Valerian - Die Stadt der tausend Planeten: Ein visuelles Manifest zwischen Comicnostalgie und Großstadtutopie
Einleitung
Valerian - Die Stadt der tausend Planeten, am 20.07.2017 in die Kinos gekommen, ist weniger ein konventioneller Genrebeitrag als ein programmatisches Bekenntnis zur Bildmacht des Kinos. Basierend auf der frankobelgischen Comicserie Valérian und Laureline transformiert Luc Besson eine episodische, zeichnerische Fantasie in ein dicht gewebtes Spektakel, das seine Bedeutung nicht allein aus Handlungsschritten, sondern aus der radikalen Priorisierung von Design, Farbe und Raumbeziehungen bezieht.
Der Film ist relevant, weil er zwei Traditionslinien verbindet: die frankophone Bande dessinée mit ihrer reich ornamentierten Zukunftsvision und die Hollywood-Ästhetik des Big-Budget-Science-Fiction. In diesem Aufeinandertreffen stehen Fragen nach Übersetzung und Überschreibung im Zentrum - wie viel von der originalen Comic-Ikonographie lässt sich in digitale Amphitheater überführen, ohne ihren Ton zu nivellieren?
Für den Regisseur Luc Besson fügt Valerian eine weitere Facette zu einem Werk hinzu, das immer wieder zwischen pulsativer Modernität und einer beinahe nostalgischen Affinität zum Genre oszilliert. Werke wie Das fünfte Element und Lucy markieren Bessons Hang zu popkulturellen Gemengelagen, bei denen die visuelle Imagination zur dramatischen Triebkraft wird. Valerian verschiebt diese Dynamik: Hier ist die Welt nicht nur Kulisse, sondern Gegenstand - ein Laboratorium für Fragen nach Multikulturalität, Konsum und urbaner Enklavendynamik.
Zeitgeistlich lässt sich der Film als Spiegel der späten 2010er Jahre lesen - einer Epoche, in der Globalisierung sich als multiethnische, digitale Konvergenz zeigt und zugleich als ungleiches Machtverhältnis begreifbar bleibt. Bessons Kosmos offeriert Metropolen, die auf engstem Raum die Diversität und die Widersprüche unserer Gegenwart bündeln - eine provokative Anordnung, die zur Interpretation einlädt.
Kurzüberblick zur Produktion
Valerian wurde unter der Regie von Luc Besson realisiert, der seit den 1990er Jahren mit seiner Produktionsfirma EuropaCorp zu den markanten Stimmen des französischen Kinos zählt. Die filmische Handschrift Bessons ist durch eine privilegierte Aufmerksamkeit für Rhythmus, ikonografische Bildfindungen und eine starke visuelle Linie gekennzeichnet. In Valerian manifestiert sich diese Handschrift in einer überwältigenden Fülle an Produktionsdesign, Kostüm und Bildkomposition.
Die Produktion operierte im großen Maßstab: ein internationales Ensemble, umfangreiche VFX-Arbeiten und eine ambitionierte Weltentwurfsarbeit, die aufwändige Set- und Digitalarchitekturen verlangte. Besson setzte auf eine enge Anlehnung an die Bildsprache der Vorlage und auf die Einbindung moderner CGI-Techniken, um die comictypischen Kreaturen und Stadträume zu materialisieren. Der Film ist als Statement zu lesen - ein Versuch, die Bande dessinée auf die Leinwand als großformatiges Erlebnis zu übertragen und damit zugleich die Möglichkeiten der zeitgenössischen digitalen Bildproduktion auszuloten.
