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Feuchtgebiete

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kritiken.de Redaktion 22.08.2013
Feuchtgebiete© Majestic-Filmverleih
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Feuchtgebiete - Radikale Körperlichkeit und die Politiken der Intimität im zeitgenössischen deutschen Kino

Einleitung

Feuchtgebiete ist kein Film, der sich unauffällig in den Kanon deutscher Gegenwartskinematographie einreiht. Die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Charlotte Roche, die am 22. August 2013 in die Kinos kam, forderte die etablierte Trennung von Privatem und Öffentlichem heraus und provozierte Debatten über Darstellung, Geschmack und Tabubruch. Relevanz ergibt sich hier nicht allein aus dem Skandalpotential, sondern aus der Frage, wie filmische Mittel Gesellschaftsdebatten über Körper, Sexualität und Autonomie sichtbar machen und zugleich ästhetisch verhandeln.

In der Adaption tritt der Regisseur in die schwierige Rolle, eine literarisch radikale, interiorisierte Stimme zu übersetzen in ein Medium, das von Bildern lebt. Die filmische Umsetzung setzt weniger auf nüchterne Dokumentation als auf eine gezielte Inszenierung von Materialität - Haut, Körperflüssigkeiten, medizinische Apparate - und zwingt so das Publikum zu einer körperlichen Rezeption, die intellektuelle wie leibliche Reaktionen provoziert. Der Film positioniert sich damit an der Schnittstelle von Provokation und Reflexion, nicht als bloße Sensationsmaschine, sondern als Versuch, die Grenzen narrativer wie visueller Repräsentation auszuloten.

Die gesellschaftliche Einbettung dieses Films reicht über die Diskussion um Geschmack hinaus. In einem Moment, in dem Fragen nach Selbstbestimmung, Körperpolitik und dem öffentlichen Umgang mit Intimität vermehrt geführt wurden, fungiert Feuchtgebiete als Spiegel - und als Verstärker. Die filmische Konfrontation mit Tabus berührt Debatten über Geschlechterrollen, Jugendlichkeit und die Ökonomien des Skandals, und sie verweist auf die Schwierigkeit, radikale Selbstaussagen ohne theiratralische Instrumentalisierung zu übertragen.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Regie übernahm David Wnendt, der sich mit der Aufgabe konfrontiert sah, eine stark interiorisierte, oft obszöne Vorlage in visuelle Bildsprache zu übersetzen. Sein Umgang mit dem Stoff ist von dem Versuch geprägt, die literarische Direktheit nicht in bloße Nachahmung zu überführen, sondern sie durch filmische Entscheidungen zu transformieren: Bildkomposition, Nähe, Montage und Sound design dienen dazu, das Innenleben der Protagonistin sinnlich erfahrbar zu machen.

Die Produktion entstand im deutschen Filmkontext und profitierte von der Aufmerksamkeit durch den Roman als Ausgangsmaterial. Die begleitenden medialen Diskussionen machten die Produktion zu einem Projekt, das weit über typische Festival- oder Arthaus-Aufmerksamkeiten hinaus in die öffentliche Wahrnehmung rückte. Stilistisch ist der Film als mutige, nicht immer konventionell wirkende Adaption zu lesen, die sich im Werk des Regisseurs als exemplarischer Fall für seinen Umgang mit kontroversen literarischen Vorlagen einreiht.

Innerhalb des Gesamtwerks steht Feuchtgebiete für eine Phase, in der Wnendt sich als Übersetzer provokanter Stoffe ins Kino präsentierte. Der Film markiert einen Schnittpunkt zwischen kommerzieller Sichtbarkeit und künstlerischem Anspruch, wobei die Produktionsumstände - das notwendige Abwägen zwischen Markt, Publikumserwartung und künstlerischer Freiheit - sich in der formalen Strenge und den mutigen ästhetischen Entscheidungen widerspiegeln.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Carla Juri, die mit der Rolle der Protagonistin eine anspruchsvolle Doppelaufgabe erfüllt: Sie muss die literarische Präsenz, die im Roman dominierend ist, in körperliche Präsenz übersetzen und zugleich eine glaubwürdige Balance zwischen Komik, Schmerz und Intimität finden. Juri gelingt es, durch körperliche Präzision und expressive Nuancen eine Figur zu gestalten, die sowohl verletzlich als auch provokant wirkt und damit die filmische Installation der Themen trägt.

