kritiken.de› Filme›
Filme

Licht

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 01.02.2018
Licht© Bildrechte beim jeweiligen Verleiher / Promotional Material (siehe Impressum)
A ca. 1434 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Licht: Ein stilles Drama über Verhältnisse, Entfremdung und das Ringen um Nähe

Einleitung

Der Film Licht tritt in eine Tradition des deutschen Gegenwartskinos, die weniger auf plakative Geschichten als auf atmosphärische Verdichtung und Figurenbeobachtung setzt. Seine Relevanz liegt nicht in spektakulären Plotwendungen, sondern in der insistierenden Aufmerksamkeit für Alltagssituationen, die als Spiegel gesellschaftlicher Verschiebungen fungieren. In Zeiten, in denen persönliche Bindungen und institutionelle Sicherheiten gleichermaßen unter Druck geraten, liefert Licht eine präzise, oft unbequeme Skizze innerer Zustände.

Die filmische Sprache des Werks richtet sich weniger auf dramatische Zuspitzungen als auf das minutiöse Ausloten von Räumen, Blicken und Pausen. Dadurch positioniert sich der Film zwischen arthausorientierter Psychologie und einem sozialen Blick, der kleine Machtverhältnisse und subtile Entfremdungen sichtbar macht. Diese Mischung aus formaler Zurückhaltung und moralischer Neugier macht den Film zu einem Zeitdokument, das die Nuancen des Gegenwartserlebens einfängt.

Ohne sich als politisches Manifest zu deklarieren, verweist Licht auf größere gesellschaftliche Fragen: Wie verändern ökonomischer Druck, demografische Verschiebungen und die Alltäglichkeit digitaler Distanz die Art, wie Menschen einander begegnen? Die Produktion tritt damit in einen Dialog mit Filmen, die in den späten 2010er Jahren die Konturen einer neuen deutschen Filmgeneration vermessen - eine Generation, die mehr an psychologischer Präzision als an narrativer Konstruktion interessiert ist.

Kurzüberblick zur Produktion

Licht ist ein deutsches Drama, dessen Regiearbeit eine präzise, beobachtende Handschrift trägt. Stilistische Merkmale wie ein sparsamer Einsatz von Kamerabewegungen, lange Einstellungen und eine reduzierte Bildkomposition deuten auf eine Regieführung, die das Subtile dem Offensichtlichen vorzieht. Solche Entscheidungen verweisen auf eine Linie im Autorenkino, die Formalismus mit einer sozialen Sensibilität verbindet.

Die Produktion orientiert sich am Modell vieler zeitgenössischer deutscher Filme: realitätsnahe Inszenierung, Drehorte im urbanen Raum und eine Finanzierung, die auf die Zusammenarbeit von Produktionsfirmen, regionalen Filmförderungen und öffentlich-rechtlichen Koproduzenten setzt. Dieses Setting erlaubt ein konzentriertes Arbeiten mit überschaubarem Budget, das sich zugunsten inhaltlicher Tiefe und präziser Ausstattung auswirkt. Bemerkenswert ist die handwerkliche Kohärenz der Produktion, die Bild, Ton und Schauspiel zu einer kompakten Einheit verschränkt.

Im Gesamtwerk steht Licht für eine Fortführung eines interessierten, leisen Kinos, das weniger an Effekten als an der Beobachtung menschlicher Beziehungen interessiert ist. Der Film fügt sich in eine künstlerische Entwicklung ein, die auf Figurenorientierung, psychologische Genauigkeit und eine ablehnende Haltung gegenüber melodramatischen Zuspitzungen setzt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Katja Kolm, Devid Striesow und Maria-Victoria Dragus bilden das dramatische Zentrum von Licht. Devid Striesow, als profilierter Schauspieler des deutschen Films, ist bekannt für seine Fähigkeit, ambivalente Figuren mit einer Mischung aus innerer Härte und verborgener Verletzlichkeit zu zeichnen. Seine Präsenz verleiht dem Film eine gravitätische Qualität, ohne plakative Dominanz zu beanspruchen.

