kritiken.de Filme
Filme

Café Society

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 10.11.2016
Café Society© Warner Bros. GmbH
A ca. 1302 Worte Lesezeit ca. 4 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Café Society als Hollywood-Reflexion - Nostalgie, Einsamkeit und das Scheitern amerikanischer Illusionen im Film

Einleitung

Café Society, 2016 in Cannes vorgestellt und im Spätherbst desselben Jahres in die Kinos gekommen, steht in der Spätphase eines Regisseurs, der das Kino lange als sein persönliches Essay- und Erinnerungsarchiv benutzt hat. Woody Allen, dessen Name hier den Regiestuhl trägt, bringt mit diesem Film eine nostalgische Studie über Glanz und Bruchlinien der amerikanischen Traumfabrik, die weniger eine chronologische Biografie als ein mood painting ist. Die Relevanz des Films liegt weniger in seiner erzählerischen Überraschung als in seiner Beobachtungsgabe: Wie kollektive Mythen der Unterhaltungsindustrie und individuelle Sehnsüchte einander konstituieren und entzaubern.

Im Kontext Allens Werk lässt sich Café Society als Fortsetzung seiner wiederkehrenden Themen lesen - urbanes Getümmel gegen private Einsamkeit, die Suche nach Zugehörigkeit, die ironische Distanz des Erzählers. Die Tonalität verschiebt sich dabei nicht radikal; vielmehr verfeinert der Film bekannte Motive durch eine explizit periodisierte Formensprache und eine konzentrierte Fokussierung auf das Milieu Hollywoods und des New Yorker Nachtlebens. Dadurch wird der Film zu einem Spiegel, in dem Erinnerungsarbeit und ästhetische Selbstvergewisserung zugleich ablaufen.

Gesellschaftlich setzt Café Society auf eine dichte Gegenüberstellung von Oberfläche und Realität: Glamour als Oberfläche, wirtschaftliche und emotionale Kompromisse als Realität. Angesichts einer Gegenwart, die sich zunehmend mit Echokammern und Inszenierungen vertraut macht, wirkt Allens Blick auf das goldene Zeitalter des Films als Kommentar zur persistierenden Attraktivität von Scheinwelten. Die Relevanz des Films liegt also auch im Reflex auf eine Kultur, die immer neue Mythen produziert und zugleich an deren Innenleben zerbricht.

Kurzüberblick zur Produktion

Woody Allen fungiert bei Café Society als Drehbuchautor und Regisseur - eine vertraute Konstellation, die seine Handschrift unverkennbar macht: ein literarisch geprägter Ton, psychoanalytische Anspielungen und eine Präferenz für Dialogarbeit. Die Produktion bewegt sich im Rahmen von nicht-blockbusterhaften Budgets, einem Modell, das vielen Allenschen Arbeiten der letzten Dekade entspricht und die Unabhängigkeit des Regisseurs gegenüber dem klassischen Studiosystem betont. Die Premiere auf dem Festival von Cannes setzte den Film in ein internationales Diskursfeld, das Allens Rückkehr zur Epoche des klassischen Hollywood als eine bewusst stilisierte Übung verstand.

Besonders auffällig ist die formale Ausrichtung auf Atmosphärisches: Kostüm, Production Design und musikalische Auswahl legen eine starke Betonung auf Authentizität der Periode, ohne dokumentarisch zu werden. Diese Produktionsentscheidungen verankern die Erzählung in einer ästhetischen Nostalgie, die zugleich kritisch gelesen werden kann - als Utopie vergangener Eleganz und als Projektionsfläche für gegenwärtige Sehnsüchte. Innerhalb Allens Gesamtwerk nimmt Café Society eine Position ein, die weniger provoziert als konsolidiert und die wiederkehrenden Themen in eine spezifische historische Kulisse einfädelt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Jesse Eisenberg, hier als Protagonist, dessen nervöse Energie und präzise sprachliche Artikulation an frühere Figuren Allens anknüpfen. Eisenberg bringt eine Mischung aus Ambition und Sensibilität, die den Konflikt zwischen Aufstieg und persönlicher Bindung trägt. Kristen Stewart bringt eine stille, kontemplative Präsenz in die Dynamik ein; ihr Spiel konzentriert sich auf feine Nuancen von Zurückhaltung und innerer Regung und kontrastiert so mit dem aufstrebenden Getriebe des Showbusiness.

Steve Carell übernimmt die Rolle des erfahrenen Hollywood-Insiders - ein Charaktertypus, der charmante Weltgewandtheit mit einer gewissen moralischen Zweideutigkeit verbindet. Die Nebenbesetzung, zu der unter anderem Parker Posey und Jeannie Berlin zählen, liefert texturgebende Akzente und positioniert die Hauptfiguren in einem Milieu, das zwischen Künstlichkeit und familiärer Intimität oszilliert. Die Wahl der Darsteller reflektiert Allens Interesse an Charakteren, die mehr durch Gestus und Reaktionsmuster als durch spektakuläre Aktionen definiert werden.

Handlung (spoilerfrei!)

Die narrative Prämisse ist bewusst schlicht: Ein junger Mann verlässt seine vertraute Umgebung, um in das schillernde Umfeld Hollywoods einzutreten, dort Erfahrungen zu sammeln, die seine Vorstellung von Liebe, Erfolg und Selbst widerspiegeln und in der Folge auf die Probe stellen. Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus den Spannungen zwischen beruflichen Verheißungen, emotionalen Bindungen und sozialen Codes einer Branche, die Oberflächenhöhe belohnt.

