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Byzantium

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kritiken.de Redaktion 31.05.2013
Byzantium© Universum Film GmbH
A ca. 1626 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Byzantium - Die feminine Unsterblichkeit als moralisches Testament zwischen Vergessen, Begierde und Geschichte

Einleitung

Byzantium setzt eine lange Tradition filmischer Vampire neu in Szene und verschiebt den Blickwinkel radikal auf weibliche Biografien. Der Film verhandelt Unsterblichkeit nicht als glamouröse Prominenz, sondern als fortwährende Belastung, die Erinnerung, Verlangen und soziale Verwundbarkeit verknüpft. In einer Zeit, in der Genregrenzen immer offener mit Fragen von Geschlecht und Identität kreuzen, erscheint Byzantium als ein Beispiel dafür, wie Fantastisches zur Metapher für reale Lebensbedingungen wird.

Regisseur Neil Jordan, dem das Thema der bluttrinkenden Figur vertraut ist, nutzt hier seine Vorliebe für hybride Tonlagen: mal melancholisch, mal brutal, stets sinnlich. Anders als in seinen früheren, oft explizit erotisierten Vampirinterpretationen bleibt Byzantium in weiten Teilen dem Innenleben seiner Protagonistinnen verpflichtet. Das Dramatische entsteht weniger aus spektakulären Effekten als aus der Kontemplation über Dauer, Erinnerung und die Last des Anderen.

Der Film ist relevant, weil er populäre Mythologie mit gegenwärtigen Fragen verbindet: Wie konstituiert sich Fürsorge in prekären Verhältnissen, welche Rolle spielt verkörperte Erinnerung in einer schnelllebigen Gesellschaft, und auf welche Weise werden weibliche Körper in ökonomischen und moralischen Kategorien verhandelt? Byzantium antwortet nicht didaktisch, sondern stellt Bilder und Atmosphären ein, die zu nachdenklicher Lesart einladen.

Feuilletonistisch betrachtet behauptet sich der Film als ein Werk, das Genreästhetik und Sozialdiagnose zusammenführt. Seine Relevanz liegt weniger im Bruch mit Tradition als in der spezifischen Neubesetzung vertrauter Motive: Das Vampirmotiv dient hier als Hornissennest für Themen der Mutter- und Tochterbeziehung, der Selbstbehauptung und der historischen Verwundung.

Kurzüberblick zur Produktion

Byzantium ist eine britisch-irische Co-Produktion mit Anleihen aus dem US-Markt und beruht auf einem Drehbuch von Moira Buffini, die dem Film seine dialogische Präzision und die theatralen Exponate verleiht. Regisseur Neil Jordan, der bereits mit Interview with the Vampire und The Company of Wolves dem Subgenre des Vampirfilms Bedeutung verlieh, kehrt hier zu vertrautem Terrain zurück, indem er Mythos und Gegenwart zusammenführt.

Die Produktionsumstände sind geprägt von einer eher unabhängigen Handschrift: Byzantium operiert mit einem moderaten Budget, das auf atmosphärische Komposition statt auf aufwendige digitale Illusionen setzt. Diese Entscheidung hebt handwerkliche Elemente wie Ausstattung, Kostüm und Lichtstimmung hervor und erlaubt eine intimate Bildgestaltung, die das Verhältnis von Körper und Raum in den Mittelpunkt rückt. Im Werk Jordans nimmt der Film damit die Rolle eines nachdenklichen, weniger spektakulären Kapitels ein, das seine Energie in psychologische Tiefe statt in Genrekalkül investiert.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum stehen Saoirse Ronan und Gemma Arterton, deren Zusammenarbeit den Film trägt. Ronan, bereits durch frühe Arbeiten wie Atonement und The Lovely Bones als Darstellerin mit hoher emotionaler Präzision bekannt, bringt der jüngeren Figur eine Mischung aus verletzlicher Direktheit und abgeklärter Kälte. Arterton, die in Film und Fernsehen sowohl klassische als auch populärere Rollen übernommen hat, gestaltet die ältere Hälfte des Duos mit einer zurückhaltenden Autorität, die zwischen Fürsorge und Entschlossenheit oszilliert.

Unterstützt werden die beiden von einem Ensemble, das bekannte Gesichter des britischen Kinos einbindet. Sam Riley und Jonny Lee Miller treten in Nebenrollen auf, die das Umfeld der Protagonistinnen spiegeln und die Schnittstellen zwischen ihrer Unsterblichkeit und der Menschenwelt markieren. Dieses Ensemble liefert keine plakative Charakterzeichnung, sondern eher Figuren, die als Spiegel, Bedrohung oder Ermittlungspunkt fungieren und so die Spannungsfelder des Films akzentuieren.

