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Hangover 3

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kritiken.de Redaktion 30.05.2013
Hangover 3© Warner Bros. Pictures Germany
A ca. 2211 Worte Lesezeit ca. 8 Minuten  📋 Inhalt

Hangover 3: Eine fatale Komik zwischen Ausgelassenheit und existenzieller Erschöpfung

Einleitung

Die dritte Episode der Hangover-Reihe tritt nicht mehr als bloße Fortsetzung eines komödiantischen Erfolgs auf, sondern verlangt eine Neubewertung dessen, was Franchise-Komik in den frühen 2010er Jahren leisten sollte. Hangover 3 erscheint in einer Zeit, in der das Publikum zwischen eskapistischer Wucht und einem zunehmenden Verlangen nach narrativer Konsequenz schwankt. Diese Spannung prägt die Rezeption des Films: Er steht für den Übergang von anarchischem Slapstick zu einer reflektierteren, wenn auch weiterhin lauten Form des Unterhaltungskinos.

Innerhalb des Werks von Regisseur Todd Phillips markiert der Film eine Sekundärbewegung. Die ersten beiden Teile der Reihe hatten das Genre der Buddy-Komödie mit nihilistischer Energie neu kalibriert; der dritte Teil versucht, diese Energie zu kanalisieren und gleichzeitig eine Art Abschluss zu bieten. Das Ergebnis ist keine Rückkehr zur Unschuld, sondern ein Versuch, die Folgen anarchischer Exzesse narrativ zu verhandeln.

Gesellschaftlich lässt sich der Film als Kind seiner Zeit lesen. In einer Ära, die von ökonomischer Unsicherheit und einer medial verstärkten Sehnsucht nach Selbstverortung geprägt ist, reflektiert die Hangover-Trilogie auf ihre Weise das Bedürfnis nach Vergessen und die Schwierigkeit, mit Erinnerung und Verantwortung umzugehen. Hangover 3 nimmt diese Motive auf und transformiert sie zu einem Ton, der zugleich komisch und leicht resignativ wirkt.

Die Tonalität des Films pendelt zwischen zügelloser Komik und einer unterschwelligen Melancholie. Das ist weniger ein Bruch als eine Nuancierung: Die Figuren werden nicht neu erfunden, aber ihre Handlungen werden in einen Kontext gesetzt, der Konsequenzen sichtbar macht. Für den Beobachter des zeitgenössischen Kinos eröffnet sich damit ein interessantes Feld: Die Komödie als Medium zur Aushandlung von Reife, Schuld und kollektiver Erinnerung.

Kurzüberblick zur Produktion

Todd Phillips, der Schöpfer der Reihe, hat sich im Verlauf seiner Karriere vom rauen Straßenton früher Independent-Komödien zu einem stilistisch polierten, zugleich massenattraktiven Ansatz entwickelt. Seine Handschrift zeichnet sich durch eine Vorliebe für männliche Freundschaftskonstellationen, exzessive Setpieces und eine Neigung zum dunkleren Humor aus. Hangover 3 trägt diese Markenzeichen, arbeitet aber stärker mit der Idee, dass die Komödie Verantwortung nach sich ziehen kann.

Die Produktion wurde von einem Majorstudio getragen und zielte auf ein großes, internationales Publikum. Das Budget und die Produktionslogistik spiegeln die Erwartung eines kommerziellen Hits wider, wobei die Dreharbeiten sowohl in den Vereinigten Staaten als auch an ausgewählten Außenschauplätzen stattfanden. Auffällig ist die Versuchsanordnung, die bekannten komödiantischen Mechaniken der Vorgänger auf ein filmisch dichteres Erzählgerüst zu setzen, ohne die populäre Attraktivität zu verlieren.

Im Gesamtwerk des Regisseurs nimmt Hangover 3 eine Zwischenrolle ein: Er ist nicht der Bruch, der später mit radikal anderem Material vollzogen wird, aber er ist auch keine reine Fortsetzung der frühen, ungebändigteren Komödien. Vielmehr fungiert der Film als Vermittler zwischen kommerzieller Massentauglichkeit und dem Wunsch, die Figuren auf eine letzte, kohärentere Weise abzuschließen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung vereint die prägnanten Einzelstimmen, die den Erfolg der Reihe getragen haben. Bradley Cooper fungiert weiterhin als der expressive, selbstsichere Part der Gruppe - eine Rolle, die seine Karriere aus der reinen Komödie heraus in ernsthaftere Gefilde schob. Zach Galifianakis bringt mit seinem einzigartig verschrobenen Timing eine melancholische Unberechenbarkeit; seine Figur ist nach wie vor der emotionale Störfaktor und zugleich das komödiantische Herz der Truppe.

