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Tu nichts Böses

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kritiken.de Redaktion 06.04.2017
Tu nichts Böses© missingfilms
A ca. 1348 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Tu nichts Böses - Ein filmischer Kommentar zur Männlichkeit, Schuld und Stadtlandschaft im zeitgenössischen Italien

Einleitung

Tu nichts Böses tritt in einen Diskurs ein, der das italienische Kino der vergangenen Dekade geprägt hat: die lakonische Beobachtung sozialer Peripherien, die Suche nach moralischen Grauzonen und die Frage, wie intime Beziehungen unter ökonomischem Druck bestehen bleiben. Der Film ist relevant, weil er nicht allein ein persönliches Schicksal erzählt, sondern die sozialen Spannungen seiner Zeit in atmosphärischer Dichte bündelt - ein Anliegen, das in Europa nach 2010 an Dringlichkeit gewonnen hat.

In ästhetischer Hinsicht erinnert Tu nichts Böses an eine Tradition, die von neorealistischen Wurzeln über die Milieustudien der 1970er Jahre bis zu den rauen Ensembleserien heutiger Autorenfilmer reicht. Ohne in dokumentarische Kälte zu verfallen, sucht der Film nach einer Authentizität, die sich in der Körperlichkeit der Darsteller, in der Materialität der Kulisse und in einer Zurückhaltung des Kommentars niederschlägt. Solche Eingriffe verweisen auf einen Regisseur, der seine Figuren durch Beobachtung statt durch moralische Belehrung formen lässt.

Gesellschaftlich nimmt der Film Themen wie ökonomische Prekarität, männliche Identitätskrisen und die Verfügbarkeit von Gewalt in den Blick. Er erscheint damit nicht nur als Porträt einer einzelnen Lebenswelt, sondern als Echo auf breitere Debatten über Arbeit, Zugehörigkeit und Verantwortlichkeit. Die Tonalität bleibt dabei seriös und reflektiert - der Film fragt eher, als dass er Antworten anbietet.

Kurzüberblick zur Produktion

Tu nichts Böses folgt der ästhetischen Handschrift vieler gegenwärtiger italienischer Autorenfilme, die auf eine reduzierte Bildsprache, langen Einstellungen und eine akustische Reduktion setzen. Die Regiearbeit legt Wert auf Milieuschilderung und die physiognomische Präsenz der Schauspieler - eine Form des Filmemachens, die Nähe herstellt, ohne die Figuren zu instrumentalisieren. Dieser Stil fördert eine Spannung zwischen dokumentarischer Wahrnehmung und narrativer Dramatik.

Die Produktionsbedingungen entsprechen dem Modus vieler europäischer Arthouse-Produktionen der 2010er Jahre: gedreht an realen Schauplätzen, mit einem Ensemble aus etablierten Gesichtern und Newcomern, bei überschaubarem Budget und Fokus auf inhaltliche Intensität statt spektakulärer Effekte. Solche Umstände begünstigen eine Nähe zur Realität und erlauben es, mit begrenzten Mitteln atmosphärisch dichte Bilder zu erzeugen.

Innerhalb eines möglichen Gesamtwerks positioniert sich Tu nichts Böses als konsequente Fortführung einer Milieuschau. Der Film verknüpft persönliche Konflikte mit institutionellen Rahmenbedingungen und zeigt damit, wie einzelne Schicksale größere gesellschaftliche Linien spiegeln - eine Haltung, die in der zeitgenössischen italienischen Filmsprache wiederholt auftaucht.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung vereint charismatische Vertreter der jüngeren italienischen Schauspielergeneration. Luca Marinelli, bekannt für seine Wandelbarkeit und seine Fähigkeit, innere Brüche sichtbar zu machen, liefert hier eine körperlich präzise Darstellung, die auf Nuancen statt auf Gesten setzt. Alessandro Borghi bringt seine oft zitierte Intensität und eine unmittelbare Präsenz ein, die Konflikte auf der Ebene der Stimme und des Blicks austrägt. Das Zusammenspiel dieser beiden Kräfte erzeugt ein Gegengewicht zwischen Reflexion und impulsiver Energie.

Silvia D'Amico und die weiteren Ensemblemitglieder runden das Bild einer Gemeinschaft ab, in der Loyalität, Rivalität und Verletzbarkeit eng miteinander verwoben sind. Die Schauspielerinnen etablieren emotionale Anker, die dem Film erlauben, seine moralischen Fragen nicht nur aus männlicher Perspektive zu denken. Insgesamt zeigt das Ensemble eine Präferenz für naturalistische Spielweisen, die Psychologie und Sozialcharakter gleichermaßen rekonstruieren.

Handlung (spoilerfrei!)

Tu nichts Böses entfaltet seine Spannung aus dem Alltag und den Entscheidungen einzelner Figuren, die in einer urbanen Peripherie um ökonomisches und emotionales Überleben ringen. Im Zentrum stehen Beziehungen, die zugleich stützen und erdrücken - Freundschaften, Partnerschaften und familiäre Bindungen, die unter externem Druck auf die Probe gestellt werden. Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus einem singulären Ereignis als aus einer Serie von Entscheidungssituationen, in denen moralische Abwägungen und persönliche Bedürfnisse kollidieren.

