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Upside Down

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kritiken.de Redaktion 22.08.2013
Upside Down© Concorde Filmverleih GmbH
A ca. 1705 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Upside Down - Schwerkraft und Gesellschaft als filmische Allegorie von Sehnsucht und Schranken

Einleitung

Upside Down tritt als ambitioniertes Spiel mit Bildern und Begriffen auf, das die physikalische Metapher der Schwerkraft zur sozialen Metapher umdeutet. In einem Kino, das sich oft mit technologischen Effekten begnügt, fordert der Film visuell wie erzählerisch dazu auf, auf die Gestaltung sozialer Räume zu achten: Welche Figuren dürfen oben wohnen, welche unten schuften, und wie manifestieren sich diese Hierarchien in Architektur, Gesetz und Intimität?

Seit seinem Erscheinen hat Upside Down vor allem wegen seiner visuellen Idee Aufmerksamkeit erregt. Hinter dem Konzept steht ein Regisseur, der weniger an nüchterner Science Fiction als an poetischen, gelegentlich moralisierenden Parabeln interessiert ist. Der Film setzt inhaltliche Ambitionen in Bilder um, die zwischen Märchenästhetik und industrieller Kälte changieren, und macht so die Konvergenz von Gefälligkeit und Regulation zum zentralen Schauwert.

Die Relevanz des Films liegt weniger in seiner Neuheit als in seiner Zuspitzung einer Diskussion, die das 21. Jahrhundert prägt: die Überhöhung des Privaten, die Sichtbarmachung ökonomischer Gräben und die Frage, wie Systeme menschliche Beziehungen prägen. In dieser Hinsicht arbeitet Upside Down mit zeitgenössischen Topoi - Urbanisierung, Exklusion, Ökonomisierung von Raum - und übersetzt sie in ein formales Gefüge, das sowohl retro-futuristische Romantik als auch gegenwärtige Ungleichheitsdebatten reflektiert.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Juan Solanas, dessen filmische Handschrift eine Neigung zu visueller Konsequenz und zu narrativen Allegorien erkennen lässt. Solanas, der in seinen Arbeiten oft das Politische mit dem Poetischen verbindet, setzt hier auf eine stark designorientierte Bildsprache, die das Leitmotiv der Inversion permanent inszeniert. Die Regie ist weniger am naturalistischen Detail als an der Bildwirkung interessiert; Körper, Gebäude und Maschinen erscheinen als Träger symbolischer Bedeutung.

Die Produktion ist eine internationale Kooperation zwischen kanadischen und französischen Partnern und zeichnet sich durch einen hohen Einsatz von visuellen Effekten und aufwändiger Produktionsgestaltung aus. Auffällig sind die kontrollierten Farbwelten und die präzise gezeichneten Sets, die zwei antagonistische Lebensräume voneinander abgrenzen. Solche materiellen Ansprüche sprechen für ein Projekt, das ambitioniert in seiner Konzeption ist und in der Umsetzung eine starke formale Idee verfolgt.

Im Gefüge von Solanas Werk markiert Upside Down die wohl größte formale Wette: Ein Konzeptfilm, der Sci-Fi-Mechanik mit klassischen Liebesmotivationen koppelt. Die Stellung des Films im Gesamtwerk lässt ihn als Versuch erscheinen, populäre Genreelemente für eine gesellschaftskritische Bildsprache zu instrumentalisieren.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Kirsten Dunst bringt ihre bekannte Doppelheit aus Verletzlichkeit und kühler Distanz in die Partie. Bekannt geworden durch Rollen in Mainstream-Produktionen und Autorinnenfilmerinnen gleichermaßen, trägt sie hier eine aristokratische Mischung aus Entrücktheit und innerer Zerrissenheit, die gut zur Märchenlogik des Films passt. Ihre Präsenz verleiht dem Figurenpaar eine klassische, beinahe ikonische Liebesform.

Jim Sturgess, bislang profilierter als Sing- und Liebesdarsteller in musikorientierten und romantischen Filmen, verkörpert den Gegenpol als getriebener, praktischer Liebhaber. Seine Darstellung verbindet Naivität und Erfindergeist, wodurch die Figur zum Träger des filmischen Gestaltungswillens wird: Gelingt es, die natürlichen Gesetze zu überlisten, lassen sich auch soziale Grenzen überwinden.

