Passion - De Palmas präzise Studie über Macht, Bildlichkeit und die Inszenierung des Selbst
Einleitung
Passion tritt in das spärlich beleuchtete Feld jener späten Werke, in denen ein etablierter Regisseur noch einmal seine Themen und formalen Manierismen auf einen zeitgenössischen Kontext anwendet. Der Film erhebt keine lauten Gesten, er verengt vielmehr die Perspektive auf ein Spiel der Blicke und der Kontrolle - und macht daraus eine Art klinisches Labor für Machtverhältnisse und Bildpolitik. In dieser Intimität liegt seine Relevanz: Er refraktiert nicht nur persönliche Obsessionen des Filmemachers, sondern auch die gegenwärtige Sensibilität gegenüber Image, Öffentlichkeit und digitaler Sichtbarkeit.
Als Beitrag zum Kino der 2010er Jahre steht Passion in einem Spannungsfeld zwischen europäischer Kühle und amerikanischer Suspense-Tradition. Die Wahl eines international besetzten Ensembles und die französische Produktion verweisen auf die transnationale Logik vieler Gegenwartsfilme - ein Kino, das nationale Grenzen durch formale Referenzen und durch die Ökonomie des Festivals überwindet. Gerade in einer Zeit, in der Karriere und Reputation zunehmend als mediale Konstrukte gelesen werden, gewinnt ein Thriller, der diese Konstruktionen zerlegt, an Gewicht.
Die Tonalität des Films ist reflektiert, beinahe distanziert; sie verlangt vom Zuschauer ein genaues Hinschauen statt billiger Auflösung. Dadurch stellt Passion Fragen nach moralischer Verantwortung und nach der Ästhetik des Täuschens, ohne schnelle Antworten zu liefern. Diese Zurückhaltung positioniert den Film als intellektuell anspruchsvollen Beitrag zum Genre, der mehr interpretative Arbeit vom Publikum verlangt als reine Spannungserzeugung.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Brian De Palma, dessen Handschrift sich wie ein roter Faden durch die Arbeit zieht - das kunstvolle Spiel mit Kamerabewegung, die Liebe zum Tableau, die Verwobenheit von Voyeurismus und Erzählen. In Passion bündelt sich die Regieästhetik des Altmeisters in einem engen, fast theaterhaften Setting, das Raum für subtile Manipulationen lässt. De Palmas filmische Vorlieben - Spiegelungen, Doppelgänger, die Kamera als beobachtendes Subjekt - erscheinen hier fokussierter und zugleich reduziert.
Die Produktion trägt die Züge einer europäischen Koproduktion mit französischer Federführung und internationaler Besetzung. Gedreht wurde mit einem vergleichsweise kompakten Budget und einem klaren Fokus auf Produktionsdesign und Kameraarbeit statt auf spektakuläre Effekte. Diese ökonomische Beschränkung wird zur ästhetischen Tugend: Sie zwingt das Team zu einer Konzentration auf Licht, Komposition und den körperlichen Ausdruck der Darstellerinnen und Darsteller.
Im Gesamtwerk des Regisseurs nimmt Passion den Platz eines späten Experiments ein - weniger breit angelegte Genre-Hommage als eine minutiöse Fortsetzung seiner zentralen Anliegen. Der Film wirkt wie eine Serie von Variationen bekannter Motive, die in eine zunehmend nüchterne Sprache übersetzt werden, ohne dabei die theatralische Energie ganz aufzugeben.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Rachel McAdams, die in der Vergangenheit ein breites Spektrum zwischen Mainstream und anspruchsvoller Charakterarbeit abgedeckt hat, übernimmt in Passion eine Figur, die auf den ersten Blick Effizienz und Kontrolle ausstrahlt. Ihre frühere Arbeit in dramatischen wie komödiantischen Rollen verleiht ihr die Fähigkeit, hinter der professionellen Oberfläche Unwägbarkeiten anzudeuten - ein wichtiges Instrument in einem Film, der psychologische Zwischentöne ausspielt.
Noomi Rapace, international bekannt geworden durch ihre physisch konzentrierte Darstellung in der „Millennium“-Trilogie, bringt hier eine kompakte, oft schwer zu dechiffrierende Präsenz ein. Ihre Darstellung nutzt die Mechanik der Mimik und des Blicks - beides zentrale Elemente eines Films, der mit Identitäten spielt. Rapace agiert weniger als expressiver Ausbruch denn als kontrollierte Kraft, deren Motivationen lange fragmentarisch bleiben.
Paul Anderson, Karoline Herfurth und die weiteren Nebenrollen fügen dem Ensemble unterschiedliche europäische Nuancen hinzu. Andersons präziser Charakterspiel ergänzt die Spannungslinien, während Herfurth und die deutschen Nebendarsteller das Setting mit lokalem Subtext anreichern. Zusammen formen sie ein Ensemble, das weniger durch große Affekte als durch kleine Gesten und die Signifikanz von Blickeindrücken funktioniert.
