When Animals Dream - Die animalische Pubertät als dänisches Volksmärchen der Moderne
Einleitung
When Animals Dream, erstmals gezeigt 2014 und in Dänemark am 21.08.2014 erschienen, positioniert sich als ein ungewöhnliches Kapitel des skandinavischen Horrorkinos. Regisseur Jonas Alexander Arnby verbindet in seinem Spielfilmdebüt eine distanzierte, beinahe dokumentarische Beobachtung ländlicher Verhältnisse mit einer mythisch aufgeladenen Metapher körperlicher Verwandlung. Das Resultat ist kein Effekthascherischer Horror, sondern eine stille, beharrliche Erforschung dessen, wie Gemeinschaft, Familie und Geschlechterrollen auf das ausufernde Fremde in einem jungen Körper reagieren.
Die Relevanz des Films liegt weniger in Schockmomenten als in seiner Art, das Genre zu benutzen, um soziale Spannungen freizulegen. In einem kulturellen Umfeld, das seit den 2000er Jahren verstärkt auf die Kombination aus Sozialrealismus und phantastischer Allegorie setzt, markiert When Animals Dream einen Zugang, der die Ambivalenz zwischen Natur und Kultur, zwischen individueller Autonomie und kollektivem Druck fokussiert. Die filmische Sprache arbeitet dabei mit Reduktion - sparsame Bildkompositionen, knappe Farbgebung und eine sonore, atmosphärische Klanggestaltung, die mehr andeutet als erklärt.
Innerhalb der dänischen Filmlandschaft steht Arnby mit diesem Film am Beginn einer Arbeit, die das Horrorgenre nicht als Selbstzweck, sondern als Untersuchungsinstrument einsetzt. Die Entscheidung, eine weibliche Adoleszenz in den Mittelpunkt einer Verwandlungsgeschichte zu setzen, öffnet Zugriff auf Fragen von Körperpolitik, Vererbung und Scham, die über lokale Begebenheiten hinaus gesellschaftliche Relevanz besitzen. So wird aus einem Genremotiv eine kulturelle Lupe.
Kurzüberblick zur Produktion
Jonas Alexander Arnby, dessen Arbeit sich zuvor im Kurzfilm- und Werbeformat bewegt hatte, debütierte mit When Animals Dream im Langfilmformat als Regisseur, der ein feines Gespür für Bildkomposition und Ton besaß. Die Produktionsverhältnisse folgen dem Muster vieler skandinavischer Genreproduktionen der Zeit: begrenztes Budget, starke künstlerische Kontrolle und eine Produktion, die auf atmosphärische Dichte statt auf groß angelegte Spezialeffekte setzte. Diese Beschränkungen begünstigten eine ins Detail gehende Arbeit an Mise-en-Scène und an sparsamer, aber prägnanter Kameraarbeit.
Visuell hält der Film an einer kühlen, restriktiven Ästhetik fest, die die nordische Küstenlandschaft als widersprüchlichen Schauplatz nutzt - zugleich schützend und bedrohlich. Die Produktion setzt auf natürliche Schauplätze, zurückgenommene Ausstattung und ein Sounddesign, das den psychophysischen Zustand der Protagonistin oft lauter werden lässt als Dialoge. In dieser Hinsicht reiht sich der Film in eine Strömung ein, die Genre-Elemente mit arthousigen Produktionsprinzipien verknüpft und so einen eigenen, jungen dänischen Horror-Autorenstil ausbildet.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum steht Sonia Suhl als die junge Protagonistin, deren körperliche und seelische Wandlung die filmische Achse bildet. Suhl trägt die filmische Aufmerksamkeit mit einer stillen, nuancierten Präsenz, die zwischen Verunsicherung und hartnäckiger Selbstbehauptung oszilliert. Ihre Darstellung vermeidet Pathos und setzt stattdessen auf small gestures und subtile Mimik, was die Metaphorik der Verwandlung glaubwürdig macht.
Lars Mikkelsen und Jakob Oftebro sind in prominenten Nebenrollen besetzt und geben dem Film gravitätische, erwachsene Gegenpole. Beide verkörpern in ihren Auftritten Autoritäts- beziehungsweise Ordnungsfiguren der ländlichen Gemeinschaft - mal offiziell, mal familiär gebunden - und spiegeln damit den Druck, den die Gesellschaft auf den jugendlichen Körper ausübt. Sonja Richter bringt als erfahrene Schauspielerin eine verankerte, manchmal ambivalente Energie in die Nebenrollen, während jüngere Darsteller wie Gustav Dyekjær Giese die Positionen der Peers bzw. möglichen Verbündeten einnehmen und so das Geflecht von Nähe und Bedrohung durchspielen.
