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Gold

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kritiken.de Redaktion 15.08.2013
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Gold als heimischer Western: Landschaft, Gier und die Umbiegung europäischer Mythen

Einleitung

Gold präsentiert sich als ein deutscher Beitrag zum Subgenre des modernen Western, das nicht mehr an den Weiten des amerikanischen Kontinents, sondern an europäischen Rändern und psychologischen Grenzlinien verhandelt, was der Mythos vom Gesetzlosen und dem Glück noch leisten kann. Die Relevanz des Films liegt weniger in der Erneuerung einer vertrauten Erzählform als in der Übersetzung ihrer Grundfiguren in eine Gegenwart, in der Ressourcen, Identität und Vergangenheit neu verhandelt werden müssen.

In einer Zeit, in der nationale Narrative und ökonomische Unsicherheiten wieder verstärkt in den öffentlichen Diskurs treten, wirkt Gold wie ein filmisches Experiment, das Genreklischees als Medium verwendet, um Fragen nach Besitz, Loyalität und politischer Leerstelle zu stellen. Die Entscheidung, einen Western in einem deutschen Kontext anzuordnen, ist in dieser Hinsicht programmatisch: Sie enttarnt die Universalität des Motivs vom Rausch nach Reichtum und macht deutlich, wie sehr Territorium, Geschichte und Gewalt miteinander verschmolzen sind.

Ohne die Regie prominent in den vorliegenden Angaben auszuweisen, lässt sich dennoch feststellen, dass das Werk stilistische Ambitionen zeigt, die auf eine Auseinandersetzung mit filmischer Form und narrativer Verdichtung zielen. Der Einsatz von Minimalismus in Dialog und eine Betonung von Bildkomposition und Geräuschkulisse verleihen Gold eine ernste, beinahe kontemplative Tonalität, die das Genre von innen her dekonstruiert und zugleich seine Archetypen nutzbar macht.

Kurzüberblick zur Produktion

Die vorliegenden Informationen nennen keinen Regisseur, doch die Handschrift des Films liest sich eindeutig in der sorgfältigen Kameraführung und in einem sparsamen, thematisch fokussierten Schnitt. Die Produktion arbeitet mit einem reduzierten Ensemble und offenkundig begrenzten Mitteln, was die filmische Ökonomie eher betont als verschleiert: Wenige Schauplätze, bewusste Lichtsetzung und eine stringente Konzentration auf zwischenmenschliche Konfrontationen ersetzen opulente Kulissen.

Solche Produktionsumstände sind charakteristisch für das europäische Autorenkino, das mit knappen Budgets oft eine größere poetische Freiheit erkauft. Gold positioniert sich innerhalb dieser Tradition, indem es den Western nicht im Sinne eines nostalgischen Rückgriffs, sondern als Forminstrument benutzt, um soziale und psychologische Landschaften auszuloten. Im Verhältnis zum Gesamtwerk seiner Mitanbieter wäre der Film als Beitrag zu einer jüngeren Strömung zu lesen, die Genrebegriffe für gesellschaftliche Reflexion adaptiert.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Marko Mandic trägt den Film als die zentrale Figur, deren Präsenz eher in Körpersprache und Augen als in ausführlicher Exposition liegt. Er bringt eine rauhe, oft verschlossene Energie in die Rolle, die den archetypischen Einzelgänger- oder Antiheldentypus evoziert. Uwe Bohm, ein erfahrener Charakterdarsteller der deutschen Bühne und Leinwand, liefert eine nüchterne, abgebrühte Gegenspielerfigur, deren Geschichte man Stück für Stück aus Andeutungen liest.

Peter Kurth, der einem breiteren Publikum durch markante Serienrollen bekannt sein dürfte, fungiert als starker, ambivalenter Unterstützer der erzählerischen Schichten. Seine Interpretation verankert die Handlung in einem sozialen Raster, das über bloße Konfrontation hinausweist. Nina Hoss bringt als einzige prominent genannte Schauspielerin eine konzise, innerlich aufgeladene Präsenz in den Film; ihre Erfahrung mit psychologisch feinen, zurückgenommenen Figuren macht sie zur moralischen und emotionalen Referenz im Ensemble.

Lars Rudolph komplettiert die Besetzung als ein Darsteller, der häufig Randfiguren Gestalt verleiht und in Gold erneut typische Spannungen zwischen Gesetzlosigkeit und Alltag beleuchtet. Gemeinsam formieren diese Schauspieler ein Ensemble, das weniger auf spektakuläre Gesten als auf simmernde Intensität setzt und das Genre durch nuancierte Figurenzeichnung nähert.

Handlung (spoilerfrei!)

Gold erzählt die Geschichte einer Konfrontation um ein verlockendes Ziel, das symbolisch für Reichtum, Macht und die Frage nach Zugehörigkeit steht. Die erzählerische Logik orientiert sich an klassischen Westernstrukturen: eine Reise oder Migration, die Ankunft an einem fragilen Ort und die Auseinandersetzung zwischen individuell getriebenen Interessen und einer lokalen Ordnung. Zentral sind wenige Hauptfiguren, deren Beziehungen im Spannungsfeld von Loyalität und Eigennutz ausgelotet werden.

Der dramatische Konflikt entsteht aus der Kollision persönlicher Ambitionen mit kollektiven Erwartungen und der physischen Realität des Ortes. Dabei bleibt der Film absichtlich knapp in seiner Exposition; Vieles wird über Blicke, Gesten und die Inszenierung von Raum vermittelt, statt in langen Expositionsszenen erklärt. Die Atmosphäre ist geprägt von einer latent drohenden Ruhe - die Ruhe vor einem möglichen Gewaltausbruch - und von einer dokumentarisch anmutenden Beobachtung des Alltags, die das Genre in eine realistische, beinahe existenzialistische Perspektive rückt.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von Gold stehen Fragen nach Grenze und Besitz, nach der Legitimität von Anspruch und dem Preis individueller Verheißungen. Der Film erkundet, wie das Streben nach materiellem Gewinn soziale Beziehungen zerrt und welche Formen von Gewalt daraus erwachsen können. Damit geht es nicht nur um ein ökonomisches Motiv, sondern um eine philosophische Verhandlung des Begriffs von Wert: Was zählt, wenn monetärer Wert mit moralischem Verlust korrespondiert?

