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Jason Bourne

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kritiken.de Redaktion 11.08.2016
Jason Bourne© Universal Pictures Germany
A ca. 1644 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Jason Bourne als Zeitdiagnose: Erinnerung, Macht und die Mechanik moderner Geheimhaltung

Einleitung

Jason Bourne kehrt 2016 nicht nur als Filmfigur zurück, sondern als Projektionsfläche für ein Zeitalter, das von Überwachung, Datenmanipulation und der Erosion tradierter Autoritäten geprägt ist. Die Figur, die vor mehr als einem Jahrzehnt als personifizierte Suche nach Selbst und Wahrheit auftrat, wird hier in einen Kontext versetzt, der längst nicht mehr allein psychologische Fragmentierung thematisiert, sondern die strukturellen Bedingungen auslotet, unter denen Erinnerung heute produziert und annihiliert wird. Die erneute Begegnung mit Bourne bedeutet deshalb mehr als eine Fortsetzung: sie stellt eine Revision der Prämissen, die den frühen Filmen der Reihe zugrunde lagen.

Regisseur Paul Greengrass, der mit diesem Kapitel an seinen eigenen Ton anknüpft, nutzt die Figur als Instrument einer politischen Bestandsaufnahme. Seine filmische Handschrift - eine Mischung aus dokumentarischer Handkamera, knappen Montagefolgen und einem Interesse an institutioneller Mechanik - verwandelt den Action-Thriller in ein beobachtendes Medium, das weniger auf Heldenverehrung als auf Entschleierung der Machtverhältnisse aus ist. Das Resultat ist ein Werk, das sich nicht allein über spektakuläre Setpieces definiert, sondern über die Frage, wie Gewalt, Geheimhaltung und Information in der Gegenwart zusammenwirken.

In einem kulturellen Klima, in dem Skandale um staatliche Überwachung und geheimdienstliche Operationen öffentliche Diskurse dominieren, wirkt Jason Bourne wie eine filmische Reaktion auf eine Ära der Transparenzversprechen und gleichzeitigen Kontrollverfeinerungen. Die Relevanz des Films liegt weniger in narrativer Neuheit als in seiner Fähigkeit, bekannte Motive neu zu kontextualisieren - Bourne als Katalysator für die Diskussion über Verantwortung, Erinnerung und die bürokratischen Apparate, die Identität formen und fragmentieren.

Kurzüberblick zur Produktion

Paul Greengrass, der Regie führte, hat sich seit seinen frühen Beiträgen zur Bourne-Reihe als Chronist einer bestimmten Form von Kino profiliert: ein Kino, das nahe an Handlung und Körper bleibt und dabei institutionelle Praktiken explizit macht. Seine Ästhetik der Nähe - hektische Kameraführung, kurze Töneinschnitte, räumliche Verunsicherung - kehrt auch in diesem Film wieder, zugleich in eine Produktion eingebettet, die das kommerzielle System Hollywoods mit der Intention des politischen Thrillers verbindet.

Jason Bourne entstand als großes Studioprojekt, dessen Produktionsbedingungen die üblichen Ansprüche an internationale Drehorte, aufwendige Stunts und einen hochkarätigen Cast einschließen. Die Rückkehr von Hauptdarsteller Matt Damon nach einer Pause und die Einbindung jüngerer Talente signalisieren ein Kalkül, das versuchen will, Franchise-Erwartungen zu bedienen und zugleich aktuelle ästhetische wie thematische Anliegen zur Geltung zu bringen. Innerhalb des Gesamtwerks von Greengrass steht der Film für eine Rückkehr zu einem Motivkreis - Überwachung, Staat und individuelles Erinnern - der ihn bereits zuvor beschäftigte, hier aber mit dem Gewicht einer etablierten Filmmarke verbunden ist.

Die Produktionsumstände lassen dabei eine Doppelbewegung erkennen: Auf der einen Seite die Verpflichtung gegenüber dem Actionkino mit seinen Anforderungen an Tempo und Spektakel, auf der anderen Seite das Bemühen, ein ernstzunehmendes politisches Statement in Form eines breitenwirksamen Thrillers zu formulieren. Diese Spannung zwischen Form und Funktion durchzieht den Film und strukturiert seine ästhetischen Entscheidungen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Matt Damon repräsentiert in Jason Bourne die konstante Achse der Reihe - ein Protagonist, dessen physische Präsenz und stille Intensität das Zentrum bilden. Damons Darstellung verzichtet auf Pathos; sie ist auf Reduktion angelegt, auf einen Körper, der Erinnerungen bewahrt und zugleich deren Verlust verkörpert. Alicia Vikander tritt als Gegenpart auf, verkörpert eine jüngere Kaste von Geheimdienstmitarbeiterinnen, deren Professionalität in technischer Kompetenz und administrativer Rationalität wurzelt. Vikander, zuvor in Filmen wie Ex Machina als ambivalente Intelligenzfigur sichtbar geworden, bringt hier eine nüchterne, fast analytische Kühle in die Interaktion mit Bourne.