Handlung (spoilerfrei!)
Without revealing plot twists, folgt When Animals Dream der Struktur eines Coming-of-Age-Dramas, das sich in den Bereich des Phantastischen verästelt. Im Fokus steht eine junge Frau in einem abgeschiedenen dänischen Küstendorf, deren Körper und Verhalten sich verändern und dadurch Reaktionen in der Gemeinschaft auslösen, die vorhandene Machtverhältnisse und historische Geheimnisse zu Tage fördern. Der dramaturgische Konflikt entsteht aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem inneren, körperlichen Prozess der Protagonistin und der äußeren, sozialen Kontrolle durch Familie und Dorf.
Die zentralen Figuren sind auf unterschiedliche Weise in dieses Spannungsfeld eingeflochten: die jugendliche Hauptfigur, deren Perspektive filmisch predominierend ist, die erwachsenen Repräsentanten einer konservativen Ordnung und Gleichaltrige, die sowohl Bedrohung als auch mögliche Solidarität verkörpern. Ton und Atmosphäre sind geprägt von einer gedämpften Intensität; die Kamera hält nahe, oft mit langen Einstellungen, die den Zuschauer in eine gespannte Nähe zur Protagonistin zwingen, während das Setting die Isolation und die klaustrophobische Enge der Gemeinschaft betont.
Zentrale Themen und Motive
Der Film stellt Fragen nach Identität, Autonomie und dem Umgang einer Gemeinschaft mit dem Unverfügbaren. Die körperliche Verwandlung funktioniert dabei als Chiffre für Pubertät, für die oft als abweichend wahrgenommene Weiblichkeit und für das Aufbrechen familiärer Geheimnisse. Auf einer philosophischen Ebene betrifft die Erzählung die Grenze zwischen Mensch und Tier, zwischen Zivilisation und Natur - und die Angst vor dem animalischen im Menschen, das kulturell diszipliniert und pathologisiert werden soll.
Sozial betrachtet thematisiert When Animals Dream Mechanismen der Ausgrenzung und die Dynamik kleinbürgerlicher Moral, die das Fremde intern zu neutralisieren sucht. Psychologisch arbeitet der Film mit dem Motiv der Scham und der Kontrolle über den eigenen Körper, wodurch sich narrative Linien zu Fragen von Erziehung, Repression und Widerstand verbinden. Stilistisch nutzt der Film Motivik der Küstenlandschaft, des Wetters und der Dunkelheit, um die Verwandlung als natürlichen, aber gleichzeitig entfremdeten Prozess zu rahmen.
In seiner Kombination aus sparsamer Geste, intensiver Figurenarbeit und einer genreübergreifenden Bildsprache bietet When Animals Dream einen Beitrag zum neueren dänischen Kino, das Horror weniger als Kitschprodukt denn als kritisches Instrument begreift. Der Film öffnet einen Raum, in dem Mythisches und Soziales sich gegenseitig interpretieren und in dem die Frage nach Selbstbehauptung in einer beengten Gemeinschaft universelle Resonanzen findet.
Filmkritik von Peter Osteried
When Animals Dream – ein melancholischer Film über das Tier im Menschen
Wenn Tiere träumen – ein poetischer Titel, der von einer diffusen Gefahr zeugt, heißt es doch, dass man träumende Tiere niemals wecken soll. Aber in Jonas Alexander Arnbys Film geht es um mehr als das. Der Titel ist zugleich metaphorisch in Hinblick auf die beiden weiblichen Hauptfiguren, auf Mutter und Tochter, die einerseits von einem anderen Leben träumen, andererseits in einer Art Albtraum gefangen sind. Denn in dieser kleinen, restriktiven Gesellschaft können sie nicht sein, was sie sind.