Handlung (spoilerfrei!)

Byzantium erzählt von zwei Frauen, die seit Jahrzehnten existieren, ohne sich der normalen Zeit unterzuordnen. Sie führen ein zurückgezogenes Leben in einem heruntergekommenen Gästehaus, dessen Name zum filmischen Topos wird: ein Ort der Begegnung, des Verbergens und der Verhandlung von Vergangenheit. Die jüngere der beiden sieht sich mit einem dringenden Wunsch konfrontiert, die eigene Rolle neu zu definieren, während die ältere die Kontinuität und die Praktiken sichert, die das Überleben garantieren.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen Geheimhaltung und Entdeckung, zwischen Bedürfnisbefriedigung und moralischer Selbstvergewisserung. Außenstehende Figuren, von Neugier getrieben oder von Rache motiviert, nähren die Bedrohung, während die interne Dynamik des Duos die eigentliche Schwere des Films ausmacht. Ton und Atmosphäre sind geprägt von nächtlicher Dichte, kühlen Farbnuancen und einer insistierenden Melancholie, die das Fantastische erdet.

Zentrale Themen und Motive

Byzantium behandelt die Frage, wie lange Traumata fortwirken, wenn die Zeit selbst zur Bedingung wird. Unsterblichkeit fungiert nicht bloß als ästhetisches Motiv, sondern als Denkmodell für Dauer und Wiederholung. Die Figuren ringen mit Erinnerungen, die nicht vergehen, und mit der ethischen Frage, welche Ansprüche an ein Leben ohne Ende gestellt werden können. Damit berührt der Film grundlegende Fragen der Identität und der Verantwortung gegenüber dem Anderen.

Ein weiteres zentrales Motiv ist das der weiblichen Ökonomie: Körper, Sexualität und Arbeit werden in ihren ökonomischen Verflechtungen gezeigt. Byzantium setzt die Vampirfigur nicht nur als monolithische Bedrohung ein, sondern als Metapher für Ausbeutung, Fürsorgearbeit und die Vermarktung von Begehren. Die Beziehung zwischen den beiden Protagonistinnen lässt sich zugleich als materielle und symbolische Form von Verwandtschaft lesen, in der Intimität und strategische Nützlichkeit miteinander verwoben sind.

Schließlich arbeitet der Film mit klassischen gothischen Bildern-Nacht, Wasser, Spiegel-um eine Sprachlosigkeit zu illustrieren, die sich nur in Bildern ausdrücken lässt. Diese Bildlichkeit schafft einen Reflexionsraum, in dem moralische Fragen nicht aufgelöst, aber schärfer gestellt werden. Byzantium bleibt so ein Film, der weniger Antworten liefert als eine Reihe dichter, suggestiver Problemanzeigen über das Sein in Zeiten anhaltender Bedrohung.

Filmkritik von Jochen Werner

Der Vampir von heute lauert nicht in staubigen, spinnwebbehangenen Grüften, nicht in transsylvanischen Schlössern – und auch nicht, wie die postmodernen Blutsauger spätestens seit Tom Hollands „Fright Night – Die rabenschwarze Nacht“ es gern zu tun pflegen, im vorstädtischen Nachbarhaus. Clara (Gemma Arterton), die blutsaugende Protagonistin von Neil Jordans „Byzantium“, trifft man an jenen Orten, die in blutfarbenes Rotlicht getaucht sind: Nachtclubs, Striptease-Bars, gegebenenfalls auch auf dem Straßenstrich. Gemeinsam mit ihrer zwei Jahrhunderte alten und doch ewig sechzehnjährigen Tochter Eleanor (Saoirse Ronan) ist Clara fortwährend auf der Flucht, vor was oder wem, das werden wir aber erst spät erfahren.

Das Leben als moderner Vampir ist also ein rastloses, ein Dasein auf fortwährender Flucht. Ein Dasein aber, für das man sich entscheiden muss und kann, denn gegen seinen Willen wird hier niemand zum Vampir gemacht. Nein, zum Untoten wird man erst durch eine Pilgerfahrt zu einem mystischen Ort, der hier aber nicht in rumänischen Wäldern und Weiten liegt, sondern in einer Felshöhle an der irischen Küste, wo sich die Flüsse blutrot verfärben, sobald ein weiterer Vampir (wieder-) geboren wird.

Für Clara und Eleanor freilich bedeutet der Vampirismus gleich eine doppelte Ausgestoßenheit: aus der Gesellschaft der Menschen, der zumindest Eleanor durch einen strengen moralischen Verhaltenskodex – dem zufolge sie nur solche Menschen tötet, die ohnehin aus eigenem Antrieb sterben wollen – gleichwohl weiter zuzugehören strebt. Aber auch aus der Parallelgesellschaft der Vampire, die hier als ein streng verschworener Männerbund skizziert wird, für den bereits die Existenz Claras und Eleanors eine Beleidigung ihrer patriarchalen Ideale darstellt.