Maria-Victoria Dragus bringt eine kontemplative Kraft in die Produktion. Ihre frühere Arbeit zeigte eine Fähigkeit zur nuancierten Darstellung jugendlicher Unsicherheit und moralischer Zerrissenheit; in Licht nutzt sie diese Erfahrung, um eine Figur zu entwickeln, deren innere Konflikte sich weniger in Worten als in Körperlichkeit und Blicken ausdrücken. Katja Kolm, die hier eine zentrale Rolle trägt, fungiert als emotionaler Kompass des Films; ihre Darbietung zeichnet sich durch subtile Gestik und eine sorgfältig dosierte Mimik aus, die viel über das Innenleben ihrer Figur verrät, ohne explizit zu erläutern.

Die Besetzung ist präzise kalkuliert: Es geht nicht um Starauftritte, sondern um Zusammenspiel und die Fähigkeit, Stille und kleine Gesten zu tragen. Durch diese Wahl erhält der Film eine dichte, intime Dynamik, die den Zuschauer in das innere Gefüge der Figuren hineinzieht.

Handlung (spoilerfrei!)

Licht folgt mehreren Hauptfiguren in einem dicht gezeichneten sozialen Umfeld. Erzählerisch konzentriert sich der Film auf die Verflechtung persönlicher Beziehungen und die feinen Machtverschiebungen, die deren Alltag bestimmen. Im Zentrum stehen Begegnungen, Abschiede und die Momente des Schweigens, die oft mehr aussagen als explizite Dialoge.

Der dramatische Konflikt entspringt weniger einem einzigen Ereignis als der kumulativen Wirkung kleiner Brüche - Vertrauensdefizite, Rollenveränderungen, wirtschaftlicher Druck. Diese Mikrokonflikte formen die Spannung des Films: Es ist das Ringen um Autonomie, Anerkennung und Nähe, das die Figuren antreibt und in subtile Konfrontationen mündet. Zentrale Figuren werden als komplexe Träger von Bedürfnissen und Widersprüchen vorgestellt; der Film vermeidet einfache Zuschreibungen und lässt Ambivalenzen bestehen.

Ton und Atmosphäre bleiben durchweg zurückhaltend, getragen von einer klaren Bildsprache und einem Klangdesign, das Räume eröffnet, anstatt sie pathetisch auszuleuchten. Die Kamera beobachtet, ohne voyeuristisch zu werden, und schafft so eine dichte, fast dokumentarische Nähe zur Lebenswelt der Protagonisten.

Zentrale Themen und Motive

Licht stellt existenzielle und soziale Fragen, die über die individuelle Ebene hinausweisen. Im Zentrum stehen Themen wie Entfremdung, Verantwortung und die Schwierigkeit, in veränderten Lebenszusammenhängen Halt zu finden. Der Film fragt, wie Identität und Beziehung in einem Umfeld verhandelt werden, das von Unsicherheiten geprägt ist - ökonomische, kulturelle und emotionale.

Motivisch arbeitet der Film mit wiederkehrenden Bildern von Innen- und Außenräumen, Licht und Schatten, Nähe und Distanz. Diese Kontraste dienen nicht nur als ästhetisches Mittel, sondern als narrativer Träger: Licht wird zum Metaphernraum für Wahrnehmung, Offenbarung und Verdeckung. Ebenso spielt Stille eine ereignisreiche Rolle; das Nichtgesagte formt den ethischen Raum, in dem die Figuren handeln.

Philosophisch verortet sich der Film in einer melancholischen Reflexion über Verantwortung und das Bedingungsgefüge menschlicher Beziehungen. Sozial betrachtet legt er den Fokus auf die kleinen Mechanismen, durch die Macht und Verletzlichkeit im Alltag ausgehandelt werden. Psychologisch interessiert ihn weniger der psychotherapeutische Blick als das unmittelbare Erleben von Entscheidungssituationen - oft in Momenten, die äußerlich unscheinbar, innerlich aber hochsignifikant sind.

Als Ganzes präsentiert sich Licht als ein geduldiger, analytischer Beitrag zum gegenwärtigen deutschen Kino, der die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die feinen Verästelungen menschlicher Existenz richtet und damit einen Raum für Reflexion über die Bedingungen moderner Nähe eröffnet.

