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Der seidene Faden

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kritiken.de Redaktion 01.02.2018
Der seidene Faden© Bildrechte beim jeweiligen Verleiher / Promotional Material (siehe Impressum)
A ca. 1479 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Der seidene Faden - Zur Eleganz der Kontrolle und die Ökonomie des Begehrens

Einleitung

Der seidene Faden positioniert sich als ein leises, aber beharrliches Kapitel in der Gegenwart des amerikanischen Autorenkinos. In einer Zeit, in der große Erzählformen oft mit Geschwindigkeit und Effekten operieren, richtet sich dieser Film auf die minutiöse Beobachtung einer handwerklichen Welt - die Haute Couture - und auf die komplizierten Verhältnisse, die unter der Oberfläche gesellschaftlicher Etikette lauern. Gerade dadurch gewinnt er an Relevanz: Er fragt nicht nach spektakulären Wendungen, sondern nach der Gestalt von Macht in kleinen Ritualen.

Regisseur Paul Thomas Anderson, dessen Name eng verbunden ist mit groß angelegten Charakterstudien und einer Neigung zu formaler Strenge, wählt hier einen zurückgenommenen Maßstab. Der Film fügt sich in sein Oeuvre als ein Werk, das weniger auf rauschhafte Epik zielt als auf die präzise Kartographie einer Beziehung, die zugleich schöpferisch und zerstörerisch ist. In diesem Sinn liest sich Der seidene Faden als Reflexion über das Verhältnis von Künstler und Muse, über Kontrolle und Abhängigkeit.

Der gesellschaftliche Kontext des Films - ein Großbritannien der Nachkriegsjahre, geprägt von Konventionen, Klassenunterschieden und ästhetischen Normen - dient nicht primär als Historienkulisse, sondern als atmosphärischer Prüfstand für zwischenmenschliche Machtspiele. Die Relevanz des Films liegt darin, dass er die ästhetische Form selbst zur Kategorie macht, durch die Charaktere sich definieren, verhandeln und verletzen.

Kurzüberblick zur Produktion

Der seidene Faden entstand unter der Regie von Paul Thomas Anderson, dessen Handschrift sich durch eine Suche nach dichter, psychologisch scharfer Inszenierung auszeichnet. Anderson hat in seinem bisherigen Schaffen wiederholt mit intensiven Schauspielerführungen, sorgfältiger Bildkomposition und einem Gespür für musikalische Spannungsbögen gearbeitet. Diese Merkmale prägen auch den vorliegenden Film, der im Gegensatz zu einigen seiner früheren, expansiven Werke auf intimere Raumbilder und reduzierte Bewegungsabläufe setzt.

Die Produktion ist handwerklich akribisch: Kostüme, Ausstattung und Musik rücken in den Mittelpunkt der Erzählung und fungieren fast wie Figuren. Die Arbeit von Mark Bridges an der Kostümierung und die musikalische Begleitung durch Jonny Greenwood sind integrale Bestandteile des Films - sie kommentieren und formen das seelische Terrain der Protagonisten. Die relative Zurückhaltung in Budget und publikumswirksamen Effekten ermöglicht eine Konzentration auf Szenerie und Figurenzeichnung, wodurch der Film sich als bewusst komponiertes Gegenstück zu breiten Kinospektakeln versteht.

Im Kanon von Anderson markiert Der seidene Faden eine Verschränkung von klassischen Erzählweisen mit zeitgenössischer Autorenschaft. Er schiebt sich zwischen die formalen Experimente seiner früheren Filme und die psychologischen Dramen, die sein Markenzeichen sind, und verbindet dabei handwerkliche Besessenheit mit einer lakonischen Distanz.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Daniel Day-Lewis, ein Schauspieler, dessen Karriere von einer fast mythischen Hingabe an Rollen geprägt ist. Bekannt geworden durch Wandlungsfähigkeit und Intensität, liefert er hier die Darstellung eines ausdrucksstarken, kontrollorientierten Couturiers - einer Figur, die sein performatives Können verlangt, ohne in melodramatische Gesten zu verfallen. Seine Präsenz manifestiert sich weniger durch laute Ausbrüche als durch nuancierte körperliche Haltung und sprachliche Präzision.

