Nichts zu verschenken - Komische Moral im Spiegel der französischen Alltagsgesellschaft zwischen Sentimentalität und Sozialsatire
Einleitung
Mit Nichts zu verschenken tritt ein Film in den öffentlichen Raum, der je nach Blickrichtung als leichte Unterhaltung oder als Spiegel sozialer Befindlichkeiten gelesen werden kann. Auffällig ist die Platzierung des Films im Jahr 2017, einer Zeit, in der das französische Kino vermehrt an Grenzen zwischen populärem Humor und politischer Beobachtung rührte. Die Präsenz bekannter Gesichter der Komödie signalisiert ein Programm, das bewusst an ein breites Publikum appelliert und zugleich subtile Kommentare zum Zeitgeist erlaubt.
Ohne explizite Nennung des Regisseurs in den vorliegenden Angaben bleibt die Frage nach der auteuristischen Handschrift offen - ein Umstand, der die Rezeption interessant macht. An die Stelle einer eindeutigen Regieführung tritt hier die kollektive Signatur einer Komödie, die von ihren Darstellern und von gängigen Genremustern lebt. Insofern lässt sich Nichts zu verschenken als Produkt eines etablierten französischen Unterhaltungskinos lesen, das mit vertrauten Mitteln nach Aktualität sucht.
Relevanz gewinnt der Film vor allem durch seine Besetzung und seine Zeitnähe. Dany Boon, als einer der prägnantesten Komiker Frankreichs der vergangenen Dekade, bringt nicht nur sein komödiantisches Kapital ein, sondern auch eine Erwartungshaltung beim Publikum. Diese Erwartung wird zum Prüfstein für die Frage, ob der Film bloße Konfektion oder eine nuancierte Auseinandersetzung mit sozialen Fragen ist - etwa mit ökonomischer Unsicherheit, Generationenkonflikten und dem Spannungsverhältnis von Egoismus und Solidarität.
Kurzüberblick zur Produktion
Die konkreten Produktionsdetails von Nichts zu verschenken sind für diese Einordnung nicht vollständig überliefert - Informationen zu Regisseur, Budget und Produzenten sind hier nicht genannt (unsicher). Aus der Besetzung und dem Veröffentlichungsjahr lässt sich jedoch ableiten, dass es sich um eine konventionelle Kinoproduktion des französischen Marktes handelt, die auf eine gute Sichtbarkeit und ein kommerzielles Publikum zielt. Solche Filme werden häufig von etablierten Studios unterstützt und bauen auf erprobte Produktionswege.
Handwerklich dürfte der Film eine überschaubare, auf Effektivität angelegte Inszenierung zeigen: ein Tempo, das auf pointierte Dialoge und situative Komik setzt, eine Kameraführung, die Nähe zu Figuren erzeugt, und ein Montage-Rhythmus, der Pointe und Emotion balanciert. Ohne die Regie zu kennen, lässt sich dennoch sagen, dass die filmische Anlage auf Zugänglichkeit ausgelegt ist - zugunsten der Schauspieler und zugunsten einer narrativen Klarheit, die Publikumserwartungen bedienen will.
Innerhalb des Gesamtwerks der beteiligten Schauspieler steht Nichts zu verschenken für die Fortsetzung bekannter Laufbahnen: etablierte Komödianten treten in vertrauten Rollenmustern auf, während jüngere Kolleginnen und Kollegen die filmische Palette um modernere Nuancen ergänzen. Insofern ist die Produktion weniger ein radikaler Bruch als eine Variation über Bewährtes.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Dany Boon übernimmt offenbar die zentrale Rolle und bringt damit seine charakteristische Mischung aus physischer Komik, bodenständiger Identifikation und empathischem Kleinkunst-Pathos ein. Boon hat in seiner Karriere mehrfach gezeigt, wie sich regionale Milieus, sentimentale Töne und Massentauglichkeit verbinden lassen - ein Erfahrungsschatz, der hier als dramaturgische Ressource fungiert.
