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Freiland

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kritiken.de Redaktion 07.08.2014
Freiland© farbfilm verleih GmbH
A ca. 1699 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Freiland - Landschaft als Identitätsmaschine: Karges Kino über Gemeinschaft, Entfremdung und persönliche Neuorientierung

Einleitung

Mit dem 07.08.2014 datierten Freiland betritt ein Film die Diskussion, der weniger auf dramatische Zuspitzungen als auf die stille Aushandlung von Zugehörigkeit und Verlust setzt. In einer Zeit, in der die deutsche Gegenwartsliteratur und das arthausorientierte Kino vermehrt das Spannungsfeld zwischen ländlicher Verödung und urbaner Mobilität ausloten, wirkt dieser Film wie ein ruhiger, beharrlicher Beitrag zu derselben Beobachtung: Wie formt der Raum die Identität seiner Bewohner, und wie reagiert eine Gemeinschaft auf innere und äußere Brüche?

Die Relevanz von Freiland liegt weniger in spektakulären Konfrontationen als in der präzisen Beobachtung gesellschaftlicher Mikrostrukturen. Der Film konfrontiert das Publikum mit Figuren, deren Konflikte aus Verhältnissen entstehen - aus Besitzverhältnissen, Arbeitssituationen, familiären Bindungen und der allmählichen Erosion tradierter Lebensentwürfe. Diese Konzentration auf das Alltägliche macht ihn zu einem Dokument seiner Zeit; er stellt weniger Forderungen als Fragen und lässt damit Raum für Reflexion.

In stilistischer Hinsicht lässt sich Freiland als ein Werk lesen, das einer kontemplativen, naturalistischen Ästhetik verpflichtet ist. Die Regiearbeit steuert eine reduzierte, auf Details pochende Bildsprache, die Konflikte nicht laut, sondern in Nuancen ausspielt. Innerhalb eines größeren filmischen Kontexts kann Freiland so als Beispiel einer Strömung gelten, die Stimmungsräume gegenüber plotgetriebener Dramaturgie vorzieht - eine Haltung, die sich als Kontrapunkt zur erstarkenden Fernsehserien-Logik versteht.

Kurzüberblick zur Produktion

Freiland präsentiert sich als ein Werk, dessen Handschrift weniger durch spektakuläre Regieeinfälle als durch beharrliche formale Disziplin geprägt ist. Die Bildgestaltung orientiert sich an einer klaren Komposition des Raumes; Einstellungen nehmen oft Distanz, um Beziehungen zwischen Figuren und Umgebung sichtbar zu machen. Die Kameraarbeit, das Mise-en-scene und die Tongestaltung arbeiten gemeinsam an einer Dichte, die das Erzählerische über atmosphärische Verdichtung vermittelt.

Konkrete Produktionszahlen sind nicht die Hauptbotschaft dieses Films, doch die Ökonomie des Films ist spürbar: Es handelt sich um eine Produktion, die auf Ensemblearbeit und reale Schauplätze setzt und damit die Authentizität der Welt betont. Diese Art der Produktion, bei der Ressourcen eher in die Arbeit mit Darstellern und in die Auslotung von Räumen als in aufwendige technische Effekte fließen, korrespondiert mit dem intellektuellen Anspruch, Kleinheit als ästhetisches Prinzip zu nutzen.

Innerhalb des vermutlichen Gesamtwerks der beteiligten Filmemacher lässt sich Freiland als konsequente Fortführung eines Interesses an sozialen Topografien lesen. Wer die filmische Gegenwart entlang der Fragen nach Gemeinschaft und Land fordert, wird in diesem Film eine geduldige, pointierte Ergänzung zu anderen Arbeiten finden, die sich der Frage nach dem Verharren und dem Aufbruch in provinziellen Milieus widmen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble von Freiland versammelt eine Mischung aus etablierten Charakterdarstellern und jüngeren Gesichtern, deren Gemeinsamkeit in der zurückgenommenen Kraft ihrer Präsenz liegt. Aljoscha Stadelmann verkörpert die junge, impulsive Energie, die in solchen Erzählungen oft als Motor für Brüche fungiert; seine physiognomische Offenheit erlaubt es, innere Zerrissenheit ohne laute Gesten zu markieren. Stephan Grossmann, dessen Art zu spielen in vergleichbaren Formaten Verlässlichkeit und eine raue Menschlichkeit signalisiert, fungiert als Gegengewicht - eine Figur, die eher in der Kontinuität verhaftet scheint.

Die übrigen Ensemblemitglieder - darunter Namen wie Thomas Morris, Christian Ahlers oder Klaas Heufer-Umlauf - erweitern das Panorama um unterschiedliche Tonlagen: einige bringen eine theatralere, archaischere Energie ein, andere feine, nuancierte Untertöne. Gerade die Entscheidung, sowohl klassische Filmschauspieler als auch aus anderen Medien bekannte Gesichter zu führen, erzeugt eine heterogene Klangfarbe. Diese Besetzungspraxis unterstützt die Absicht des Films, Gemeinschaft als ein Gefüge heterogener Stimmen zu zeigen - nicht als homogene Masse, sondern als Raum wechselnder Positionen und Interessen.

