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Hardcore Henry

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kritiken.de Redaktion 14.04.2016
Hardcore Henry© capelight pictures
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Hardcore Henry - Eine provokante Rekonstruktion des Actionkinos durch radikalen Ich-Erzähler-Formalismus und Spiel mit Identität

Einleitung

Hardcore Henry ist ein Film, der weniger durch seine narrative Originalität als durch seine formale Radikalität ins Blickfeld der zeitgenössischen Filmdebatte trat. Seit seiner Veröffentlichung 2016 provozierte der Film Diskussionen über die Grenzen filmischer Sichtbarkeit, die politische Dimension von Identifikation und die Schnittstelle zwischen Videospielästhetik und Kino. In einer Ära, in der Erzählmedien sich kontinuierlich gegenseitig durchdringen, markiert Hardcore Henry einen Punkt, an dem filmische Technik zur programmatischen Aussage wird.

Der Film lässt sich kaum losgelöst von seinem Autor-Regisseur Ilya Naishuller lesen, dessen Hintergrund in der Musikvideo- und Internetkultur die Formensprache des Projekts prägt. Naishullers Herangehensweise verschiebt das Verhältnis von Kamera und Körper, von Zuschauen und Teilhabe - ein Befund, der nicht nur ästhetische Fragen aufwirft, sondern auch ethische und politische. Hardcore Henry operiert als Versuchsanordnung: Was passiert, wenn die Kamera nicht mehr beobachtet, sondern zu einem funktionsgebundenen Organ des Protagonisten wird?

Relevanz gewinnt der Film auch durch seinen Zeitpunkt. Entstanden in einem medialen Klima, das von In-Game-Streaming, First-Person-Gaming und einer zunehmenden Konvergenz von interaktiven und filmischen Erzählweisen geprägt ist, reflektiert Hardcore Henry eine Gegenwart, in der Wahrnehmungstechnologien und performanceorientierte Gewalt ins Zentrum rücken. Die radikale Perspektivverschiebung spiegelt damit eine kulturelle Tendenz zur Selbstinszenierung und zur instrumentellen Nutzung des Körpers als Schauplatz von Machtkämpfen wider.

Kurzüberblick zur Produktion

Ilya Naishuller, der als Regisseur fungierte, bringt aus der Musikvideo-Szene eine Präferenz für kinetische Bildgewalt und rigide Choreographie mit. Sein Vorwissen aus viralen Kurzformaten ist im Film sofort erkennbar: präzise gestylte Actionszenen, eine Affinität zu handgeführten Kamerafahrten und eine bewusste Überspitzung des visuellen Registers. Obwohl Hardcore Henry zu den größeren Debüts der letzten Jahre zählt, trägt die Produktion den Stempel eines Projekts, das stärker auf technische Erfindung als auf opulente Studioästhetik setzte.

Die Dreharbeiten zeichneten sich durch spezialisierte Kamera-Rigs, aufwändige Stunts und ein hohes Maß an praktischer Effekthascherei aus. Die Entscheidung, den Großteil des Films in Ich-Perspektive zu realisieren, erforderte eigens angepasste Aufnahmetechniken und eine enge Verzahnung von Stunt- und Kameraarbeit. Die Koproduktion zwischen US-amerikanischen und russischen Partnern und der internationale Cast spiegeln die grenzüberschreitende Produktionsweise zeitgenössischen Genrekinos.

Im Gesamtschaffen Naishullers nimmt Hardcore Henry die Rolle eines Manifestos ein - eine Formulierung dessen, was seine filmische Handschrift sein will: eine Ästhetik der unmittelbaren Körperlichkeit, der ironischen Überhöhung und der radikalen Zuschaueransprache. Der Film steht damit weder gänzlich im Klassikerkanon noch in der bloßen Gattungsexperimentierphase, sondern fungiert als Grenzfall zwischen Kommerz und Avantgarde.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum des Films steht ein Ensemble, das neben unbekannteren Namen auch etablierte Gesichter versammelt. Haley Bennett fungiert als emotionaler Ankerfiguren-Typus - eine Figur, die mehr Funktion als psychologische Tiefe erfüllt, doch gerade dadurch die Handlungsdynamik antreibt. Tim Roth, ein Schauspieler mit langjähriger Karriere und bekannten Stationen seit Reservoir Dogs sowie der Fernsehserie Lie to Me, übernimmt die Rolle des Gegenspielers - ein Typus des ruhigen, methodischen Antagonisten, dessen Präsenz die narrative Spannung konstituiert.

