kritiken.de› Filme›
Filme

Trumbo

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 10.03.2016
Trumbo© Paramount Pictures Germany
A ca. 1435 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Trumbo: Das Kino als Schauplatz von Gewissen, Kompromiss und öffentlicher Verurteilung

Einleitung

Der Film Trumbo bietet mehr als eine Biografie eines der produktivsten Drehbuchautoren Hollywoods. Er stellt die industrielle Macht des Kinos und die fragilen Linien zwischen künstlerischer Integrität und politischer Anpassung in den Mittelpunkt. In einer Zeit, in der öffentliche Diffamierung und politische Polarisierung wieder an Schärfe gewonnen haben, wirkt die Verfilmung von Dalton Trumbos Lebens- und Arbeitszeit wie ein Kommentar zur Dauerhaftigkeit jener Konflikte, die Künstler und Gesellschaft immer wieder gegeneinander ausspielen.

Regisseur Jay Roach bringt seine Erfahrung mit politischen Stoffen und seine Herkunft aus der Komödie in eine Form, die Biopic-Konventionen nutzt, um historische Mechanismen zu beleuchten. Trumbo ist kein staubiges Geschichtsdrama, sondern ein Versuch, die Ästhetik und die Ökonomie Hollywoods als Mitverursacher politischer Exklusion sichtbar zu machen. Das Werk fordert den Zuschauer dazu auf, nicht nur den Protagonisten zu betrachten, sondern die Produktionsbedingungen, in denen sein Ruf zerstört und sein Talent zugleich mobile bleibt.

Der gesellschaftliche Hintergrund ist die Ära der Kommunistenjagd und der sogenannten Blacklist, eine Periode, in der staatliche Macht, Medienpanik und private Interessen zusammenkamen, um individuelle Lebensläufe zu bestimmen. Die Aktualität ergibt sich weniger aus direkten Parallelen als aus der Frage, wie Öffentlichkeit, Ideologie und Ökonomie sich wechselseitig formieren und wie leicht dabei die Grenzen zwischen Widerstand und Anpassung verwischen.

Kurzüberblick zur Produktion

Jay Roach, bisher vor allem bekannt für seine Komödien und politischen TV-Dramen, wählt für Trumbo einen Tonfall, der zwischen nüchterner Chronik und szenischer Dringlichkeit oszilliert. Seine Handschrift besteht hier in der Konzentration auf Figurenkonstellationen und Institutionen zugleich: Das Private wird genutzt, um das System zu erklären, und umgekehrt. Diese Balance zwischen persönlicher Innenansicht und institutioneller Großaufnahme unterscheidet den Film von schlicht hagiografischen Biopics.

Trumbo ist als mittlerer bis großer Studioproduktion angelegt, die historischen Rekonstruktionen mit funktionaler Eleganz bedient. Produktionsdesign, Kostüm und Setting zielen darauf ab, eine glaubwürdige Hollywoodwelt der 1940er und 1950er Jahre wiederaufzubauen, ohne in die nostalgische Verklärung zu verfallen. Besonders bemerkbar ist der Wille, die Produktionsrealitäten des Filmschaffens - Schreibstuben, Studiositzungen, Zensurmechanismen - sichtbar zu machen, womit die Form des Films seine thematische Anklage spiegelt.

In der Filmographie Roachs nimmt Trumbo eine Brücke ein: er knüpft an seine Arbeiten an, die Machtprozesse und öffentliche Debatten in dramatischen Erzählbögen verhandeln, erweitert diese Perspektive aber um das Sujet Künstler unter Repression. Damit bleibt der Film weder bloßer politischer Thriller noch rein biografische Hymne, sondern untersucht strukturelle Gewalt gegen die Autonomie kreativer Arbeit.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Bryan Cranston übernimmt die Titelfigur Dalton Trumbo und bildet die emotionale und moralische Achse des Films. Cranston, lange bekannt durch seine Arbeiten im Fernsehen und charakterstarke Rollen, trägt hier die Ambivalenz eines Mannes, der gleichermaßen kompromissbereit und kompromisslos sein kann. Seine Darstellung konzentriert sich weniger auf heroische Tragik als auf die zähe Arbeit eines Autors, dessen Name gleichzeitig Markenzeichen und Makel ist.

