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Wild

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kritiken.de Redaktion 14.04.2016
Wild© NFP
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Wild - Ein filmisches Porträt der animalischen Freiheit zwischen Körper und Gesellschaft und Verdrängung

Einleitung

Wild ist ein Film, der nicht durch einfache Narrative, sondern durch einen insistierenden filmischen Körperhaftigkeitsanspruch Aufmerksamkeit verlangt. Er richtet den Blick auf das, was gewöhnlich ausgeblendet oder zivilisatorisch gezähmt wird - Triebe, Instinkte, physische Präsenz - und positioniert diese Beobachtung in einem kühlen, zugleich sensibel ausgeleuchteten Bildraum. In einer Zeit, in der Fragen nach Autonomie, Grenzüberschreitung und dem Umgang mit Fremdheit immer wieder politisch verhandelt werden, wirkt ein derart radikales Ausloten von Körperlichkeit auf der Leinwand wie eine notwendige, manchmal verstörende Provokation.

Regisseurin Nicolette Krebitz, selbst aus dem Schauspiel kommend, hat mit Wild ein Werk vorgelegt, das sich in der deutschen Kinolandschaft der 2010er Jahre als konsequente Fortsetzung einer Autorinnenpraxis lesen lässt, die Form und Figur eng verbindet. Krebitz interessiert sich weniger für psychologische Erklärungen als für die materiellen Bedingungen des Subjekts - für die Art, wie Bewegungen, Blicke und Geräusche Identität hervorbringen und zugleich destabilisieren. In diesem Sinne ist Wild ein Film, der mehr zeigt, als er erzählt, und dessen Relevanz gerade im filmischen Vorgehen liegt.

Die Relevanz des Films ergibt sich auch aus seinem Momentaufnahmecharakter - er spiegelt eine kulturelle Bereitschaft, die Grenzen des Privaten und des Körperlichen auf die öffentliche Bühne zu tragen. Wild stellt nicht nur eine individuelle Biografie in den Mittelpunkt, sondern verhandelt kollektive Reaktionen auf das Abweichende: Wie ordnet Gesellschaft das Unbeherrschbare? Welchen Preis verlangt Normalität? Diese Fragen macht der Film zu seiner Dramaturgie ohne sie je dogmatisch zu beantworten.

Kurzüberblick zur Produktion

Nicolette Krebitz führt bei Wild Regie und bringt damit die Handschrift einer Autorin-Regisseurin ein, die aus der Schauspielerei kommt und ein feines Gespür für körperliche Nuancen in der Regie besitzt. Ihr Interesse an der Verflechtung von visueller Sinnlichkeit und psychischer Grenzerfahrung zeigt sich in der Inszenierung von Raum, Kameraführung und dem bewussten Einsatz von Ton. Die Bildgestaltung arbeitet oft mit nahen Einstellungen und einer präzisen Choreographie von Bewegung - ein Verfahren, das Intensität erzeugt, ohne auf spektakuläre Effekte zurückzugreifen.

Produziert im Kontext des deutschen Autorenfilms, bewegt sich Wild im Spannungsfeld zwischen arthausiger Experimentierfreude und einer forcierten narrativen Klarheit. Die Produktion inszeniert beschränkte, fast klaustrophobische Räume ebenso wie weite Landschaften, wodurch ein Kontrast entsteht zwischen innerer Enge und äußerer Freiheit. Solche Produktionsentscheidungen deuten auf ein bewusstes Arbeiten mit begrenzten Mitteln und einem Augenmerk auf das, was filmisch wirklich zählt - die Präsenz der Darstellerinnen und Darsteller, das akustische Gefüge, die Textur von Licht.

Im Gesamtwerk der Regisseurin nimmt Wild eine Rolle als konsequente Vertiefung ihrer thematischen Fixpunkte ein: die Untersuchung weiblicher Subjektivität, die thematische Verknüpfung von Sinnlichkeit und Macht, sowie ein ästhetisches Interesse an Grenzzuständen. Der Film knüpft an frühere Arbeiten an, die gleichermaßen zwischen Naturalismus und stilisierter Darstellung oszillieren.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum von Wild steht Lilith Stangenberg, deren physische Präsenz und theatralische Erfahrung der Rolle eine zwingende Glaubwürdigkeit verleihen. Stangenberg hat sich in der deutschsprachigen Szene als eine Schauspielerin positioniert, die das Körperliche nicht nur darstellt, sondern zur dramatischen Triebfeder macht. In Wild ist sie die zentrale Figur, deren Innenleben vor allem über Körpersprache, Atmung und Mimik vermittelt wird.

