London Has Fallen - Studie nationalistischer Sicherheitsfantasien und urbaner Ansteckungsmetaphorik im Blockbusterformat
Einleitung
London Has Fallen tritt an als großes Monument des populären Angstkinos und als politischer Thriller im Gewand massentauglicher Action. Der Film verknüpft die Mechanik des Hollywood-Events mit einer Erzählung über Verwundbarkeit und Machtinszenierung, wobei die Metropole London als Bühne für ikonische Bilder und symbolische Zerstörung dient. In einer Zeit, in der geopolitische Unsicherheiten und Debatten über Sicherheitspolitik den öffentlichen Diskurs prägen, wirkt der Film weniger wie ein reines Popcornprodukt denn wie ein Spiegel zeitgenössischer Ängste.
Für das Genre ist die Relevanz des Films darin zu suchen, wie er narrative und visuelle Konventionen des post-9/11-Actionkinos fortführt und zugleich in eine Welt hinausragt, die vom Anspruch geprägt ist, ein globales Publikum zu bedienen. Die Kamera fokussiert nicht allein auf spektakuläre Zerstörung, sondern auf die Inszenierung staatlicher Handlungsfähigkeit und deren Brüche - ein Thema, das in der politischen Kultur der 2010er Jahre eine zunehmend zentrale Rolle spielt.
Regisseur Babak Najafi, ein Filmemacher mit Wurzeln im schwedischen Kino, bringt hier eine auffällige Diskrepanz zwischen arthousigem Ursprung und studioorientiertem Anspruch mit. Seine Regiearbeit lässt sich als Versuch lesen, die druckvolle Dynamik des Actionkinos mit einem Blick für menschliche Dramen zu verzahnen - selbst wenn die Handschrift oft in den Anforderungen des Genres aufgehoben wird. London Has Fallen sitzt damit an einem Schnittpunkt zwischen persönlicher Inszenierungsfrage und industrieller Erwartungshaltung.
Kurzüberblick zur Produktion
London Has Fallen entstand als Fortführung eines erfolgreichen Franchise-Elements und ist formal ein Produkt des modernen Hollywood-Kontinuums: sequentielle Blockbusterproduktion, Sternbesetzung und Internationalisierungsstrategie. Gedreht wurde an Schauplätzen, die ikonografisch aufgeladenes Terrain bieten, wobei die Wahl Londons als Kulisse den Film in eine lange Tradition filmischer Auseinandersetzungen mit Urbanität und politischer Symbolik stellt. Budget und Produktionsrahmen bewegen sich im mittleren Studiosegment - genug, um groß angelegte Set Pieces zu realisieren, aber nicht so üppig, dass der Film eine uneingeschränkte, artifizielle Distanz zur Realität aufbaut.
Die Produktionsumstände zeigen die typische Spannung zwischen kommerziellem Kalkül und Regieambitionen. Najafi, der zuvor mit sensibleren, kleineren Stoffen Aufmerksamkeit erregt hatte, musste seine Handschrift dem Rhythmus schneller Schnittfolgen, bombastischer visuelle Effekte und dramaturgischer Verdichtungen anpassen. In dieser Konstellation ist London Has Fallen weniger ein Demonstrationsobjekt künstlerischer Innovation als ein Labor für die Frage, wie politische Dramatik in einem weithin marktfähigen Actionformat kodiert werden kann.
Im Gesamtwerk des Regisseurs markiert der Film eine Konjunkturphase - eine Arbeit, in der formale Experimente der Erzählökonomie einem übergeordneten Genreauftrag Platz machen. Er lässt sich daher als Schlüsselwerk lesen, das Aufschluss über die Grenzen eines Regiestils gibt, der sich zwischen intimem Realismus und großem Spiel bewegt.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
An der Spitze steht Gerard Butler, dessen Karriere vom historischen Monument bis zum zeitgenössischen Actionhelden reicht. Butler repräsentiert hier den archetypischen Beschützer, eine Figur, die körperliche Präsenz mit stoischer Entschlossenheit verbindet. Seine Vita, geprägt etwa durch Beiträge wie 300, hat ihn als verlässliche Projektionsfläche für Männlichkeits- und Sicherheitsfantasien etabliert.