An seiner Seite steht Laurence Arné, deren Arbeit häufig die Nuancen romantischer und komödiantischer Figuren austariert. Arné kann als Gegenspielerin oder als emotionaler Kompass dienen und trägt zur Ausdifferenzierung der sozialen Konstellationen bei. Noémie Schmidt, als jüngere Schauspielerin mit Ambitionen in dramatischen wie leichten Genres, könnte die Rolle einer generationellen Brücke übernehmen (unsicher).
Patrick Ridremont bringt eine dunklere, manchmal lakonische Energie, die komödiantische Szenen oft konturiert und ihnen unerwartete Schärfe verleiht. Die Präsenz von Sébastien Chabal, dem früheren Rugby-Nationalspieler, verweist auf ein Spiel mit öffentlichen Identitäten - Cameos dieser Art verstärken den Populärcharakter des Films und setzen zusätzliche, metakomische Akzente. Das Ensemble insgesamt ist so besetzt, dass es Variationen von Komik und Menschlichkeit ermöglicht.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Plot von Nichts zu verschenken entfaltet sich entlang eines erzählerischen Grundgerüsts, das klassische komödiantische Mechanismen nutzt: ein zentrales Dilemma, das den Protagonisten in seiner Komfortzone erschüttert, eine Reihe von Begegnungen, die Konflikte und Missverständnisse beschleunigen, sowie eine emotionale Pointe, die den Ton von Heiterkeit bis Rührung variieren kann. Die Erzählung legt den Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen und ökonomische Entscheidungen, ohne in eine rein moralisierende Sprache zu verfallen.
Der dramatische Konflikt hält neben situativem Humor auch echte Reibungspunkte bereit: Existenzängste, Loyalitätsfragen und die Herausforderung, private Bedürfnisse gegen gemeinschaftliche Erwartungen abzuwägen. Die zentralen Figuren werden so gezeichnet, dass sie sowohl Comica als auch Menschlichkeit zulassen; die Tonalität wechselt zwischen leisem Pathos und komödiantischer Zuspitzung, ohne die eine Seite zu karikieren.
Atmosphärisch bewegt sich der Film in einer vertrauten, oft urbanen bis peri-urbanen Umgebung, die als Bühne für kleine Alltagsdramen dient. Musik- und Geräuschgestaltung unterstützen den Rhythmus der Gags und die intime Nähe zu den Figuren, während die Bildgestaltung das erzählerische Impulszentrum - den Körper als Medium der Komik - betont.
Zentrale Themen und Motive
Nichts zu verschenken stellt Fragen nach Geben und Nehmen, nach sozialer Solidarität und individueller Absicherung. In Zeiten wirtschaftlicher Umbrüche ist die Frage, was man bereit ist zu opfern oder zu teilen, programmatisch - der Film verhandelt diese Frage nicht als abstraktes Dilemma, sondern als alltägliche Herausforderung, die Freundschaften, Beziehungen und berufliche Identitäten berührt.
Auf einer tieferen Ebene geht es um die Glaubwürdigkeit von Empathie in einer medial geprägten Öffentlichkeit. Wie ernst sind Gesten der Großzügigkeit, wenn sie zugleich als Show funktionieren können? Welche Rolle spielt Authentizität in einer Kultur, die zwischen Selbstinszenierung und echter Fürsorge oszilliert? Diese philosophisch-gesellschaftlichen Fragestellungen bleiben im Film oftmals implizit, treten aber als strukturbildende Motive immer wieder hervor.
Psychologisch betrachtet interessiert sich der Film für die Mechanismen des Komödiantischen als Bewältigungsstrategie: Lachen als Methode, Widersprüche zu ertragen und zugleich zu reflektieren. Nichts zu verschenken ist damit weniger eine einfache Komödie als eine Studie über die sozialen Puffer, die Humor bietet, wenn ökonomische und moralische Fragen aufeinandertreffen.
