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Der große Gatsby

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kritiken.de Redaktion 16.05.2013
Der große Gatsby© Bildrechte beim jeweiligen Verleiher / Promotional Material (siehe Impressum)
A ca. 1520 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Der große Gatsby - Illusion, Verlangen und die Oper des amerikanischen Traums im Kino

Einleitung

Baz Luhrmanns Fassung von Der große Gatsby tritt an wie ein Bühnenbild, das die Seiten von F. Scott Fitzgerald in expressiven Farben und lauten Rhythmen auf die Leinwand hebt. Relevanz gewinnt der Film nicht allein als erneute Literaturverfilmung eines Klassikers, sondern als Versuch, die mythische Jazz Age-Erzählung in eine Gegenwart zu übersetzen, in der Spektakel und Medienästhetik das Wahrnehmen selbst formen. Die filmische Umsetzung fragt weniger nach der literarischen Treue als nach der Möglichkeit, Nostalgie und Kommerz, Sehnsucht und Oberflächlichkeit filmisch zu materialisieren.

Im Werk des Regisseurs markiert Der große Gatsby eine Rückkehr zu jener überzeichneten, opernhaften Bildsprache, die Luhrmann bereits in Romeo + Juliet und Moulin Rouge! kultivierte. Sein Kino ist theatralisch, hyperstylisiert und stets an der Grenze zum Kitsch, doch gerade diese Überhöhung dient hier als analytisches Instrument: Sie macht sichtbar, wie Figuren und Gesellschaften sich durch Inszenierung definieren. Die Frage, die Luhrmann dabei stellt, lautet weniger „Was geschieht?“ als „Wie wird das Geschehen zur Präsentation?“

Auch im weiteren gesellschaftlichen Kontext erscheint die Adaption als Spiegel unserer Zeit. In einer Ära, in der soziale Medien Lebensentwürfe veröffentlichen und Produkte Wünsche erzeugen, liest sich Fitzgeralds Kritik an Aufstieg, Konsum und Selbstinszenierung als zeitdiagnostische Allegorie. Luhrmanns Film übersetzt diese Allegorie in ein Kino, das mit modernen Pop-, Hip-Hop- und elektronischen Klängen arbeitet und so die historische Distanz überbrückt, ohne das historische Setting zu nivellieren.

Kurzüberblick zur Produktion

Der große Gatsby ist eine großangelegte Studioproduktion, getragen von einer internationalen Besetzung und einer opulenten Ausstattung, die typischerweise in Luhrmanns Filmen durch Komponistin und Kostümdesignerin Catherine Martin mitbestimmt wird. Gedreht wurde in aufwendigen Sets und mit expressiver Beleuchtung, um die Mischung aus Glamour und moralischem Verfall sichtbar zu machen. Die Produktion verband traditionelle Handwerkskunst mit digitaler Bildbearbeitung; die 3D-Konversion und digitale Verfremdungen gehören zu den auffälligeren technischen Entscheidungen.

Musikalisch entstand ein bemerkenswertes Spannungsfeld: Ein moderner, von Pop- und Hip-Hop-Elementen geprägter Soundtrack flankiert die historische Bühne, eine Entscheidung, die sowohl als Brückenschlag zur Gegenwart als auch als provokantes Stilmittel zu lesen ist. Produzentische Ambitionen und ein großes Budget erlaubten Luhrmann, das Werk als ein mediales Ereignis zu inszenieren, das klassische Erzählung und festivalartige Showregie verbindet.

Im Gesamtwerk des Regisseurs steht Der große Gatsby für die konsequente Fortsetzung seiner Bild- und Musikästhetik. Während frühere Filme die Romantik und das musikalische Revue-Format zelebrierten, erscheint hier eine radikalere Auseinandersetzung mit der Frage, wie Historie in populärkulturelle Bilder übersetzt wird - ein Thema, das Luhrmann fortlaufend beschäftigt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Leonardo DiCaprio übernimmt die Gestalt des Jay Gatsby, eine Rolle, die sein star-typisches Spiel mit Melancholie und magnetischer Präsenz in eine Figur von nahezu ikonischer Aufladung bringt. DiCaprios Karriere, geprägt von Rollen zwischen Sensibilität und Pathos, bietet eine passende Leinwand für Gatsbys Mischung aus rätselhaftem Charme und innerem Bruch.