Georg Friedrich tritt an ihrer Seite als eine Art Gegenpol - ein Charakter, der konventionelle Machtverhältnisse verkörpert und zugleich ambivalent bleibt. Friedrichs darstellerische Handschrift ist geprägt von intensiver, oft kantiger Präsenz; er bringt in diesem Film die Fähigkeit ein, Figuren zu formen, die nicht leicht in moralische Kategorien zu pressen sind. Silke Bodenbender und Saskia Rosendahl ergänzen das Ensemble mit differenzierten, den Plot stützenden Figuren. Rosendahl, bereits präsent geworden durch internationale Arbeiten, bringt eine sensible, manchmal verletzliche Qualität in ihre Rolle.

Die kleineren Rollen, gespielt von Pit Bukowski, Tamer Yi?it, Kotti Yun und Joy Maria Bay, sind so besetzt, dass sie das soziale Umfeld der Protagonistin spürbar machen - Nachbarschaft, Arbeitswelt, familiäre Bezüge - ohne die Betrachtung auf einfache Beziehungen zu reduzieren. Insgesamt entsteht ein Ensemblebild, das eher durch atmosphärische Dichte als durch konventionelle Charakterzeichnung funktioniert.

Handlung (spoilerfrei!)

Wild schildert den psychischen und physischen Prozess einer jungen Frau, die sich aus den vertrauten Strukturen ihres Lebens löst und in eine Konfrontation mit ihren eigenen Impulsen - und mit der Umwelt - gerät. Die Erzählung folgt nicht einem klassischen Plot mit klaren Etappen, sondern arbeitet in Montage und Stimmungslagen: Exposition, Kulmination und Nachwirkung werden über Bilder und Szenenfolgen erzeugt, die weniger erklären als sie vorhandene Spannungen zulassen.

Der dramatische Konflikt besteht in der Spannung zwischen individueller Triebhaftigkeit und gesellschaftlicher Erwartung. Die Protagonistin trifft auf Personen, die unterschiedliche Reaktionen auf ihre Verhaltensweisen zeigen - von Ablehnung über Faszination bis hin zu Desinteresse. Diese Begegnungen treiben die Handlung voran, ohne dass der Film auf einfache psychologische Motivationen reduziert wird. Zentral sind die Figurenkonstellationen, die immer wieder die Frage eines Zugangs zu und einer Abwehr von Intimität stellen.

Der Ton des Films ist dabei roh und zugleich sorgfältig austariert. Atmosphärisch wechselt Wild zwischen beklemmenden Innenräumen und offenen, fast archaisch anmutenden Außenaufnahmen; die Kamera bleibt nahe am Körper, der Ton betont Atem, Schritte und Geräusche als expressive Elemente. Dadurch entsteht eine durchgängige Intensität, die mehr wirkt als jede verbale Erklärung.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von Wild stehen Fragen nach der Grenze zwischen Mensch und Tier - nicht als zoologische Gegenüberstellung, sondern als metaphorische Untersuchung von Trieb, Gewalt und Begierde. Der Film fragt danach, wie Zivilisation verhilft oder verhindert, dass das Individuum bestimmte Aspekte seiner selbst lebt, und welche Folgen das für soziale Bindungen hat. Diese thematische Anlage berührt ethische, philosophische und psychologische Dimensionen zugleich.

Eine weitere Leitmotivik ist die Inszenierung von Körperlichkeit als Erkenntnismedium. Krebitz interessiert sich für das, was der Körper verrät, bevor Sprache interveniert - ein Interesse, das philosophisch an Diskurse über Subjektivität und Leiblichkeit anschließt. Wild stellt das Unverfügbare, das Nichtrepräsentierbare, ins Zentrum des Films und lässt so Fragen nach Identität, Macht und Selbstbestimmung offen im Raum stehen.