Im Werk Bessons steht Valerian für die konsequente Weiterführung einer visuellen Ästhetik, die bereits in früheren Arbeiten angelegt ist. Sein Umgang mit Farbe, Raum und Figur bleibt konstant, nur die Skala wächst: Aus urbanen Schauplätzen werden interstellare Metropolen, aus popkulturellen Fragmenten eine kosmopolitische Collage.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum stehen Dane DeHaan und Cara Delevingne als das Agentenduo Valerian und Laureline. DeHaan, bekannt geworden durch Rollen in Chronicle und The Amazing Spider-Man 2, bringt eine Mischung aus stoischer Energie und nervöser Impulsivität in die Figur, die das Action- und Romankonstrukt des Films tragen soll. Cara Delevingne, ursprünglich aus der Modewelt kommend und durch Filmrollen wie in Paper Towns dem Kinopublikum bekannt, tritt als Laureline eine Figur an, die Bessons Vorliebe für starke, visuell dominante Frauenrollen fortschreibt.
Das Ensemble ergänzt eine Reihe etablierter Charakterdarsteller und prominenter Quereinsteiger. Clive Owen spielt eine ranghöhere Autoritätsfigur, John Goodman eine gewichtige Rolle im stationären Machtgefüge und Rihanna erscheint in einer markanten Nebenfigur, die den transmedialen Impuls des Projekts - Popstars im Kino - unterstreicht. Ethan Hawke, Rutger Hauer und weitere Darsteller treten in Rollen auf, die das Geflecht aus Bürokratie, Militär und subkultureller Andersheit innerhalb der Stadt ergänzen und die Bühne für Bessons kaleidoskopisches Weltmodell bereiten.
Handlung (spoilerfrei!)
Valerian erzählt von zwei Spezialagenten, deren Auftrag sie in das Herz einer kolossalen orbitalen Metropole führt - einer Stadt, die als Zufluchtsort, Marktplatz und soziales Experiment zugleich fungiert. Der Film strukturiert sich als Abfolge von Episoden, die eine Reise durch unterschiedliche Sektoren, Spezies und Machtstrukturen vorantreiben. Protagonisten, Konflikte und Setpieces werden durch eine dichte Abfolge von Bildereignissen verbunden, weniger durch komplex verschachtelte Narration.
Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen Individuum und System, zwischen Schutzverantwortung und ökonomischer Ausbeutung von Ressourcen, wobei die zentralen Figuren als Vermittler, Aufklärer und zugleich Emotionsträger fungieren. Ton und Atmosphäre bewegen sich zwischen luftigem Abenteuer und überbordender Ästhetik - ein Mix aus Pop, Retro-Science-Fiction und urbaner Opulenz, der den Zuschauer konstant zwischen Staunen und Reflexion hält.
Zentrale Themen und Motive
Valerian führt eine Reihe von Fragen ins Feld, die über die Oberfläche des Spektakels hinausweisen. Zentrale Motive sind das Management kultureller Vielfalt, die Ökonomie von Begegnung und der Umgang mit dem Anderen. Die Stadt als Mikrokosmos dient als Metapher für globalisierte Zusammenleben - sie ist Bühne für Koexistenz und zugleich für Kontrolle, Bürokratie und ökonomische Interessen.
Philosophisch berührt der Film Themen von Identität und Verwandlung: Was bleibt vom Eigenen, wenn Begegnung zur Routine wird? Wie verhält sich Verantwortung in einer Welt, die Leben als Ressource betrachtet? Psychologisch geht es um die Balance zwischen beruflicher Rolle und persönlicher Bindung, um das Aushandeln von Nähe in einem Umfeld, das Diversität institutionell organisiert.
Formal arbeitet Besson mit Motiven der Materialität - Textur, Farbe, Oberflächenreflexionen - und macht daraus ein epistemologisches Verfahren: Sehen wird zur Form des Wissens. Indem der Film seine Zuschauer zur ständigen Wahrnehmungsarbeit verpflichtet, stellt er unausgesprochen die Frage, wie filmische Fantasie gesellschaftliche Imaginationen formt.
Filmkritik von Peter Osteried
„Valerian“: Die geniale Adaption des französischen Erfolgs-Comics!