Timothy Spall, als erfahrener Charakterdarsteller, übernimmt die Rolle des konkreteren, oft bürokratischen Widerers, dessen Präsenz dem Bild Gewicht und institutionelle Schwere verleiht. Seine langjährige Erfahrung in Rollen, die von der Banalität des Establishments bis zur grotesken Übersteigerung reichen, bringt eine notwendige Geste der Kontingenz in das rigide System des Films.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film entwirft zwei zueinander in Opposition stehende Welten, die durch ihre entgegengesetzte Schwerkraft und klare gesellschaftliche Hierarchien getrennt sind. Im Zentrum steht ein Liebespaar, das an unterschiedlichen Enden dieses Systems verankert ist. Der dramatische Konflikt entsteht nicht primär aus individuellen Fehlentscheidungen, sondern aus der strukturellen Unvereinbarkeit ihrer Lebensräume: Regeln, Technologie und ökonomische Interessen wirken zusammen, um Mobilität, Begegnung und Nähe zu regulieren.

Die Handlung entfaltet sich als Mischung aus persönlicher Sehnsucht und systemischer Auseinandersetzung. Die Figuren sind weniger Emanationen intimer Psychologien als Repräsentanten sozialer Positionen; ihre Entscheidungen werden als Reaktionen auf äußere Zwänge inszeniert. Ton und Atmosphäre oszillieren zwischen romantischer Entrückung und sachlicher Sachverhaltsklärung, immer unterlegt von einer ästhetisch kalkulierten Bildsprache, die die Gegensätzlichkeit der Welten sinnlich erfahrbar macht.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von Upside Down steht die Frage nach der Verfasstheit von Freiheit in strukturierten Räumen. Der Film untersucht, auf welche Weise physikalische Metaphern soziale Hierarchien legen und stabilisieren. Die Gegenüberstellung zweier Gravitationsfelder funktioniert als Bild für Klassenunterschiede: Oben bedeutet Zugang zu Ressourcen und Schutz, unten bedeutet Arbeit und Ausschluss. Daraus ergibt sich eine moralische Spannung zwischen Anpassung und Aufbegehren.

Philosophisch geht es um die Spannung zwischen Determinismus und Agency. Die Schwerkraft wird zur Sinnfigur für das, was als unveränderlich gilt, und die Erzählung testet die Möglichkeit von Transgression: Kann das Individuum die als naturgegeben präsentierte Ordnung durchbrechen? Damit verhandelt der Film auch Fragen nach Identität und Erinnerung, da räumliche Trennung Erinnerungen formt und Sehnsüchte politisch auflädt.

Gesellschaftlich ist Upside Down eine Allegorie auf die Privatisierung des Raumes und die Regulierung des Zugangs zu Lebensqualität. Architekturen, Regeln und ökonomische Mechanismen sind nicht nur Kulisse, sondern handelnde Instanzen. Auf psychologischer Ebene bleibt das Werk der melancholischen Romantik verpflichtet: Sehnsucht, Verlust und das Motiv der Verbindung über ein unüberwindlich scheinendes Hindernis sind die emotionalen Anker.

In der Summe bietet Upside Down weniger Antworten als Bilder und Fragen. Die filmische Leistung besteht darin, einen formalen Kern - die Inversion der Schwerkraft - zur Linse für zeitgenössische Sorgen zu machen und dabei eine Ästhetik zu liefern, die sowohl verführt als auch zur Reflexion herausfordert. Das Ergebnis ist eine Parabel, die durch ihre Bildmacht provoziert und in ihrer narrativen Einfachheit die Komplexität sozialer Ordnungen spürbar macht.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Eine unmögliche Liebe ist erst seit Anbeginn des Kinos das Rezept für anrührende Unterhaltung. Schon Shakespeare drückte mit „unsternbedrohten“ Liebenden seinem Publikum auf die Tränendrüse. In „Upside Down“ hat sich Regisseur und Drehbuchautor Juan Solanas etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um seine turtelnden Protagonisten voneinander zu trennen. Adam (Jim Sturgess) und Eden (Kirsten Dunst) leben nicht nur im übertragenen Sinne, sondern tatsächlich in zwei verschiedenen Welten. Verglichen mit ihrem Schicksal, können wir über die Probleme von Romeo und Julia nur müde schmunzeln.

Solanas entwirft ein Science Fiction Szenario, in dem zwei Planeten um dieselbe Sonne kreisen und sich einander so nah sind, dass die Bewohner von hohen Häusern und Bergen aus einander sehen können. Zudem sind beide Welten durch ein gemeinsam genutztes Gebäude namens „Transworld“ verbunden, in dem sich die Leute von „oben“ und „unten“ treffen. Enger Kontakt ist hierbei nicht erwünscht, denn die Geographie trennt auch zwei Gesellschaftskasten voneinander. Während die Welt „unten“ wie eine düstere Nachkriegslandschaft aussieht, scheint „oben“ immer die Sonne. Die Menschen dort sind wohlhabend und schauen ungerührt auf die herab, die in großer Armut leben. Doch trotz all dieser Unterschiede verlieben sich Adam und Eden unsterblich ineinander und lassen nichts unversucht, um intime Momente miteinander zu teilen. Als ein schrecklicher Unfall Eden das Gedächtnis raubt, scheint ihre Liebe verloren. Doch Adam gibt nicht auf.