Im Zentrum stehen wenige, präzise gezeichnete Figuren: der Ambitionierte, die Zurückhaltende und der Praktiker des Geschäfts. Die Erzählung bleibt dabei episodisch und beobachtend, sie bevorzugt Szenen des Beisammenseins - Cafés, Partys, Büros - und setzt Atmosphäre vor actiongeladene Plotwendungen. Die Tonalität ist melancholisch-komisch: Es dominiert ein bittersüßer Grundzeitgeist, in dem ironische Distanz und sentimentale Rückschau nebeneinander bestehen.

Zentrale Themen und Motive

Café Society lotet wiederholt das Verhältnis von Erinnerung und Mythos aus. Der Film befragt, wie Narrationen über Erfolg und Glamour entstehen und welche menschlichen Kosten sie verschleiern. Damit verbindet sich eine persistente Frage nach Authentizität: Inwieweit ist das Selbst Produkt sozialer Erwartungen, und welche Kompromisse verlangt das Streben nach Anerkennung?

Ein zentrales Motiv ist die Stadt als Bühne - Hollywood wie das urbane Nachtleben New Yorks fungieren als Räume, in denen soziale Rollen einstudiert und Beziehungen verhandelt werden. Die Kameraarbeit und das Production Design verstärken dieses Motiv, indem sie Räume der Öffentlichkeit und der Intimität differenzieren. Ein weiteres Thema ist die Diskrepanz zwischen äußerer Erscheinung und innerer Verfassung: Figuren erscheinen glänzend, sind aber oft innerlich zerrissen; diese Spannung erzeugt den tragikomischen Ton des Films.

Schließlich operiert Café Society auch auf einer kulturellen Ebene: Es reflektiert Fragen von Zugehörigkeit, Assimilation und Identität innerhalb einer jüdischen Erzähltradition, die bei Allen wiederkehrend ist, ohne sich in soziologischen Generalisierungen zu verlieren. Der Film bleibt eine feinsinnige Studie darüber, wie romantische Vorstellungen, wirtschaftliche Optionen und moralische Entscheidungen das Leben von Menschen in einer Industrie formen, die ihre eigene Utopie verkauft.

Filmkritik von Peter Osteried

Kein überragender, aber ein konsequenter Woody Allen: Café Society

„Erst wird er zum Mörder – und jetzt auch noch ein Christ“, sagt die jüdische Mutter, die es einfach nicht fassen kann, wie übel ihr das Leben mitspielt. Aber sie ist nur eine Nebenfigur in Woody Allens neuestem Werk, das vor allem von einem Gefühl der Nostalgie getragen ist, aber auch sehr zerfasert daherkommt.

Im Los Angeles der 1930er Jahre lernt Bobby (Jesse Eisenberg) die umwerfende Bonnie (Kristen Stewart) kennen. Er verliebt sich in sie, doch sie warnt ihn, dass sie einen Freund hat. Dieser ist wiederum Bobbys Onkel Phil (Steve Carrell), der im Filmgeschäft sehr erfolgreich ist. Doch als er seine Frau nicht für Bonnie verlassen will, verliebt sie sich in Bobby. Der möchte mit ihr zurück nach New York, aber kurz zuvor macht Phil ihr einen Antrag. Weil er ohne Bonnie nicht leben kann. Sie muss sich nun entscheiden, welches Leben sie führen will – das an der Seite eines reichen Filmmoguls oder das einer Frau, deren Mann ein liebenswerter Loser ist.

Bei geringeren Filmemachern als Allen würde die Geschichte eine sehr vorhersehbare Entwicklung nehmen. Hier jedoch nicht. Allen interessiert sich nicht für das Hollywood-Ende und auch nicht für den romantischen Kitsch, der damit einhergeht. Das ist kurios, da er mit dem Setting seines Films die große Zeit Hollywoods heraufbeschwört, aber seine Geschichte möchte er dem Edikt des ewigen Happyends nicht unterordnen. Das ist die eigentliche Stärke von Café Society, der ansonsten zu den eher schwächeren Werken des Regisseurs gehört.

Die Geschichte mäandert. Wertvolle Zeit wird dabei nicht auf die Hauptfiguren, sondern auf die Nebenfiguren verwandt. Dem Film wäre mehr gedient gewesen, hätte er etwas mehr Laufzeit bekommen. So aber bleibt er ökonomisch kurz, verpasst dabei jedoch auch die Gelegenheit, die beiden Protagonisten stärker zu akzentuieren.

Lebendig wird er wegen Eisenberg und Stewart, die hier zum dritten Mal nach Adventureland und American Ultra zusammenarbeiten. Er ist der junge Mann, der all seine Naivität verliert und sich in eine glücklose Ehe flüchtet, sie die Frau mit den unendlich traurigen Augen. Beide sind erfolgreich, aber beide haben im Leben verloren, was sie wirklich ausgemacht hätte.

Das ist ein trauriges, ein bitteres Ende, mit dem Allen vielleicht auch auf sein eigenes Leben zurückblickt und enttäuscht darüber ist, dass es auf romantische Art und Weise nicht so verlief, wie er sich das vielleicht erträumt hätte. Aber vielleicht ist das auch die ultimative Wahrheit dieses Films: Dass kaum jemand je das Leben lebt, das er sich erträumt hat. Und noch viel weniger mit dem Menschen, den er sich gewünscht hat.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de