Helen Mirren und Diane Lane ergänzen das Ensemble als Repräsentantinnen der öffentlichen Meinung respektive des privaten Rückhalts. Mirren tritt als öffentliche Figur auf, die die Sentiments der Zeit kanalisiert, während Lane das intime Gegenstück bildet, das Trumbos Beharrlichkeit domestiziert und zugleich herausfordert. John Goodman, Elle Fanning, Louis C.K. und weitere Ensemblemitglieder füllen die Ränge von Studios, Presse und Familie; sie verkörpern die kollidierenden Instanzen, die Trumbos Karriere formen und bedrohen.

Die Wahl der Darsteller manifestiert ein bewusstes Spiel mit Bekanntheit und Erwartung: vertraute Gesichter erscheinen in Rollen, die weniger Klischees bedienen als Komplexität freilegen. So wird aus dem Portrait eines Einzelnen zugleich ein Panorama der Branche, das von Hierarchien, Freundschaften und Opportunismen durchzogen ist.

Handlung (spoilerfrei!)

Trumbo erzählt die Geschichte eines erfolgreichen Drehbuchautors, dessen Karriere durch politische Verfolgung in Frage gestellt wird. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Überzeugung und beruflichem Überleben, zwischen öffentlicher Ächtung und kreativer Produktion. Zentral sind Figuren aus der Filmindustrie, politische Instanzen und die unmittelbare Familie des Protagonisten, die gemeinsam ein Netz bilden, in dem Entscheidungen und ihre Konsequenzen sichtbar werden.

Ton und Atmosphäre bewegen sich zwischen nüchterner Dramatik und sarkastischer Schärfe. Der Film vermeidet pathetische Überhöhungen zugunsten einer präzisen Beobachtung der Mechanik von Rufzerstörung und Widerstand. Szenen in Studios und Verhören sind sorgfältig arrangiert, um die ästhetische Seite des Schreibens neben der symbolischen Seite der öffentlichen Anprangerung zu zeigen.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum steht die Frage nach Verantwortung - persönlicher, künstlerischer und gesellschaftlicher. Trumbo verhandelt, was es bedeutet, ein öffentliches Leben zu führen, wenn politische Identität über moralische Urteilsfähigkeit gestellt wird. Der Film stellt die Produktion von Schuld als kollektiven Prozess dar, in dem Medienlogik, wirtschaftliche Interessen und staatliche Macht zusammentreffen.

Eine zweite Ebene ist die der Autorschaft: Was bleibt vom Werk, wenn der Name des Autors verunmöglicht wird? Trumbo diskutiert Autorschaft als ökonomische und symbolische Kategorie und zeigt, wie kreative Praxis sowohl Mittel der Resistenz als auch Instrument der Anpassung sein kann. Zugleich durchzieht den Film das Thema der generationenübergreifenden Weitergabe von Verantwortung und Mut, eine Reflexion über die Bedingungen, unter denen Kunst entstehen kann.

Schließlich ist das Motiv der Öffentlichkeit zentral. Die Inszenierung von Moral durch Kolumnen, Hearings und Studiositzungen wird als performativer Akt beschrieben, der Türen öffnet und schließt. Trumbo bleibt dadurch ein Film über die Politiken des Sehens und Nichtsehens, über die Wege, auf denen Gesellschaften entscheiden, wer gehört wird und wer verstummt.

Filmkritik von Peter Osteried

Bryan Cranston ist Dalton Trumbo

Im Grunde ist es eine Schande, wenn ein Film wie Trumbo von der Academy of Motion Picture Arts nur mit einer Nominierung gewürdigt wird. Bryan Cranston hat sie als Hauptdarsteller verdient, der Film selbst hätte aber auch weit mehr Anerkennung verdient. Dass es nicht so kam, mag vor allem am Thema selbst liegen, wird Hollywood hier doch nicht zelebriert, sondern seine düstere Vergangenheit offenbart. Wenn sich die Traumfabrik selbst feiert, wie im Fall von The Artist, dann hagelt es goldene Statuetten. Bei Trumbo dauerte es sogar Jahre, bis man dem Mann seine Oscars zuerkannte!