Ed Helms, bekannt aus einer anderen populären Fernsehkomödie, übernimmt erneut die Rolle des pedantischen, leicht verunsicherten Charakters, dessen Zwanghaftigkeit komische Reibung erzeugt. Ken Jeong ist der ekstatische Wirbelwind, dessen anarchische Energie den Film immer wieder motorisiert. Justin Bartha bleibt der faktische Bezugspunkt - weniger komödiantisch exponiert, mehr das soziale Zentrum, um das sich die Konflikte drehen.

Zusammen bilden sie ein Ensemble, das weniger durch einzelne Leistungen als durch ein fein austariertes Beziehungsgeflecht funkioniert. Die Figuren sind archetypisch gezeichnet, doch ihre Interaktionen schaffen eine Dynamik, die den filmischen Vortrieb befeuert.

Handlung (spoilerfrei!)

Hangover 3 verzichtet auf das exakte Wiederholen des Ursprungsmusters einer vergessenen Nacht als formales Prinzip und öffnet stattdessen das Feld für eine road-movie-artige Bewegung, die episodisch zwischen vertrackten Situationen und kriminellen Verwicklungen changiert. Der zentrale Konflikt besteht nicht mehr allein in der Suche nach einem verlorenen Freund, sondern in der Konfrontation mit den Folgen früherer Entscheidungen und der Frage, wie Freundschaft in Zeiten der Krise besteht.

Die Handlung folgt den bekannten Figuren durch eine Abfolge von Begegnungen, in denen die komödiantische Eskalation immer wieder von Momenten leiser Reflexion durchbrochen wird. Zentrale Figuren bleiben die fünf Protagonisten, deren je eigene Verhaltensweisen und Lebensstile als Katalysator für diverse komische und dramatische Setpieces dienen. Der Ton des Films ist beharrlich komisch, aber nicht ohne unterschwellige Schwere; die Atmosphäre wechselt zwischen greller Groteske und nachdenklicher Ruhe.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt Fragen nach dem Preis des Vergessens und der Kondition der Freundschaft im Alter der Selbstverlagerung. An die Stelle reiner Eskapaden tritt die Auseinandersetzung mit Verantwortungsübernahme und der Schwierigkeit, vergangene Exzesse in eine gegenwärtige Lebensführung zu integrieren. Damit spielt Hangover 3 auf existenzielle Unsicherheiten an, die sich hinter komödiantischer Oberfläche verbergen.

Weitere Motive sind die Dialektik von Freiheit und Bindung sowie die Performanz von Männlichkeit in einer Kultur, die zwischen Nostalgie für hemmungslose Jugend und dem Druck zur gesellschaftlichen Angemessenheit hin- und hergerissen ist. Psychologisch betrachtet fungiert die Gruppe als Spiegel: Jeder Charakter reflektiert eine Antwort auf das, was es bedeutet, Verantwortung zu tragen oder ihr zu entfliehen. Formal lässt der Film die Komödie als Mittel erscheinen, ernste Fragen leichter verdaulich zu machen, ohne sie zu trivialisieren.

Hangover 3 steht damit exemplarisch für eine Phase des Mainstream-Kinos, in der kommerzielle Fortsetzungen zunehmend nach narrativer Tiefe streben. Nicht als moralisches Lehrstück, sondern als Versuch, das komische Spektakel mit einem Bewusstsein für Konsequenz und Abschied zu verbinden.

Filmkritik von Jochen Werner

Zwei Hochzeiten und ein Todesfall: Von Beginn an kommt Hangover 3 auffällig finster daher. Nicht mehr durch eine Hochzeit (beziehungsweise den vorhergehenden Junggesellenabschied) wird hier das konsequent eskalierende Geschehen in Gang gesetzt, vielmehr steht am Beginn von Todd Phillips' zweiter Fortsetzung seiner Erfolgskomödie The Hangover ein Begräbnis. Alan (Zach Galifianakis) ist der am wenigsten Lebensfähige innerhalb der Freundesclique, die bereits die ersten zwei Filme mit dem Versuch verbrachte, die Konsequenzen jener Katastrophen zu überleben, die meist durch Alan erst in Gang gesetzt wurden. Nachdem er nun eine soeben aus eher wirren Gründen erworbene Giraffe beim Passieren einer Autobahnbrücke enthauptet und damit eine Massenkarambolage auf dem Freeway auslöst, erleidet sein bis dato stets loyaler Vater einen Herzinfarkt und stirbt. In Szene gesetzt wird dies in einer ungerührten und brutal-komischen Sequenz, während im Vordergrund Billy Joel über Kopfhörer Alan ins Ohr singt, dies sei sein Leben und er fortan allein.