Handlung (spoilerfrei!)
Passion entfaltet sich als konzentriertes Spiel zwischen zwei zentralen Figuren in einem professionellen Umfeld, in dem Karriere, Anerkennung und Kontrolle die zentralen Währungen sind. Der dramatische Konflikt entsteht aus einem Geflecht aus Ambition, Loyalität und subtiler Rache - ein Katz-und-Maus-Spiel, das sich weniger in physischen Konfrontationen als in psychologischen Manövern materialisiert. Die narrativen Wendungen setzen weniger auf Offenbarungen als auf Verlagerungen der Perspektive und das Umdeuten von Beweismaterial - visuell wie narrativ.
Die Atmosphäre des Films ist kühl, präzise und oftmals scheinbar emotionslos, wobei genau diese Oberfläche in ihrer Glätte zur Bedrohung wird. Räume erscheinen als Bühnenräume, in denen Blickrichtungen, Spiegelungen und Überwachungstechnologien die Handlung vorantreiben. Diese distanzierte Stimmung macht Passion zu einem Thriller, der auf Intelligenz und Formensprache statt auf konventionelle Schreckmomente setzt.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum des Films steht die Frage nach der Konstruktion von Identität und nach der Autorenschaft von Bildern - wer besitzt einen Eindruck, wer kontrolliert, wie ein Ereignis erinnert oder gedeutet wird. De Palmas Film interessiert sich für die Schnittstelle von persönlicher Integrität und medialer Darstellung - ein Thema, das in Zeiten von Social Media und Selbstdarstellung besonders anschlussfähig ist. Die Kamera fungiert dabei nicht nur als Mittel zur Erzählung, sondern als aktiver Vernehmungsapparat, der Augenzeugenschaft herstellt und zugleich in Frage stellt.
Ein weiteres wiederkehrendes Motiv ist das Duplikat - Doppelgänger, Spiegelbilder und Repliken tauchen als formale wie thematische Elemente auf. Diese Verdopplung verweist auf die Ambivalenz von Wahrnehmung und Täuschung und auf die Möglichkeit, Identitäten zu inszenieren und zu instrumentalisieren. Schließlich berührt der Film auch genderpolitische Dimensionen - die Mechanik der Konkurrenz unter Frauen in hierarchischen Strukturen, die Verwertung von Weiblichkeit als Kapital und die Frage, wie Subjektivität im neoliberalen Arbeitskontext erodiert.
Passion ist kein schlichtes Puzzle, das sich durch die Aufdeckung einer einzigen Wahrheit löst. Vielmehr ist er eine formale Meditation über Macht, Bildlichkeit und das schmale Gerüst, auf dem Reputation ruht. In dieser driftenden Balance zwischen Raffinesse und Kälte liegt die provokative Kraft des Films - ein Werk, das nicht nur unterhält, sondern zum genauen Hinschauen zwingt.
Filmkritik von Maurice Lahde
Alfred Hitchcock nannte sie spöttisch die „Wahrscheinlichkeitskrämer“: jene Zuschauer, die nach dem Film alle Logikfehler aufzählen oder die unglaubwürdige Handlung monieren. Freilich bot sein Werk diesem Zuschauertyp auch eine unerschöpfliche Fundgrube. Der US-Regisseur Brian De Palma – der seit Beginn seiner Karriere in Hitchcocks Fußstapfen wandelt – schenkt ihnen nun mit Passion ein neues Dorado. Ein YouTube-Video eines angeblich genialen (vom Zuschauer aber schon beim Abspann halb vergessenen) Werbespots, das in fünf Stunden zehn Millionen Klicks generiert, ist nur die schrillste in einem bunten Strauß absurder Blüten. Spätestens wenn der Film von einem Psychodrama um zwei sich bekriegende Karrierefrauen zu einem munter zwischen Traum und Realität switchenden Krimi umschlägt, verhöhnt die hakenschlagende Handlung jeden Versuch des logischen Mitkombinierens. Wo Hitchcock die Wahrscheinlichkeitskrämer nicht kümmerten, da dreht ihnen der Passion-Showdown in jeder Sequenz eine lange Nase.