Dalton Trumbo ist nicht nur ein erfolgreicher Hollywood-Autor, sondern auch ein Mann, der für seine Überzeugungen eintritt. Er ist ein Kommunist – nicht, weil er der Sowjetunion hörig wäre, sondern weil er das Konzept der Gleichheit schätzt. In einem kapitalistischen System stößt er damit auf Hindernisse. Als die Kommunistenhatz in Hollywood beginnt, geraten auch Trumbo und neun seiner Kollegen ins Visier des Komitees für unamerikanische Umtriebe. Die Hollywood Ten, wie sie bald genannt werden, verweigern die Zusammenarbeit mit dem Komitee – und bezahlen dafür einen hohen Preis. Aber trotz Berufsverbots ist Trumbo nicht bereit, aufzugeben.

Es ist eine faszinierende Geschichte, die hier erzählt wird. Eine, die traurigerweise heute noch so aktuell wie damals ist. Nicht, weil man Angst vor einer erneuten Kommunistenhatz haben müsste, sondern weil die Mechanismen, mit denen Menschen eingeschüchtert, schikaniert und ihrer Rechte beraubt wurden, noch immer greifen.

Das macht Trumbo zu so einem wichtigen Film, der zudem eine Ära auferstehen lässt, die man heute nur noch durch Dokumentationen und Sachbüchern kennt. Die Geschichte der Hollywood Ten ist Cineasten nicht unbekannt, hier wird sie jedoch emotional aufbereitet, indem gezeigt wird, welche Auswirkungen die Taten des Komitees für unamerikanische Umtriebe wirklich hatten – und das nicht nur auf die Großen in Hollywood. Exemplarisch an ihnen zeigt Trumbo auf, wie ein Land von Paranoia und falschem Patriotismus zerfressen wurde. Gerade die weiterführenden Texte am Ende verdeutlichen dann, wie viele Amerikaner um ihre Bürgerrechte beschnitten wurden. Das einzig Unamerikanische war das Komitee selbst, bediente es sich doch der Methoden, die die Kommunisten in der Sowjetunion auch ausübten. Das ist die eigentliche Ironie dieser Geschichte, auch wenn sie für die Betroffenen bar jedes Amüsements war.

Bryan Cranston ist herausragend. Er zeichnet Trumbo nicht als Helden, sondern als einen Mann mit Prinzipien und Überzeugungen, der aber schwierig war, besonders auch im Umgang mit der eigenen Familie. Trumbo befasst sich mit den Jahren unmittelbar vor dem Berufsverbot und der Zeit, als dieses umgangen wurde. Er endet auf einer versöhnlichen Note, mit Dalton Trumbos legendärer Rede über die Blacklist, bei der er nicht offene Rechnungen serviert, sondern einen Versuch unternommen hat, den Schmerz und das Leid beider Lager zu verringern und einen Versöhnungsprozess anzustoßen. Das ist der vielleicht größte Moment für Cranston, der jedoch in jeder Sekunde herausragend ist.

Um ihn herum ist ein exzellentes Ensemble versammelt. Zwar kann man darüber streiten, ob David James Elliot dem Duke, John Wayne, nun ähnlich sieht, aber mit Dean O’Gorman hat man einen tollen Mimen für Kirk Douglas gefunden, der ihm so sehr gleicht, dass man sogar Ausschnitte aus Spartacus mit dem echten Kirk Douglas zeigen und kaum einen Unterschied erkennen kann.

Trumbo ist ein großer Film – nicht nur für Cineasten, sondern für jeden, der an ehrlichen, menschlichen Geschichten interessiert ist, die noch dazu eine Relevanz besitzen, die nach wie vor aktuell ist.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de