Morgan Freeman fungiert als moralische und institutionelle Stimme; seine Präsenz besitzt eine legendäre Gravitas, die jede Szene mit einem registrierbaren Gewicht versieht. Aaron Eckhart, der die Präsidentenrolle verkörpert, bringt die notwendige innere Spannung zwischen politischer Verantwortung und menschlicher Verletzlichkeit; seine frühere Arbeit in psychologisch komplexen Partien bietet hier einen Kontrapunkt zur plakativen Action.
Angela Bassett vervollständigt das Ensemble als Autoritätsfigur, deren Besetzung auf eine lange Tradition starker, kontrollierter Frauen in Leitungspositionen verweist. Die übrigen Darstellerinnen und Darsteller - von Charakterdarstellern bis zu jüngeren Kollegen - fügen dem Ensemble unterschiedliche Texturen hinzu, so dass das Schauspielgefüge weniger aus individuellen Volten als aus der funktionalen Ergänzung verschiedener Rollenarchtypen besteht.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film entfaltet ein klassisches Set-up: Ein Staatsbesuch wird zum Brennpunkt koordinierter Anschläge, die nicht nur physische Zerstörung, sondern auch die zerstörerische Potenz symbolischer Orte zielen. Im Mittelpunkt steht der dramatische Konflikt zwischen dem Schutz des Staatsoberhaupts und dem Anspruch, politische Stabilität in Zeiten des Chaos zu demonstrieren. Die narrative Achse verbindet auf der einen Seite operative, fast militärische Maßnahmen und auf der anderen Seite politische und moralische Entscheidungen.
Als zentrale Figuren treten Sicherheitskräfte und Entscheidungsträger in Erscheinung, deren Beziehungen von Loyalität, Pflichtbewusstsein und persönlichem Risiko bestimmt sind. Der Ton des Films ist gedrängt und unmittelbar; eine permanente Taktung aus Flucht, Konfrontation und improvisierter Krisenbewältigung erzeugt eine Atmosphäre, die weniger auf langsame Spannung als auf permanente Eskalation setzt. Die Inszenierung bleibt dabei arbeits- und detailorientiert, oft verlegt in enge Räume und getrieben von einem ständigen Wechsel zwischen urbanen Weitblicken und intimen Konfrontationen.
Zentrale Themen und Motive
London Has Fallen stellt Fragen nach der Zerbrechlichkeit staatlicher Institutionen und nach der Performance von Souveränität im Angesicht von Gewalt. Der Film thematisiert, wie Nationen und ihre Repräsentanten ihre Autorität behaupten müssen, wenn die Zeichen globaler Unsicherheit in die eigene Stadt transportiert werden. Dabei geht es weniger um komplexe Ideologiekritik als um die Zuspitzung politischer Symbolik: Denkmäler, Regierungsbauten und urbaner Alltag werden zu Trägern kollektiver Existenzfragen.
Auf der Ebene der Motive wiederholen sich Bilder von Schutzräumen und Transitorten, von Durchgangsgewalt und dem Bruch der Routine. Die Stadt wird zur Metapher für die Verletzbarkeit moderner Gesellschaften, die mit der medialen Repräsentation von Bedrohung und mit der Gleichzeitigkeit von Nähe und Distanz operieren. Psychologisch betrieben handelt der Film von Loyalität und Opferbereitschaft, von der Frage, welche ethischen Kompromisse in Ausnahmesituationen zugelassen werden. Gesellschaftlich reflektiert er Debatten über Sicherheitspolitik, Überwachung und die Grenzen staatlicher Legitimation im Ausnahmezustand.