Axel Milberg und Meret Becker übernehmen im Film Eltern- und Autoritätsrollen, die als Gegenpole zur radikalen Selbstdarstellung der jungen Protagonistin fungieren. Ihre Präsenz verleiht dem Familiendrama strukturelle Gewichtungen und öffnet einen Raum, in dem familiäre Dynamiken und Generationenkonflikte erfahrbar werden. Christoph Letkowski ist als Gegenüber der Protagonistin ein wichtiger Faktor für die Erkundung von Intimität und Nähe, während Peri Baumeister, Marlen Kruse und Edgar Selge in unterstützenden Figurenkonstellationen das Umfeld der Hauptfigur schärfen und verschiedene Facetten gesellschaftlicher Normierung spiegeln.

Handlung (spoilerfrei!)

Feuchtgebiete erzählt die Geschichte einer jungen Frau, deren Körper und Sexualität Dreh- und Angelpunkt eines radikalen Selbstentwurfs sind. Der Film folgt ihrem Aufenthalt in einer medizinischen Umgebung sowie ihren Rückblicken und Begegnungen, die ihre Erfahrungen mit Körperlichkeit, Sehnsucht und Grenzüberschreitung thematisieren. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Spannungsverhältnis zwischen der Suche nach Intimität - als Verlangen nach Nähe und Verständigung - und einer provokativen Selbstinszenierung, die bestehende gesellschaftliche Regeln in Frage stellt.

Die zentralen Figuren sind der junge Körper, die Familie als soziales Feld und verschiedene Bezugspersonen, die auf unterschiedliche Weise auf die Provokation reagieren. Tonal ist der Film ambivalent: Er pendelt zwischen lakonischem Humor, beißender Direktheit und unverhüllter Verletzlichkeit. Atmosphärisch arbeitet die Inszenierung mit einer Mischung aus klinischer Nüchternheit und einer fast obsessiven Materialität, die die Zuschauerrolle herausfordert und irritiert.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt der Film Fragen nach Autonomie, Öffentlichkeit und den Grenzen des Sagbaren. Es geht um die Legitimation, über den eigenen Körper auf radikale Weise zu sprechen und daraus ästhetische Strategien zu entwickeln, sowie um die Reaktionen einer Gesellschaft, die solche Strategien oft mit Abwehr oder Sensationslust begegnet. Philosophisch interessiert Feuchtgebiete die Schnittstellen von Identität und Körperlichkeit - wie sehr ist das Selbst an den Körper gebunden und inwieweit lässt sich eine Identität durch performative, provokative Akte formen?

Gesellschaftlich öffnet der Film ein Feld für Diskussionen über Sexualmoral, Jugendkultur und die Ökonomie des Skandals. Psychologisch thematisiert er die Ambivalenz von Selbstinszenierung und Selbstverletzung, die Suche nach Anerkennung und das Ringen um Intimität in einer verhandelten Öffentlichkeit. Motive wie Hygiene, medizinische Objektivierung und das Verhältnis von Scham und Offenbarung ziehen sich durch die Bilder und werden nicht nur als narrativer Stoff, sondern als formales Prinzip der Filmerzählung genutzt.

Feuchtgebiete bleibt als Werk ein Beispiel dafür, wie Filmästhetik und gesellschaftliche Debatte verflochten werden können. Der Film fordert die Konventionen erotischer und intimer Repräsentation heraus und verlangt vom Publikum ein Umdenken darüber, welche Bilder wir bereit sind zu sehen und wie wir über sie sprechen wollen.

Filmkritik von Jochen Werner

Am Anfang des Films steht ein Zitat aus der Bildzeitung, die – wie an fast allem, was in Deutschland populär bis populistisch ist – sicherlich auch am überraschenden Erfolg von Charlotte Roches Roman Feuchtgebiete einen gewissen Anteil hatte. Von der Überflüssigkeit eines solchen Schweinkrams schwadroniert da ein sich ereifernder Leser, und darüber, dass die Gesellschaft Gott brauche anstelle der detailbesessenen literarischen Beschreibung von Hämorrhoiden und Körperausscheidungen. Nun, über Gott, guten Geschmack oder die Springerpresse mögen andere streiten – als nicht von der Hand zu weisende Tatsache bleibt bestehen, dass das Romandebüt der TV-Moderatorin nicht nur erfolgreich war, sondern auch diskursiv hohe Wellen schlug. Wie weit kann, darf, sollte man gehen, wenn man über all die mehr oder weniger tabuisierten Dinge sprechen will, die sich in und an unseren Körpern so ereignen?