Von der immer noch weiter zunehmenden Unkontrollierbarkeit Alans verängstigt, versuchen ihn seine Angehörigen und Freunde – das „Wolfpack“ der ersten beiden Hangover-Filme – zu einer Therapie in einer psychiatrischen Klinik zu überreden. Ein Vorhaben, auf das sich Alan verblüffenderweise auch einlässt, freilich aber nur unter der Bedingung, dass ihn Phil (Bradley Cooper), Stu (Ed Helms) und sein Schwager Doug (Justin Bartha) dort hinfahren. Eher auf einen weiteren road trip freut sich also Alan, als wirklich Einsicht in das Krankhafte seines Zustands zu zeigen. Dieses Mal allerdings ist es nicht er, der die katastrophalen Entwicklungen der Folgezeit auslöst – dieses Mal wird das „Wolfpack“ von den Ereignissen der Vergangenheit eingeholt und ein Parallelstrang zu den Erzählungen der ersten zwei Filme beginnt sich Stück für Stück zu entspinnen. Eine Geschichte, in der der dauerhysterische chinesische Gangster Leslie Chow (Ken Jeong) und sein brutaler Gegenspieler Marshall (John Goodman) zentrale Rolle spielen …

Das Komödiantische ist ja allzu oft, insbesondere in den Filmen von Todd Phillips, nur durch einen äußerst schmalen Grat vom Soziopathischen getrennt, und in ihren besten Augenblicken lassen die Filme dieses höchst interessanten Regisseurs plötzliche, gänzlich unvermittelt sich öffnende Lücken klaffen, die die Abgründigkeit hinter der Fassade des ins Absurde zugespitzten Spleens erahnbar machen. Eine Figur wie Alan, die bereits als der wesentliche komödiantische Motor der beiden ersten Filme zu betrachten ist, ist auch immer eine persönliche Tragödie. Sie nicht zu erzählen, ist eine bewusste Entscheidung eines Filmemachers. Todd Phillips hat diese individuellen Tragödien, und das macht eine sehr besondere Qualität seines Werks aus, hinter den Absurdismen seiner Plotmechanik immer wieder für kurze Momente aufblitzen lassen – am schönsten wohl in seinem bis heute besten (und völlig unterbewerteten) Film Der Date-Profi, der seinen wunderbaren Hauptdarsteller Jon Heder zunächst als fast gewaltsam überzeichnetes Nerd-Abziehbild etabliert. Nur um ihm dann unvermutet schmerzerfüllt beim Auseinanderbröckeln zuzusehen.

Mit Hangover 3 geht Phillips in mancher Hinsicht noch einen großen Schritt weiter, denn in diesem Film gibt es eigentlich gar nicht mehr sehr viel, das überhaupt noch komisch zu sein versucht. Insbesondere im Vergleich zu den quirlig-knalligen Eskapaden der beiden Vorgänger – auch wenn, dies sei unbenommen, bereits Hangover 2 mit seinem fühlbar brutaleren Humor mitunter in recht düstere Ecken vorstieß – kommt die zweite Fortsetzung als ein dann doch recht konsequenter Bruch mit den Erwartungshaltungen daher. Über weite Strecken im Tonfall eher dunkel gefärbt, geht es gar nicht zuletzt auch darum, die Folgen der immer groteskeren Eskalationsdramaturgien auszuhalten, die Phillips zuvor rein auf den komischen Effekt bedacht vorführte. Nun schlagen sie seltsam abrupt, aber im Grunde schlüssig in nicht mehr durchweg parodistisch gebrochene (physische wie psychische) Gewaltakte um.

Filmkritik von Orlindo Frick

Zwei Jahre sind vergangen seit ihren letzten Eskapaden. Phil (Bradley Cooper), Stu (Ed Helms) und Doug (Justin Bartha) genießen daheim ihr beschauliches Leben. Die Tattoos sind entfernt, die Videos gelöscht, jegliche Erinnerung an Vegas und Bangkok wurden erfolgreich verdrängt. Zuletzt hörten die Jungs vom Katastrophenmagneten Leslie Chow (Ken Jeong), als er in einem thailändischen Gefängnis saß. Das Leben könnte nicht besser laufen. Nur ein Mitglied des Wolfsrudels ist nach wie vor unzufrieden: Alan (Zach Galifianakis), das schwarze Schaf der Truppe, fehlt immer noch ein Ziel im Leben und stürzt seine Familie von einer Peinlichkeit in die nächste. Damit er den ersten Schritt in die verantwortungsbewusste Erwachsenenwelt meistert, braucht er die Unterstützung seiner drei besten Freunde. Jedoch hat Marshall (John Goodman) andere Pläne mit dem Wolfspack und lässt ihren gemeinsamen Freundschaftstrip in einem Fiasko enden. Und das sollte erst der Anfang einer Odyssee sein, die Phil und Co. mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.