Formal steht London Has Fallen exemplarisch für ein Kino, das seine politische Bedeutung nicht nur narrativ, sondern in Bild- und Klangplastizität herstellt: Schnell geschnittene Action, druckvolles Tonkolorit und die Instrumentalisierung urbaner Ikonographie konstruieren eine Wirklichkeit, die dem Publikum unmittelbare emotionale Resonanz abverlangt. In dieser Spannung zwischen Inszenierung und Inhalt liegt die produktive Lesbarkeit des Films als Dokument seines Zeitgeistes.
Filmkritik von Peter Osteried
Nach dem Weißen Haus ist nun London dran: London Has Fallen!
Olympus Has Fallen erwies sich im Jahr 2013 als überraschend großer Erfolg, der den ähnlich gelagerten Roland-Emmerich-Film White House Down alt aussehen ließ. Nun liegt das Sequel vor, das – den Regeln der Fortsetzung folgend – weit größer als das Original ausfallen muss. Darum wird hier nicht nur das Weiße Haus in Schutt und Asche gelegt, sondern ganz London verheert.
Der britische Premierminister ist tot. Zur Beerdigung sind die Staatschefs der westlichen Welt geladen. Auch der amerikanische Präsident (Aaron Eckhart) will der Beerdigung teilwohnen. Für seinen Sicherheitsmann, den Secret-Service-Agenten Mike Banning (Gerard Butler) ist das ein Albtraum, da kaum Vorbereitungszeit bleibt. Sein schlechtes Gefühl hat ihn auch nicht getrogen. Just angekommen, wird auf London ein gewaltiger Terroranschlag verübt, dem zahlreiche Politiker und Zivilisten zum Opfer fallen. Vor allem haben es die Terroristen aber auf den amerikanischen Präsidenten abgesehen, den Banning quer durch London zu einem sicheren Hafen führen muss.
Während der Erstling sich als astreiner Stirb Langsam-Klon erwies, erinnert das Sequel erstaunlicherweise an einen ganz anderen Film, der nicht minder actionreich, aber deutlich dümmlicher war: Chuck Norris‘ Invasion USA. Nur dass hier Hunderte von Terroristen nicht über Los Angeles, sondern eben London herfallen. Dass das alles frei von jedweder Logik passiert, versteht sich bei einem Film wie diesem im Grunde von selbst. Die Handlung ist reichlich albern und die Handlungsträger agieren auf eine Weise, die häufiger den Kopf schütteln lässt. Aber all das steht hinter der Action zurück. Denn die ist vom Feinsten!
Gerade das Dauer-Geballer, aber auch die Verfolgungsjagden haben es in sich. Hier bietet man ein Action-Crescendo, wie es furioser kaum sein könnte. Nur einen Wermutstropfen gibt es: Ein paar der computergenerierten Explosionen sehen reichlich armselig aus, geradeso, als hätte das Budget nicht für mehr gereicht. Das ist insofern besonders kurios, weil die Besetzung namhaft und durchaus teuer ist. Die bekannten Gesichter des Originals sind wieder dabei, die Konzentration findet aber auf Gerard Butler und Aaron Eckhart statt. Letzterer darf hier auch etwas aktiver sein, was aber von der One-Man-Show des Einzelkämpfers Butler nicht wirklich ablenkt. Der darf hier übertreiben ohne Ende, inklusive einiger Sprüche, die man kernig nennen könnte, aber das wäre im Grunde schon eine Untertreibung.
Mitunter zuckt man auch zusammen, etwa dann, wenn Butlers Figur dem Terroristen einprügelt, warum und wieso der Terror nie gewinnen wird. Hier wird nicht nur auf die Kacke gehauen, hier wird Hurra-Patriotismus par excellence betrieben. Da muss man drüber stehen, wenn man diesen an sich recht hirnlosen Film genießen will. London Has Fallen ist die ideale Unterhaltung, wenn man auf Actionfilme steht, wie sie die 1980er Jahre dominiert haben.