In einer kleinen Küstengemeinde lebt Marie (Sonia Suhl) mit ihren Eltern, dem strengen, aber liebevollen Vater und der an den Rollstuhl gefesselten, praktisch katatonischen Mutter. Sie arbeitet in einer Fischfabrik und lernt dort auch einen jungen Mann kennen, der ihr gefällt. Doch mit dem sexuellen Erwachen der jungen Frau beginnt auch eine körperliche Transformation. Marie machen diese Veränderungen Angst. Sie versucht, den Grund dafür in ihrer Familienhistorie zu finden, doch ihr Vater reagiert ausweichend. Er weiß um die Gefahr, die damit einhergeht, und er versucht, seine Tochter vor den misstrauischen Dorfbewohnern zu beschützen. Doch Marie will die Wahrheit wissen, und geht auf Konfrontationskurs.
When Animals Dream ist kein reinrassiger Horrorfilm. Er benutzt Genre-Elemente, vor allem die unwillentliche Transformation, reizt das Werwolfthema aber auf eine Weise aus, wie dies nur selten geschieht. Lykanthropie als Sinnbild für das sexuelle Erwachen ist ein interessanter Ansatz, denn zuvor John Fawcett in Ginger Snaps verfolgt hat, sich dort aber noch stärker auf den Horroraspekt konzentrierte. Arnby wiederum erzählt von einer Fremden in einem fremden Land. Marie ist der Gesellschaft, in der sie lebt, fremd. Sie weiß nicht, warum dem so ist, aber sie ist anders. Sie fühlt anders, sie denkt anders, sie ist eingeengt in einer dörflichen Gemeinde, in der jeder jeden kennt, in der Geheimnisse im Offenen liegen und in dem die Norm alles ist.
Das Faszinierende an diesem Film ist, dass man ihn auch gänzlich ohne phantastische Elemente erzählen könnte. Er ist ein dicht gestricktes Drama, das mit der Metaphorik des Andersartigen spielt. Genauso gut könnte Marie lesbisch sein, in einer derart eingenähten Dorfgemeinde wäre sie ebenso gebrandmarkt, wie sie es als Tochter einer Frau ist, von der alle wissen, dass sie eben nicht der Norm entspricht. When Animals Dream erzählt davon, wie Freigeister im provinziellen Mief bigotter, konservativer Eintönigkeit unterdrückt und letzten Endes vernichtet werden sollen. Weil in einer Welt des kleinsten gemeinsamen Nenners Abweichungen nicht existieren dürfen, da sie den geistig längst verelendeten Dörflern vor Augen halten würden, wie trostlos das eigene Leben doch eigentlich ist.
Arnby erzählt seinen Film betont langsam. Er lässt sich Zeit, die triste Gegend wirken zu lassen. Es sind wolkenverhangene Tage, die den Küstenort noch deprimierender erscheinen lassen, als er es an sich schon wäre. Schon in den ersten Bildern, mit denen Arnby den Einstieg in die Geschichte bietet, macht sich eine Melancholie breit, die bis zum Ende nicht mehr schwindet.
Mit Newcomerin Sonia Suhl hat Arnby eine Debütantin gefunden, die eine erstaunliche Leistung abliefert. Sie versteht es, die sensible Zurückhaltung, aber auch den jugendlichen Trotz ihrer Figur greifbar werden zu lassen. Suhl besteht sogar neben einem grandiosen Mimen wie Lars Mikkelsen. Er spielt den Vater, einen Mann, der nur noch die Hülle seiner Selbst ist, weil er mehr opfern musste, als er jemals für möglich gehalten hat, um die Sicherheit seiner Tochter zu garantieren. Seine Figur ist die vielleicht tragischste, er weiß um die Schönheit und Reinheit seiner Frau, aber er unterdrückt sie, um eine Form von Normalität vorzugaukeln. Ihr Dasein, das per Medikament induzierte Stadium scheinbar vollkommener Gleichgültigkeit, ist seine ewige Strafe.
When Animals Dream ist ein exzellenter, in zum Weinen schöne Bilder verpackter Film, der nicht nur der melancholischen Stimmung wegen an einen anderen modernen Klassiker des skandinavischen Horrorfilms, So finster die Nacht, erinnert. Wie dieser hebt er sich vom Genrefilm amerikanischer Provenienz ab, ist weniger auf den Effekt, als vielmehr auf die Wirkung aus und lebt nicht nur von seiner Metaphorik, sondern auch und gerade von seiner stillen, unaufgeregten, aber dafür umso mittelbareren Inszenierung.