„Upside Down“ ist in erster Linie ein Märchen, auch wenn das Intro mit seinen physikalisch anmutenden Zeichnungen auf wissenschaftlich fundierte Science Fiction hindeutet und den Zuschauer damit vorübergehend in die Irre führt. Gravitation mag ein Naturgesetz unserer Welt sein, doch Juan Solanas geht mit physikalischen Gesetzen insgesamt eher großzügig um. „Upside Down“ kann für den Zuschauer nur funktionieren, wenn er die Realitätskonstruktion des Films nicht hinterfragt. Stellenweise gibt sich Solanas große Mühe, sein Fantasy-Universum kohärent zu gestalten, doch es genügt physikalisches und astronomisches Basiswissen, um sich in der Unlogik des Films zu verlieren.

Dabei ist der Stil von „Upside Down“ ein klarer Hinweis darauf, dass sich diese Geschichte weit entfernt von unserer Realität abspielt. Babyblau und rosa, romantisierte Nebelschwaden und märchenhaftes Anti-Gravitationspuder weisen die Welt des Films umgehend als Fantasiegebilde aus. Das Voice Over, das den Zuschauer zu Beginn mit den wichtigsten Informationen über die beiden Parallelwelten versorgt, klingt wie ein Märchenonkel und lässt darüber hinaus keinen Zweifel am romantischen Schwerpunkt der Geschichte aufkommen. Im Grunde also wird das Publikum schon zu diesem Zeitpunkt aufgefordert, sein Herz an und seinen Verstand auszuschalten.

Doch auch Romantikern wird der Zugang zur Geschichte erschwert. Der Funke, der zwischen Adam und Eden springt, mag einfach nicht auf den Zuschauer übergehen. Ihre Liebesgeschichte kann trotz aller Dramatik nur selten fesseln, die tiefen Gefühle der Liebenden sind zwar sichtbar, jedoch kaum zu spüren. Vielleicht ist „Upside Down“ am Ende doch zu stilisiert, um uns direkt ins Herz zu treffen.

Während manche Bilder klar als „kitschig“ zu bezeichnen sind, was ja nicht immer etwas Schlechtes sein muss, ist das Aufeinandertreffen der beiden Welten als spektakuläres Science Fiction Szenario ein Augenschmaus. Wenn Adam in seinem Büro in Transworld sitzt, befindet sich an der Zimmerdecke das oberste Büro der anderen Welt. Begibt er sich in das Büro seines Vorgesetzten, muss er erst mit einem Stuhl auf dessen Augenhöhe hochgefahren werden. Juan Solanas entwirft hier ungewöhnliche und somit fesselnde Bilder, die trotz ihrer Skurrilität absolut überzeugen. Leider lässt sich dies nicht von allen Computertricks behaupten. Auch wenn sich der Film bemüht, wo immer möglich auf CGI zu verzichten, sind die Greenscreen-Aufnahmen als solche stets sichtbar.

Die Hauptdarsteller Jim Sturgess und Kirsten Dunst können leider ihr Potential nicht voll ausschöpfen. Beide haben wir schon deutlich überzeugender gesehen und so nett sie auch für sich genommen anzusehen sind, so wenig funktioniert die Leinwandchemie zwischen den Beiden. Vielleicht ist die fehlende Überzeugungskraft der Figuren auch in den recht flachen Charakteren begründet, die über keine Negativeigenschaften verfügen und somit nicht im selben Maße unser Interesse wecken können, wie ihre Vorbilder Romeo und Julia. An den Fähigkeiten der beiden Schauspieler liegt es in jedem Fall nicht. Insbesondere Jim Sturgess gelingt es, mit seinem sehr körperlichen Spiel Gravitation zu suggerieren, wo eigentlich gar keine ist und zeigt damit, dass er zu deutlich mehr imstande ist, als nur romantische Sätze runterzubeten.

Die Idee der zwei getrennten und doch so eng verbundenen Welten, die auf einem Traum des Drehbuchautors und Regisseurs Juan Solana aufbaut, ist jedch keine reine Fantasie, sondern hat durchaus etwas mit uns selbst zu tun. Auf den ersten Blick wirkt das Szenario vielleicht von unserer Realität weit entfernt, doch schauen wir genauer hin, entdecken wir uns sehr bekannte Strukturen von Ausbeutung, Rassismus und Umweltverschmutzung. Es ist offensichtlich, dass Solana darum bemüht ist, seinem Publikum etwas mit auf den Weg zu geben. Ob das gelingt, hängt wohl davon ab, ob die Zuschauer in der Lage sind, sich allen Widersprüchen zum Trotz auf das Universum von „Upside Down“ einzulassen.

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