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Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

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kritiken.de Redaktion 03.11.2016
Eine Geschichte von Liebe und Finsternis© Koch Films
A ca. 1601 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis: Portmans filmische Rückkehr in die Archive der Erinnerung

Einleitung

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis ist mehr als eine literarische Adaption; sie stellt einen Versuch dar, persönliche und nationale Erinnerung filmisch zu übersetzen. Auf Basis des vielgelesenen Erinnerungsromans von Amos Oz entfaltet der Film eine intime Chronik, die Herkunft, Trauer und das Ringen um Identität in den Fokus rückt. In einer Zeit, in der kulturelles Gedächtnis und politische Narrative wiederholt gegeneinander ausgespielt werden, tritt diese Verfilmung als ein reflexives Stück Kulturgeschichte hervor, das private Verluste mit der Gründungsgeschichte einer Nation verknüpft.

Für Natalie Portman, die hier nicht nur die Hauptrolle übernimmt, sondern auch Regie führt, markiert der Film einen bewussten Schritt weg vom reinen Schauspielertum hin zu einer poetisch-literarischen Regiehandschrift. Die Auswahl dieses Stoffes ist weniger zufällig als persönlicher Impetus: Portmans Herkunft und ihre Verbundenheit mit Israel geben dem Projekt eine Doppelperspektive - die einer Außenstehenden, die dem amerikanischen Filmkosmos entstammt, und die einer Rückkehrerin, die sich mit der Biografie eines Landes auseinandersetzt, das auch ihre eigenen Wurzeln berührt.

Der Film gewinnt an Relevanz gerade durch seine Verbundenheit mit gegenwärtigen Debatten über Erinnerungspolitik, Traumaüberlieferung und die medial vermittelte Form von Geschichte. Er fragt danach, wie Erzählungen über Herkunft und Verlust formal geordnet werden können, ohne ihre Fragilität zu verlieren. In dieser Spannung zwischen literarischer Quelle und filmischer Übersetzung liegt seine spezifische Attraktion für ein Publikum, das an anspruchsvoller, historisch reflektierender Kinoästhetik interessiert ist.

Kurzüberblick zur Produktion

Natalie Portman debütierte mit dieser Verfilmung als Regisseurin in einem Feld, das häufig von etablierten Autorenfilmregisseuren und europäischen Adaptionen dominiert wird. Ihre Handschrift manifestiert sich in einer sorgfältig komponierten Bildsprache, die oft zwischen Intimität und theatralischer Distanz oszilliert. Die Inszenierung arbeitet mit voice-over, innerer Perspektive und einer textnahen Narration, die dem literarischen Ton des Romans verpflichtet bleibt.

Die Produktion ist ein transatlantisches Unterfangen, das amerikanische Kapital- und Produktionsstrukturen mit einem klar israelischen Ensemble verbindet. Die Dreharbeiten konzentrieren sich auf Ortsbilder Jerusalems und auf Interieurs, die eher Erinnerungsräume als dokumentarischer Realismus sind. Solche Entscheidungen deuten auf ein Budget und eine Produktionslogistik hin, die mehr auf künstlerische Ambition als auf kommerziellen Mainstream ausgerichtet sind. Im Gesamtwerk Portmans steht dieser Film für den Versuch, persönliche wie kulturelle Archive filmisch zu ordnen und literarische Sprache in visuelle Metaphern zu übersetzen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Natalie Portman übernimmt die Rolle der Fania, der Mutterfigur, die im Zentrum des Erinnerungsgefüges steht. Portmans künstlerische Reputation als Oscar-Preisträgerin und ihr früheres Spiel in psychologisch dichten Rollen gibt ihr hier die Basis, eine komplexe, verletzliche Gestalt zu formen, deren Innenleben die Erzählung trägt. Ohad Knoller, ein prägnanter Vertreter des israelischen Films, bringt die nötige lokale Verankerung und Bühnenpräsenz in die Rolle des väterlichen Gegenparts, der zugleich geprägt ist von Idealismus und Bruch.

