Die kleine Hexe als moralische Komödie des Erwachsenwerdens - Fantasie, Ethik und filmische Handhabung
Einleitung
Die kleine Hexe gehört zu den wenigen Kindergeschichten, die sich langfristig als kulturelle Konstanten etablieren konnten. Die Verfilmung von 2018 setzt diesen Traditionsstoff in ein zeitgenössisches Kinoformat um und verhandelt dabei nicht nur die offensichtlichen Elemente von Magie und Abenteuer, sondern auch Fragen nach Moralität, Gemeinschaft und Selbstbestimmung. Gerade in einer Phase, in der Familienfilme zunehmend erwachsenere Themen und hybride Formen von Humor und Ernst verbinden, verdient diese Adaption eine genauere Betrachtung.
Relevanz entsteht hier auf mehreren Ebenen: Zum einen trifft der Stoff auf ein Publikum, das mit der literarischen Vorlage vertraut ist und daher ein verändertes Bild von Identität und Erinnerung im Kino erlebt. Zum anderen ist die filmische Umsetzung ein Spiegel aktueller Trends im deutschsprachigen Kinder- und Jugendfilm, die Ästhetik, Erzähltempo und die Balance zwischen pädagogischem Anspruch und Unterhaltungswert neu ausloten. In dieser Spannung zeigt der Film, wie populäre Erzählungen erneuert werden können, ohne ihre Grundmotive zu trivialisieren.
Die Einordnung in das werkästhetische Feld der beteiligten Filmemacher erfolgt weniger über eine einzelne Regisseursunterschrift als über die kollektive Produktion eines Mainstream-Kinos, das sorgfältig zwischen handwerklicher Solidität und kommerzieller Anziehungskraft vermittelt. Die Inszenierung setzt auf klare Bildwelten, figurale Prägnanz und eine rhythmische Dramaturgie - Eigenschaften, die man in den Arbeiten gegenwärtiger deutscher Familienfilmemacher wiedererkennt. Solche Filme fungieren als ästhetische Vermittler zwischen traditioneller Kinderliteratur und der visuellen Erwartungshaltung heutiger Kinobesucher.
Kurzüberblick zur Produktion
Die filmische Umsetzung zeichnet sich durch handwerkliche Sorgfalt aus: Die Kameraarbeit ist auf Lesbarkeit und Bildkomposition ausgerichtet, die Ausstattung schafft eine nachvollziehbare, liebevoll gestaltete Welt zwischen Märchen und Gegenwart, und die visuellen Effekte dienen meist der Unterstützung narrativer Set-Pieces statt spektakulärer Selbstinszenierung. Diese Praxis verweist auf ein Produktionsverständnis, das auf den Familientauglichen Kinomarkt zielt und die literarische Vorlage in eine filmische Sprache übersetzt, die sowohl junge Zuschauer als auch Erwachsene ansprechen möchte.
In Bezug auf Budget und Studios bewegt sich die Produktion im Bereich typischer deutscher Familienfilme der späten 2010er Jahre: ausreichend ausgestattet, um handfeste Kulissen und digitale Nachbearbeitung zu ermöglichen, jedoch nicht auf großkalibrige Hollywood-Optik ausgerichtet. Solche Umstände fördern eine Regiearbeit, die auf Präzision in Schauspielregie, Setdesign und tempiertem Storytelling setzt. Die Stellung des Films im Gesamtwerk der beteiligten Kreativen ist die eines kommerziell relevanten, aber künstlerisch verantwortlichen Beitrags zum Genre - ein Versuch, tradiertes Erzählgut in einer modernen filmischen Gestalt erlebbar zu machen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung verbindet erfahrene Ensemblekräfte mit jüngeren Talenten. Suzanne von Borsody, eine profilierte Schauspielerin mit breitem Repertoire aus Theater, Film und Synchronarbeit, bringt eine autoritäre und der Tradition verpflichtete Präsenz in die Erwachsenenwelt des Films. Ihr Spiel ist geprägt von psychologischer Kompaktheit und deutlicher Stimmführung, Eigenschaften, die in Rollen mit moralischer Autorität besonders wirkungsvoll sind.
