken. Zentrale Figuren sind der ermittelnde Intellektuelle und die heterogene Gruppe von Mitreisenden, deren persönliche Geschichten und Verbindungen allmählich sichtbar werden. Die Tonalität des Films pendelt zwischen lakonischer Detektivarbeit und atmosphärischer Dichte - das Setting, die Kälte und die Enge des Zuges schaffen eine gespannte Stimmung, die das Narrativ befeuert.
Zentrale Themen und Motive
Mord im Orient-Express stellt Fragen nach Gerechtigkeit, Verantwortung und der Gewichtung individueller Taten im Kontext kollektiver Geschichte. Der Film lässt die klassische Sehnsucht nach Wahrheit nicht unkommentiert, sondern fragt nach den Folgen einer Wahrheit, die moralisch uneindeutig ist. Bereits die Entscheidung, wie mit Schuld und Sühne umzugehen ist, wird als ethisches Problem inszeniert, das sich nicht problemlos in strafrechtliche Kategorien einordnen lässt.
Weitere Leitmotive sind Erinnerung und Identität - wie Menschen ihre Vergangenheit konstruieren und wie diese Konstruktionen in belasteten Situationen aufbrechen. Visuell arbeitet der Film mit Kontrasten von Opulenz und Kälte - das Luxusambiente des Zuges steht gegen die harsche, winterliche Außenwelt, eine Spannung, die auch symbolisch für soziale und moralische Gegensätze steht. Außerdem thematisiert die Erzählung den Blick des Ermittlers als interpretierende Instanz - die Kamera und das Erzählen ordnen Wahrnehmung, legen Fährten und offenbaren zugleich, dass jeder Blick auch eine Lesart ist.
In seiner Gesamtheit bleibt der Film eine Studie darüber, wie klassische Genres heute lesbar gemacht werden können: nicht als nostalgische Rückkehr, sondern als Bühne für aktuelle Fragestellungen, die das Publikum einladen, über Gerechtigkeit, Erinnerung und die Komplexität menschlichen Handelns nachzudenken.
Filmkritik von Peter Osteried
„Mord im Orient-Express“: Schwachbrüstige Dramaturgie, aber schön
Die Verfilmungen der Romane von Agatha Christie finden heutzutage vor allem im Fernsehen statt. Seit den seligen Zeiten von Peter Ustinov als Hercule Poirot ist der belgische Detektiv nicht mehr auf der großen Leinwand gewesen. Kenneth Branagh hat sich nun aber in Personalunion als Regisseur und Hauptdarsteller der Aufgabe gestellt, diese doch recht altmodische Geschichte ins Kino zu bringen.
Der weltberühmte Detektiv Hercule Poirot besteigt den Orient-Express und möchte sich in den kommenden Tagen eigentlich nur etwas ausruhen. Aber dann entgleist der Zug – und ein Mord geschieht. Da die Polizei nicht vor Ort kommen kann, muss nun Poirot diesen Fall übernehmen. Ohne dass er Infoquellen von außen hätte, bleibt ihm nur sein kluger Verstand und das, was ihm die Verdächtigen sagen, um eruieren zu können, wer von ihnen der Mörder ist.
Brannagh kleckert nicht, er klotzt. Angesichts der Vielzahl von Verdächtigen greift er auf ein namhaftes Ensemble zurück, auch wenn in Sache Starruhm die versammelte Belegschaft sicherlich nicht an Johnny Depp heranreicht. Der hat wiederum eine eher kleine Rolle, ist er doch das nicht wirklich sympathische Mordopfer.
Mord im Orient-Express ist ein Fest für die Augen. Die Ausstattung ist edel, die Umsetzung auch, zumal Branagh als Regisseur immer wieder kreative Wege findet, um Sehgewohnheiten zuwiderzuhandeln. Eine sehr schöne Sequenz ist die, als die Kamera von oben auf das Abteil herabblickt, in der die Leiche liegt. Man sieht Poirot, aber auch andere Figuren, die sich unterhalten, ihre Gesichter bleiben hier aber stets im Verborgenen. Das ist zudem eine erstaunlich lange Sequenz, die zeigt, wie verspielt dieser Film eigentlich ist. Das ist die Oberfläche, was die Substanz betrifft, gibt es jedoch deutlich weniger zu jubilieren.
Der Film hält sich sehr nahe an Agatha Christies Vorlage. Allerdings ist das hier nicht unbedingt ein Pluspunkt, denn die Geschichte ist ausgesprochen überkonstruiert. Für den Fall, dass jemand die Auflösung nicht kennt, sei sie hier auch nicht verraten. Nur so viel: Anhand der Tatsache, dass praktisch jeder das Opfer kannte, kann man schon ablesen, wie wenig hier organisch passiert. Es ist im Grunde ein abgekartetes Spiel, aber eines, das Poirot durchgemischt hat, da seine Anwesenheit purer Zufall ist. So vergnüglich es dabei ist, Branagh dabei zuzusehen, wie er mit feinem Akzent und ebensolch feinem Gespür für leichte Komik den Fall zu lösen versucht, täuscht doch nichts darüber hinweg, dass die altmodische Geschichte nicht gerade packend ist. Sie ist, wenn man das so nennen will, ausreichend, aber eigentlich hätte man sich mehr gewünscht.
Denn abseits der Geschichte ist bei Mord im Orient-Express eigentlich alles Gold. Vor allem aber ist es einfach köstlich und vergnüglich, Branagh bei seinem Spiel zuzusehen, da er es auch schafft, ganz neue Seiten der Figur herauszuarbeiten. So ist Poirot ein Mann, der von OCD geplagt ist, was es ihm aber auch erlaubt, die Welt so zu sehen, wie sie sein sollte. Ihm fallen die Diskrepanzen und Fehler auf, die es ihm erleichtern, logische Schlussfolgerungen bei seinen Fällen zu finden.
Am Ende bleibt schön anzusehendes, altmodisches Kino, das inhaltlich ruhig ausgetretene Pfade hätte verlassen können. Zum Schluss wird der nächste Fall des Detektivs angedeutet. Vielleicht bietet der ja dann die Möglichkeit, etwas mehr Originalität einzubringen. Denn Brannaghs Poirot möchte man schon gerne nochmal sehen.