Schließlich arbeitet der Film mit Motiven von Isolation und Kontakt - wie Nähe entsteht, wie sie verhindert wird, und welche Formen der Kommunikation möglich sind, wenn Worte nicht mehr ausreichen. In dieser Perspektive lässt sich Wild als ein filmisches Experiment lesen, das weniger Antworten bietet als Räume des Nachdenkens eröffnet.

Filmkritik von Peter Osteried

Bemerkenswert wild!

Es gibt Geschichten von Menschen, die bei Wölfen aufwuchsen und später nur sehr schwer in die Zivilisation integriert werden konnten. Wild ist, wenn man so will, die Antithese dazu. Die Geschichte eines Menschen, der unter Menschen aufwuchs, aber von der Freiheit der Wölfe angezogen ist. Was so einfach erscheint, wird unter Nicolette Krebitz‘ Regie zu einem radikalen, sehr sinnlichen Erlebnis – zu einem Film, wie man ihn so vielleicht noch nie gesehen hat.

Ania (Lilith Stangenberg) sieht auf dem Weg zur Abreit im Park einen Wolf. Diese zufällige Begegnung verändert sie. Der Wolf fasziniert sie. In nur einem Moment wird ihr klar, dass ihr Leben nicht lebenswert ist, dass das Dasein als kleine Büroangestellte, deren Großvater im Krankenhaus im Sterben liegt, kaum noch mehr als ein Witz ist. Aber der Wolf – der Gedanke an ihn – nimmt sie gefangen. Sie wird zur Jägerin, folgt Fährten, legt Fallen. Ania will den Wolf fangen. Im selben Maße, wie sie sich nun dem Tier nähert, streift sie die Fesseln ihres Daseins ab, was wiederum ihrer Umwelt, und hier vor allem ihrem Boss Boris (Georg Friedrich), auffällt.

Es ist bemerkenswert, wie Krebitz diesen Film umgesetzt hat. Die Szenen mit dem Wolf sind real. Ihr sind hier Bilder gelungen, die eine traumhafte Qualität aufweisen, aber nur schwer umsetzbar waren, weil sie eine Intimität zwischen Mensch und Tier erfordern, die alles andere als selbstverständlich ist – inklusive der immer präsenten Gefahr, da man nie sicher sein kann, wie ein Wolf reagiert.

Was Krebitz hier erzählt, ist die Geschichte eines Ausbrechens. Es ist auch eine Liebesgeschichte. Der Wolf steht stellvertretend für einen jungen Mann. Er ist, was in Anias Leben gefehlt hat. Konnotiert man den Wolf normalerweise mit männlicher Energie und Sexualität, so wird er hier weit sanfter gezeichnet. Er macht nicht Jagd auf das Rotkäppchen, sondern verliebt sich auf seine ganz und gar eigene Art in den Menschen, der ihn an sich bindet, ohne ihn zu domestizieren. Es sind kraftvolle Momente, wenn Lilith Stangenberg mit dem Wolf agiert, der im Verlauf der Dreharbeiten eine echte Bindung mit ihr eingegangen und auf sie reagiert hat.

Das überträgt sich auf die Leinwand. Krebitz‘ stilistisch strenge und dramaturgisch extreme Darstellung macht Wild zu einem Erlebnis, einem Film, in den man viel hineinlesen, und aus dem man viel mitnehmen kann. Es ist keine simple Zurück-zur-Natur-Botschaft, sondern ein Schrei nach Freiheit, der hier durch den Kinosaal hallt. Mit ihrer zurückgenommenen Art illustriert die Regisseurin hervorragend, wie Sachzwänge und die Notwendigkeiten des alltäglichen Lebens den Menschen die Luft zum Atmen nehmen.

Aber nur die wenigsten sind bereit, aus dieser Tretmühle auszusteigen und ein selbstbestimmtes, freies, völlig ungebundenes Leben zu führen. Das gelingt auch der männlichen Hauptfigur des Films nicht, die sich ebenso wie Ania nach einem Abstreifen der Routine sehnt, aber letzten Endes ist dies eine Art Leben, die nur wenigen gegönnt ist – und auch nur von wenigen wirklich gelebt werden kann!

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