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Die Geschichte der Liebe

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kritiken.de Redaktion 20.07.2017
Die Geschichte der Liebe© Prokino Filmverleih
A ca. 1395 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Die Geschichte der Liebe: Erinnerung, Einsamkeit und das Gewicht ungeschriebener Briefe im heutigen Kino

Einleitung

Die Geschichte der Liebe tritt in eine filmische Landschaft ein, die seit Jahren von der Suche nach Formen des Erinnerns und der Übersetzung menschlicher Innenwelten geprägt ist. Der Film interessiert sich weniger für spektakuläre Gesten als für die subtile Verknüpfung von Biografien über Zeit und Raum hinweg. Gerade in einem Moment, in dem Kino und Literatur wiederholt das Verhältnis von Erzählung und Erinnerung neu verhandeln, verlangt dieses Werk nach einer Lektüre, die seine formalen Entscheidungen und seine Lage innerhalb der Gegenwartsdebatte ernst nimmt.

Relevanz gewinnt der Film durch seine thematische Breite und durch die Art, wie er Generationen und Kulturen zusammenführt. In einer Ära transnationaler Koproduktionen - hier vertreten durch Frankreich, Kanada und Rumänien - steht Die Geschichte der Liebe exemplarisch für ein Kino, das nationale Grenzen zugunsten einer ästhetischen Sprache aufgibt, die von Sprachverlust, Exil und literarischer Vermittlung handelt. Es geht um die Möglichkeit, verlorene Geschichten wiederzufinden, ohne sie zu instrumentalisieren.

Die Tonalität des Films ist dabei eher leise als demonstrativ. Regieführung, Schnitt und Bild komplementieren einander in einer Weise, die Nähe erzeugt, ohne in Sentimentalität zu verfallen. Dies ist kein plakatives Melodram, sondern eine behutsame Inszenierung innerer Landschaften - eine Kunst, die in der gegenwärtigen Filmkultur als Gegenentwurf zu unmittelbar affektorientierten Formeln gelesen werden kann.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Produktion von Die Geschichte der Liebe fügt sich in die Tradition europäisch-kanadischer Koproduktionen, die mit begrenzten Mitteln atmosphärisch dichtes Kino anstreben. Auffällig ist die internationale Besetzung, die das Werk als ein transnationales Projekt markiert und zugleich verschiedene schauspielerische Register verbindet. Die Dreharbeiten nutzen lokale Settings und Studios, um eine glaubwürdige, zugleich leicht entrückte Welt zwischen Gegenwart und Erinnerung zu erzeugen.

Die Regieführung zeigt eine Vorliebe für narrative Verzweigungen und ein känstlerisches Interesse an Details - ein Stil, der auf präzise Bildkomposition, kontrollierte Farbgebung und einen rhythmisch zurückhaltenden Schnitt setzt. In dieser Handschrift wird der filmische Fokus weniger auf dramatische Wendungen als auf das allmähliche Entfalten von Figurenbeziehungen gelegt. Die Produktionsumstände fördern diese Intimität: Statt Großaufnahmen spektakulärer Effekte dominieren subtile Mise-en-scene und ein bewusstes Spiel mit Räumen.

Im Gesamtwerk des Teams, so es vergleichbare Projekte gibt, steht dieser Film für eine konsequente Fortführung der Auseinandersetzung mit Literaturverfilmungen und erzählerischen Mehrstimmigkeiten. Seine Stellung lässt sich als Versuch lesen, erzählerische Komplexität filmisch zu ästhetisieren, ohne die Lesbarkeit der Figuren zu opfern.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung vereint etablierte Charakterdarsteller und junge Talente. Gemma Arterton bringt ihre Erfahrung aus britischen und internationalen Produktionen in eine Rolle ein, die auf fein abgestufte Präsenz und emotionale Zurückhaltung angelegt ist. Bekannt geworden ist sie durch sowohl kommerzielle als auch arthausnahe Arbeiten, was ihr die Fähigkeit verleiht, zwischen natürlicher Zurückgenommenheit und expressiver Klarheit zu changieren.

