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Besser als Nix

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kritiken.de Redaktion 21.08.2014
Besser als Nix© NFP
A ca. 1381 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Besser als Nix: Ein nüchterner Blick auf Verlorenheit und soziale Pragmatik im Gegenwartskino

Einleitung

Besser als Nix, 2014 in Deutschland veröffentlicht, positioniert sich als ein leiser, doch hartnäckiger Beitrag zum zeitgenössischen deutschen Drama. Der Film nutzt ein großes Ensemble, um individuelle Bruchlinien einer Gesellschaft zu erzählen, die zwischen Anspruch und Alltagsrealität oszilliert. Seine Relevanz liegt weniger in plotgetriebenen Wendungen als in der wiederholten Beobachtung von Kompromissen und kleinen Demütigungen, denen Figuren aus unterschiedlichen Milieus ausgeliefert sind.

Angesichts der Besetzung mit Namen wie Wotan Wilke Möhring, Hannelore Elsner, Nicolette Krebitz und einer jüngeren Generation wie Jannis Niewöhner oder Emilia Schüle, rückt der Film in die Nähe jener Ensemblearbeiten, die auf Performanzdichte statt auf starbesetzte Leitfiguren setzen. Dadurch entsteht ein Kaleidoskop von Perspektiven, das weniger moralisiert als registriert. Diese Herangehensweise spiegelt eine fortdauernde Strömung innerhalb des deutschen Kinos, die soziale Alltäglichkeit und emotionale Abstumpfung miteinander verknüpft.

Im weiteren kulturellen Kontext von 2014 lässt sich Besser als Nix als Stimme eines Films lesen, der nach Orientierung im postökonomischen Alltag sucht. Während die öffentliche Debatte damals zunehmend ökonomische Unsicherheiten, Migrationsfragen und die Erosion traditioneller Arbeitsverhältnisse thematisierte, zeigt der Film, wie sich diese Makroprozesse in den kleinen Entscheidungen und Kompromissen seiner Figuren materialisieren. Tonal bleibt er sachlich und beobachtend - eher Essay als agitierter Appell.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Regie von Besser als Nix ist nicht als Prominentenstatment angelegt; stattdessen arbeitet der Film mit einer zurückhaltenden Bildsprache, die eher auf Nähe als auf Inszenierungseffekte setzt. Diese Handschrift manifestiert sich in einer kühlen Kameraästhetik, präziser Szenenregie und einer Montage, die Raum für Stillstand und Schweigen lässt. Solch ein Stil ist charakteristisch für Regisseure, die das Innenleben ihrer Figuren durch Restriktion der filmischen Mittel freilegen wollen.

Konkrete Angaben zu Budget und Produzentenkreisen sind hier nicht im Vordergrund. Vielmehr ist die Produktionsweise an kleinere, unabhängige deutsche Dramen erinnernd: ökonomisch sparsam, mit Fokus auf Location-Authentizität und einer Regie, die Schauspielerarbeit und realistische Dialoge priorisiert. In seiner Stellung im Gesamtwerk lässt sich der Film als Teil einer Welle verorten, die in den 2010er Jahren vermehrt ensemblebasierte, sozial realistische Studien hervorbrachte - Arbeiten, die nicht auf einfachen Plotmechanik basieren, sondern auf Szenen von Begegnung und Nichtbegegnung.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble von Besser als Nix bringt unterschiedliche Generationen und Spielweisen zusammen. François Goeske übernimmt hier die Rolle eines jüngeren Protagonisten, dessen Unsicherheit und Suche nach Identität den Film oft aus der Perspektive der Jugend konturiert. Wotan Wilke Möhring bringt seine bekannte Präsenz und Rauheit ein; er ist in der Regel der Spieler, der mit weniger Worten mehr sagt und so als sinnstiftender Anker fungiert.

Anna Fischer und Emilia Schüle stehen für die weiblichen Perspektiven der jüngeren Generation, die zwischen Eigensinn und gesellschaftlicher Erwartung navigieren. Erika Marozsán und Hannelore Elsner symbolisieren die ältere Staffel der Erfahrung - sie tragen historisches Gewicht und eine stille Autorität in die Szenen. Nicolette Krebitz und Clemens Schick liefern meist prägnante Nebenrollen, die als moralische oder urbane Spiegel fungieren. Jannis Niewöhner bringt eine Mischung aus Verunsicherung und rebellischem Elan, die den filmischen Ton oft ausbalanciert.

Handlung (spoilerfrei!)

Besser als Nix entfaltet seine Handlung in mehreren, miteinander verwobenen Strängen. Im Zentrum stehen Figuren, die auf unterschiedlichen Wegen nach Halt suchen - in Beziehungen, im Beruf oder in persönlichen Ambitionen. Der dramatische Konflikt entsteht weniger durch äußere Katastrophen als durch permanente Reibung: Hoffnungen, die auf der harten Oberfläche des Alltags aufschlagen, und Entscheidungen, die aus der Not geboren sind.

Die zentralen Figuren agieren in urbanen und sub-urbanen Räumen, deren Atmosphäre von nüchterner Schönheit und beiläufiger Trostlosigkeit bestimmt wird. Dialoge und Blicke ersetzen oft explizite Erklärung; die Kamera bleibt dabei nah, beobachtet Gesichter, kleine Gesten, das Zögern vor einer Tür. Die Tonalität ist geprägt von Melancholie und ironischer Distanz, ohne in Zynismus zu kippen. So entsteht ein atmosphärisches Porträt, das mehr andeutet als demonstriert.