Tobey Maguire spielt die erzählende Instanz, Nick Carraway, dessen beobachtender Blick die moralische Achse des Films bildet. Maguire, der in früheren Rollen oft dem unsicheren, beobachtenden Typus verpflichtet war, bringt hier die notwendige Zurückhaltung und interpretatorische Distanz mit, die für den narrativen Filter entscheidend sind.

Carey Mulligan tritt als Daisy Buchanan auf, eine Figur, die im Roman wie im Film als ästhetisches Zentrum fungiert - Lichtquelle und Projektionsfläche zugleich. Mulligans frühere Rollen, in denen sie Ambivalenz und zerbrechliche Fassade auslotete, prägen hier die Darstellung einer Frau, die zwischen Verlangen und gesellschaftlicher Rolle oszilliert.

Joel Edgerton verkörpert Tom Buchanan als Verkörperung von Macht und Anspruch; seine Bühnenpräsenz kontrastiert bewusst mit Gatsbys Inszenierung. Isla Fisher und Jason Clarke ergänzen das Ensemble als Figuren, die die soziale Unter- und Zwischenwelt repräsentieren. Elizabeth Debicki bringt eine kühlere, sportlich-elegante Note in der Rolle der Jordan Baker ein, eine Figur, die Moderne und Distanz verkörpert. Die international besetzte Nebenriege - darunter auch bekannte Namen aus anderen Filmkulturen - sorgt für eine leicht kosmopolitische Aufladung der Erzählung.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt aus der Perspektive eines Beobachters das Aufeinandertreffen von Reichtum, Sehnsucht und moralischer Ambiguität in den 1920er Jahren. Zentrale Figuren sind der rätselhafte Gastgeber mit großem Vermögen, die in den feinen Kreisen bewegten Eheleute sowie jene, die an den Rändern dieser Sphäre stehen. Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus dem Aufeinandertreffen von Illusion und Realität: Aus dem Drang, ein Bild von sich zu schaffen, entsteht ein Spannungsfeld, das gesellschaftliche Hierarchien und persönliche Begierden auf die Probe stellt.

Ton und Atmosphäre des Films bewegen sich zwischen Gala und Tragödie. Feiern und Einsamkeit, Glanz und Risse im Porzellan bilden die klangliche und visuelle Spannung, die das Narrativ trägt. Die Inszenierung setzt auf starke Bildmotive, rhythmische Schnitte und musikalische Zäsuren, um die emotionale Ökonomie der Figuren zu unterstreichen, ohne die erzählerische Linie zu verraten.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum stehen Fragen nach Authentizität, Selbstinszenierung und der Ökonomie der Begierde. Der Film lotet aus, wie Wünsche in Waren umgemünzt werden, wie Identität zur Marke und Erinnerung zur Illusion wird. Die amerikanische Traumrhetorik wird nicht nur historisch kommentiert, sondern als fortdauernder Mechanismus moderner Bildproduktion gelesen: Erfolg als Bühne, Liebe als Projektionsfläche.

Philosophisch öffnet die Adaption ein Feld zwischen Existentialismus und Medienkritik. Sie stellt die psychologische Dimension individueller Sehnsucht der kollektiven Ökonomie des Sichtbaren gegenüber. Motive wie Licht, Spiegelung und Fenster recurrieren visuell und thematisch; sie verweisen auf das Verhältnis von Innen- und Außenwelt, auf das Sehen als Macht und das Gesehensein als Verwundbarkeit. Insgesamt präsentiert sich der Film als Reflexion über die Art, wie Gesellschaften Erzählungen produzieren und wie diese Erzählungen wiederum Individuen formen.

Filmkritik von Jochen Werner

Die ersten Bilder im Vorspann von Baz Luhrmanns Der große Gatsby wirken wie aus einem Film von 1925 – dem Jahr, in dem F. Scott Fitzgerald seinen großen Roman veröffentlichte. Schwarzweiß, zerkratzt, zweidimensional ohnehin – aber immerhin bereits im Breitwandformat. Plötzlich aber kommt nicht nur Farbe ins Bild, gleichzeitig beginnen die Arabesken des Titeldesigns sich in die Tiefe zu staffeln, ein Raum öffnet sich, in dem die Zeiten sich auf jene magische Weise durchdringen, die nur im Kino möglich wird. Der große Gatsby erweckt die 1920er Jahre, durch die Augen von Fitzgerald und durch seinen Roman gewissermaßen hindurchzielend, zu schillerndem Leben, und dies gelingt ihm in einer einigermaßen paradoxen Volte gerade durch seine zahllosen Anachronismen.