Karoline Herfurth, die in der deutschen Filmszene sowohl als Darstellerin als auch als Filmemacherin bekannt ist, steht für eine moderne, zugängliche Form der Erwachsenenfigur, die Nähe zu kindlichen Perspektiven herstellen kann. Herfurth hat in früheren Arbeiten gezeigt, dass sie die Balance zwischen lakonischem Witz und emotionaler Tiefe halten kann - Qualitäten, die in diesem Film genutzt werden, um Brücken zwischen Generationen und erzählerischen Ebenen zu schlagen.
Die jungen Darsteller tragen die narrative Last des Films, sie sind die Träger des Lernprozesses und die emotionale Achse, an der sich die Themen verdichten. Die Erwachsenenrollen, besetzt mit Routiniers, bieten den nötigen Kontrast und die historischen bzw. moralischen Bezugsrahmen, ohne die kindliche Perspektive zu überlagern.
Handlung (spoilerfrei!)
Ohne die konkreten Wendungen preiszugeben, lässt sich die Grundstruktur des Films so zusammenfassen: Eine junge Hexe, idealistisch und ungeduldig, strebt nach Anerkennung in einer traditionellen Ordnung, die Regeln und Rituale hochhält. Der Konflikt entsteht aus der Kollision zwischen jugendlicher Neugier und etablierten Normen, begleitet von Prüfungen, die sowohl äußere Abenteuer als auch innere Entscheidungen fordern. Unterstützt und herausgefordert wird sie durch ein Geflecht aus Vertrauten, Autoritäten und Gegenspielern, das die Lernkurve der Protagonistin formt.
Tonal liegt der Film zwischen Abenteuerkomödie und moralischem Lehrstück; die Atmosphäre schwankt zwischen warmherziger Komik, sachlicher Mahnung und gelegentlicher Dramatik. Visuell wird diese Tonlage durch helle, natürliche Farben und eine klare, auf Kinderaugen abgestimmte Bildästhetik vermittelt. Die Inszenierung bemüht sich um einen Grat zwischen Spannung und Geborgenheit, so dass das Abenteuer als Entfaltungsraum erscheint und nicht als bloße Gefahrenkulisse.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum steht die Frage nach moralischer Reife: Was bedeutet es, gut zu handeln, wenn Regeln und Intentionen nicht immer übereinstimmen? Der Film stellt das Problem des ethischen Erwachsenwerdens in den Mittelpunkt - nicht als abstrakte Lehre, sondern als konkrete Entscheidungsfolge, die eine junge Figur in sozialen Bezügen austarieren muss. Die Auseinandersetzung mit Traditionen eröffnet dabei eine zweite Ebene: Wie legitimiert sich normative Autorität gegenüber dem Bedürfnis nach Veränderung und persönlicher Integrität?
Weitere Motive sind die Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft und die Suche nach Zugehörigkeit. Die Magie fungiert als Metapher für Handlungsfähigkeit und Kraft: Sie ist nicht nur Mittel zur Lösung äußerer Probleme, sondern auch Prüfstein für innere Werte. Psychologisch betrachtet reflektiert der Film die Spannungen kindlicher Autonomieentwicklung - Loslösen von Vorbildern, Aneignung eigener Urteile und das Entwickeln von Empathie als Basis fürs soziale Handeln.
Ästhetisch arbeitet der Film mit einer Reduktion der visuellen Geste - anstelle von überbordender Effekthascherei setzt er auf klare Allegorien, körperliche Präsenz der Schauspieler und gestalterische Details, die kindliche Neugier anregen. So verwandelt sich der vertraute Stoff in eine filmische Reflexion über Ethik und Identität, die weniger predigt als zur Diskussion einlädt - ein Wesenszug, der das Projekt in die zeitgenössische Debatte um Bildungs- und Unterhaltungswerte im Familienkino einordnet.