Charlotte Roche ging ziemlich weit. Eiter, Blut, Kot, Sperma, Urin und Vaginalsekrete tropften geradezu zwischen den Seiten des Romans hervor und irritierten so manchen vor den Kopf gestoßenen Leser und Rezensenten so nachhaltig, dass er sich nicht mehr in der Lage sah, hinter den Schutzschild aus lustvollen Provokationen zu blicken, wo ein traumatisiertes, verletzliches Herz schlug. Das heißt nicht, dass Feuchtgebiete ein wirklich gutes Buch ist. Oftmals wirken der pubertäre Hang dazu, über das ehrenwerte Ziel hinauszuschießen, und die fehlende Stilsicherheit fatal zusammen. Eine Reduzierung auf die bloße hohle Provokationsgeste, die der kleinbürgerlichere Teil der Öffentlichkeit in diesem Roman wohl zwangsläufig erkennen musste, greift aber letztlich zu kurz und wird dem Buch nicht gerecht.

Eine brennende Frage angesichts der bald nach dem großen Erfolg des Buches angekündigten Kinoadaption war freilich, wie sich die in der Literatur inzwischen einigermaßen akzeptierte extreme Körperlichkeit des Buches in Filmbilder übersetzen lässt. Denn im Grunde müsste eine werkgetreue Adaption von Feuchtgebiete pornografisch sein – und dem trägt der Film dann, einigermaßen überraschend, teilweise tatsächlich Rechnung. Natürlich ist Feuchtgebiete kein Pornofilm, nicht einmal annähernd – aber erigierte männliche Geschlechtsteile und Ejakulationen in Zeitlupe und Großaufnahme hat man wohl noch in keinem deutschen Mainstream-Kinofilm gesehen. Überhaupt gelingt es Regisseur David Wnendt – nach seinem Kritikererfolg mit dem überbewerteten Neonazi-Problemfilm Kriegerin (2011) eine nicht selbstverständliche Wahl für diesen Stoff – auf überraschend adäquate Weise, die Körperlichkeit von Roches Schreibstil in eine nur selten wirklich explizite, aber zumindeste ähnlich körperliche Filmsprache zu übertragen.

In dieser Filmsprache ist freilich nicht jeder Arsch auch tatsächlich ein Arsch. Die Großaufnahme eines vermeintlichen Frauenhinterteils, mit der der Film beginnt, entpuppt sich als Kniekehle, und die Kamera bewegt sich dann doch meist – aber eben nicht immer – oberhalb der geschlechtlichen und analen Regionen, die nicht nur in Feuchtgebiete, sondern auch in der Lebensphilosophie der Protagonistin Helen Memel (Carla Juri) zentrale Rollen spielen. Diese führt, vom Hygienetick der neurotischen Mutter (Meret Becker) traumatisiert, ein fortgesetztes „Muschihygieneselbstexperiment“ mit sich durch, setzt sich mit Vorliebe auf mit Unaussprechlichem verklebte Toilettensitze, tauscht Tampons mit ihrer Freundin Corinna (Marlen Kruse) und verwendet Körpergeruch wie Parfüm. Als sie sich nun bei der Intimrasur am After verletzt, führt dieser Unfall zu einer Not-OP und einem Krankenhausaufenthalt, den Helen für zweierlei zu nutzen versucht. Zunächst setzt sie alles daran, ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenzubringen – und schließlich beginnt sie, den Krankenpfleger Robin (Christoph Letkowski) mit ihrer offensiv-unverblümten Art zu umgarnen.

Im Grunde kommen in Feuchtgebiete drei sehr unterschiedliche Tonlagen zusammen. Neben den mit dem Ekel kokettierenden Körpersequenzen steht die luftig-unbeschwerte Romanze zwischen Helen und Robin – und insbesondere in den oft leicht ins Bissige überzeichneten Sequenzen um die neurotische Mutter und den von Axel Milberg wunderbar schmierlappig verkörperten Vater kommt dann das echte Trauma ins Spiel, um das Roche ihren Roman und Wnendt seine Kinoadaption arrangiert haben. Darin liegt dann leider auch die wohl größte Schwäche sowohl der Vorlage als auch der relativ treuen Verfilmung: In psychologischer Hinsicht ist das alles einfach sehr simpel und durchsichtig aufgebaut, und Helens Körperexperimente werden, indem sie an ein unaufgearbeitetes Kindheitstrauma zurückgebunden werden, dann doch noch als pathologisch stigmatisiert.