Kurz, De Palma hat einen typischen De-Palma-Film gemacht, genauer, einen erotischen Thriller in der Tradition von Dressed to Kill oder Femme Fatale, der durch und durch stilbesessen ist und Story wie Motive nur als wirkungsvolle Effekterzeuger versteht. Alles ist Inszenierung, In-Szene-Setzung, dabei immer auch begeisterte Reverenz an Vorbilder oder, längst schon, ans eigene Werk. Dass De Palma seinen Zuschauern hier nie etwas anderes vorgaukelt, macht ihm zu einem der ehrlichsten Filmemacher überhaupt. Wenn Passion, ein freies Remake des französischen Thrillers Love Crime (2010), greller und holzschnittartiger wirkt als frühere Meisterstücke, und manchmal auch etwas verbrauchter, dann weil der Regisseur der eigenen Sex-und-Crime-Motivwelt kaum Neues hinzufügt. Und bei der Freude an der Stilisierung jedes Aspekts, von der Schauspielführung über die Kamera (schiefe Winkel noch und nöcher!) bis eben zu den Motiven (Spieglein, Spieglein, Masken, Zwillingsschwestern, alles ist gedoppelt und getwistet), kommt ihm ein wenig der Überblick abhanden, die Versatzstücke wirken manchmal wie durchgeschüttelt und aneinandergeklatscht.
Der Film wurde in Berlin gedreht und spielt in gewisser Weise auch dort. Heißt, er spielt in einer ortlosen Business-Welt mit Glasfassaden, polierten Konferenztischen und schnieken Hotelbars, die vor eine Kulisse aus Berlin-Ansichtskarten gepflanzt wurde. Jede Vorstellung von „Lokalkolorit“ wird ad absurdum geführt – dieses Berlin ist reiner Film-Raum, Variationen in Blau und Schwarz vor Büroschränken, manchmal mit Blick auf die Reichstagskuppel.
In diesem Raum entfaltet der Film eine Story von genüsslicher Bösartigkeit. Der Hit-Werbespot ist ein Werk der aufstrebenden Kreativen Isabelle (Noomi Rapace), doch ihre Vorgesetzte Christine (Rachel McAdams) gibt die Idee dreist als die eigene aus, um die Karriere voranzutreiben – und sagt das der Ausgebeuteten noch frech ins Gesicht. Neben der lockenden Versetzung nach New York konkurrieren die Frauen auch um den gemeinsamen Lover Dirk (Paul Anderson), doch auch dies ist kein Duell auf Augenhöhe – stets entpuppen sich kurzfristige Punktsiege Isabelles im Bett oder im Büro als kalkulierte Bestandteile von Christines Intrigen. Als Zuschauer ist man hin- und hergerissen zwischen Mitleid mit der einen und Freude am bösen Spiel der anderen, das mit jeder Runde noch eine Schippe Gemeinheit nachlegt, bis es mit der Vorführung eines die Konkurrentin demontierenden Videos vor gesammeltem Kollegium seinen Höhepunkt findet.
Natürlich sind die Figuren stereotyp, von den Hauptdarstellerinnen aber auch mit spürbarer Lust an der Überzeichnung gespielt. Die erotische Spannung zwischen beiden – von der im Laufe der Handlung auch Isabelles Assistentin Dani (Karoline Herfurth) angesteckt wird – inszeniert der Film jedoch zurückhaltender, als das Filmplakat vermuten lässt, und die zwei, drei heterosexuellen Bettszenen mit dem Auswechsel-Liebhaber Dirk kommen trotz Mummenschanz und Sexspielzeug etwas bieder daher.
Höhe- und Wendepunkt des Films, und sein überdeutlich ausgestelltes Herzstück, ist eine mehrminütige Split-Screen-Sequenz, in der auf der linken Leinwandhälfte Ballett getanzt und auf der rechten Christine im eigenen Haus von einem unbekannten Maskenträger zu einem erotischen Spiel gelockt und ermordet wird. Die auf beiden Seiten meisterhaft choreografierte „Tanzszene“ würde als eigener Kurzfilm funktionieren, ist aber vielleicht auch die finale Weichenstellung fürs Publikum. Wen sie in ihren Bann schlägt, der wird auch der letzten halben Stunde des Films gefesselt folgen. Wer hier aussteigt, der bleibt draußen.
Denn der nun einsetzende wilde Krimi-Parcours mit blutigen Seidenschals, verkorksten Alibis, trickreichen Anwälten und fließend Englisch sprechenden Berliner Polizisten funktioniert im Grunde nur noch auf affektiver Ebene – dort aber funktioniert er sehr gut. Die handlungslogische Sorglosigkeit wird besonders in den Sequenzen deutlich, die formal als Träume markiert sind und mit dem Schnitt auf eine schweißgebadet hochschreckenden Isabelle enden – inhaltlich scheinen diese aber dann doch in den „realen“ Handlungsverlauf integrierbar. Ob Traum oder Wirklichkeit, spielt für den Wahrheitswert kaum eine Rolle, der Ebenenwechsel ist purer Manierismus – aber immer hundertprozentig getimt und die Spannung vorantreibend.