Handlung (spoilerfrei!)

Freiland erzählt von einem - geografisch und sozial - begrenzten Kosmos, in dem mehrere Protagonisten um ihre Stellung im Gefüge ringen. Der dramatische Konflikt entsteht nicht aus einem einzelnen Ereignis, sondern aus der Kollision persönlicher Ansprüche mit den starren Strukturen ihrer Umgebung. Zentrale Figuren sind Individuen, die zwischen dem Bleiben und dem Weggehen schwanken, zwischen Verpflichtung gegenüber einer Gemeinschaft und dem Verlangen nach eigenem Aufbruch.

Die Erzählung verzichtet auf schnelle Antworten und spektakuläre Wendungen; ihr Ton ist behutsam, gelegentlich von lakonischem Humor durchbrochen, häufiger jedoch von einer melancholischen Schwere getragen. Atmosphärisch arbeitet der Film mit weiten Außenaufnahmen, stillen Innenräumen und einer Lichtsetzung, die die Jahreszeiten und damit den Zeitverlauf als Begleitmotiv nutzt. Die Spannung speist sich hier aus Beobachtung und Erwartung - aus dem, was unausgesprochen bleibt und im Blick vorgeschlagen wird.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von Freiland stehen Fragen nach Zugehörigkeit, Eigentum und der Beziehung zwischen Mensch und Raum. Der Film fragt, inwiefern Land als materielles Gut zugleich ein Träger von Identität werden kann - wie Boden, Häuser und wirtschaftliche Verhältnisse Biografien prägen. Aus dieser Perspektive wird die Auseinandersetzung um Besitz und Nutzung zur Metapher für das Ringen um Selbstbestimmung und historische Verantwortung.

Eng damit verwoben ist ein Motivenkreis, der Generationendifferenzen, Maskulinitätsbilder und ökonomische Umbrüche umfasst. Der Film untersucht, wie traditionelle Rollen in die Krise geraten und wie die Suche nach neuen Orientierungen Konflikte erzeugt, die nicht allein individuell zu lösen sind. Psychologisch interessiert sich die Erzählung für das Verhältnis von innerer Mobilität und äußerer Immobilität - für Menschen, die innerlich in Bewegung sind, während sich die Welt um sie herum kaum verändert.

Kinematographisch wiederholt sich die Motivik der Distanz: Einstellungen, die Figuren in Relation zur Landschaft setzen, Klangräume, die Stille als Möglichkeit der Bedeutungssuspension nutzen, und eine Erzählung, die auf Ellipsen statt auf vollständige Exposition setzt. Diese formalen Entscheidungen verwandeln den Film in eine Reflexion über das Sehen selbst - darüber, wie filmische Mittel Zugehörigkeit darstellen und wie sie das Publikum zur Teilnahme an einem langsamen, aber intensiven Beobachtungsprozess einladen.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Lehrer Niels (Aljoscha Stadelmann) gehört zu den Menschen, die nicht tatenlos rumsitzen, wenn ihm sie herum eine Ordnung aus den Fugen gerät. Doch dass er mit seinem Revoluzzer-Naturell auch die Schüler ansteckt, ist der Karriere nicht sonderlich zuträglich. Da hilft nur eins: Sich vom korrumpierten deutschen Staat befreien und einen neuen und vor allem besseren gründen.

Niels, der Mann mit der Augenklappe, ist der Erzähler seiner eigenen Geschichte. Sein Voice Over begleitet und kommentiert die Ereignisse und in Interviewsequenzen liefert er dem Zuschauer einen vermeintlichen Tatsachenbericht. Im Laufe des Films stoßen weitere Protagonisten als Erzähler und Erzählerinnen hinzu, doch der Fokus bleibt auf ihrem zweifelhaften Anführer.

Punkrock begleitet die Eingangsszenen, in denen sich Niels mit seinen Schülern in eine Demo mischt und dabei ein Auge verliert. Die aggressive Revolutionsstimmung dieser Bilder deutet bereits an, dass die folgende Geschichte kein gutes Ende nehmen wird. Den Abwärtstrend stets vor Augen, kann der Zuschauer die Utopie des freien Staates in der brandenburgischen Provinz zu keinem Zeitpunkt für voll nehmen. Niels wirkt wie ein paranoider Spinner, dessen Predigten vom Untergang der zivilisierten Welt uns vornehmlich zum Schmunzeln und nur sehr selten zum Nachdenken bringen. Ihm zur Seite steht Christian (Matthias Bundschuh), der immerhin ein Buch über autarke Lebenskonzepte verfasst hat, dessen stark intellektualisierte Herangehensweise jedoch ebenso wenig Erfolg zu versprechen scheint wie Niels’ blinder Aktionismus.