Vicky Krieps tritt als Gegenpol auf; ihre Schauspielart zeichnet sich durch eine still gespannte Offenheit aus. In der Rolle der jungen Frau, die in den Kosmos des Designers eintritt, bringt sie eine Mischung aus Neugier, Widerstandskraft und subtilem Eigensinn, die das Machtverhältnis zwischen den Figuren verkompliziert. Lesley Manville vervollständigt das Dreieck als Schwesterfigur - eine chirurgisch genaue soziale Präsenz, die Familie, Geschäft und soziale Normen zusammenhält, zugleich aber ebenfalls Macht über das Gefüge ausübt.

Die übrigen Darstellerinnen und Darsteller - darunter erfahrene Figuren wie Gina McKee und Charakterdarsteller wie Brian Gleeson - füllen die Welt des Ateliers und der Gesellschaftssalons mit diskreter, aber wirksamer Präsenz. Gemeinsam schaffen sie einen Ensembleklang, der den Fokus auf die Dynamik zwischen Intimität und Inszenierung richtet.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film setzt in einem fein gezeichneten, zeitlich verorteten London an und erzählt von einem renommierten Modedesigner, dessen Arbeitsleben und Privatleben eng verwoben sind. Seine Tage sind von Ritualen, Proben und dem Streben nach ästhetischer Vollkommenheit bestimmt. In dieses System tritt eine jüngere Frau, deren Anwesenheit die gewohnten Abläufe durcheinanderbringt und ein neues Geflecht emotionaler Abhängigkeiten erzeugt.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus dem Zusammentreffen von Arbeitsethos und persönlicher Bindung. Die Figuren navigieren durch ein Terrain aus Kontrolle, Eifersucht und Fürsorge, wobei die äußere Fassung resistent gegen unmittelbare, laute Konfrontationen ist. Stattdessen wird Spannung über Nuancen gebaut - Blicke, Gesten, das Arrangement eines Kleiderstücks - und über die Art, wie alltägliche Handgriffe zu Machtakten werden.

Ton und Atmosphäre sind von kühler Eleganz, einer gewissen kontrollierten Distanz und einem ästhetischen Minimalismus geprägt. Die Kameraarbeit und die Ausstattung betonen Texturen und Räume, die weniger als Hintergrund denn als aktiver Ort der Aushandlung fungieren.

Zentrale Themen und Motive

Der seidene Faden stellt Fragen nach dem Verhältnis von Kunst und Leben, nach der Preisbildung für Aufmerksamkeit und Fürsorge und nach der Gewalt, die im Formgebungsprozess liegen kann. Der Film erkundet, wie ästhetische Ansprüche zur Bedingung von Zuneigung werden und wie Fürsorge zugleich Instrument und Ausdruck von Macht sein kann. Dabei tritt die Kleidung als Code in den Vordergrund - sie ist Schutz, Waffe und Ausdruck von Identität.

Auf einer philosophischen Ebene thematisiert der Film die Verstrickung von Selbstbestimmung und Abhängigkeit, die Schwierigkeit, sich außerhalb der eigenen Rollen zu behaupten, sowie die Ambivalenz von Kreativität, die gleichzeitig befreien und binden kann. Psychologisch verlagert sich das Interesse weg von der Erklärung einzelner Figuren hin zur Untersuchung von Mustern: Ritual, Wiederholung und die Regelmäßigkeit, mit der Menschen ihr Bedürfnis nach Kontrolle organisieren.

So liest sich Der seidene Faden weniger als konventionelles Beziehungsdrama denn als feinsinnige Studie über die Mechanik von Verhältnissen, die durch Gesten des Schenkens und der Formgebung hergestellt werden. Der Film fordert dazu auf, das Unsichtbare sichtbar zu machen - die Fäden, die Menschen miteinander verknüpfen - und zeigt, dass Ästhetik immer auch ein politisches und moralisches Moment birgt.