Die Erzählung arbeitet mit einem Ensemble, dessen Protagonisten unterschiedliche Strategien verfolgen, um mit Prekarität und Scham umzugehen. Die Figuren sind nicht einfach zu kategorisieren; ihr Handeln bewegt sich in einer Zone zwischen Fürsorge und Selbstbewahrung, zwischen Solidarität und Selbsttäuschung. Tonal ist der Film eher gedämpft und beobachtend - er bevorzugt eine Atmosphäre von latenter Spannung gegenüber dramatischen Ausbrüchen.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt Tu nichts Böses Fragen nach Verantwortlichkeit und Intentionalität - was heißt es, in schwierigen Verhältnissen moralisch zu handeln, und wie unterscheiden sich Schuld und Mitverantwortung? Der Film erkundet die Ambivalenz menschlicher Entscheidungen und verweigert einfache Urteile. Diese ethische Komplexität ist verbunden mit einer soziologischen Neugier: Wie formen Arbeitslosigkeit, urbaner Verfall und sozialer Ausschluss die Figurenwelt und ihre Handlungsoptionen?

Weitere Motive des Films sind Männlichkeit als soziales Konstrukt und die Art, wie körperliche Präsenz als Mittel von Macht und Schutz funktioniert. Gewalt tritt nicht als ästhetisiertes Element auf, sondern als etwas Alltägliches, das in Handlungen eingebettet ist und deren Bedeutungsrahmen verschiebt. Parallel dazu taucht die Idee von Gemeinschaft als ambivalentes Sicherheitsnetz auf - Bindungen können retten, aber auch einengen.

Formal arbeitet der Film mit Wiederholungen von Bildern und Situationen, die das Thema der Unentrinnbarkeit betonen, sowie mit einer Klanggestaltung, die Räume und Körper zusammenführt. So wird die Frage nach individueller Schuld in ein Bild eingebettet, das sowohl politisch als auch existenziell gelesen werden kann - ein Ansatz, der Tu nichts Böses als Teil einer jüngeren, kritisch beobachtenden italienischen Filmtradition ausweist.

Filmkritik von Bianka Piringer

Jung, lebenshungrig und abgehängt

Cesare (Luca Marinelli) und Vittorio (Alessandro Borghi) wollen Spaß. Die beiden Zwanzigjährigen sind alte Freunde, die 1995 am Strand von Ostia bei Rom herumstehen, bunte Pillen einwerfen und in den Vorstadtbars die Drogendealer treffen. Bald lassen die beiden auch für sich verkaufen, aber Vittorio bekommt der intensive Konsum des weißen Pulvers nicht, er beginnt zu halluzinieren. Nun muss er den Absprung in ein bürgerliches Leben wagen. Aber was soll aus Cesare werden?

Die beiden jungen Männer wissen vermutlich nicht, dass sie einem traditionsreichen Milieu angehören, das im italienischen Neorealismus viel Beachtung fand. Pier Paolo Pasolini schrieb 1955 den Roman „Ragazzi di vita“ über die lebenshungrigen kleinkriminellen Vorstadtjugendlichen im Rom der Nachkriegszeit. Im Regiekommentar zu seinem Krimidrama erklärte Claudio Caligari, dass sich dieses Milieu Mitte der neunziger Jahre verändert habe. „Pasolinis Jungen sind nun Teil des organisierten Verbrechens“, für Männer wie Cesare und Vittorio gehe es nicht mehr ums Durchkommen, sondern um das schnelle Geld.

Caligari fragt mit stilistischen Anleihen an den Neorealismus, einer atmosphärischen Unmittelbarkeit, die der Rastlosigkeit der Figuren folgt, ob die beiderseitige Freundschaft Cesare und Vittorio einen Rest von Unschuld bewahrt. Auch als sich ihre Wege trennen, geschieht das nur äußerlich, denn die beiden Männer eint ein beinahe schon brüderliches Band. Jeder erkennt im anderen auch ein Stück von sich selbst, die eigenen Träume und die gemeinsam entfesselte Kraft. Der Regisseur erlebte die Premiere seines Films bei den Filmfestspielen in Venedig 2015 nicht mehr: Er war schon früher im selben Jahr im Alter von 67 Jahren gestorben.

Cesare und Vittorio sind nicht direkt sympathisch zu nennen. Am Anfang folgt ihnen der Film durch die tägliche Langeweile, zeigt, wie sie sich treiben lassen, zudröhnen, grob zu Frauen werden und sich als Platzhengste aufspielen. In jeder Sekunde kann die Stimmung kippen, aus der latenten Wut eine spontane Dynamik entstehen, die nur noch schwer zu kontrollieren ist. Caligari nimmt die aufbrausende Art und das fahrige Verhalten schmerzlich genau unter die Lupe, registriert den kurzlebigen Rausch, ohne den sich die Nacht nicht feiern ließe. Kaum sitzen Cesare und Vittorio im Auto, um einfach loszufahren, wummern den Zuschauern plötzlich galoppierende Beats entgegen, die ihre eigene Energie aufzufressen scheinen.

Die Geschichte springt mit unvermittelten Schnitten von einer Szene zur nächsten. Die Bezugslosigkeit kann irritierend wirken, erzeugt aber auch eine melancholische, gar fatalistische Stimmung. Zuhause, bei seiner verhärmten Mutter und der todkranken kleinen Nichte, hält es Cesare vor lauter Kummer und Hilflosigkeit nie lange aus, aber er interpretiert seine Rolle in der Familie auch sehr eigenwillig. Die Figurenzeichnung ist nicht immer frei von Sozialromantik und wirkt dann etwas aus der Zeit gefallen. Die beiden Freunde geben sich manchmal wie bestellt naiv und herzlich und Cesares Mutter verkörpert von Anfang bis Ende nur das graue Elend.

Vittorio und Cesare müssen aus der Utopie, dem Schwebezustand ihrer jungen Jahre erwachen. Der eine bemüht sich als Bauarbeiter um einen Platz in der Normalität, dem anderen liegt die Mäßigung nicht. In der Konsumgesellschaft aber gibt es keinen moralischen Sieger. Die bewegende Kritik, die Caligari gegen Ende an der Erosion sozialer Werte übt, gibt seinem cineastisch anspruchsvollen Film eine immer noch aktuelle Note.

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