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Chevalier

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kritiken.de Redaktion 21.04.2016
Chevalier© Rapid Eye Movies
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Chevalier: eine kalibrierte Komödie der Eitelkeiten und die Ästhetik sozialer Rangordnung im männlichen Kollektiv

Einleitung

Chevalier tritt in die Spur jener griechischen Festivalsprache, die seit der letzten Dekade das europäische Autorenkino herausfordert - ein Film, der weniger durch plumpe Parabeln als durch eine ziselierte Beobachtung sozialer Mechanik auffällt. Die Relevanz des Films liegt nicht in einem einmaligen Plot-Event, sondern in seiner insistierenden Konzentration auf Rangordnungen, Ritualisierung und die Komödie, die entsteht, wenn Menschen einander nach abstrakten Maßstäben beurteilen. In einer Zeit, in der öffentliche und private Wertmaßstäbe neu verhandelt werden, fungiert Chevalier als Lupe für die Alltäglichkeit der Demütigungen und Selbstinszenierungen.

Innerhalb des Werkes der Regisseurin Athina Rachel Tsangari - die hier zur Relevanz des Titels beiträgt - lässt sich Chevalier als Fortführung eines Interesses an performativen sozialen Systemen lesen. Tsangari hat in früheren Arbeiten bereits die Schnittstellen von Individuum und Protokoll ausgelotet; hier verlagert sich die Kameraperspektive auf die Mechanik zwischen Männern, deren Beziehungen durch unsichtbare Ranglisten strukturiert sind.

Der Film trifft damit einen Zeitgeist, der sowohl lokal als auch global zu verorten ist - postkrisenhafte Verunsicherung, die Suche nach Status und die Wiederkehr ritualisierter Testmechanismen als kompensatorische Formen sozialer Ordnung. Zugleich bleibt Chevalier in seinem Zugriff formal: Er interessiert sich weniger für moralische Erklärungen als für die Mechanik sozialer Spiele und die stillen, oft komischen Verwerfungen, die sie erzeugen.

Kurzüberblick zur Produktion

Chevalier ist eine typischerweise auf Ensemble und Raum konzentrierte Produktion, die das begrenzte Setting nutzt, um beobachtende Präzision zu gewinnen. Unter der Regie von Athina Rachel Tsangari zeigt der Film eine Handschrift, die sich durch kalkulierte Bildkomposition, eine Vorliebe für symmetrische Tableaus und eine ironisch-kühle Tonalität auszeichnet. Die Kamera registriert Gesten und Blicke mit einer Mischung aus Distanz und Intimität - ein Stil, der sowohl dokumentarische Präsenz als auch inszenatorische Kontrolle vereint.

Die Produktionsumstände entsprechen dem, was man vom europäischen Arthouse-Kino der 2010er Jahre erwartet: eine überschaubare Ausstattung, ein Fokus auf Schauspiel und Regiearbeit, und die Ökonomie enger räumlicher Konfigurationen. Diese Beschränkungen werden nicht als Mangel, sondern als produktive Bedingung genutzt, die den filmischen Blick auf soziale Details schärft. Chevalier positioniert sich dadurch als ein zentrales Kapitel in Tsangaris Œuvre - nicht als Abkehr, sondern als konsequente Fortführung ihrer thematischen Obsessionen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung von Chevalier ist Ensemble-orientiert und versammelt Charakterdarsteller, die für das griechische Kino der letzten Jahre prägend sind. Yorgos Pirpassopoulos bringt die abgeklärte Präsenz eines Schauspielers mit, der zwischen Theater- und Filmarbeit pendelt und eine Mischung aus lakonischem Ernst und versteckter Verletzlichkeit verkörpern kann. Vangelis Mourikis ist bekannt für seine Wandlungsfähigkeit in kleineren, psychologisch dichten Rollen; er trägt in solchen Konstellationen oft die Funktion eines stillen Gegengewichts.

Sakis Rouvas tritt als prominente Figur aus dem Popbereich auf, dessen Medialität die Figur zusätzlich auflädt - ein Phänomen, das in der Wahl der Schauspieler bewusst eingesetzt wird, um reale öffentliche Resonanzen in die Spielwelt einzuspeisen. Nikos Orphanos und weitere Ensemble-Mitglieder wie Giannis Drakopoulos und Yiorgos Kendros ergänzen das Bild durch unterschiedliche Schattierungen männlicher Selbstsicherheiten und Unsicherheiten. Gemeinsam formen sie ein Kaleidoskop von Typen - vom affektfreien Wettbewerber bis zum subtil verunsicherten Mitspieler - ohne dass einzelne Figuren in simple Klischees kippen.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Handlung von Chevalier ist bewusst reduziert auf eine Situation: Eine Gruppe von Männern begibt sich in einen geschlossenen Raum - räumlich wie sozial - und initiiert ein Spiel, dessen Ziel scheinbar trivial ist, dessen Konsequenzen aber die Beziehungen untereinander schrittweise neu ordnen. Der dramatische Konflikt entsteht nicht durch äußere Ereignisse, sondern aus der Interaktion selbst - aus Blicke, Kommentaren, kleinen Gesten und der systematischen Bewertung der Beteiligten.

