Gods of Egypt - Monumentales Mythenkino und die Ambivalenz des modernen Blockbuster-Epos
Einleitung
Gods of Egypt tritt an als ein filmisches Spektakel, das antike Bildwelten in die Sprache des zeitgenössischen Blockbusters übersetzt. Die Relevanz des Films liegt weniger in seiner historischen Authentizität als in der Art und Weise, wie er Mythos, Moderne und Industrieästhetik miteinander verknüpft - ein Versuch, klassische Schöpfungs- und Machtmythen in hyperrealen Designräumen zu erzählen. In einem Kinojahr, das zunehmend über Repräsentation und kulturelle Aneignung debattiert, wurde Gods of Egypt rasch zum Kristallisationspunkt jener Fragen.
Für das Werk seines Regisseurs markiert der Film einen erklärten Rückgriff auf das barocke, stylisierte Kino, das Alex Proyas bereits in Dark City kultivierte. Dort war es die Nacht und die klaustrophobe Stadtarchitektur, hier ist es die monumentale Sonne und ein pantheonhaft überhöhtes Ägypten - beide Modi verlangen eine Regieführung, die Form und Atmosphäre über naturalistische Details stellt. Gods of Egypt ist damit keine Historisierung, sondern eine visuelle Konzeption von Mythos als Bühne.
Gleichzeitig ist der Film ein Produkt seines Zeitgeists. Er entstand in einem Moment, in dem Hollywood seine globale Vermarktbarkeit optimiert und visuelle Effekte als primäres Instrument der Weltbildung einsetzt. Die Debatte um Casting-Entscheidungen, die den Film begleitete, verweist auf die wachsende Sensibilität gegenüber kultureller Authentizität und die Forderung nach Diversität vor und hinter der Kamera. Gods of Egypt lässt sich daher nur als filmisches Objekt verstehen, das in Spannungsfeldern von Kunst, Industrie und Politik steht.
Kurzüberblick zur Produktion
Alex Proyas, der Regisseur, ist bekannt für eine Handschrift, die sich durch dichte Production-Designs, eine starke sinnliche Bildsprache und ein Faible für surreale, urban-gotische Atmosphären auszeichnet. Gods of Egypt setzt diese Merkmale fort, übersetzt sie jedoch in ein anderes Spektrum: weg von dunklen Interieurs hin zu überbordenden, oftmals digital konstruierten Landschaften. Proyas' Interesse an archetypischen Räumen und an einer Bildsprache, die Emotion und Macht über literarische Erklärung stellt, bleibt identifizierbar.
Die Produktion folgt dem Muster großer US-Studiospektakel - ein hohes Budget, extensiver Einsatz von Visual Effects und aufwändige Kostüm- und Setgestaltung, die weniger an archäologische Präzision als an ikonografische Bildstärke gebunden sind. Solche Umstände verlangen eine Arbeitsteilung zwischen Regie, VFX-Studios und der Designabteilung, was dem Film seine hybride Erscheinung gibt - Handwerkliches ist sichtbar mit Digitalem verwoben, was der Inszenierung sowohl Monumentalität als auch eine künstliche Kühle verleiht.
Im Gesamtwerk Proyas' steht Gods of Egypt für einen mutigen, gleichwohl ambivalenten Schritt: Die Übertragung seiner dunkleren, introspektiven Bildwelten in ein sonnendurchflutetes Mythenepos zeigt seine Kontinuität als visueller Autor, aber auch die Herausforderungen, die entstehen, wenn auteuristische Handschrift mit den imperativen Mechaniken des gegenwärtigen Franchise-Kinos kollidiert.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung setzt auf eine Mischung aus etablierten Charakterdarstellern und jüngeren Aufsteigern. Gerard Butler übernimmt die Rolle des Set - der Antagonist, dem die filmische Anlage eine monumental überhöhte Präsenz verleiht. Seine stämmige Leinwandgestalt und Actionstar-Historie werden genutzt, um Macht und Brutalität zu verkörpern, weniger innere Ambivalenz.