Manchen mag es bereits aufgefallen sein, diesmal gibt es keine Hochzeit, keinen feucht-fröhlichen Junggesellenabschied und somit kein verhängnisvolles Erwachen am Morgen danach mit Kater, Huhn und Affe. Ist das Wolfspack etwa erwachsen geworden? Hat es aus den Erlebnissen gelernt? Oder hat sich Regisseur Todd Phillips schlicht nicht getraut, das Grundkonzept noch mehr zu strapazieren? Des Katers Kern dürfte wohl in allen drei Antworten zu finden sein. Feststeht, „Hangover 3“ ist kein weiterer, müder Abklatsch des eigenen Franchises mehr, zeigt sich in Form seiner Charakterzeichnung regelrecht gereift und beweist Ansätze von vernunftorientiertem Denken. Ein Schock für alle Freunde der durchzechten Nächte des Wolfsrudels.

Nach der schmerzhaften Erfahrung, die „Hangover 2“mit sich brachte, ist der Nachfolger keine weitere Raubkopie und plumpe Ansammlung müder Gags mehr, sondern nur noch eine Ansammlung müder Gags - mit dem Willen, Veränderung zuzulassen und den gürtellosen Humor nicht noch weiter gen Süden zu treiben. „Hangover 3“ mauserte sich vom Plagiat zum Zitat, das die ersten beiden Teile trotz aller Fehltritte nostalgisch Revue passieren lässt, in der Absicht, einen würdigen Abschluss zu finden. Wenn nicht den Zuschauer, so sollten zumindest die Charaktere mit einem Lächeln entlassen werden. Beinahe könnte man glauben, der Film hätte einen Anfall von Coming-of-Soppiness. Ein Eindruck, der sich schnell wieder legt. Das Wolfsrudel kam tatsächlich zur Ruhe, jedoch handelt es sich dabei um keine Altersruhe, sondern die berühmt berüchtigte Ruhe vor dem Sturm.

Nicht nur aufgrund der ambivalenten Erwartungshaltung der Zuschauer stand Teil 3 vor einer Herausforderung. Eine erneute Wiederholung des Hangover-Szenarios hätte die letzten verbliebenen Fans, die noch aus Gewohnheit lachen konnten, endgültig die Augen geöffnet. Andererseits durfte die Gefahr einer konzeptionellen Veränderung der Grundidee ebenfalls nicht ignoriert werden. Kaum etwas wird vom Kinokollektiv schwerer verziehen als das Nichteinlösen von Erwartungsversprechen. Womit sich der dritte Teil nun konfrontiert sieht, der sich für Letzteres entschied. Seine Handlung hat schlichtweg nichts mehr mit dem Wolfspack von einst zu tun. Anstatt bei dem eigenen Franchise zu kopieren, wurde ein anderes angezapft. Steven Soderberghs „Oceans Eleven“. „Hangover 3“ ist strukturell nichts anderes als ein doppelter Zweiakter mit sich wiederholendem Heistplot. Nur ohne George Clooney, der die zusammenhangslose Masse aus Plotfäden und Gags hätte in Form bringen können. Dafür eine One-Clown-Show von Zach Galifianakis, der den letzten Charme des Wolfsrudels unter einem endlosen Anfall aus Overacting begräbt. Man achte übrigens auf die Giraffen- und Beerdigungsszene von Alan, die im Trailer noch gekonnt auf den Punkt und um das Schauspiel von Galifianakis herumgeschnitten wurden, um den Witz zu betonen. Im Film dagegen ohne Rhythmus und Pointe vor sich hin vegetieren, mit einem Schauspieler außer Rand und Band.

Part III macht sich gar nicht erst die Mühe, dem Publikum weiß zu machen, er wäre nicht des Geldes wegen, sondern aus Hingabe zur Reihe oder aus Spaß an der Freude gemacht worden. Zugegeben, hätte der Film an einer bestimmten Stelle den Absprung geschafft, man wäre geneigt, Gnade vor Recht ergehen zu lassen aus Respekt vor dem Versuch, ein Ende für das ruhelose Rudel zu schaffen. Aber diese Chance wurde mit einer einzigen, finalen Szene vertan. Es kam, was kommen musste und das Grauen nahm wieder seinen Lauf. „Hangover 3“ dürfte der erste Film sein, bei dem es ratsam ist, vor dem Abspann den Kinosaal zu verlassen. Dem eigenen Seelenfrieden zu liebe. Es gibt Dinge und Filme - auf dieser Welt, die muss man nicht sehen.

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