Zentrale Figuren existieren mehr als Rollenfunktionen in diesem Gefüge: Es gibt Wettbewerbshandlungen, subtile Allianzen und Brüche in der stillen Ordnung, die den Rhythmus des Films bestimmen. Ton und Atmosphäre sind häufig lakonisch bis trocken-komisch, gelegentlich beklemmend, stets kontrolliert - eine Beobachtung, die auf Distanz bleibt, ohne die emotionale Relevanz der Konstellationen zu verwässern.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern fragt Chevalier nach den Bedingungen von Wert und Würde in einer Welt, in der Status zunehmend performativ und vergleichbar wird. Der Film erkundet, wie Rituale - scheinbar banale Auswahlverfahren, Wettkämpfe, Ranglisten - Identitäten formen und brüchig machen. Er lotet die Grenze zwischen Selbstbehauptung und Selbstverlust aus: Wann wird das Streben nach Anerkennung zur Verformung des Selbst?

Dabei verbindet der Film psychologische Nuancierung mit soziologischer Beobachtung. Themen wie toxische Männlichkeit, Konkurrenzkultur und die Komik der Selbstüberhöhung treten nebeneinander auf, ohne didaktisch aufgelöst zu werden. Formal wiederkehren Motive der Wiederholung und der Messung - Scores, Tabellen, ritualisierte Abläufe - die das zentrale Fragefeld visualisieren: Wie produzieren wir soziale Ordnung, und welche Kosten hat sie für das Zwischenmenschliche?

Chevalier bleibt somit ein ästhetisch disziplinierter Essay über die Mechanik des Bewertens - ein Film, der weniger Antworten als präzise Fragen anbietet und dabei die Zuschauerin wie den Zuschauer in ein Labor sozialer Beobachtung versetzt.

Filmkritik von Peter Osteried

Wer den Chevalier will, muss in allem der Beste sein

Athina Rachel Tsangari hat mit ihren bisherigen Filmen für Aufsehen gesorgt, und auch Chevalier ist nicht von schlechten Eltern. Der mehrfach preisgekrönte Film benutzt die Mechanismen einer Komödie, wird aber zusehends mehr zu einem Psychogramm, das zugleich auch einen Blick auf die immer größer werdende soziale Kluft der griechischen Gesellschaft wirft.

Auf einer Yacht befinden sich sechs Männer: Der Doktor, Yorgos, Josef, Dimitris,Yannis und Christos. Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein können – und das nicht nur in persönlicher Hinsicht, sondern auch mit Blick auf ihren sozialen Status. Die Männer tauchen und betreiben das mit Ehrgeiz und echtem Wettbewerbsgefühl. Doch dann ist das nicht mehr genug. Ein neues Spiel muss her: „In allem der Beste“. Fortan bewerten und vergleichen sie sich in Lebenslagen – vom Angeln über Schlafpositionen bis zu Blutwerten und Penislängen. Der Beste erhält am Ende den Chevalier, einen wertvollen Ring. Doch ihn zu gewinnen, ist nicht so leicht.

Mit dem Schauplatz der Yacht ist Chevalier ein wenig eintönig. Die Bilder gleichen sich immer wieder, ebenso wie die Handlungen, aber hier kann man erkennen, wie alles immer mehr ins Dramatische gibt, während satirischen Momenten Tür und Tor geöffnet werden. Denn was anfangs sehr harmlos beginnt, wird unter Tsangaris Regie zu einem bitterbösen Kommentar auf die männliche Psyche, die aus jedem Spiel bitteren Ernst machen muss. Es ist ein wenig schmeichelhaftes Psychogramm über das starke Geschlecht, das hier dargeboten wird.

Chevalier lebt davon, dass er wahrhaftig ist – und das bis zu dem Grad, an dem das Zuschauen nicht mehr purer Spaß ist, sondern auch mit einer bitteren Note daherkommt. Tsangari versteht es bravurös, die Stimmung blitzschnell kippen zu lassen und vom Absurden zum nachhaltig Wirkenden zu wechseln. Dabei kann sie sich auf ein exzellentes Ensemble verlassen, das bis in die Nebenrollen überzeugend ist.

Die Schauspieler arbeiten sich aneinander ab, und da man sie hierzulande gar nicht kennt, kann man sich voll und ganz auf die Figuren einlassen. Hier steht kein Star, der über der Figur thront – vielmehr ist es eine zwar überzogene, aber dennoch glaubwürdige Geschichte, die aufzeigt, wie Machismo sich seinen Weg bahnt. Das ist ein bissiger Kommentar auf die Männerwelt, aber auch auf die griechische Gesellschaft. Und darum auch ein Film, der über die Grenzen Griechenlands interessant und sehenswert ist.

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