Sophie Nélisse, deren Durchbruch in einer literarischen Adaption lag, verkörpert die jüngere Perspektive des Films. Ihre Arbeit ist geprägt von einer sensiblen, fast dokumentarischen Beobachtungsgabe, die jungen Figuren inneres Leben ohne theatralische Überzeichnung verleiht. Derek Jacobi steuert die kontemplative, alternde Sicht bei - seine Karriere in Theater und Film erlaubt es ihm, eine Figur mit Geschichte und Gewicht zu tragen, ohne dass diese zur bloßen Symbolgestalt gerinnt. Elliott Gould rundet die Besetzung mit einer erzählerischen Authentizität ab, die amerikanische Nähe und Skepsis einbringt.

Die weiteren Ensemblemitglieder schaffen die notwendige soziale Textur, die den Film als Netzwerk von Erinnerungen begreifbar macht. Gemeinsam tragen die Schauspielerinnen und Schauspieler dazu bei, dass persönliche Schicksale nicht isoliert, sondern als Mittelpunkte eines größeren, poetisch-gesellschaftlichen Geflechts erscheinen.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Erzählung verknüpft mehrere Lebenslinien: eine ältere Figur, die auf ein verlorenes Lebensdokument zurückblickt; eine junge Frau, die im Gegenwartsmilieu nach Identität und Nähe sucht; und verschiedene Vermittlerfiguren, die Briefe, Bücher oder Fragmenten von Geschichten tragen. Im Zentrum steht ein dramatischer Konflikt, der weniger in äußeren Ereignissen als in der Frage liegt, wie Erinnerung konserviert, missverstanden oder wiederentdeckt wird.

Die Struktur des Films arbeitet mit Zeitsprüngen und parallelen Perspektiven, die sukzessive Zusammenhänge offenbaren, aber keine einfachen Lösungen liefern. Die zentralen Figuren sind nicht bloß Archetypen - sie sind Verortungen von Erfahrung, Sehnsucht und Scheitern. Ton und Atmosphäre sind von Melancholie und leiser Hoffnung geprägt; die Kamera sucht Nähe, bleibt aber oft Außenstehende, die beobachtet und dokumentiert.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt der Film Fragen nach der Bewahrung von Geschichten - wer darf erzählen, wie werden Erinnerungen weitergegeben, und in welcher Form erlangen sie Gültigkeit? Er lotet die Grenzen zwischen Liebe als Erfahrung und Liebe als Narrativ aus. Bücher, Briefe und Manuskripte fungieren als wiederkehrende Motive - nicht als bloße Requisiten, sondern als Träger von Identität und als Brücken zwischen Generationen.

Philosophisch spricht der Film über Sprache und Übersetzung: Wie übersetzt man ein Leben, wie übersetzt man Schmerz und Verlust, und welche Verluste entstehen durch jede Übersetzung? Gesellschaftlich berührt er Fragen von Migration, Heimatverlust und der Rolle literarischer Vermittlung in einer globalisierten Welt. Psychologisch interessiert er sich für die Mechanismen des Erinnerns - selektiv, fragmentarisch, oft tröstlich-zerbrechlich.

Formal verbindet das Werk diese Themen durch wiederkehrende Bildmotive - Hände, Bücherrücken, Briefumschläge - und durch einen Erzählrhythmus, der Kontemplation über Aktion stellt. So wird Die Geschichte der Liebe zu einem Film, der weniger Antworten liefert als vielschichtige Lesarten anbietet. Er fordert die Zuschauer auf, die Lücken zu beachten, die Sprache zwischen den Figuren zu hören und das, was nicht ausgesprochen wird, als aktiven Teil der Erzählung zu begreifen.