Filmkritik von Bianka Piringer

Der Unsympath und die Liebe

Künstler sind bekanntlich oft schwierige Menschen. Der Londoner Modedesigner Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist zweifellos ein Künstler. Im Jahr 1955 reißen sich die Damen der britischen Gesellschaft und sogar echte Prinzessinnen darum, von ihm eingekleidet zu werden. Aber weil Reynolds, der Junggeselle mit dem ergrauenden Haar, so schwierig ist, erträgt er jede seiner jungen Musen, die es bis zum Platz an seinem Frühstückstisch schaffen, bald nicht mehr in seiner Nähe. Die junge, vom Festland eingewanderte Kellnerin Alma (Vicky Krieps) muss diese Erfahrung ebenfalls machen, kaum dass sie seine Lebensgefährtin geworden ist.

Stundenlang steht Alma für Reynolds Modell, der ihr wunderbare Kleider auf den Leib schneidert, und führt als eines seiner Mannequins die Kollektion im House of Woodcock vor. Aber wenn Alma am Frühstückstisch das Toastbrot mit Butter bestreicht und geräuschvoll hineinbeißt, geht sie Reynolds nicht nur einfach auf die Nerven. Er macht ihr mit schneidenden Worten klar, dass sie die morgendliche Harmonie vernichtet, ohne die er nicht kreativ werden kann. Die unbedarfte, mädchenhafte Alma passt sich an, aber sie gibt ihre Ziele nicht auf.

Für seinen ersten außerhalb Amerikas gedrehten Spielfilm schwebte dem Regisseur und Drehbuchautor Paul Thomas Anderson („There Will Be Blood“) eine Art „Gothic Romance“ vor, also ein von den Schauergeschichten, die in England im 19. Jahrhundert populär waren, inspiriertes Liebesdrama. Typischerweise stoßen die Protagonisten dieses literarischen Genres auf schier unüberwindbare Hindernisse und geraten sogar in den Bannkreis des Todes. Und so riecht es auch in dem kultivierten Milieu dieser Filmhandlung bald nach Krimi.

Am Frühstückstisch und auch abends im Restaurant hat Alma ihren Reynolds nicht für sich allein. Immer sitzt seine Schwester Cyril (Lesley Manville) mit am Tisch, deren strenger Blick nichts Gutes verheißt. Cyril führt die Geschäfte des Modehauses und hat auch die Aufgabe, Reynolds Musen in die Wüste zu schicken, sobald er ihrer überdrüssig wird. Alma findet sich also in einem prekären Beziehungsdreieck wieder. Was den Film eine ganze Weile unterhaltsam und spannend wirken lässt, ist neben dem Suspense, dem psychologischen Druck in diesem häuslichen Gefüge, vor allem der Humor. Das pedantische Gehabe des lupenreinen Egoisten Reynolds wird mit wunderbar bissigen Dialogen in seiner ganzen Kälte und Lächerlichkeit zelebriert.

Daniel Day-Lewis verleiht diesem fiktiven Charakter eine neurotische und doch sehr respekteinflößende Arroganz. Die in Luxemburg geborene Berliner Schauspielerin Vicky Krieps („Das Zimmermädchen Lynn“) wirkt an seiner Seite wie ein naives, introvertiertes Fräuleinwunder. Ihre beiden Charaktere erscheinen antagonistischer, als sie sind, und der Film legt auch zu viel Wert auf Rätselhaftigkeit, um sie plausibel zu entwickeln. Die Gefühle, die zumindest unterschwellig vorhanden sein sollen, lassen sich kaum erspüren. Vielmehr wirken einige Ideen und Handlungen Almas und Reynolds wie abgehobene Fantasien des Drehbuchautors.

Anderson, der auch die Kamera führte, hat ein gutes Auge für Interieurs und Stil. Aber er verortet die Charaktere viel zu wenig in einer lebendigen Umgebung, die dabei helfen würde, sie zu erklären. Das House of Woodcock wird zu einer Art Gefängnis und das Hin und Her seiner Bewohner ermüdet mit der Zeit. Denn dieser Haute-Couture-Schneider, um den sich alles dreht, ist eben in erster Linie ein unsympathischer Mensch. Insgesamt erweist sich dieser Film, den Daniel Day-Lewis als seinen letzten bezeichnet hat, als ein zwar durchaus interessantes, aber auch merkwürdig unrundes Werk.

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