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Simpel

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kritiken.de Redaktion 09.11.2017
Simpel© Bildrechte beim jeweiligen Verleiher / Promotional Material (siehe Impressum)
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Simpel: Zwischen Brüderlichkeit und Groteske - eine lakonische Studie über Unbeirrbarkeit und Verletzlichkeit

Einleitung

Der Film Simpel, der am 9. November 2017 in Deutschland erschien, tritt in eine Tradition, die Tragik und Komik nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Modi menschlicher Existenz versteht. Auf den ersten Blick erzählt das Werk von einer Beziehung zwischen zwei Brüdern, bei der ein offensichtlicher Kontrast zu einer tief verwurzelten Solidarität führt. Doch die Relevanz des Films reicht darüber hinaus: Er setzt sich mit der Frage auseinander, wie Gesellschaft Differenz wahrnimmt und wie Filmästhetik Empathie herstellt, ohne in bloße Rührseligkeit zu verfallen.

In einer Zeit, in der Diskussionen über Inklusion, Pflege und die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung zunehmend in den öffentlichen Diskurs vordringen, fungiert Simpel als ein kulturelles Dokument jener Debatten. Der Film verlangt nicht nach einfachen Antworten; er provoziert die Wahrnehmung, indem er komische Momente neben irritierende Situationen stellt und so das Publikum zu einer Bewusstwerdung über eigene Zuschreibungen zwingt.

Ton und Stil des Films sind feuilletonistisch anspruchsvoll gehalten, ohne sich in intellektueller Distanz zu verlieren. Die Tragikomödie nähert sich ihren Figuren mit einer doppelten Geste: einerseits mit lakonischer Beobachtung, andererseits mit einer cinematischen Intimität, die Nähe erzeugt. Damit positioniert sich Simpel als ein Beitrag zur gegenwärtigen deutschen Kinoästhetik, die gesellschaftliches Engagement mit populären Erzählformen verbindet.

Kurzüberblick zur Produktion

Simpel basiert auf dem gleichnamigen Stoff und wurde von Markus Goller inszeniert, dessen Handschrift sich in der Mischung aus Roadmovie-Momenten und emotionaler Direktheit wiedererkennt. Goller, der in seinem bisherigen Werk immer wieder das Genre des komischen Dramas mit menschlicher Wärme verknüpft hat, bringt diese Neigung auch hier ein: Er orchestriert Situationen, in denen Humor und Tragik nahe beieinanderliegen, und setzt auf die Darstellung von Alltagskadenz statt auf theatralische Zuspitzung.

Die Produktionsumstände entsprechen dem mittleren Segment des deutschen Kinos: eine solide, auf Schauspielerstärke und Erzähldichte konzentrierte Finanzierung, die größere Effekte zugunsten von Nähe und Charakterarbeit vermeidet. Als Adaption eines literarischen Ausgangspunkts übernimmt der Film die narrative Tiefe des Romans, transformiert sie jedoch in eine visuelle Logik, die knapp und präzise bleibt. Innerhalb von Gollers Schaffen markiert Simpel keine radikale Abkehr, sondern vielmehr eine Verdichtung seiner wiederkehrenden Themen - Freundschaft, Loyalität und die Suche nach Orientierung.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung vereint bekannte Gesichter des zeitgenössischen deutschen Films, die jeweils spezifische Schattierungen in die Figuren tragen. Axel Stein, bislang vielfach in komödiantischen Rollen gesehen, weist in dieser Arbeit eine nuanciertere Seite auf und fungiert als emotionale Achse. Seine Erfahrung mit Timing und körperlicher Komik erlaubt es ihm, eine Figur zu zeichnen, die zugleich verletzlich und widerständig ist.

Emilia Schüle bringt ihre Fähigkeit zur lakonischen Intensität ein, wie sie bereits in vorherigen Arbeiten bewiesen hat; sie übernimmt eine Rolle, die das soziale Umfeld der Protagonisten spiegelt und zugleich gesellschaftliche Erwartungen artikuliert. Devid Striesow, dessen Filmografie von subtilen, oft ambivalenten Charakterzeichnungen geprägt ist, übernimmt hier eine Funktion, die zwischen Autorität und Anteilnahme oszilliert. Frederick Lau und David Kross, beide aus dem deutschen Kino nicht wegzudenkend, liefern Ergänzungen, die das Feld der Beziehungen erweitern: Lau mit einer erdigen Präsenz, Kross mit einer introvertierten Dichte, die schemenhafte Details andeutet, ohne sie zu erklären.

Handlung (spoilerfrei!)

Ohne ins Detail zu gehen, lässt sich sagen: Simpel ist auf die Relation zweier zentraler Figuren konzentriert. Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus äußeren Katastrophen als aus der Kollision zweier Lebensentwürfe und der Art und Weise, wie eine Gesellschaft auf Andersheit reagiert. Die Erzählung folgt den Brüdern durch eine Abfolge von Begegnungen und Prüfungen, in denen die Frage nach Fürsorge, Freiheit und Verantwortung in verschiedenen Nuancen auftaucht.

Die zentrale Spannung liegt in der Balance zwischen Autonomieanspruch und Schutzbedürftigkeit. Während die Handlung episodisch voranschreitet, bleibt stets die Frage präsent, wie individuelle Würde gewahrt werden kann, ohne die sozialen Grenzen und Institutionen aus dem Blick zu verlieren. Tonal bewegt sich der Film zwischen lakonischem Humor und ernsthafter, manchmal schmerzlicher Intimität; die Atmosphäre ist geprägt von einer ruhigen Beobachtungslust, die Pathos vermeidet, ohne kaltherzig zu werden.