Trotzdem stürzt der Film nie ganz ab, geht keinen Schulterschluss mit Spießertum und Bürgerlichkeit ein. Helen Memel wird niemals verurteilt für ihr Austreten aus den Konventionen und findet am Ende ihr kleines privates Glück, ohne sich dafür läutern oder ändern zu müssen. Das ist doch eigentlich eine schöne Botschaft, und allen mitunter dann doch ziemlich infantilen Provokationen zum Trotz ist Feuchtgebiete immer auch ein aufrichtiges Plädoyer für die heilende Kraft des Exzesses.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Als Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“ erschien, waren die Menschen schockiert. Trotzdem verkaufte sich das umstrittene Buch über 2,5 Millionen Mal. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird die Filmversion dieser ungewöhnlichen „Coming of Age“-Geschichte die Gemüter ebenso spalten wie die Vorlage. Genauso gut aber stehen die Chancen, dass „Feuchtgebiete“ auf der Leinwand eine ähnliche Anziehungskraft entfaltet wie in den Bücherregalen.

Regisseur David Wnendt widmet sich hiermit nach „Kriegerin“ zum zweiten Mal einer unkonventionellen Frauenfigur. Schon in „Kriegerin“ gehörte die Einfühlung des männlichen Regisseurs in seine weibliche Protagonistin zu den hervorstechendsten Merkmalen des Films. Mit „Feuchtgebiete“ gelingt es Wnendt einmal mehr, eine ihm vollkommen fremde Perspektive einzunehmen. Helen, gespielt von Carla Juri, ist nicht nur eine heranwachsende Frau, sie sträubt sich auch gegen jegliche Werte und Normen, die ihr von der Gesellschaft vorgelebt werden. Trotzdem nehmen der Regisseur und somit auch sein Film, Helen bis zum Ende ernst und ermöglichen es somit dem Zuschauer, die Welt der Protagonistin nicht von außen, sondern von innen zu betrachten.

Man könnte sagen, Helen ist ein traumatisiertes Scheidungskind. Aber in ihrem Leben ist eigentlich deutlich mehr schiefgelaufen als nur die Ehe ihrer Eltern. Deshalb will Helen selbst auch lieber keine Kinder haben. Stattdessen züchtet sie mit großer Leidenschaft Avocados, studiert ihr Vaginalsekret und hat Sex mit weiblichen Prostituierten. Um sich von ihrer um Keimfreiheit bemühten Mutter abzugrenzen, verabscheut Helen Hygiene, vor allem die des eigenen Körpers. Dabei ist das Tauschen benutzter Tampons mit der besten Freundin die kleinste Übertretung allgemein anerkannter Verhaltensregeln. Doch mit einer Analfissur wird alles anders. Helen muss ins Krankenhaus und zum ersten Mal in ihrem Leben geht es ihr richtig dreckig. Und wie das ja häufig so ist mit einer Krise, beginnt auch Helen, ihr Leben neu zu überdenken. Dabei kommt sie zu einem klaren Ergebnis: Ihre Eltern müssen unbedingt wieder zueinander finden.

Zum Teil chronologisch, zum Teil in wild zusammengewürfelten Rückblenden bringt „Feuchtgebiete“ uns seine Hauptfigur näher. Die oft kurzen Episoden aus Helens Leben werden durch die Protagonistin zu großen Teilen mit den Textpassagen aus dem Roman kommentiert. Helen ist und bleibt die Erzählerin ihrer Geschichte und wie sie selbst eingesteht, können wir uns auf ihre Darstellung der Ereignisse nicht immer zu hundert Prozent verlassen. Wie schon der Roman selbst krankt auch der Film im späteren Verlauf an der fehlenden Substanz. Lässt der erste Schock über Helens Verhalten erst einmal nach, kann das Konzept nur noch wenig bieten, um den Zuschauer an die Geschichte zu fesseln. Die Handlung ist stark reduziert und der Film besteht zum Großteil aus Erinnerungsfragmenten, die immer neue skandalöse Bilder kreieren. Das ist dann doch etwas zu wenig, um ein Kinopublikum durch eine fast zweistündige Vorführung zu tragen.

