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Die Mitte der Welt

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kritiken.de Redaktion 10.11.2016
Die Mitte der Welt© Universum Film GmbH
A ca. 1452 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Die Mitte der Welt - Coming-of-Age als Kartographie innerer Räume und gesellschaflicher Bruchlinien

Einleitung

Die Mitte der Welt betritt das deutsche Kino als behutsame, aber bestimmte Verfilmung eines literarischen Erfolgs, die weniger auf Effekthascherei als auf emotionale Präzision setzt. Seit dem Kinostart am 10.11.2016 hat der Film die Aufmerksamkeit von Zuschauern und Kritikern vor allem wegen seiner thematischen Nähe zu aktuellen Debatten um Identität, Familie und Geschlechterrollen gewonnen. In einer Zeit, in der Coming-of-Age-Erzählungen erneut eine zentrale Rolle in Kultur und Öffentlichkeit spielen, fungiert die Verfilmung als ein ästhetisch sorgfältiges, zugleich kulturell anschlussfähiges Dokument dieser Strömungen.

Regisseur Jakob M. Erwa, der das Drehbuch auf die filmische Sprache überträgt, arbeitet dabei mit gezügelter Formensprache: Sein Blick richtet sich auf das Innenleben der Figuren, auf Atmosphären und Stimmungen, weniger auf plotgetriebene Zuspitzung. Die Adaptation verlangt vom Kino, literarische Innenmonologe und subtile Beziehungsgeflechte sichtbar zu machen; Erwa antwortet mit einer Mischung aus Intimität und stilisierter Bildführung, die sich oft an der Grenze zwischen Realismus und poetischer Verdichtung bewegt.

Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Debatten über sexuelle Vielfalt, Familie und die Komplexität jugendlicher Selbstfindung liest sich Die Mitte der Welt als ein deutschsprachiger Beitrag zu einem international beobachteten Subgenre. Der Film verhandelt nicht allein persönliche Reifeprozesse, sondern auch das Spannungsverhältnis zwischen öffentlicher Erwartung und privatem Begehren. Dadurch bekommt er Resonanz über die reine Adoleszenzgeschichte hinaus und stellt sich in den Dienst einer größeren kulturpolitischen Konversation.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Mitte der Welt entstand als Kinofilmadaption des gleichnamigen Romans und wurde von Jakob M. Erwa inszeniert. Seine Handschrift zeigt sich in der Konzentration auf die psychologische Innenwelt der Protagonisten und in einer Bildsprache, die Stimmung und Wahrnehmung gleichermaßen akzentuiert. Vieles an der Inszenierung verweigert einfache Sentimentalität; stattdessen arbeitet die Kamera mit Nähe und selektiver Schärfe, die das Subtile sichtbar macht.

Die Produktion positioniert sich im Bereich des anspruchsvollen Jugendfilms für ein erwachsenes Publikum: nicht massiv kommerziell, aber auch nicht rein experimentell. Als Adaption eines bekannten Jugendromans trug die Vorlage hohe Erwartungen, und die Produktionsbedingungen mussten diese literarische Dichte in eine klare filmische Dramaturgie übersetzen. Musikalische und visuelle Entscheidungen - von der Filmmusik bis zur Szenenlichtsetzung - zielen darauf ab, die inneren Spannungen der Figuren zu spiegeln und die erzählerische Verdichtung der Vorlage zu kompensieren.

Im Gesamtwerk des Regisseurs markiert Die Mitte der Welt eine Fortführung seiner Beschäftigung mit jungen Figuren an der Schwelle zum Erwachsensein. Der Film fügt dem Repertoire eines Regisseurs, der wiederholt Nähe und Wahrnehmung zum Thema macht, eine Adaption hinzu, die in der deutschen Filmlandschaft der 2010er Jahre sowohl stilistisch als auch thematisch anschlussfähig ist.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Louis Hofmann verkörpert die zentrale Rolle und bringt jene Konzentration und Verletzlichkeit mit, die für Figurenporträts dieser Art notwendig sind. Hofmann war bereits als vielversprechender junger Schauspieler national wahrgenommen worden, und seine Darstellung hier ist ein Beispiel dafür, wie sich Schauspielkunst im schmalen Spannungsfeld zwischen Zurückhaltung und expressiver Geste entfaltet. Ada Philine Stappenbeck steht ihm gegenüber als die weibliche Bezugsperson in seinem unmittelbaren Umfeld und bildet mit Hofmanns Figur das emotionale Kernpaar der Erzählung.