Shira Haas, die in den letzten Jahren als eine der markantesten jungen Stimmen des israelischen Kinos hervorgetreten ist, steht für die jüngere, traumatisierte Generation und verkörpert hier in ihren Szenen die Kontinuität familiärer Erinnerung. Makram Khoury, Neta Riskin, Moni Moshonov und Dina Doron gehören zu den Veteranen, deren Präsenz dem Film eine kulturelle Dichte und historische Glaubwürdigkeit verleiht. Gemeinsam formen diese Darsteller ein Ensemble, das zwischen persönlicher Nahaufnahme und kollektiver Repräsentation pendelt und so die soziale Textur der dargestellten Zeit spürbar macht.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film folgt der Struktur einer Erinnerungsrede: Es geht um Kindheit und frühe Erwachsenwerden in Jerusalem, um eine Familie, deren innerer Konflikt die äußere Umbruchsstimmung der Zeit widerspiegelt. Der dramatische Konflikt entspringt weniger einer einzigen Aktion als dem Zusammenprall von Intimität und öffentlicher Geschichte, von privaten Verlusten und dem kollektiven Anspruch, eine neue Gesellschaft zu gründen. Zentrale Figuren sind die Mutter als emotionales Zentrum, der Sohn als Erzähler und Beobachter, sowie die Figuren des Alltags, die das Milieu eines jungen Israels formen.

Ton und Atmosphäre bewegen sich zwischen melancholischer Innensicht und gelegentlichen Aufwallungen nationaler Dramatik. Die Kamera sucht Räume, die an Erinnerung erinnern: enge Wohnungen, düstere Bibliotheken, Straßenfluchten Jerusalems, die das Gefühl von Orientierungslosigkeit und Sehnsucht zugleich tragen. Die Erzählung ist zumeist introspektiv und bleibt der Innenperspektive treu, wodurch sie eher assoziativ als linear fortschreitet.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Erinnerung, Sprache und der Formbarkeit von persönlicher sowie kollektiver Identität. Wie werden Traumata erzählt? Auf welche Weise formt Trauer das ästhetische wie das politische Bewusstsein einer Generation? Der Film behandelt die Ambivalenz des Zionismus als Projekt, das Hoffnung und Verlust zugleich in sich birgt, und stellt die Frage, wie intimste menschliche Erfahrungen in nationale Narrative einfließen.

Philosophisch richtet sich der Blick auf die Grenzen narrativer Repräsentation: Kann Literatur, kann Kino, das Innenleben einer Person fair abbilden, ohne es zu instrumentalisieren? Psychologisch verhandelt das Werk Aspekte von Depression, existenzieller Einsamkeit und dem Bedürfnis nach familiärer Kohärenz. Motive wie Bücher, das geschriebene Wort, häusliche Räume und die Stadt Jerusalem wiederholen sich als visuelle und akustische Leitmotive, die die filmische Form als eine Art Gedächtniskonstruktion lesbar machen.

So gelesen, ist Eine Geschichte von Liebe und Finsternis nicht nur eine Adaption, sondern ein mediales Nachdenken über die Bedingungen des Erinnerns selbst - ein Ansatz, der das Biografische mit dem Historiografischen verknüpft und damit zum Nachdenken über die Narrative einlädt, die Gesellschaften über sich selbst erzählen.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Tausendsasserin Natalie Portman auch den Regiestuhl erobert. Nach ihren großen Erfolgen als Schauspielerin und einem Harvard Abschluss in Psychologie brauchte der Hollywoodstar mit israelischen Wurzeln anscheinend eine neue Herausforderung. Die Adaption des autobiographischen Romans „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“, von Amos Oz könnte Portmans Karrierewechsel allerdings im Keim ersticken.

Mit einer Mischung aus chronologischer Narration, Rückblenden und visualisierten Erzählungen zeigt „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ die Kindheit des israelischen Autors Amos Oz. Dabei steht die Figur seiner Mutter Fania, verkörpert von Natalie Portman, im Zentrum der Handlung. Es sind ihre Geschichten - mal erinnert, mal ersonnen - die Amos schließlich zu eigenem narrativen Schaffen inspirieren. Die besonders enge Bindung zwischen Mutter und Sohn entsteht aber auch durch die tiefe Liebe Fanias zu ihrem Kind sowie durch die Einsamkeit einer intelligenten Frau im Gefängnis der häuslichen Sphäre. Die persönliche Geschichte der Familie Oz findet vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts statt und ist mit diesem untrennbar verwoben. Der Traum vom israelischen Staat spielt auch eine Schlüsselrolle in Favias pathologischer Entwicklung zu einer körperlich und seelisch geplagten Frau.