An anderer Stelle jedoch ist die filmische Umsetzung der literarischen Vorlage überlegen. Dass „Feuchtgebiete“ auf der Leinwand so viel mehr Spaß macht als auf den Seiten, ist David Wnendts großartiger Inszenierung zu verdanken. Er erzählt seine Geschichte Helens Charakter entsprechend chaotisch und temporeich. Schnelle Schnitte, bunte Farben, Splitscreens und eine dynamische Musikuntermalung irgendwo zwischen Elektro und Punk verleihen dem Gesamtkonzept eben die Energie, die ihren Charakter ausmacht. Egal wie krude die Ereignisse, David Wnendt lässt seine Erzählerin stets mit derselben trockenen Selbstverständlichkeit agieren, die beim Publikum Schock, Skepsis und schließlich Gelächter auslöst. Im späteren Filmverlauf fungiert Krankenpfleger Robin als Spiegel der Zuschaueremotionen. In seinem entgeisterten Gesicht finden wir alle jene Gefühle wieder, die uns selbst in Anbetracht von Helens unberechenbarem Verhalten überkommen. Wo wir beim Lesen des Romans noch auf unser eigenes Kopfkino angewiesen waren, liefert die Filmversion ein Gerüst mit Bezugspunkten, die es uns erleichtern, Helens Verhalten einzuordnen. Auch Robin ist schockiert und irritiert, also dürfen wir es auch sein. Das beruhigt. Während der Roman uns der verrückten Welt seiner Hauptfigur ungefiltert aussetzte, spielt sich die Filmversion in einer uns bekannten Realität ab. So kann das Aufeinanderprallen von Helens Extravaganz mit den uns bekannten Werten und Normen Humor erzeugen. Doch nicht jeder Lacher entspringt gelungener Komik. Vielmehr ist dies oft die einzige uns zur Verfügung stehende Reaktion auf die ungewohnt expliziten obszönen oder gar abstoßenden Bilder.

Aber David Wnendt übersetzt Charlotte Roches Ideen nicht nur gekonnt in Bilder, er ergänzt das Konzept auch um surreale Elemente. Traumsequenzen, Drogentrips und Erinnerungen gehen fließend ineinander über, so dass der Zuschauer sich niemals sicher sein kann, welche Episode der Realität und welche nur Helens Einbildungskraft entspringt. Hierdurch erhält der Film zudem eine rauschhafte Komponente, die den Plot von einer realistischen Erzählung abgrenzt.

So überdreht und irrwitzig die Geschichte auch sein mag, so überzeugend ist Carla Juri. Sie verleiht Helen genau die richtige Mischung aus Tomboy-Image und Lolita. Mal derb und frech, mal verführerisch und sexy – Juri kann mühelos alle Facetten der komplexen Hauptfigur glaubwürdig verkörpern. Sie trägt entscheidend dazu bei, dass Helen von einer literarischen Kunstfigur zu einem echten Menschen wird, mit dem wir schließlich sogar mitleiden. Viel stärker als noch im Roman können wir Helens verletzliche Seite kennenlernen und in ihrem wilden Verhalten die Suche nach Liebe und Konstanz entdecken.

Doch „Feuchtgebiete“ ist nichts für zarte Gemüter. Wie auch Charlotte Roche in ihrem Roman nimmt das Drehbuch von Claus Falkenberg kein Blatt vor den Mund. Kein Tabu ist zu groß, um es nicht zu brechen. Erigierte Penisse, Sperma, Fäkalien, Menstruationsblut - alles darf gezeigt werden. Da mag dem einen oder anderen die Frage auf den Lippen liegen, ob das denn unbedingt sein muss. Nein, muss es natürlich nicht. Aber David Wnendt gelingt es mit seiner Inszenierung, ein schlüssiges Gesamtkonzept zu stricken, in dem diese fragwürdigen Elemente nicht wie eine bewusste Provokation wirken, sondern als selbstverständliche Ingredienzien eines innovativen Rezepts erscheinen. „Feuchtgebiete“ ist durch und durch wild und unkontrolliert. Und das ist gut so. Wem das nicht passt, der kann sich ja einen Rosamunde Pilcher Filme ansehen.

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