Zentrale Themen und Motive

Simpel stellt grundlegende Fragen nach Zugehörigkeit und Identität: Wer definiert Normalität, und wie reagiert eine Gemeinschaft, wenn diese Kategorien irritiert werden? Der Film lotet die ethischen Spannungsfelder von Fürsorge aus - nicht nur als private, sondern als politische Frage. Indem die Figuren immer wieder an institutionelle Grenzen stoßen, wird deutlich, dass persönliche Bindungen und gesellschaftliche Strukturen untrennbar miteinander verknüpft sind.

Auf einer philosophischen Ebene geht es um Autonomie und Abhängigkeit als zwei Seiten derselben Medaille. Psychologisch fokussiert der Film auf die Mechanismen der Empathie: Wie entsteht Mitgefühl, und wie wird es performativ oder authentisch? Filmisch arbeitet Simpel mit Motiven der Nähe. Durch Näheaufnahmen und ruhiges Erzählen fordert er das Publikum auf, Präsenz zu zeigen, anstatt Mitleid zu konsumieren. Wiederkehrende Bilder von Bewegungen, Übergängen und kleinen Verrichtungen fungieren als Metaphern für den Alltag der Betroffenen und unterstreichen die Idee, dass das Offensichtliche oft nur die Oberfläche einer komplexeren Innerlichkeit ist.

Insgesamt bietet Simpel einen dichten Möglichkeitsraum: Er zeigt, wie Tragikomik als Form dazu dienen kann, schwierige Themen zugänglich zu machen, ohne sie zu trivialisieren. Der Film lädt dazu ein, sowohl die filmische Form als auch die gesellschaftlichen Implikationen seiner Figuren ernst zu nehmen und so neu über die Bedingungen von Nähe, Verantwortung und Anerkennung nachzudenken.

Filmkritik von Peter Osteried

„Simpel“: Eine durchwachsene Geschichte

Filme über behinderte Menschen sind immer ein zweischneidiges Schwert. Ihnen haftet der Makel an, dass Schauspieler in ihnen vor allem die Chance sehen, derartige Leistungen abzuliefern, dass es im Nachhinein Preise zu gewinnen gibt. Entsprechend gut schlägt sich auch David Kross. Er ist in seiner Rolle des geistig behinderten Barnabas wirklich überzeugend. Allein, er befindet sich in einem Film, der vor allem aufs Klischee setzt.

Schon sein ganzes Leben lang kümmert sich Ben (Frederick Lau) um seinen geistig behinderten Bruder Barnabas (David Kross), den alle nur Simpel nennen. Nach dem Tod ihrer Mutter soll Simpel in ein Heim kommen, doch Ben will das nicht zulassen. Er flieht mit seinem Bruder und macht sich auf in Richtung Hamburg, wo ihr Vater lebt, der das Sorgerecht an Ben übertragen könnte. Dann könnten die Brüder zusammenbleiben. Aber ist das für beide wirklich das Beste?

Die eigentliche Hauptfigur des Films ist Ben. Er ist es, an dem alles hängt. Und er ist der tragische Held, da er sein ganzes Leben seinem Bruder gewidmet hat und dabei selbst vor die Hunde geht, ohne dass er es eigentlich bemerkt. Entsprechend ist die Entscheidung seines Vaters, den Sohn ins Heim zu verfrachten, auch die richtige, aber eine, die Ben nicht verstehen kann. Weil es ihm nicht in den Sinn kommt, dass es auch Simpel dort bessergehen könnte. Daraus ergibt sich die Tragik dieser Geschichte. Dies ist auch der emotionale Kern, das Herz, aber das Drumherum mag nicht so recht passen.

Einerseits, weil es irgendwie fragwürdig ist, dass Ben und die anderen Barnabas nur Simpel nennen, andererseits aber vor allem, weil die Geschichte Stückwerk ist. Es ist eine sehr episodische Struktur, die noch dadurch verstärkt wird, dass man bei den kleinen Ereignissen auch Stars wie Anette Frier hat, was den Eindruck der Nummernrevue erhöht. Generell ist das Problem hier jedoch, dass Ben und Simpel ein ums andere Mal auf Leute treffen, die besonders gut mit Behinderten können, was irgendwie an der Glaubwürdigkeit kratzt.

Eher schwach ist auch die Besetzung des Vaters mit Devid Striesow, der zu jung wirkt, um der Vater der Brüder zu sein. Das fällt besonders bei den Szenen auf, in denen Lau und Striesow miteinander agieren. Hier hat man fast eher das Gefühl, Brüder zu sehen.

Der in Hamburg gedrehte Film ist ein sehr unebenes Werk. So sehr man das Schauspiel schätzt, so wenig zieht die Geschichte wirklich in den Bann. Was fehlt, ist ein Gefühl von Authentizität, das auch dadurch konterkariert wird, dass die Details nicht stimmen mögen. Sei es die teure Beerdigung der Mutter, die von den Söhnen kaum bestritten werden könnte, oder die ausladend große Wohnung der von Emilia Schüle gespielten Medizinstudentin – realistisch mutet das alles nicht an.

Was bleibt, ist gutes Schauspielkino, das aber mehr als das hätte sein können, wenn man mehr Mühe auf die Dramaturgie verlegt hätte.

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