Filmkritik von Bianka Piringer

Der Wunderdoktor und die blinde Pianistin

Dieser Kostümfilm spielt in Wien in der Ära des Spätrokoko, also zu Lebzeiten von Haydn und Mozart. Klassische Musik spielt darin eine wichtige Rolle, aber die Geschichte überrascht, weil sie nicht von der Liebe oder von Machtkämpfen in Adelskreisen handelt. Eine begabte junge Pianistin namens Maria Theresia Paradis (Maria Dragus) gibt 1977 ein Salonkonzert. Sie verdreht die Augen merkwürdig nach oben, lässt den Blick haltlos umherirren, weil sie nichts sieht. Resi, wie manche aus ihrem Umfeld sie nennen, erblindete bereits im Alter von drei Jahren und wird von Ärzten und Heilern mehr traktiert als kuriert, sodass sie diverse Beschwerden plagen.

Ihre Eltern bringen die 18-Jährige zu Franz Anton Mesmer (Devid Striesow), einem deutschen Arzt, der in Wien Patienten mit der damals modernen Magnetkur behandelt. Allerdings behauptet Mesmer, nicht wie andere Magnetismus-Heiler auf Metalle als Hilfsmittel angewiesen zu sein. Er will ein sogenanntes „Fluidum“ entdeckt haben, dessen Energie er per Handauflegen auf die Patienten überträgt, oder sogar schon, indem er mit den Händen ihre Körper entlangfährt, ohne sie zu berühren. Überraschend fängt Theresia wieder zu sehen an, wenn auch unscharf und schwach. Der neue Sinn zeigt ihr eine Welt, die ihr schier unbegreiflich ist mit ihren Räumen, Figuren und Farben.

Basierend auf Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ erzählt die österreichische Regisseurin Barbara Albert von der Begegnung zweier historischer Persönlichkeiten, die zu ihrer Zeit für Furore sorgten. Maria Theresia Paradis ist als Pianistin und Komponistin heute zwar in Vergessenheit geraten, aber Mesmer gilt als einer der Väter der Psychotherapie. Ohne es selbst richtig zu verstehen, wendet er Suggestion und Hypnose an. Resi soll den Akademie-Ärzten, nach deren Anerkennung sich Mesmer so sehnt, ihre wiedergewonnene Sehkraft vorführen. Als ein junger Mann im Publikum dennoch bezweifelt, dass es ein Fluidum gibt, das stofflich nicht nachgewiesen werden kann, entgegnet Resi, aber die Seele gebe es doch auch.

Frisch und lebhaft lässt der Film seine beiden Hauptcharaktere agieren. Die Atmosphäre profitiert von einer Inszenierung, die dem historischen Stoff mit homöopathischen Verjüngungstropfen die Schwere nimmt. Devid Striesow spielt Mesmer als eine schillernde, eitle Persönlichkeit. Der Arzt will aber ernsthaft heilen und kümmert sich einfühlsam um seine junge Patientin. Der Gängelung ihrer Eltern entkommen, streckt Resi ihre Fühler in Richtung Leben aus. Maria Dragus verleiht ihr den Trotz und die Verlorenheit einer Außenseiterin, die sich nur am Klavier sicher fühlt. Resi bearbeitet die Tasten in Mesmers Salon manchmal mit einer Wildheit, die Grenzen sprengen will und mit der Entdeckungslust korrespondiert, von der die exotischen Wandmalereien im Raum künden. Manchmal mischen sich von draußen Vogelstimmen in ihre Musik, als wolle die Natur dieses erblühende Wesen umarmen.

Aber Alberts Film behält die Borniertheit der damaligen Gesellschaft und ihre Hackordnung scharf im Visier. Für junge Frauen ist ein freier Blick weniger wichtig, als dass sie sich einordnen. Die junge Kammerzofe Agnes (Maresi Riegner) gar, mit der sich Resi gut versteht, erleidet das Schicksal zahlloser Dienstmädchen, die in der Not entdecken, dass sie rechtlos sind. Der Film betrachtet Resi und Mesmer jedoch, wenn sie an Grenzen stoßen, nicht als Opfer. Denn die Wunder, die das geistige Auge erspäht, gehören ihm für immer.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de