kritiken.de› Filme›
Filme

Mother's Day - Liebe ist kein Kinderspiel

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 25.08.2016
Mother's Day - Liebe ist kein Kinderspiel© NFP
A ca. 1311 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Mother's Day - Liebe ist kein Kinderspiel: Garry Marshalls späte Reflexion über Mutterschaft und Gemeinschaft

Einleitung

Mother's Day - Liebe ist kein Kinderspiel tritt an als ein filmisches Tribut an die komplexe Emotionalität, die Feiertage in den kulturellen Kalender einschreiben. In einem Kinojahr, das von hybriden Genres und politisierten Beziehungsbildern geprägt ist, positioniert sich dieser Ensemblefilm in der Kontinuität klassischer Hollywood-Romantik - nicht als avantgardistisches Experiment, sondern als Versuch, populäre Melodramatik mit der sozialen Realität moderner Familien zu verbinden.

Die Relevanz des Films liegt weniger in narrativer Neuheit als in der programmatischen Inszenierung familiärer Bindungen in einer Ära, in der öffentliche und private Erwartungen an Elternschaft zunehmend kollidieren. Mother's Day behauptet für sich, die vielen Facetten des Mutterseins zu zeigen - von Komödie über Ärger bis zu verletzlicher Versöhnung - und spiegelt damit eine kulturelle Nachfrage nach Geschichten, die Zugehörigkeit und Fürsorge untersuchen.

Als Schlussstein in der filmischen Karriere des Regisseurs steht der Film in doppelter Spannung: Zum einen als Fortsetzung eines bewährten Genreentwurfs, zum anderen als Dokument einer Ästhetik, die klassische Hollywood-Gesten mit zeitgenössischem Casting kombiniert. Gerade weil die Regiearbeit bewusst auf starbesetzte Episoden setzt, lohnt eine Einordnung in das Gesamtwerk des Regisseurs - als Ausdruck eines wiederkehrenden Interesses an kollektiven Festen, an verbindenden Momenten und an der ökonomischen Serienstabilität solcher Stoffe.

Kurzüberblick zur Produktion

Mother's Day wurde inszeniert von Garry Marshall, dessen Filmographie seit den 1990er Jahren eine Neigung zu episodisch angelegten Ensemblefilmen und zu Feiertagsmotiven zeigt. Marshall hat sich mit Produktionen wie Valentine's Day und New Year's Eve ein Markenzeichen geschaffen - luxuriös besetzte, leicht zugängliche Erzählbündel, die mehrere Lebensentwürfe simultan befragen. Dieser Film folgt diesem Muster und erweitert es um eine stärkere Fokussierung auf familiäre Bande und elterliche Verantwortung.

Die Produktion ist typisch für zeitgenössische Studiokomödien: ein kommerzielles Konzept, das auf Starpower setzt, mit einem Produktionsapparat, der auf effiziente Dreharbeiten und breite Vermarktbarkeit ausgerichtet ist. Gedreht und vertrieben in Kooperation mit größeren amerikanischen Studios, zielt der Film auf ein Massenpublikum, das emotionale Leichtigkeit und bekannte Gesichter sucht. Innerhalb des Regisseurs Gesamtwerkes nimmt Mother's Day eine Stellung als späte, versöhnliche Arbeit ein - weniger radikal in Form oder Inhalt, dafür deutlich als Konzentrat seiner wiederkehrenden Themen erkennbar.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Jennifer Aniston fungiert in vielen Szenen als emotionaler Anker - ihre Präsenz trägt erwartbare, aber gezielt eingesetzte Nuancen von Witz und Verletzbarkeit. Aniston ist seit ihren Sitcom-Jahren eine Garantin für eine zugängliche, ironisch gebrochene Form der Frauenfigur, und auch hier bedient sie dieses Repertoire, ohne die Figur zu caricaturen.

Julia Roberts bringt ihre charakteristische Mischung aus Charisma und empathischer Direktheit ein; sie agiert im Film als einer der zentralen emotionalen Zentren. Kate Hudson, bekannt für spritzige, kokette Rollen, verkörpert hier eine temperamentvolle Variante der modernen Frau, die zwischen Selbstverwirklichung und Fürsorge pendelt. Timothy Olyphant ergänzt das Ensemble mit zurückgenommener, oft trockener Ironie und steht für die maskuline Gegenseite in mehreren Beziehungssträngen.

Das Ensemble wird ergänzt durch eine Reihe erfahrener Charakterdarstellerinnen und -darsteller - darunter Margo Martindale und Hector Elizondo - die dem Stoff Tiefe verleihen, indem sie etablierte Familienrollen mit kleinen, präzisen Gesten ausfüllen. Die Besetzung folgt einem bewährten Typenkonzept: bekannte, populäre Gesichter in archetypischen Konstellationen, die dem Zuschauer sofortige Identifikationsmöglichkeiten bieten.

Handlung (spoilerfrei!)

Ohne ins Detail zu gehen, entfaltet der Film mehrere parallel geführte Handlungsbögen, die sich thematisch um das Wochenende des Muttertags gruppieren. Jede Episode setzt ein anderes Beziehungspaar oder eine andere Familienkonstellation in Szene und untersucht in komödiantischen wie rührenden Momenten, wie Liebe, Verantwortung und Erwartungshaltungen kollidieren.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich weniger aus einem einzigen Ereignis als aus der Konvergenz persönlicher Dilemmata: unverarbeitete Eltern-Kind-Beziehungen, neue Partnerschaften, Wiedereingliederung nach Lebensumbrüchen und die alltägliche Balance zwischen Selbstfürsorge und Fürsorge für andere. Zentrale Figuren sind Mütter und jene, die mit ihnen in Beziehung stehen - Töchter, Söhne, Partner und Partnerinnen - deren Zusammenkunft das narrative Feld für Reflexionen über Vergebung und Nähe bildet.