Filmkritik von Bianka Piringer
Ein Geizhals im Stresstest
Wie bringt man einen notorischen Geizhals dazu, sich zu ändern? Eine Möglichkeit wäre vielleicht, ihn als großzügigen Mann zu preisen. So könnte er die Vorteile dieser unbekannten Eigenschaft genießen: die Dankbarkeit statt des gewohnten Ärgers seiner Mitmenschen, ihre Bewunderung statt wie üblich Hohn und Spott. Eine solche Rollenumkehrung widerfährt François Gautier (Dany Boon), der Hauptfigur dieser französischen Komödie. Eines Tages tritt nämlich seine 17-jährige Tochter Laura (Noémie Schmidt), von deren Existenz er gar nichts wusste, in sein Leben. Das Mädchen himmelt ihn regelrecht an, glaubt es doch irrtümlich, der Vater kümmere sich aufopfernd um Waisenkinder in Mexiko.
Dass sich Laura bei ihm einquartiert, verursacht dem Geigenspieler François jedoch vor allem Stress. Die Tochter macht in allen Räumen das Licht an und duscht warm! Dem Mann droht aber noch von einer zweiten Seite Ärger. Zwar registriert er gerne, dass Valérie (Laurence Arné), die neue Cellistin des Orchesters, ihn attraktiv findet. Aber nun kommt er nicht darum herum, sie ins Restaurant einzuladen – und schon steuert die Geschichte auf ein lustiges Zitat aus dem Horrorklassiker „Shining“ zu.
Regisseur Fred Cavayé („Ohne Schuld“) hat bislang nur Thriller gedreht. In seiner ersten Komödie trägt er den possenhaften Humor etwas dick auf. Auch liegt ihm ein zügiges Tempo, das aber in Form der sketchhaften Hopplahopp-Dramaturgie ein recht holpriges Vergnügen bietet. Genüsslich wird in kurzen Beispielen aufgeführt, wie grotesk François' Sparmacke ist. Der Mann hat nur einen Tweed-Anzug, seine elterliche Wohnung ist noch im Stil der Siebziger eingerichtet, er isst abgelaufene Lebensmittel.
Seine Knauserigkeit hat François zum sozialen Außenseiter gemacht, der nur einen Vertrauten und Freund hat: seinen Banker. Diese von Christophe Favre gespielte, schmächtige Nebenfigur mit dem großen Herzen entpuppt sich als eine der besten Erfindungen des Drehbuchs. Denn der Banker dient François auch als Psychotherapeut – vom wem sonst würde sich ein Geizhals etwas sagen lassen? Hauptdarsteller Dany Boon wiederum beweist einmal mehr sein komödiantisches Talent. Er schafft es spielend, den Sparfanatiker als sympathischen, irgendwie fehlgeleiteten Kerl zu interpretieren. Und in seiner Miene zu spiegeln, dass sich hinter seinem Verhalten dramatische Ängste verbergen.
Der Film bietet auch eine herrliche Kostprobe musikalischen Humors. Als erster Geiger hetzt François das Orchester einmal in höllischem Tempo durch ein Vivaldi-Konzert, weil er schnell nach Hause will. Mit dieser hyperaktiven, ins Irreale weisenden Szene weckt der Film Erinnerungen an den großen Hektiker Louis de Funès. Er diente Regisseur Cavayé wegen seiner Rolle in „Louis der Geizkragen“ nach dem Stück von Molière sowieso gewissermaßen als Referenz.
Seiner oft plumpen Komik zum Trotz steuert der Film emotionale Tiefe an. Der Held muss natürlich eine Wandlung durchlaufen, will er die beiden neuen Frauen in seinem Leben nicht verlieren. Bis zum finalen Twist bewahrt sich die Handlung dennoch eine gewisse Unvorhersehbarkeit. Sie passt zu François' innerem Kampf, bei dem mal das Neue, dann wieder der abrupte Rückfall triumphieren. Übrigens dürften sich auch Leute, die mit Freude Rabattmarken sammeln, vielleicht ein klein wenig in François wiedererkennen. Denn mit ihm gestattet sich der Film ja auch ein paar hübsche Seitenhiebe auf den nicht wirklich rational begründbaren Sparsinn vieler Wohlstandsbürger.