Tommy Lee Jones fungiert als personifizierte Bürokratie - die Figur des etablierten Geheimdienstlers bringt Autorität, aber auch institutionelle Rücksichtslosigkeit ins Spiel. Vincent Cassel erscheint als antagonistisches Gegenstück, dessen Präsenz mehr suggeriert als offenbart und so die ambivalente Natur von Gewalt und Auftrag hervorhebt. Julia Stiles kehrt in ihrer Rolle als Nicky Parsons zurück; ihre Verbindung zu Bourne funktioniert weiterhin als moralischer und narrativer Kompass, der Erinnern und Loyalität verbindet. Riz Ahmed spielt einen neueren Typus innerhalb der Welt der Geheimdienste - technisch versiert, moralisch verhandelbar - und symbolisiert die digitale Transformation der Machtmechanik.

Zusammen bilden diese Figuren ein Ensemble, das unterschiedliche Generationen, Haltungen und Arbeitsweisen innerhalb derselben Institution repräsentiert. Ihre Interaktionen modellieren nicht nur persönliche Konflikte, sondern veranschaulichen institutionelle Dynamiken zwischen Verantwortung, Pragmatismus und ethischer Ambivalenz.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt von der Rückkehr eines Mannes, dessen Vergangenheit ihn einholt, und von einem System, das seine eigene Macht zu sichern versucht. Im Zentrum steht der dramatische Konflikt zwischen individueller Erinnerung und staatlicher Kontrolle. Bourne, ein Mann, der seine Identität immer wieder neu ausloten muss, sieht sich mit Strukturen konfrontiert, die nicht nur aus Waffen, sondern aus Informationen bestehen. Auf der anderen Seite operiert eine Administrationsmacht, die operative Effizienz über Transparenz stellt und bereit ist, moralische Grauzonen zu nutzen, um Stabilität zu behaupten.

Die Erzählung bewegt sich entlang von setpiece-artigen Jagdszenen, Verhören und konspirativen Schaltstellen, bleibt dabei aber dem Thriller verpflichtet und vermeidet übermäßige Sentimentalität. Ton und Atmosphäre pendeln zwischen dokumentarischer Präsenz und urbaner Bedrohlichkeit; die Welt, in der die Figuren agieren, ist dicht, laut und technisch vermittelt. Zentrale Figuren sind Bourne selbst, eine junge CIA-Offizierin, die innerhalb der Maschinerie agiert, sowie Vertreter der etablierten Geheimdienste. Gemeinsam formen sie die Achsen des Konflikts - individuell gegen systemisch, Erinnerung gegen Kontrolle.

Zentrale Themen und Motive

Jason Bourne lotet Fragen nach Identität, Verantwortung und der Verfügbarkeit von Erinnerung aus. Der Film stellt nicht nur die Frage, wer Bourne ist, sondern unter welchen Bedingungen Erinnerung überhaupt als Beweismittel, Waffe oder Risiko fungieren kann. Über die persönliche Ebene hinaus eröffnet sich eine gesellschaftliche Dimension: Wie legitimiert sich staatliche Gewalt im Namen von Sicherheit, und welche Kosten entstehen, wenn Information zur Währung geopolitischer Macht wird? Die Nähe zur Gegenwart entsteht aus der Auseinandersetzung mit solchen Mechanismen - von Datenerfassung über gezielte Desinformation bis hin zur Outsourcing-Logik moderner Geheimdienstoperationen.

Motivisch wiederkehrt die Vorstellung des Körpers als Archiv: Narben, motorische Reaktionen und körperliche Erinnerung stehen für nicht verbalisierte Wahrheit. Formal setzt der Film auf eine Ästhetik des Unmittelbaren, die Bewegung, Klang und Montage nutzt, um Erinnerungsprozesse und institutionelle Abläufe gleichermaßen sichtbar zu machen. So verschränkt sich die persönliche Suche des Protagonisten mit einer Gesellschaftsanalyse, ohne dabei in programmatischen Diskurs zu verfallen. Jason Bourne bleibt ein Thriller, dessen Motor die Reflexion über Macht und Erinnerung ist.