Filmkritik von Bianka Piringer

Romantik und jüdischer Witz

Leo Gurskys Geschichte ist die eines Mannes, der die Schoah überlebt, aber alles verloren hat. Und dennoch gleicht dieses epische Drama, das einen Bogen über sieben Jahrzehnte spannt, der Geschichte von „Hans im Glück“. Dafür sorgen der schelmische jiddische Humor des Hauptcharakters und sein nie versiegender Glaube an die Liebe, die er in seiner Jugend entdeckte und die ihm als Bollwerk gegen das Böse und die Verzweiflung dient. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nicole Krauss erweist sich als von naiver Poesie durchzogenes Gefühlskino.

Der Regisseur Radu Mih?ileanu („Zug des Lebens“, „Geh und lebe“) ist einer der wenigen international bekannten rumänischen Filmemacher, die nicht zur neuen rumänischen Welle zählen. Er verließ seine Heimat bereits 1980 und ließ sich in Frankreich nieder. Seine Filme handeln oft von jüdischen Schicksalen und von den absurden Volten, die Individuen schlagen müssen, um ihre wenigen Chancen zu nutzen. Auch in „Die Geschichte des Lebens“ gibt es noch ein Echo des unvergleichlichen Humors, der in „Zug des Lebens“ die Bewohner eines jüdischen Dorfs ihre eigene Deportation vortäuschen ließ, um dem Holocaust zu entgehen.

Aber dieser Humor, der auch eine Hommage an das osteuropäische Judentum ist, fällt diesmal verhaltener aus. Er gleicht einem Augenzwinkern, der mit dem nostalgischen Blick in eine untergegangene Welt verbunden ist. Vor allem aber geht es hier um die Kraft der Liebe. Immer wieder ist mantrahaft bis kitschig von der „meistgeliebten Frau der Welt“ die Rede. Sie heißt Alma Mereminski (Gemma Arterton) und verdreht in einem polnischen Dorf der 1930er Jahre Leo Gursky (Mark Rendall) und seinen beiden Freunden Bruno und Zvi den Kopf. Alma mag sie alle drei, am meisten aber Leo. Um sie vor dem Holocaust zu retten, wird Alma von ihrer Familie nach Amerika geschickt. Leo verspricht ihr, nachzukommen und ihr immer die neuen Kapitel seines Liebesromans zu schicken. Jahre später findet Leo seine Alma wieder, aber nicht das ersehnte Glück.

Der Film wechselt zwischen drei erzählerischen Ebenen, den Rückblenden in das polnische Dorf, dem Leben des weißhaarigen Leo Gursky (Derek Jacobi) im Brooklyn des Jahres 2006 und dem Alltag eines New Yorker Mädchens namens Alma Singer (Sophie Nélisse) zur gleichen Zeit. Auch diese junge Alma hat etwas mit dem Roman zu tun, den Leo einst schrieb und der ihm abhanden kam. Es ist anstrengend, dem Wechsel dieser Schauplätze zu folgen, mitsamt weiteren Abstechern sogar bis nach Chile. Der poetische Schwung wird auf diese Weise ziemlich ausgebremst. Die Charaktere selbst sind reduziert auf bestimmte Gefühle und Träume, wobei Derek Jacobi seiner Rolle des alten Leo aber eine berührende Authentizität und Tiefe verleiht.

Das Epos ist visuell aufwändig gestaltet und die verschiedenen Räume und Zeiten erhalten jeweils ein ansprechendes Kolorit. Die Musik von Armand Amar verwendet gerne Klarinette, Violine und Blechinstrumente und greift stimmungsvoll folkloristisch-jiddische Elemente auf. All das Gute und Schöne, das Leo im Herzen trägt, geleitet ihn verlässlich durch ein Dasein voller Verlust und Entbehrung. Mit dieser Aussage stemmt sich der Film zugleich gegen die moderne Schnelllebigkeit und das Vergessen kultureller Wurzeln. Seine große poetisch-romantische Geste aber erweist sich als geschmackliche Gratwanderung.

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