Überhaupt, die Männer in diesem Film: zuerst die geifernden, grabschenden, gewalttätigen Gäste im Strip-Club, die Clara zuweilen eher als Nahrungsmittel denn als Kundschaft betrachtet. Und dann der gutmütige, aber sehr schlichte Noel, in dessen von der verstorbenen Mutter ererbter Pension Clara kurzerhand ein Bordell eröffnet. Schließlich die gockelhaft stolzen Chauvinisten des elitären Blutsauger-Zirkels, die den beiden Frauen über Jahrhunderte stets auf der Spur blieben und sie von einem halben Leben ins nächste trieben. Eine Ewigkeit zur Verfügung zu haben und sich doch nie die Zeit nehmen zu dürfen, an irgendeinem Ort, in irgendeiner Existenz wirklich anzukommen – das ist vielleicht die eigentliche Tragik, die Neil Jordan in seiner Adaption von Moira Buffinis Theaterstück „A Vampire Story“ umreißt. Aber Jordan war schon immer ein entschiedener Kino-Romantiker, und somit ist eigentlich nur eines stets klar: dass nichts schon von vornherein verloren ist.

Auch wenn das romantizistische Vampir-Kino in den letzten Jahren ziemlich vollständig von Stephenie Meyer und den kitschaffinen (und vehement anti-feministischen) Adoleszenz-Melodramen ihrer „Twilight“-Reihe okkupiert wurde, hat aber Jordans Film, einigen Parallelen im thematischen Zugriff zum Trotz, wenig mit diesen gemein. Eher noch ist an Neil Jordans ersten großen Vampirfilm, die seinerzeit sehr erfolgreiche Anne-Rice-Adaption „Interview mit einem Vampir“, zu denken, in dem Kirsten Dunst eine stellenweise durchaus ähnlich angelegte Rolle verkörperte – wenngleich die grausame Differenz zwischen einer verbitterten, alten Seele und einem auf ewig kindlichen Körper dort wesentlich schärfer herausgearbeitet wurde als hier. In „Byzantium“ schneidet recht wenig wirklich scharf ins Fleisch, eher geht es um die große, romantische Idee der Ewigkeit im Vampirismus denn um ihren Fluch.

Überhaupt kommt dieser nichtsdestotrotz sehr schöne Film, all seinen angesichts des Traditionalismus der Vampirmythologie augenfällig vorgetragenen Modernisierungsansätzen zum Trotz, gerade in diesem eher klassischen Gestus ganz zu sich. Neil Jordan ist kein Revolutionär des Genrekinos, er ist es nie gewesen. Sein „Interview mit einem Vampir“ war ganz schwelgerisches Horror-Epos, und auch „Byzantium“ kommt in einer die stilisierte, neonleuchtende Gegenwart immer wieder fragmentierenden Rückblendenstruktur arrangiert daher – und mit dem Anspruch, die Geschichten der aus der Zeit gefallenen Untoten in ganz großen chronologischen wie narrativen Bögen zu erzählen.

Letzten Endes sind zwar nur wenige unter den vermeintlichen Erneuerungen des Vampirmythos, in denen „Byzantium“ schwelgt, tatsächlich völlig neu – den Untoten, der nur das Blut Lebensmüder und Suizidaler trinkt, kennt man aus Shunji Iwais großartigem „Vampire“, die Verweltlichung des Vampirismus aus George A. Romeros Meisterwerk „Martin“, und auch das Milieu der Nachtclubs wurde bereits in den „Blade“-Filmen schick dekorativ (wenn auch nicht so konsequent wie hier) eingesetzt. Schließlich wurde jüngst auch die Adoleszenz einer jugendliche Vampirin auf das Intensivste von Tomas Alfredson in „Let the Right One In“ erkundet. Dennoch überzeugt Neil Jordans Film als an der Oberfläche vorsichtig zeitgemäße, im Herzen aber durch und durch klassizistisch-romantische Variation auf ein bereits in unzähligen Inkarnationen immer wieder geborenes Genre-Topos.

Es bleibt folglich dabei, dass Neil Jordan zu den großen, notorisch unterbewerteten (Genre-) Filmemachern des Gegenwartskinos zu zählen ist. Derart kluges, stilvolles und handwerklich gekonntes Genrekino wie in „Byzantium“ gibt es heutzutage nicht mehr oft zu sehen, und allein deshalb sollte man diesen schönen, klassischen, romantischen Horrorfilm auf keinen Fall versäumen.

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