Filmkritik von Peter Osteried

McBourne – Filmisches Fast Food

Eigentlich wollte Matt Damon nicht mehr in die Rolle des ehemaligen Agenten schlüpfen, dessen Vergangenheit im Verlauf von drei Filmen nur bruchstückhaft enthüllt wurde. Aber dann überlegte er es sich doch anders, was auch damit zusammenhängen mag, dass Tony Gilroy, der die ersten drei Filme geschrieben und Das Bourne Vermächtnis inszeniert hat, nicht mehr mit von der Partie gibt. Es gab, wie man so schön sagt, künstlerische Differenzen. Gut bekommen hat Jason Bourne das neue Autoren-Duo nicht.

Nicky (Julia Stiles) stiehlt Daten von der CIA, die auch Jason Bourne (Matt Damon) betreffen. Darin enthalten sind Informationen über seine Vergangenheit, die auch er nicht kennt. Natürlich dauert es nicht lange und Bourne wird in die ganze Angelegenheit hineingezogen. Wieder einmal sucht er nach seiner Vergangenheit, während Häscher der CIA versuchen, ihn unschädlich zu machen. Immerhin besteht nun die Gefahr, dass er sämtliche Black Ops der CIA offenlegt – und das kann weder Direktor Dewey (Tommy Lee Jones) noch sein Protegé Heather Lee (Alicia Vikander) zulassen.

Es gibt keine Geschichte, die hier erzählt wird. Der Aufhänger ist an Nichtigkeit nicht zu überbieten, etwa vergleichbar damit, dass man enthüllen würde, Bournes Schwippschwager sei auch Teil des Programms. Damit nicht genug, ist die Enthüllung, die am Anfang steht, nicht nur belanglos, sondern auch reichlich unlogisch, wenn man ein klein wenig darüber nachdenkt, welche Zufälle da vonnöten gewesen wären, um zu diesem Ergebnis zu kommen.

So zerfällt Jason Bourne fast augenblicklich in seine Bestandteile, was auch an der Penetranz liegt, Das Bourne Vermächtnis vollkommen zu ignorieren und schon wieder eine neue Hierarchie innerhalb der ganzen Geheimprojekte der CIA zu etablieren.

Mit Robert Ludlums Vorlage hat das alles kaum noch etwas zu tun. Stattdessen betreibt Regisseur Paul Greengrass pure Aufkoche. Alles, was hier geboten ist, hat man in den vorherigen Teilen schon zur Genüge gesehen – nur besser. Das gilt für die fahrige, im Schnittstakkato untergehende Action ebenso wie für die hanebüchene Geschichte, bei der man versucht, stets noch einen draufzusetzen. Denn natürlich gibt es zwischen Bourne und dem Superkiller, den man auf ihn angesetzt hat, eine gemeinsame Vergangenheit. Als Gegner agiert Vincent Cassel, den man selten so schlafwandelnd agieren gesehen hat, wie hier. Dabei kann der Franzose etwas, aber er bräuchte halt auch Material, das seinen Fähigkeiten entgegenkommt.

Autoverfolgungsjagden, Kämpfe Mann gegen Mann, ein paar Schießereien, das sind die altbekannten und mittlerweile auch langweiligen Zutaten eines jeden neuen Bourne-Streifens. Daran mag man sich noch erfreuen können, wenn man den Stil des zweiten und dritten Teils schätzt, die Klarheit des Originals wird hier jedoch nie erreicht.

Ebenso wenig wird eine relevante Geschichte erzählt. Greengrass und sein Ko-Autor Christopher Rouse scheinen der Meinung zu sein, es würde reichen, den Namen „Snowden“ fallen zu lassen und ein neues Projekt der CIA in Verbindung zu einer Art Facebook-Klon zu stellen, aber es ist ein lahmes Pferd, auf das sie hier setzen. Einerseits, weil die bloße Erwähnung des Namens Snowden der Geschichte den Realismusanspruch unter den Füßen wegzieht, andererseits, weil das Thema der Totalüberwachung in eine ganz andere Richtung geht, als das bislang bei den Bourne-Filmen der Fall gewesen ist. Das wäre noch in Ordnung, hätte es denn eine Bedeutung. Für Jason Bourne jedoch nicht. Er ist mal wieder auf Persönlichkeitsfindung und Rachefeldzug unterwegs.

Jason Bourne verlässt sich ganz und gar auf die Action und hofft, mit dem Realweltanstrich einen Konterpunkt zu Superhelden und Aliens zu setzen, die ansonsten die Leinwände bevölkern, aber dabei wird vergessen, dass der Kern eines jeden Films die Geschichte sein muss. Hier benutzt man sie als Vehikel und schert sich dermaßen wenig darum, dass sogar reichlich Inkonsistenzen und logische Brüche in Handlungen und Dialogen vorkommen. Im Kino-Sommer der Enttäuschungen hat Jason Bourne einen Logenplatz inne.

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