Brenton Thwaites steht dem als junger Protagonist gegenüber - ein sterblicher Außenseiter, dessen Perspektive das Publikum in die mythische Ordnung einführt. Nikolaj Coster-Waldau, dem durch Game of Thrones ein prägnantes, nobles Profil anhaftet, spielt den himmlischen Gegenspieler Horus, dessen aristokratische Kälte klassische Merkmale dieser Figur rekonstruiert. Geoffrey Rush fungiert als vokaler und schauspielerischer Anker für die pantheonhafte Dimension, während Chadwick Boseman die Rolle eines göttlichen Beraters einnimmt - seine Präsenz verleiht der Erzählung Gewicht und Aura.
Rufus Sewell, Élodie Yung und weitere Ensemblemitglieder tragen zum Kaleidoskop aus Machtfiguren, Vasallen und mythischen Kreaturen bei. Die Besetzung reflektiert dabei ein Spannungsfeld zwischen internationaler Starästhetik und der Erwartung an kulturelle Kongruenz - ein Spannungsverhältnis, das den Film in die öffentliche Diskussion brachte.
Handlung (spoilerfrei!)
Gods of Egypt erzählt die klassische Topographie eines Machtkampfes zwischen Göttern, in dessen Zentrum die Zerstörung der göttlichen Ordnung und die Suche nach verlorener Macht stehen. Die narrative Achse wird durch das Zusammenwirken eines sterblichen Helden mit übergroßen, mythisch definierten Gottheiten gebildet - ein Abenteuer, das als Reise durch symbolisch aufgeladene Räume angelegt ist. Dabei bleibt die Erzählung weniger an psychologische Tiefe als an archetypische Gesten und konfliktreiche Set Pieces gebunden.
Der dramatische Konflikt entfaltet sich auf mehreren Ebenen: physische Konfrontation um Thrones und Zepter, existenzielle Fragen über Sterblichkeit und göttliche Verantwortlichkeit, sowie die politische Dimension eines Herrschaftswechsels. Tonal bewegt sich der Film zwischen bombastischem Pathos, ironischen Lichtern und opernhafter Steigerung - er setzt auf Monumentalität statt Intimität.
Zentrale Themen und Motive
Thematisch lotet der Film Macht, Hybris und die Verquickung von Menschlichem und Göttlichem aus. Er fragt indirekt danach, wie Mythen als politische Instrumente fungieren und welche Legitimation Herrschaft erwirbt, wenn sie als Schicksal gedeutet wird. Die Gegenüberstellung von sterblichem Perspektivraum und gottgleicher Überhöhung dient als Fabel über Verantwortlichkeit - wer herrscht und welche Moral legitimiert dabei Gewalt?
Eine zweite, nicht zu trennende Dimension ist die Frage nach Repräsentation und kultureller Deutungshoheit. Gods of Egypt operiert mit ikonografischen Versatzstücken einer ägyptischen Ästhetik, ohne sich dem Anspruch historischer Rekonstruktion zu unterwerfen. Dadurch entsteht ein ästhetisches Pastichesystem - beeindruckend in der Bildgewalt, problematisch in der politischen Lesart. Dies führt zu übergeordneten Fragen über die Art, wie moderne Blockbuster Geschichten fremder Kulturen adaptieren - ob als Hommage oder als Aneignung.
Schließlich konstituiert sich das Motiv der Transformation - nicht nur im mythologischen Sinne, sondern auch als filmisches Phänomen: Proyas versucht, die Form des Epos für ein visuell dominantes Zeitalter zu aktualisieren. Gods of Egypt ist damit ein Versuch, in spektakulärer Form die großen narrativen Fragen zu stellen - und zugleich ein Spiegel für die Spannungen, die entstehen, wenn künstlerische Ambitionen und industrielle Produktionslogiken aufeinandertreffen.