Filmkritik von Bianka Piringer
Eine Zauberschülerin mit Herz
Der Wald ist echt, die Rehe sind echt, das urige Häuschen aber sieht so klapprig aus, dass es auf den magischen Inhalt dieser Coming-of-Age-Geschichte verweist. Das tun erst recht seine Bewohner, die rothaarige Frau, die sich die kleine Hexe (Karoline Herfurth) nennt, und ihr Mitbewohner Abraxas, der wie ein normaler Rabe aussieht, aber mit der Stimme von Axel Prahl spricht.
Kaum zu glauben, dass der Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler aus dem Jahr 1957 erst jetzt eine deutsche Realfilmadaption erhält. Unter der Regie des Schweizers Michael Schaerer erzählt sie nahe an der Vorlage von den Abenteuern der kleinen Hexe, die mit ihren 127 Jahren zu jung ist, um in der Walpurgisnacht auf dem Blocksberg zu tanzen. Aber sie mischt sich dennoch unter die anderen Hexen, wird entdeckt und dazu verpflichtet, innerhalb eines Jahres die 7892 Zaubersprüche des großen Magiebuchs zu lernen, um eine gute Hexe zu werden.
Dass die kleine Hexe wie eine erwachsene Frau aussieht, steht keineswegs im Widerspruch zum Buch. Karoline Herfurth stellt sehr überzeugend dar, dass sie innerlich noch ein halbes Kind und stets zu Scherzen aufgelegt ist. Dennoch vermag es der Film naturgemäß nicht, wie das Medium Buch das merkwürdige Jungsein der kleinen Hexe bildlich in der Schwebe zu lassen. Karoline Herfurths Hexe ist eben nicht klein, ihr liebenswürdiges Lächeln geradezu mütterlich. Der kindliche Anteil des Charakters wird vom braven Erwachsenenanteil irgendwie in Schach gehalten. Diese unsichere Figurenzeichnung ist nicht ganz unschuldig daran, dass Schwung und Pfiffigkeit in diesem Film ein wenig zu kurz kommen.
Fast so wie bei den Brüdern Grimm kommen einmal zwei Kinder zum Hexenhäuschen, Vroni (Momo Beier) und ihr Bruder Thomas (Luis Vorbach). So einen lustigen, friedlichen Besuch, mit Zaubereien, die den gedeckten Tisch zum Spaß an die Decke katapultieren, den Stuhl in die Luft heben, hätten sich einst auch Hänsel und Gretel gewünscht. Aber da war die kleine Hexe ja noch nicht am Leben, die den Sinn der Zauberei so ganz anders versteht als die anderen Hexen. Argwöhnisch schleicht die böse alte Hexe Rumpumpel deshalb auch um ihr Haus und notiert jeden Regelverstoß. Suzanne von Borsody stellt diese fiese Figur mit grimmigem Spaß dar.
Der fröhliche, helle Frauengesang, der sich manchmal unter die orchestrale Musik mischt, verleiht der verspielten Aura der kleinen Hexe etwas Feenhaftes. Anheimelnd wirkt das kunterbunte Durcheinander, das in ihrem Häuschen herrscht und lustige Entdeckungen bietet wie zum Beispiel ein Mäusenest unter dem Klavierdeckel. Die visuelle Gestaltung ist insgesamt überaus gelungen. Die Waldlandschaft mit den Felsbrocken, das Dorf von anno dazumal mit seinen Fachwerkhäusern, der Tanz der Hexen auf dem Blocksberg lassen die märchenhaft-entrückte Stimmung sehr real werden. Die animatronische Vogelfigur Abraxas sieht lebensecht aus und auch der Flug der kleinen Hexe auf ihrem Besenstiel fügt sich ganz gut in die Landschaft ein.
Obwohl er von Hexenkunst erzählt, hält sich der Film bei der Dosierung des Surrealen geschickt an die Devise „weniger ist mehr“. So wirkt die verlängerte Nasenspitze, die Karoline Herfurth verpasst bekommt, nur lustig, aber nicht entstellend. Indem er auf schrille Töne und Übertreibungen verzichtet, bereitet der Film durchaus im Sinne der Buchvorlage mild bezauberndes Vergnügen.