Sabine Timoteo, Inka Friedrich und Nina Proll übernehmen die erwachsenen Positionen im Gefüge und markieren unterschiedliche Generationen- und Rollenentwürfe, die den familiären Rahmen der Hauptfiguren bestimmen. Svenja Jung und Jannik Schümann ergänzen das Ensemble als Repräsentanten jugendlicher Beziehungs- und Selbstentwürfe, während Clemens Rehbein und weitere Nebenfiguren kleine, aber prägnante Akzente setzen. Die Besetzung balanciert zwischen professionellen Routiniers und jungen Talenten, deren Zusammenspiel die Credibility der Figurenbeziehungen stärkt.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Mitte der Welt erzählt von einem jungen Menschen in einer provinziellen, zugleich ambivalenten Welt, deren Zentrum er zu finden versucht. Die Erzählung zeichnet einen Alltag, der von intensiven Gefühlen, ambivalenten Familienverhältnissen und ersten Lieben geprägt ist. Der dramatische Konflikt entsteht weniger durch äußere Ereignisse als durch innere Spannungslinien: die Suche nach Identität, das Ringen um Zugehörigkeit und das Aufeinanderprallen persönlicher Sehnsüchte mit familiären Erwartungen.

Im Mittelpunkt stehen ein Coming-of-Age-Prozess und die Beziehungen, die ihn formen. Intensität entsteht aus kleinen Szenen der Nähe, aus Gesprächsfragmenten, Blicken und dem Wechselspiel von Vertrautheit und Fremdheit zwischen den Figuren. Der Ton des Films ist dabei melancholisch und fein nuanciert; die Atmosphäre pendelt zwischen Intimität und einer leisen Distanz, die dem Zuschauer Raum lässt, eigene Lesarten einzubringen.

Zentrale Themen und Motive

Die Mitte der Welt stellt Fragen nach Selbstbestimmung, Begehren und der Konstruktion von Heimat. Das Zentrum der Erzählung ist weniger eine geographische Lokalität als ein psychischer Raum: die Mitte, in der sich Identität formt und dissonante Beziehungen bersten oder aushandeln lassen. Der Film erkundet, wie junge Menschen ihre Positionen gegenüber Familie, Freundschaft und Liebesbeziehungen auslotet, und macht sichtbar, wie sehr diese Prozesse von kulturellen Normen und persönlichen Wunden geprägt sind.

Thematisch eröffnet die Verfilmung eine philosophische Dimension, die über die unmittelbare Jugenderfahrung hinausweist: Fragen nach Authentizität, nach der Möglichkeit, sich selbst treu zu bleiben, und nach den Bedingungen, unter denen eine Gemeinschaft Individuen schützt oder verletzt. Psychologisch interessiert sich der Film für Ambivalenzen - das Ineinander von Schutz und Bedrohung innerhalb der Familie, das Nebeneinander von Nähe und Abwehr in Freundschaften. Formal wiederum arbeitet die Inszenierung mit wiederkehrenden Motiven wie Blickachsen, Wasser- und Lichtmetaphorik sowie einer musikalischen Untermalung, die Emotionen nicht erklärt, sondern moduliert.

Als Ganzes bietet Die Mitte der Welt kein abschließendes Lehrstück, sondern ein filmisches Feld, in dem Lesarten entstehen können. Der Film lädt dazu ein, über Zugehörigkeit und Bruchlinien, über die Mechanik des Erwachsenwerdens und die Bildlichkeit des Innensinns nachzudenken - und bleibt dabei stilistisch bedacht genug, um dem Stoff die gebotene Nuance zu gewähren.