Luhrmann inszeniert die Geschichte des jungen Börsenmaklers Nick Carraway (Tobey Maguire), des rätselhaften Multimillionärs Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio) und seiner großen Jugendliebe Daisy (Carey Mulligan) dabei zuvorderst als überbordendes, rauschhaftes Kinospektakel – postmodern betrachtet in der Nachfolge seines eigenen Moulin Rouge, aber in gewisser Hinsicht auch stets ganz unironisch im Geiste der großen epischen Melodramen des klassischen Hollywoodkinos. Die brennenden Technicolor-Panoramen eines Vincente Minnelli oder die Seelenlandschaften eines David Lean, all das saugt Luhrmanns Kino in sich auf wie ein Schwamm und überformt es zu etwas Eigenem, Unverwechselbarem. Denn obgleich Der große Gatsby vom Geist des Klassizismus durchtränkt ist, lässt Luhrmann den selten so ganz zu vermeidenden Staubgeschmack des Kostümfilms gar nicht erst zu und kontrastiert die ohnehin nichtnaturalistische Epochenrekonstruktion mit grellsten Spurenelementen zeitgenössischer Populärkultur.

Dies äußert sich, wie zumeist bei Luhrmann, am offensivsten im von Rapper Jay-Z produzierten Soundtrack, der mit Lana Del Rey, The XX oder Beyoncé den Status Quo des Gegenwartspop ziemlich lückenlos zu kompilieren versucht. Auf den orgiastischen Partys in Gatsbys Villa – einem steinernen Monument unerfüllter Träume und Sehnsüchte – werden HipHop, Soul und Electropop gespielt, und mehr noch als im deutlich gebrocheneren, weil ironischeren Moulin Rouge schmiegen sich Vergangenheit und Gegenwart hier ineinander, wie sich insgesamt die unterschiedlichen Zeitebenen, die Erinnerungs- und Reflexionsebenen übereinander schichten, was Luhrmann auch in seiner äußerst geschickten Rauminszenierung immer wieder hervorhebt.

Überhaupt ist Der große Gatsby, in mehr als einer Hinsicht, endlich mal wieder ein wirklicher 3D-Film: zunächst, weil man sich hier nach den zahllosen hässlich postkonvertierten Blockbustern der jüngeren Zeit endlich einmal wieder den Luxus leistete, mit echten 3D-Kameras zu arbeiten, was sich ob der visuellen Faszinationskraft des in jeder Beziehung luxuriösen Films auch bezahlt macht. Luhrmann nutzt den 3D-Effekt aber nicht ausschließlich, um Schnee- und Ascheflocken oder auch Konfetti in den Zuschauerraum hinein regnen zu lassen – auch wenn es an all dem sicherlich nicht mangelt –, sondern setzt es stets auch und vielleicht in erster Linie dafür ein, eine ausgefeilte Raumdramaturgie zu entwerfen, die die Protagonisten auf immer wieder neue Weise zueinander und zu ihrer Welt, so artifiziell diese auch sein mag, in Bezug setzt.

Dieser inszenatorische Kniff, den Luhrmann fast bis zum Letzten ausreizt, trägt dann auch Sorge dafür, dass Der große Gatsby bei aller Opulenz niemals in der bloßen Oberflächlichkeit stecken bleibt. Fitzgeralds Kunst besteht darin, hinter den glänzenden Fassaden der Menschen und Häuser und Orte seines Romans klaffende Abgründe von Verzweiflung und Trauer und Leere sichtbar werden zu lassen – und in diesen wiederum eine funkelnde Romantik zu entdecken, die in der visuellen Nachformung nur allzu leicht schal und flach geraten kann. Von einigen kleineren Verschiebungen und Raffungen abgesehen – der mit Jordan Baker, der zeitweiligen Geliebten des Erzählers Nick, eine durchaus interessante Figur hier weitgehend zum Opfer fällt – bemüht sich Baz Luhrmann um eine geradezu buchstabengetreue Annäherung an den Stoff. Gerade dieser Ansatz freilich birgt ja allzu oft die Gefahr, dann auch eine erwartungsgemäß eher papierene denn filmische Adaption zu kreieren, aber davon könnte Der große Gatsby kaum weiter entfernt sein.

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