Filmkritik von Peter Osteried
Mehrheitlich weiße Gods of Egypt
Im Vorfeld machte Gods of Egypt vor allem Schlagzeilen, weil es als Affront gewertet wurde, dass fast nur weiße Schauspieler für die Götter-Rollen gecastet wurden. Damit einher geht ein gewisser Ruch, wirkt es nun doch so, als würde die weiße Herrenrasse über das ethnische Ägypten herrschen. Mit Chadwick Boseman als Thoth hoffte man wohl, dieser Stimmung entgegenwirken zu können, dafür hätte man die Figur aber deutlich weniger lächerlich anlegen müssen.
Die Götter herrschen über Ägypten. Osiris (Bryan Brown) ist ein gütiger König, der die Krone an seinen Sohn Horus (Nikolaj Coster-Waldau) weitergeben will. Doch just bei der Krönung taucht Osiris‘ Bruder Set (Gerard Butler) auf, der den König zum Kampf fordert – und gewinnt. Er reißt Horus die Augen heraus, krönt sich selbst und errichtet in Ägypten ein Schreckensregime, dem Sterbliche und Götter zugleich zum Opfer fallen. Doch noch ist nicht alles verloren, denn der Dieb Bek (Brenton Thwaites) benötigt Horus‘ Hilfe – und bietet ihm dafür an, ihm bei der Erlangung seiner Rache beizustehen.
Es ist ein generelles Problem von Gods of Egypt, dass die Figuren fast schon an Karikaturen erinnern. Damit einher gehen platte Dialoge, die in ihrer Eindimensionalität kaum noch übertreffbar sind. Dementsprechend werden sie von Butler und Co. auch zum Besten gegeben. Mit Ruhm bekleckert sich hier niemand. Dafür ist Alex Proyas‘ neuestes Werk zu sehr ein Komplettausfall.
Zugegeben, diese Art Film soll vor allem mit Effekten und Action überzeugen, aber auch hier gibt es deutliche Defizite. Während die Kämpfe mit den menschlichen Figuren noch in Ordnung gehen, sehen die Götter in ihrer transformierten Form geradezu armselig aus. Hatte man beim Trailer noch das Gefühl, unfertige Effekte zu sehen, so zeigt sich nun, dass sie im fertigen Film keinen Deut anders aussehen. Wenn sich silberne und goldene Gestalten in den Lüften bekämpfen, dann erinnert das an Computerspiele – aber an schlechte!
Darüber könnte man hinwegsehen, wäre die Geschichte wenigstens halbwegs spannend gestaltet, aber alles verläuft streng nach Schema F. Es gibt keine Innovation, keine Originalität, keine sprühende Idee, die aus der Lethargie des Altbackenen herausreißen würde. Stattdessen zerfasert der Film immer mehr. Er bietet Figuren und Ereignisse, die für die Haupthandlung frei von jeder Wichtigkeit sind. Als ob der Kampf um die Krone nicht reichen würde, wird auch noch ein amorphes Monster eingeführt, das die ganze Welt vernichten will. Damit wird auch Sets Motivation vollkommen zerschossen, weil man im Grunde nicht mehr versteht, was er eigentlich will. Bei Horus wiederum ist es der bloße Rache-Gedanke, der derart eindimensional gestaltet ist, dass sich jedwede Sympathie, die man für Coster-Waldau empfinden mag, in Luft auflöst. Über weite Strecken des Films fragt man sich, warum man für Horus sein soll, erscheint dieser doch auch keinen Deut besser als Set!
Gods of Egypt ist ein filmisches Zugunglück, aber leider keines der Kategorie „So schlecht, dass er schon wieder gut ist“. Tatsächlich ist er nur schlecht, schlimmer noch, er ist langweilig. Gibt es eine größere Sünde für vermeintliches Blockbuster-Kino?