Zentrale Themen und Motive

Auf der thematischen Ebene verhandelt Besser als Nix Fragen nach Würde, Zugehörigkeit und der Praxis des Kompromisses. Der Film stellt den Alltag als Arena dar, in der Werte ständig neu justiert werden müssen - ein „besser als nichts“-Pragmatismus, der als moralische Haltung ebenso gut eine Schutzstrategie sein kann. Dabei behandelt er die Spannung zwischen individueller Autonomie und sozialen Erwartungen, die oft als unsichtbare, aber spürbare Grenze wirkt.

Psychologisch interessiert sich der Film für Habitualisierung und Anpassung: Wie werden Menschen abgestumpft, wie lernen sie, Verluste zu kalkulieren, wie bleibt Empathie möglich in einem Umfeld, das schnelle Entscheidungen verlangt? Gesellschaftlich eröffnet der Film Blicke auf ökonomische Prekarität, Generationenkonflikte und die psychosozialen Kosten des modernen Lebens. Stilistisch recurrent ist das Motiv des leeren Raums - Zimmer, Flure, unbelegte Plätze -, das als Metapher für verpasste Chancen und offene Fragen fungiert.

Besser als Nix verzichtet bewusst auf einfache Erlösungen. Sein Interesse gilt der feinen Beobachtung des Unscheinbaren, dem Ausloten moralischer Grauzonen und der Darstellung einer Gegenwart, die pragmatische Lösungen über heroische Entwürfe stellt. Damit reiht sich der Film in eine deutsche Filmtradition ein, die dem stillen, präzisen Blick auf die Gesellschaft den Vorzug gibt.

Filmkritik von Peter Osteried

Das Leben ist ein Arschloch, dieser Film aber nicht

Besser als nix basiert auf dem gleichnamigen Roman von Nina Pourlak, die auch die erste Version des Drehbuchs geschrieben hat. Es wurde danach noch poliert, da bei der Transformation vom Roman zum Film immer harte Entscheidungen notwendig sind. Erhalten blieb dabei, was den Roman schon auszeichnete: die wunderbare Mixtur aus Komödie und Tragödie. Das echte Leben halt, in dem auch nicht alles nur traurig oder komisch ist.

Tom Rasmus (Francois Goeske) ist mit der Schule fertig, aber was soll er mit seinem Leben anfangen. Die Berufsberatung ergibt: Bestattungsfachkraft. Zufälligerweise wird auch beim Bestattungsunternehmen Heimkehr gerade ein Lehrling gesucht. Große Lust hat Tom nicht, aber seine Oma (Hannelore Elsner) drängt ihn und so versucht er sich an dem Beruf. Dort lernt er die HIV-infizierte Ukrainerin Olga (Nicolette Krebitz) kennen, aber noch interessanter ist für ihn die junge Referendarin Sarah (Anna Fischer), der er auch nicht unsympathisch ist. Während Tom sich noch in seinem Job einfindet, den Tod der Mutter immer noch nicht verwunden hat, darum mit seinem Vater im Clinch liegt und kaum weiß, was seine Zukunft bereithalten soll, schlägt die Realität zu und macht eines klar: Nicht jeder bekommt eine Zukunft.

Es sind die schrägen Figuren, die einen zuerst in die Geschichte hineinziehen, aber es ist das Herz, das einen bei der Stange hält. Denn in Besser als nix geht es um die großen Fragen des Lebens, um das Ende desselben und wie man damit umgeht. Er erinnert daran, dass das Leben ein fragiles Konstrukt ist und von einem Moment zum nächsten einfach enden kann. Damit müssen sich die Figuren auseinandersetzen, erfahren darüber aber etwas, das ihnen zuvor unbekannt war: Dass die Begegnung mit dem Tod das Leben so viel süßer erscheinen lässt, weil man urplötzlich versteht, welchen Wert es eigentlich hat.

Der Film hat sich aber nicht auf die Fahne geschrieben, mit schwerer, depressiver Botschaft daherzukommen, er ist leichtherzig, er ist humorig, er ist vor allem auch schwarzhumorig. Nicht jeder wird zu schätzen wissen, was hier gezeigt wird. Der Abschied von einem Freund, wie die Jugendlichen ihn hier praktizieren, mag eigen sein, aber er ist letzten Endes das Feiern des Lebens – ihres eigenen und das des toten Freundes. Nonkonform ist kein Schimpfwort, unkonventionell auch nicht, jeder trauert auf seine eigene Art und Weise.

Trotzdem ist Besser als nix keine schwere Kost. Er ist vielmehr ein wundervoll vitaler Film, der durch seinen kuriosen Charakter, aber auch seinen Mut, das Leben zu nehmen wie es ist, zu überzeugen weiß. Wenn Tom sich im Bestattungsunternehmen einfindet, wenn er „probeliegt“, wenn er dem Einbalsamierer hilft, wenn er durch die Begegnung mit dem Tod das Leben so viel mehr zu schätzen weiß, dann ist man als Zuschauer direkt an seiner Seite.

Der Film versteht es dabei, nicht nur die Geschichte um Tom voranzutreiben, sondern auch allen Trabanten in seinem Leben eine Bedeutung und eine Entwicklung zukommen zu lassen. Ein jeder berührt das Leben anderer und verändert es bisweilen auch – so schön wie hier wurde das selten zuvor filmisch konstruiert.

Deutsches Kino ist oft etwas muffig, etwas zu angepasst, etwas zu ängstlich, aus sich herauszugehen und ein bisschen frecher zu sein, aber Besser als nix ist all das und noch viel mehr. Dieser Film ist so gut, dass es nicht überraschen würde, wenn Hollywood sich schon bald ans (überflüssige) Remake machen würde.

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