Sharlto Copley, bekannt geworden durch District 9, bringt seine charakteristische Mischung aus exzentrischem Spiel und physischer Präsenz ein. Seine Performance liefert die notwendigen Tempowechsel und bietet eine fast karikaturhafte Verdichtung bestimmter Antreiber des Films. Danila Kozlovsky und weitere russische Darsteller fügen dem Ensemble eine lokal verankerte Energie hinzu, die sowohl Produktionsrealität als auch die ästhetische Übersetzung der Handlung beeinflusst.

Naishuller selbst ist in einer Nebenrolle zu sehen, was die enge Verbindung von Regieintention und Performanz unterstreicht. Insgesamt dominieren physische Präsenz, handlungsgetriebene Kausalität und archetypische Figurensteckbriefe das Schauspiel - ein Arrangement, das der formalen Idee des Films dient.

Handlung (spoilerfrei!)

Hardcore Henry erzählt die Geschichte eines Mannes, der ohne Erinnerung in einer verwüsteten Stadt erwacht und schnell erkennt, dass sein Körper mehr Maschine als Fleisch ist. Die Handlung folgt ihm in einer Reihe von Actionszenen, in denen es um Rettung, Wiedererlangung von Identität und Konfrontation mit Mächten geht, die sowohl technologisch als auch politisch sind. Das Erzähltempo ist unablässig, strukturiert durch Sequenzen von Verfolgung, Kampf und temporären Allianzen.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich zwischen dem Protagonisten und einer Vielzahl antagonistisch besetzter Kräfte, deren Motivationen eher in Macht- und Dominanzinteressen liegen als in psychologischen Hintergründen. Zentrale Figuren sind neben dem titelgebenden Protagonisten eine weibliche Bezugsperson, die als emotionaler Motor fungiert, sowie mehrere Antagonisten, die als personifizierte Herausforderungen fungieren. Ton und Atmosphäre sind von einer aufgeladenen, teils hyperrealen Gewaltästhetik und einem beißenden Pulsschlag an Action geprägt.

Zentrale Themen und Motive

Hardcore Henry setzt sich weniger narrativ als konzeptionell mit Fragen der Identität, Subjektivität und der Technikvermittlung des Körpers auseinander. Der Film stellt die Frage, inwieweit ein Ich noch existiert, wenn Wahrnehmung und Handlung vollständig mediatisiert werden - ob durch Technologie, durch mediale Perspektive oder durch die Inszenierung des Körpers als Waffe. Die Ich-Perspektive provoziert zudem eine Reflexion über Zuschauen und Mitschuld: Wer schaut hier und welche Verantwortung trägt der Sehende gegenüber gezeigter Gewalt?

Die Nähe zur Videospielästhetik ist kein bloßes Stilmittel, sondern thematischer Katalysator. Hardcore Henry nutzt Spielelogiken - Zielorientierung, Lebensanzeigen, Checkpoints - als filmische Metaphern für moderne Erwartungen an Effizienz, Kontrollierbarkeit und Belohnungsstruktur. Zugleich verhandelt der Film das Spannungsverhältnis von Realismus und Simulation, indem er körperliche Verletzlichkeit und künstliche Unverwundbarkeit nebeneinanderstellt.

Schließlich verweist das Werk auf eine gesellschaftliche Gegenwart, in der Überwachung, Militarisierung und Kommerzialisierung des Körpers ineinanderlaufen. Die Action als Spektakel ist hier nicht nur Unterhaltung, sondern auch Kristallisationsfläche für Fragen nach Agency, nach der Instrumentalisierung des Individuums und nach der politischen Ökonomie der Gewalt.