Es ist vor allem die Komplexität des zu Grunde liegenden Romans, an dem Natalie Portman hier als Drehbuchautorin und Regisseurin scheitert. Es gelingt ihr nicht, die vielschichtige Handlung zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen und ihrem Publikum jene Informationen und Details zu vermitteln, die es zum Verständnis der Ereignisse benötigt. Mal sind die historischen Hintergründe auf unangenehm offensichtliche Weise in Dialoge eingebunden, mal aber fehlen sie ganz. Auch soziokulturelle Aspekte, wie der Konflikt zwischen arabischer und jüdischer Kultur oder Fanias problematische Stellung in der Familie ihres Ehemannes kommen zu kurz. Weil mit dem Kontext das Verständnis für Fanias persönliches Leid fehlt, kann das Kinopublikum schwerlich einen Zugang zu ihrer psychologischen Entwicklung finden. Andererseits bleibt Fanias Depression damit für die Zuschauer ebenso bedrückend und rätselhaft wie für den jungen Helden der Geschichte.

Die Stärke des Films ist eindeutig der Text von Amos Oz, oft im Voice Over oder auch in den Erzählungen Fanias präsent. Die große Poesie seiner Sprache verleiht dem Film einen Zauber, der ihm auf dramaturgischer und visueller Ebene fehlt. Zwar versucht Natalie Portman die Magie der Worte zuweilen filmisch zu übersetzen, doch können sich ihre zu gewollt poetischen Bilder nicht mit dem Inhalt verbinden und wirken damit eher prätentiös als tiefgründig. Die triste Farbgebung findet keinen Kontrast, die depressive Stimmung kein Gegenüber. „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ ist nahezu unerträglich erdrückend, lässt kaum Raum für einen Hoffnungsschimmer. Bis zur letzten Minute bleibt eine Aura des Scheiterns das dominante Stimmungsbild der Inszenierung.

Es mag auch an der deutschen Synchronisation liegen, dass die Darsteller zu dieser tristen Wirkung beitragen. Zu gestelzt wirken die Dialoge, zu steif die Figuren. Jeder noch so intimen Szene ist ihre Künstlichkeit anzusehen. Natalie Portman bleibt selbst hinter ihren Fähigkeiten zurück, wenn sie Fania nur einen einzigen, depressiven Gesichtsausdruck verleihen kann.

Dass immer wieder durchschimmert, wie reich der Stoff von Amos Oz an historischen Bezügen, gesellschaftlichen Themen und philosophischen Gedanken ist, macht Portmans Adaption nur noch trauriger. Die Dialoge zwischen Amos und seinem Vater Arieh zur Schöpfungskraft der Sprache können insbesondere in einer Synchronfassung kaum Interesse wecken. Die Idee, dass Worte Realität nicht nur abbilden, sondern auch erzeugen, bleibt in vager Andeutung stecken. Ähnlich verhält es sich mit der soziokulturellen Einbettung Fanias. In der ersten Hälfte des Films scheint die Rolle der Frau in der jüdischen Gemeinschaft Ende der 1940er Jahre noch eine zentrale Rolle zu spielen, doch versäumt es Natalie Portman, diesen Aspekt weiterzuentwickeln und ihrem Film damit eine weitere Ebene, nicht zuletzt ihrer Hauptfigur auch einen Kontext zu verleihen. Ebenso in den Ansätzen stecken bleibt die literarische Entwicklung der Hauptfigur, die Wandlung des jungen Amos vom Zuhörer zum Erzähler.

Statt all diese Aspekte gleichermaßen anzudeuten, hätte dem Film ein klares Zentrum gut getan - eine narrative Richtung oder ein thematischer Schwerpunkt. So aber fehlt es der Erzählung an Intensität und Tempo, an dem Potential, ein Kinopublikum für ihre Figuren einzunehmen, es zu verzaubern und mitzureißen.

Am Ende drängt sich alles in allem der Gedanke auf, dass eine Regisseurin weniger prominenten Namens sich mit diesem Film nicht bis in den internationalen Verleih hätte durchsetzen können. Wie sich „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ an den Kinokassen schlägt bleibt abzuwarten, doch die Vermutung liegt nahe, dass neben des Bekanntheitsgrades der Regisseurin vor allem die Romanvorlage als Zugpferd dient. Der Film an sich aber wird wohl niemandem lange im Gedächtnis bleiben.

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