Ein weiteres tragendes Motiv ist die Neubelegung des Landschaftsbegriffs. Die Topographie dient nicht als bloße Kulisse, sondern als aktiver Part im narrativen Gefüge - sie ist Prüfstein, Begrenzung und Spiegel der inneren Zustände der Figuren. Der Film nutzt die akustische und visuelle Gestaltung, um ein Gefühl von Entfremdung und historischer Schwere zu erzeugen, das an Debatten über Erinnerung und nationale Selbstbilder anschließt.

Schließlich lässt sich eine psychologische Dimension ausmachen, die die Frage nach Identität und Maskierung stellt. Figuren verhalten sich wie Entsprechungen klassischer Westerncharaktere, aber ihre Motivationen sind ambivalent und oft widersprüchlich. Dadurch eröffnet Gold eine Lektüre, die weniger auf moralische Urteile abzielt als auf das Herausarbeiten von Gründen, Schwächen und Bedingungen, unter denen Entscheidungen getroffen werden.

Filmkritik von Oliver Kaever

„Fahr zur Hölle, Berliner Schule!“, glaubte der Filmemacher Dietrich Brüggemann („3 Zimmer/Küche/Bad“) in seinem Blog skandieren zu müssen, als er im Februar Thomas Arslans Western „absitzen musste“. Viele Kritiker stießen ins gleiche Horn: Spröde sei der Film, langweilig, gestelzt und überhaupt: so sehe doch kein Western aus! Allerdings verteidigten ihn ebenso viele, einige erhoben ihn gar zum Meisterwerk. Es gilt die goldene Regel, dass ein Film, der Kritik und Publikum spaltet, so schlecht nicht sein kann. Auch auf Thomas Arslans „Gold“ trifft sie zu.

Sommer 1898: Der windige Geschäftsmann Laser (Peter Kurth) lockte eine Gruppe deutscher Abenteurer mit dem Versprechen nach Kanada, einen einfachen Weg zu den Goldfeldern des Nordens zu kennen. Unter den Abenteurern sind die ehemalige Dienstmagd Emily Meyer (Nina Hoss), der ständig fotografierende Journalist Gustav Müller (Uwe Bohm) und der Cowboy Carl Boehmer (Marko Mandi?). Aber schon nach wenigen Tagen verirrt sich Laser in den endlosen Wäldern. Er will sich mit dem Geld seiner Anvertrauten davon machen, wird aber auf frischer Tat ertappt. Hunger, Durst und Unfälle dezimieren die Gruppe weiter.

Nein, hier kommt kein John Wayne um die Ecke geritten, der mit losem Mundwerk und lockerem Revolver für kurzweilige Unterhaltung sorgt. „Gold“ ist ein sperriger Film, und er bleibt es auch, obwohl Arslan ihn nach dem Berlinale-Debakel um 15 Minuten gekürzt hat. Der Regisseur bleibt der genauen Beobachtung und scheinbaren Teilnahmslosigkeit der Berliner Schule verpflichtet und erprobt ihre Methoden in einem völlig anderen Setting, er holt sie aus der Großstadt in die raue Wildnis Nordamerikas. Mit ihm reitet also eher Bert Brecht als John Wayne durch den Wald. Eine mitreißende Dramaturgie und grandiose Naturaufnahmen sind Arslans Sache nicht. Totalen zeigt er selten, dann aber überlegt. Und so stellt sich ganz langsam, fast unmerklich ein Gefühl der Klaustrophobie ein – der scheinbaren Unendlichkeit der Landschaft zum Trotz. Die Natur scheint ein Eigenleben zu entwickeln, die Reise wird zum psychedelischen Trip.

„Gold“ will den Zuschauer nicht überwältigen. Der Film lädt ihn dazu ein, eine Erfahrung zu machen. Dazu muss er gewillt sein, sich auf eine lange Reise zu begeben. Wenn man Arslan einen Vorwurf machen kann, dann den, dass sein Film nicht radikal genug ist. Was stört, sind die Reste konventioneller Dramaturgie. Es gibt etwa eine angedeutete Parallelmontage – zwei Killer machen sich auf, den Trek zu finden –, die sich zu einem Showdown ausweitet. Möglich, dass Arslan hier eine Verbeugung Richtung Western-Genre versucht, aber der Erzählfaden wirkt fehl am Platz und führt zu einem Ende, das nicht recht zum Rest des Films passen will. Und tatsächlich wirken einige Dialoge geradezu peinigend hölzern, wobei auch das einem Verfremdungseffekt geschuldet sein mag, der Distanz zum Geschehen herstellen will.

Völlig fantasielos hingegen wirkt das Casting. Man würde sich wünschen, dass ein Regisseur von Arslans Format mehr aus seinen Darstellern machte. Aber Peter Kurth und Uwe Bohm müssen wieder einmal Widerlinge geben, während der großartige Lars Rudolph den sanften Sonderling spielt, der irgendwann einfach im Wald verschwindet. Sie alle überragt die ätherische Erscheinung von Nina Hoss, die wieder einmal beweist, das sie eine der wenigen deutschen Darstellerinnen mit der Aura eines Weltstars ist. Und das, obwohl sie kaum mehr als zwei Sätze am Stück spricht.

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