Es ist schade, dass „Freiland“ das Projekt des selbstbestimmten Lebens derart belächelt. Immerhin verzichtet Regisseur Moritz Laube auf platten Slapstickhumor. Er will die Utopie der alternativen Lebensgestaltung nicht lächerlich machen, aber ganz offensichtlich genauso wenig als realistische Handlungsoption postulieren. Seine Figuren rennen viel zu blauäugig in das Unternehmen der Staatsgründung und fügen sich in das gern kritisierte Muster eines allgemeinen „Dagegenseins“, das keine Alternative zur vorherrschenden Ordnung vorweisen kann. Niemand in „Freiland“ kümmert sich tatsächlich um die Autonomie der kleinen Gesellschaft. Es gibt keine Landwirtschaft oder Viehzucht zur Selbstversorgung und die einzigen Maßnahmen, die zur Konsolidierung des neuen Staates ergriffen werden, sind regelmäßige „Reproduktionsabende“. Die Bürgerpflicht in „Freiland“ besteht somit allein in regelmäßiger Paarung und bedingungslosem Gehorsam.

Niels ist ein Diktator, sein System ein faschistoides, kommunistisches und totalitäres. Statt eine klare Metapher zu zeichnen, verweist Moritz Laube in seinem Film auf verschiedene politische Ideologien und Propagandastrategien. So richtig durchdacht wirkt das alles nicht. Vielleicht weil Niels eigentlich gar keine politische Agenda besitzt. Vielleicht weil die Handlung basierend auf einem 10 seitigen Treatment improvisiert wurde. Vielleicht aber auch weil Moritz Laube sich selbst nicht ganz sicher war, was er mit diesem Film aussagen wollte.

Ganz am Ende zeigt der Film in Rückblicken die Antragsgespräche der einzelnen Freiland-Bürger vor ihrer Aufnahme in den neuen Staat und gibt damit berührende Einblicke in die Sehnsüchte und Ängste seiner Figuren. Der Zuschauer hat nun die Möglichkeit, die eigenen Sorgen in diesen Äußerungen wiederzuerkennen und für das zuvor haarsträubend wirkende Unternehmen Verständnis zu entwickeln. Dadurch gewinnt „Freiland“ deutlich an Tiefe. Was zuvor belächelt wurde, ist plötzlich eine nachvollziehbare Realitätsflucht all jener, die sich in unserer Gesellschaft nicht mehr Zuhause fühlen. In diesem Moment gewinnt das Scheitern der Utopie an Tragik.

„Freiland“ ist alles andere als ein Aufruf zur Revolution. Niels’ bleibt ein flacher Charakter, dessen Motivation aus seinem bisherigen Leben auszubrechen, wir nur erahnen können. Selbiges gilt für die anderen Protagonisten, von denen ein Großteil auffällig im Hintergrund der Handlung verbleibt. Auch das semidokumentarische Konzept erweist sich als sperrig. Handkamera, improvisiertes Schauspiel und die Interviewsituationen erzeugen eine Illusion von Wahrhaftigkeit, die jedoch wiederholt durch augenscheinlich inszenierte Passagen und Perspektivwechsel der Kamera zerstört wird. So wie das politische System von „Freiland“ zwischen unterschiedlichsten Polen schwankt, lässt sich auch der Film nur schwer in Kategorien pressen. Infolgedessen entsteht im Publikum eine Unsicherheit darüber, ob es die Ereignisse durchdenken oder als komödiantische Unterhaltung belächeln soll.

Unterhaltsam ist „Freiland“ nämlich allemal, was in erster Linie den grandiosen Schauspielern und der ausgezeichneten Schauspielerführung Moritz Laubes zu verdanken ist. Insbesondere Matthias Bundschuh, Henrike von Kuick und Hildegard Schroedter gelingt es, ihren Figuren trotz aller Klischeefallen große Natürlichkeit zu verleihen. Henrike von Kuick beispielsweise spielt die recht einfach gestrickte Sekretärin Nana mit so viel Liebe zu ihrer Figur, dass sie die junge Frau niemals der Lächerlichkeit preisgibt. Moirtz Laube konstruiert eindeutig Typen, vermeidet aber gekonnt, sie in Witzfiguren zu verwandeln und generiert dadurch statt breitenwirksamer Kalauer einen charmanten sanften Humor. Auch gelingt es ihm, trotz des auf Improvisation fußenden Konzepts, einen Spannungsbogen zu etablieren und aufrechtzuerhalten. Nur das Ende kommt dann doch ein wenig plötzlich und konstruiert daher.

Dass „Freiland“ letztlich ebenso wenig politisch ist wie seine Protagonisten, bleibt bedauerlich, birgt das gelungene Unterhaltungskonzept doch so viel satirisches Potential, den Zuschauer zu ernsthaften Zweifeln am Status Quo zu geleiten. Es scheint, als fehle Moritz Laube der Aktionismus seiner Hauptfigur. Niels ist zwar paranoid und egoistisch, aber auch verdammt mutig.

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