Filmkritik von Peter Osteried

Die Mitte der Welt ist immer davon abhängig, wo man sich gerade befindet

Es ist eine mutige Geschichte, die Andreas Steinhöfel in seinem Roman erzählt – die filmische Umsetzung steht dem in nichts nach und zeigt das sexuelle Erwachen eines jungen Homosexuellen, während das Leben um ihn herum sich dramatisch verändert. Diese Geschichte mit zwei jungen Männern zu erzählen, ist der kühne Weg. Insbesondere, weil Drehbuchautor und Regisseur Jakob M. Erwa nicht wegblendet, sondern liebevoll zeigt, wie sich die beiden jungen Männer näherkommen.

Phil ist ein Teenager, der eigentlich ganz normal ist, nur ein bisschen schwuler als der Rest. Und er hat eine Mutter, die sich am liebsten Glass nennen lässt, seiner Schwester und ihm seit Jahren beharrlich verschweigt, wer ihr Vater ist, und eine Tugend daraus gemacht hat, unangepasst zu sein und anzuecken. Die Männer gehen bei ihr ein und aus, der Richtige ist aber nie dabei. Phils Schwester Tereza spricht kaum noch mit ihrer Mutter, er findet Trost bei seiner ungestümen Freundin Kat und schließlich verliebt er sich in den Schulneuzugang Nicholas. Die Achterbahn der Gefühle hat gerade erst begonnen.

Die Mitte der Welt fängt überdreht an. Ein bisschen hip, ein bisschen trendy, ein bisschen schräg, alles, nur nicht normal. Da ist der Film wie die Mutter der Hauptfigur. Genau dieser Ansatz zieht den Zuschauer in die Geschichte hinein, die ebenso gut mit einem heterosexuellen Jugendlichen funktioniert hätte. Aber im Deutschland des Jahres 2016 ist eine solche Geschichte auch mit einem schwulen Jugendlichen in Ordnung. Oder sollte es zumindest sein. Der Film versteht es als Selbstverständlichkeit, die handelnden Figuren ebenso. Selbst solche, bei denen man eine offene, liberale Einstellung nicht unbedingt voraussetzen würde. In der Beziehung zeichnet man hier auch das hoffnungsvolle Bild einer Gesellschaft, wie sie so eigentlich gar nicht ist. Aber im Kino ist das Träumen noch erlaubt.

Die Geschichte ist angenehm komplex, weil Menschen auch so sind. Sie sagen das eine, tun das andere, und üben auf dem Weg den Verrat, ob sie es wollen oder nicht. Menschen sind fehlbar, haben ihre Schwächen, aber auch ihre Stärken. Das stellt Die Mitte der Welt sehr geschickt heraus, während einerseits ein progressives Weltbild propagiert, andererseits ein konservatives Bild der Liebe gezeichnet wird. Denn ob schwul oder nicht, am Ende wünschen sich alle doch nur das Eine: Traute Zweisamkeit mit dem Menschen, den sie lieben.

Die Mitte der Welt funktioniert aber nicht nur, weil die Coming-of-Age-Geschichte einfühlsam gestaltet ist, sondern auch weil die übrigen Figuren ihre eigenen Geschichten haben, die alle miteinander verwoben sind – im Mikrokosmos der Familie, aber auch der erweiterten Familie, die aus Freunden besteht. Enttäuschungen sind da unabdingbar, Schmerz und Leid sind Teil der Existenz und Sicherheit, so erklärt es eine erwachsene Freundin dem jungen Phil, gibt es in einer Beziehung nie. Sie ist immer unsicher, immer wackelig, aber manchmal funktioniert es – man weiß eben nur nie, wann und bei welcher das der Fall ist.

Erwas Film ist ausgezeichnet. Skurril, eigentümlich, dabei aber auch konventionell und exzellent gespielt. Vor allem gilt das im Fall von Louis Hofmann, der den jungen Phil extrem vielschichtig anlegt. Aber auch das übrige Ensemble geht ganz in diesen ausgefeilten Rollen auf. Alles in allem ein Stück neuen deutschen schwulen Kinos, das etwas für jedermann ist. Weil Liebe unabhängig von Geschlechterfragen universell ist.

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