Ton und Atmosphäre sind ambivalent zwischen leichter Komödie und sentimentaler Geste angesiedelt. Die Bilder zielen auf Wärme: helle Farbpalette, sorgfältig komponierte Interieurs und eine Montage, die Rhythmus erzeugt, ohne die Emotionalität zu überfrachten. Der Film will unterhalten und zugleich bewegen - er setzt auf erkennbaren Affekt, nicht auf brüchige Ambivalenz.

Zentrale Themen und Motive

Mother's Day fragt nach der Formbarkeit der Liebe unter institutionellen und kulturellen Bedingungen. Im Zentrum steht die Frage, ob und wie Zuneigung ritualisiert wird - durch Feiertage, durch öffentliche Erwartungen und durch Familiengeschichten. Der Film verhandelt die Spannung zwischen performativer Zuwendung und echter, persistenter Fürsorge und macht sichtbar, wie sehr Erinnerungen und alte Verletzungen die Gegenwart strukturieren.

Philosophisch interessiert sich der Film für Versöhnungsmodelle: Wann ist Wiedergutmachung möglich, welche Bedingungen braucht sie und welche Grenzen hat sie? Gesellschaftlich reflektiert er die Rollenbilder, die noch immer an Mutterschaft hängen - die Erwartung, dass Mütter omnipräsent sind, und die wachsende Anerkennung gewichtiger ökonomischer und emotionaler Arbeit, die damit verbunden ist.

Psychoanalytisch ließe sich das Motiv der wiederkehrenden Feiertagsbegegnung als Inszenierung kollektiver Sehnsucht lesen: Der Muttertag dient als Zeitfenster, in dem zwischenmenschliche Schulden beglichen, Eitelkeiten verhandelt und Hoffnungen auf erneute Verbindung öffentlich gemacht werden. Formal wiederholt der Film dabei Motive wie Rückkehr, Enthüllung und Versöhnung - und setzt auf das bewährte Mechanismus - des populären Melodrams, das genau dort Berührungsfläche mit seinem Publikum sucht.

Filmkritik von Peter Osteried

Flucht aus der Stadt, Liebe auf dem Land?

Nach dem Valentinstag und Silvester befasst sich Garry Marshall in seinem neuesten Film mit einem anderen Tag von besonderer Bedeutung: dem Muttertag. Erneut greift er auf eine episodische Struktur zurück, die verschiedene Geschichten in den Mittelpunkt rückt, manche aber auch überlappen lässt.

Sandy (Jennifer Aniston) ist glücklich geschieden, aber als ihr Ex eine weit jüngere Frau heiratet, wirft sie das schon etwas aus der Bahn – umso mehr, da sie das am Muttertag erfährt und ihre Kinder Zeit mit ihrer Stiefmutter verbringen. Jesse (Kate Hudson) und Gabi (Sarah Chalke) sind Schwestern und erhalten unerwartet Besuch von ihren Eltern, denen sie verschwiegen haben, dass sie mit einem Inder verheiratet bzw. lesbisch sind. Miranda (Julia Roberts) hat keine Kinder, sondern sich ein Leben lang ihrer Karriere gewidmet, während Kristin (Britt Robertson) frischgebackene Mutter ist, aber sich von ihrem Freund unter Druck gesetzt fühlt, ihn endlich zu heiraten. Bradley ist der Vater von zwei Töchtern und tut so, als gäbe es den Muttertag nicht, weil er den Tod seiner Frau noch immer nicht verwunden hat.

Wie Valentinstag und Happy New Year lebt auch Mother’s Day vor allem von den Figuren, die allesamt prominent besetzt sind. Wenn Garry Marshall für einen seiner Feiertagfilme ruft, dann kommt die Creme de la Creme Hollywoods. Die Schauspieler füllen ihre Rollen gut aus. Tatsächlich hilft es, bekannte Gesichter zu haben, weil den Figuren nur wenig Zeit eingeräumt wird, sich zu entfalten. Die Präsenz und das Charisma der Mimen wirkt hier Wunder.

Mother’s Day ist ein emotionaler, herzlicher, aber auch komischer Film, der es bestens versteht, auf der Klaviatur der Gefühle zu spielen. Marshall spielt mit Elementen des Dramas, lässt seinen Film aber nie schwermütig werden. Stattdessen konzentriert er sich darauf, leicht und locker zu erzählen, von echten Menschen und Situationen, die die meisten in der einen oder anderen Form nachvollziehen können. Das macht Mother’s Day zu einer sehr angenehmen Produktion, sozusagen dem filmischen Äquivalent zu easy listening. Hier kann man über knapp zwei Stunden entspannen, sich amüsieren, lachen, eine Portion Kitsch bekommen, ohne dass es zu viel würde, und eine gute Zeit haben. Oscarverdächtig ist daran natürlich nichts. Mitunter mag es zu zuckersüß werden, was die harschen Kritiken in den USA wohl erklärt, aber dabei verkennt man, was Garry Marshall mit dem dritten Teil seiner inoffiziellen Feiertagstrilogie eigentlich erreichen wollte.

Er wollte ein Gegengewicht zum typischen Hollywood-Kino bieten. Einen simplen, schönen, auf Bombast verzichtenden Film, der für sich steht, lebensnahe Geschichten erzählt und das Herz aufgehen lässt. Zu lachen gibt es dabei auch genug – so mancher Spruch bleibt noch lange nach Ende des Abspanns im Gedächtnis und lässt schmunzeln, wenn man daran denkt.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de