Filmkritik von Peter Osteried

Anstrengend, aber Hardcore

Es ist ein faszinierender Ansatz, den Regisseur Ilya Naishuller hier nutzt. Er bleibt mit seinem Film kontinuierlich in der Perspektive des Protagonisten und versetzt damit den Zuschauer in dessen Position. Man sieht nur, was auch Henry sieht – aber das ist reichlich anstrengend.

Henry ist ein Cyborg, eine Kampfmaschine, die von ihrer Frau erweckt wird, aber sofort in den Kampfmodus wechseln muss. Denn der schurkische Akan hat es auf Henry abgesehen, der zuerst fliehen muss, bevor er sich daran machen kann, sich seinem Feind zu stellen. Unterstützung erhält er von Jimmy (Sharlto Copley), der in mannigfaltiger Gestalt immer dann auftaucht, wenn Henry ihn am meisten braucht. Henry legt los – und Dutzende von Akans Söldnern müssen sterben …

Im Grunde wäre die First-Person-Experience, die der Film verspricht und tatsächlich auch einhält, gar nicht so uninteressant, das Problem ist aber, dass damit auch die Mechanismen klassischen Erzählens ausgehebelt werden. Denn wenn man in die Figur Henry schlüpft, dann mag man zwar „mittendrin statt nur dabei“ zu sein, man entwickelt aber auch keinerlei Gefühl für die Figur. Das wird noch dadurch unterstrichen, dass er auch nicht spricht. Eine Identifikation mit dem Protagonisten wird so praktisch unmöglich gemacht. Paradox, wenn man bedenkt, dass die First-Person-Experience den Zuschauer eigentlich dichter in die Geschichte hineinziehen sollte.

Im Grunde ist es aber so, als würde man einem guten Freund dabei zusehen, wie er über knapp 90 Minuten hinweg ein Ego-Shooter-Game spielt. Das ist in den ersten Minuten vielleicht interessant oder gar unterhaltend, nutzt sich aber schnell ab. Der Clou eines Ego-Shooters ist, dass man selbst das Geschehen in der Hand hat, dass man schnell agieren und reagieren muss, wenn Waffen gewechselt werden und Feinde en gros angreifen. Das nur zu sehen, ist erstaunlich leblos.

Immer dann, wenn Jimmy sich einschaltet, hat man das Gefühl, ein Level sei vorbei, weswegen nun Exposition notwendig ist, um das nächste vorzubereiten. Das gilt auch für alle anderen Spielsequenzen, bei denen die handelnden Figuren auch allesamt stereotyp sind –bis hin zur großen Überraschung, wer Henrys Frau eigentlich ist.

Wirklich punkten kann Hardcore nur in einer paar Actionsequenzen, die es wirklich sich haben. Die Verfolgung eines Konvois mit Motorrädern oder Henrys Kampf gegen andere Cyborgs am Ende ist deftig, blutig, teilweise auch überraschend unkonventionell – kurz: hier erwacht Hardcore richtig zum Leben. Aber die Kehrseite der Medaille ist eben auch, dass abseits der Action Leerlauf herrscht. Und nicht nur das, da nicht jede Action-Szene wirklich mitreißend ist, so etwa die lange Verfolgungsjagd zu Fuß über Brücken.

Amüsant ist Sharlto Copley, der hier so viele verschiedene Versionen ein und derselben Figur spielt, wie man das im Kino wahrscheinlich noch nie gesehen hat. Er schafft es sogar, ihnen allen einen Hauch von eigener Persönlichkeit zu verleihen. Das hebt Hardcore dann zumindest teilweise darüber hinaus, nur wie eine ewig lange Game-Sequenz zu erscheinen. Unterm Strich gilt aber schon: Einen Ego-Shooter zu spielen macht mehr Spaß, als einem zuzuschauen.

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