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The Jungle Book

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kritiken.de Redaktion 14.04.2016
The Jungle Book© Walt Disney Germany
A ca. 1309 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

The Jungle Book als moderne Schöpfung - Mythos, Technik und die Suche nach Zugehörigkeit

Einleitung

Die Neuverfilmung von The Jungle Book aus dem Jahr 2016 tritt in eine Reihe zeitgenössischer Kinoarbeiten ein, die sich mit bekannten Erzählungen auseinandersetzen und sie durch die Linse digitaler Bildproduktion neu interpretieren. Der Film ist nicht nur ein Beitrag zur langen Rezeptionsgeschichte von Rudyard Kiplings Erzählungen und der berühmten Zeichentrickvorlage, sondern auch ein Index dafür, wie gegenwärtiges Hollywood Nostalgie, Celebrity-Voice-Casting und Spitzentechnik miteinander verknüpft.

Relevanz gewinnt der Film vor allem dort, wo Fragen nach Authentizität und medialer Vermittlung aufeinandertreffen: Mit einem Menschenkind im Mittelpunkt, das in einer vollständig digital konstruierten Umwelt agiert, stellt The Jungle Book Grundfragen über Darstellung und Erleben der Natur im Zeitalter postfotografischer Effekte. Das Ergebnis ist weniger ein naturwissenschaftliches Dokument als eine Inszenierung von Natur als psychologischem und mythischem Raum.

Im Kontext des Regisseurs Jon Favreau markiert der Film eine Fortsetzung seines Interesses an der Kombination aus blockbusterhafter Mechanik und einem warmen Tonfall, der Charaktere trotz kunstvoller Künstlichkeit nahebringt. Favreau bewegt sich damit zwischen Handwerk und Illusion, zwischen ökonomischen Erwartungen großer Studios und dem Versuch, cineastische Präsenz jenseits reiner Effektschau herzustellen.

Kurzüberblick zur Produktion

Favreau, der sich nach Filmen wie Iron Man und dem kleineren, persönlichen Projekt Chef auch als Brückenbauer zwischen Entertainment und handwerklicher Präzision etabliert hat, nutzte für The Jungle Book ein aufwändiges Produktionsmodell. Unter dem Dach eines großen Studios wurde ein hoher Haushaltsplan mobilisiert, um photorealistische Tiere, virtuell erzeugte Landschaften und eine mitunter experimentelle Produktionsweise zu ermöglichen. Die Dreharbeiten konzentrierten sich auf Studiorecords und Greenscreen-Umgebungen, während visuelle Effekte und Sounddesign den Film zu einem Paradebeispiel für das, was man als modernes hybrides Kino bezeichnen kann, formten.

Die Produktionsumstände zeichnen ein Bild von industrieller Zusammenarbeit: starbesetzte Stimmenaufnahmen, Performance-Referenzen am Set und umfangreiche Nachbearbeitung, durch die eine konsistente Sinneswelt geschaffen werden sollte. Der Film sitzt damit an einer Schnittstelle - als kommerzielles Projekt im Rahmen einer populären Remake-Strategie und zugleich als Versuch, das Potenzial digitaler Bilder für erzählerische Tiefe auszureizen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble von The Jungle Book liest sich wie ein Who is Who zeitgenössischer Filmkarrieren, eingesetzt als stimmliche Figurationen archetypischer Rollen. Neel Sethi, der als einzig lebender Jungdarsteller physisch im Bild ist, übernimmt die Rolle des Mowgli und trägt als zentraler menschlicher Punkt die Herausforderung, in einer künstlich konstruierten Welt glaubhaft zu reagieren. Seine frühere Filmkarriere war vor diesem Projekt noch nicht ausgeprägt, was der Figur eine unvoreingenommene Präsenz verleiht.

Ben Kingsley als Bagheera bringt die Erfahrung klassischer, kontrollierter Darstellung ein und artikuliert eine beschützende Strenge. Bill Murray als Baloo liefert den lässigen, komödiantischen Kontrapunkt, dessen Stimme Erwartung und Niederschlag zugleich erzeugt. Idris Elba als Shere Khan nutzt seine markante Tonalität, um eine latente Bedrohungslinie zu zeichnen. Scarlett Johansson, Christopher Walken, Lupita Nyong'o und Giancarlo Esposito ergänzen das Ensemble mit unterschiedlichen Registerlagen - von verführerischer Ambivalenz über exzentrische Exotisierung bis zur mütterlichen Autorität - und verwandeln durch ihre Stimmen animalische Figuren in mythische Instanzen.

Handlung (spoilerfrei!)

Die narrative Anlage konzentriert sich auf ein Menschenkind, das in einer tierischen Gemeinschaft aufwächst und durch äußere Bedrohungen gezwungen ist, sich seiner Herkunft und seiner Zukunft zu stellen. Im Zentrum steht der dramatische Konflikt zwischen individueller Identität und kollektiver Ordnung, zwischen der Verlockung des Verbleibs im bekannten Ökosystem und der Notwendigkeit, sich einer anderen Welt zu stellen. Begleiter, Gegner und Autoritätsfiguren strukturieren diese Suche und eröffnen unterschiedlich gelagerte Bindungsmuster und Machtfragen.

Ton und Atmosphäre oszillieren zwischen staubiger Dramatik und spektakulärer Sinnesillusion. Die Bildsprache ist auf Dichte und Taktilität ausgerichtet: dichtes Blattwerk, heftige Sonnenwürfe und ein Sounddesign, das Tiere als klangliche Subjektivitäten modelliert. Die Erzählhaltung vermeidet die einfache Verklärung des Paradieses; stattdessen arbeitet der Film mit Spannung, Gefahr und einer spürbaren physischen Reichweite, die das Abenteuer ernst nimmt, ohne in dokumentarische Naturforschung abzurutschen.