Seit Das fünfte Element hat sich Luc Besson nicht mehr mit harter Science Fiction befasst. Dabei ist der Filmemacher seit früher Jugend ein großer Fan der Comics von Pierre Christin und Jean-Claude Mezieres. Die Idee, Valerian zu verfilmen, hatte er schon lange, aber er wartete darauf, dass die Technik mit seiner Fantasie aufschließen konnte. Nun ist es soweit. Herausgekommen ist Valerian – Die Stadt der tausend Planeten, einer der prächtigsten und überwältigendsten SF-Filme seit sehr langer Zeit.
Im 28. Jahrhundert sind Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevigne) als Agenten der Regierung unterwegs und sorgen im Universum für Recht und Gerechtigkeit. Nun sind sie damit beschäftigt, ein seltenes Tier, das eine immense Ressource darstellt, zu sichern, doch in der intergalaktischen Stadt Alpha, in der Tausende von Spezies leben, kommt es schon bald zur alles bedrohenden Gefahr. Denn hinter dem Wesen sind verschiedene Fraktionen her und in der Stadt existiert eine Todeszone, die alles vernichten könnte …
Besson erschafft eine extrem reichhaltige Welt, mit sehr unterschiedlichen außerirdischen Spezies, imposanten Planeten und einer Vielzahl von Details, die den Zuschauer fast schon zwingt, den Film mehr als einmal zu genießen. Denn was der Regisseur hier auf 137 Minuten bietet, hätte anderen Filmemachern für drei oder mehr Werke gereicht. Aber Besson packt alles in einen Film, geradeso, als wollte er sicherstellen, dass er alles, was er zu dieser Comic-Serie zu sagen hat, auch abhandeln kann – nur für den Fall, dass es keinen weiteren Teil geben sollte.
Das beginnt mit der Geburt der Stadt Alpha, die ihren Ursprung in der Erdhistorie hat, setzt sich über das faszinierende Dimensionskonstrukt des Big Market fort und endet in der Erschaffung einer Welt, die in jeder Beziehung außerirdisch ist. Das zeigt Besson schon am Anfang, als er den Planeten Mül zeigt und sich sehr lange Zeit lässt, um das Leben dieser Wesen zu dokumentieren. Man merkt Besson hier die pure Freude an, mit der er seiner Fantasie freien Lauf ließ, um Bilder zu erschaffen, die man so noch nicht gesehen hat.
Diesem immensen Detailreichtum fällt die Geschichte ein klein wenig zum Opfer, denn einen starken Antagonisten gibt es nicht. Stattdessen verfällt Valerian – Die Stadt der tausend Planeten etwas in episodische Struktur, wenn Valerian und Laureline (die in der deutschen Version der Comics übrigens Veronique genannt wurde) von einem Abenteuer ins nächste stolpern. Auch hier merkt man Besson an, dass er sich Zeit lässt. Er erlaubt sich, aber auch der Geschichte, Abstecher zu machen, so mit dem sehr schönen Auftritt von Rihanna, die Valerian schließlich helfen muss.
Damit mäandert der Film ein wenig, das aber auf eine den Zuschauer in den Bann ziehende Art und Weise, die man im Grunde nur bewundern kann. Sehr schön ist auch die Beziehung von Valerian und Laureline. Er, der Frauenheld, will endlich monogam sein und hat nur noch Augen für sie, aber die resolute Partnerin lässt die Avancen doch einigermaßen an sich abprallen, während sie zum eigentlichen Held der Geschichte wird. Denn öfters ist es Laureline, die Valerian retten muss. Cara Delevigne spielt das mit Schmiss, mit Esprit, aber auch mit Sex-Appeal. Sie übertrumpft damit ihren Kollegen Dane DeHaan, der sich aber auch wacker schlägt.
Valerian – Die Stadt der tausend Planeten ist frischer Wind im Science-Fiction-Genre, aber auch in einem Kinojahr, das mehrheitlich aus Sequels besteht. Luc Besson hat es geschafft, den Comic, der als Inspiration für so viele andere SF-Stoffe hergehalten hat, modernisiert ins Kino zu bringen. Recht viel aufregender, wundervoller und in seiner Erschaffung einer eigenen Welt komplexer kann ein Science-Fiction-Film nicht sein.