Zentrale Themen und Motive

Auf der thematischen Ebene verhandelt The Jungle Book Fragen nach Zugehörigkeit, Identität und dem Verhältniss von Natur und Kultur. Wer gehört wohin - und womit werden die Grenzen zwischen Gemeinschaften definiert? Der Film setzt diese Fragen in ein weiteres Feld: der Macht über Sprache und Stimme. Die prominente Besetzung akzentuiert, dass Stimmen soziale Autorität herstellen und Mythos formieren können.

Philosophisch lässt sich der Film als Reflexion über Vermittlung und Inszenierung lesen. Er fragt, inwieweit digitale Nachbildung Authentizität ersetzen oder neu erzeugen kann. Psychologisch geht es um das Erwachsenwerden in einer Umgebung, die zugleich Schutz und Bedrohung bietet. Gesellschaftlich tritt die Erzählung in einen Dialog mit der kulturellen Ökonomie von Remakes und der Sehnsucht nach Vertrautem, während sie zugleich die ästhetischen Mittel präsentiert, mit denen dieses Vertraute neu erzeugt wird.

Formal manifestieren sich diese Motive in wiederkehrenden Bildern von Lichtdurchlässigkeit, Hautlichkeit und Kieferbewegungen - in der Art, wie der Film Tierkörper als Ausdrucksträger menschlicher Existenz modelliert. So wird The Jungle Book zu einer Studie darüber, wie Kino heute mythische Stoffe durch die technische Mittel seiner Zeit neu auflädt und welche Fragen dabei an Wirklichkeit, Verantwortung und narrativen Anspruch gestellt werden.

Filmkritik von Peter Osteried

Das neue Jungle Book ist fast so gut wie der Zeichentrick-Klassiker

Die Romane von Rudyard Kipling wurden häufig schon verfilmt, am eindringlichsten aber sicherlich von Walt Disney, der 1967 einen der großen Zeichentrick-Klassiker des Studios. Diesem gelang es, die Geschichte beschwingt und mit viel Humor zu erzählen – etwas, das er den meisten anderen Adaptionen voraus hat. Aber wie schlägt sich denn nun eine Realverfilmung, die auch aus dem Hause Disney kommt?

Der Panther Baghira fand den kleinen Mowgli als Kind im Dschungel. Er brachte ihn zu den Wölfen, wo man ihn im Rudel aufnahm und aufzog. Nun befindet er sich jedoch in größter Gefahr, denn der Tiger Shir Khan, dem einst von einem Menschen das Gesicht verbrannt wurde, will den Jungen töten. Da er droht, den Wölfen etwas anzutun, verlässt Mowgli das Rudel. Baghira will ihn zu den Menschen bringen, doch auf dem Weg werden sie getrennt, woraufhin Mowgli neue Freunde findet – und einige Abenteuer erlebt.

Jon Favreau hat mit The Jungle Book einen sehr schönen Film abgeliefert, der sich nahe an die Vorlage und damit auch nahe an den Zeichentrick-Klassiker hält. Er hat Sinn für Humor, setzt diesen aber nicht inflationär ein, sondern immer nur dann, wenn die Gelegenheit auch stimmig ist. Damit verhindert er, dass die Komik dem dramatischen Aufbau der Geschichte schadet, in der es nicht nur um Verlustängste geht, sondern auch ein klassischer Konflikt von Gut gegen Böse gegeben ist.

Etwas eindimensional wird die Schurkenfigur Shir Khan schon dargestellt, als aus Lust mordender Tiger ist er aber zumindest beeindruckend, unterstützt noch im Original von Idris Elbas charismatischer Stimme. Seine Schreckensherrschaft ist spürbar, wenn alle anderen Tiere des Dschungels vor ihm kuschen. Das macht das Finale, wenn Mowgli sich dem Tiger stellen muss, umso packender, insbesondere in den Momenten, in denen alle zusammenrücken und der Dschungel erstmals eins wird.

Vor dem Zeichentrick-Klassiker verbeugt man sich aber auch – einmal passend, einmal eher nicht. Die Szene, in der Mowgli und Balu „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ singen, funktioniert sehr gut. Sie ist stimmig in das Geschehen eingebaut. Ganz anders hingegen, wenn King Louie inmitten einer enorm dramatischen Szene plötzlich zu singen anfängt – das hat beim Zeichentrickfilm funktioniert, weil er auch daraus aufgelegt war, hier reißt es aus dem Film, weil man sich fragt: Wieso?

Das ist die einzige, große Fehlentscheidung, die es bei The Jungle Book gibt. Ansonsten überzeugt er durch großartige Aufnahmen, für die der exzellente Bill Pope verantwortlich zeichnet, und natürlich eine Meisterleistung des Teams für die visuellen Effekte. Die Tiere des Dschungels erwachen hier wirklich zum Leben. So wie hier hat man die Geschichte von Mowgli noch nie zuvor gesehen, weil sie so realistisch zuvor nicht machbar war. Damit hat Jon Favreau ordentlich vorgegeben – gut möglich, dass er dem 2017 startenden Film Jungle Book: Origins, der von Motion-Capture-Spezialist Andy Serkis inszeniert wird, damit den Wind aus den Segeln genommen hat. Recht viel besser als hier kann man The Jungle Book nicht umsetzen.

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