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Der Spion und sein Bruder

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kritiken.de Redaktion 10.03.2016
Der Spion und sein Bruder© Sony Pictures Germany
A ca. 1376 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Der Spion und sein Bruder: Komische Eskapaden als Revision einer Agentenästhetik

Einleitung

Der Spion und sein Bruder, im Frühjahr 2016 ins Kino gekommen, sitzt an einer Schnittstelle aus boulevardeskem Slapstick und der großen, internationalen Agentenmaschine. Die Komödie sucht nicht primär nach subtiler Ironie, sondern nach einem direkten, oft provokanten Zugriff auf Genreklischees: Hier wird die polierte Welt der Geheimdienste mit der rauen, überschaubaren Wirklichkeit der Herkunftsfamilie kollidiert. Daraus entsteht ein Film, der weniger ein nüchterner Kommentar als eine theatralische Übersteigerung der sozialen Differenzen und geschlechtlichen Performanzen ist.

Rezipiert im Kontext eines post-2010er-Kinos, das mit immer neuen Varianten des Spionagefilms experimentiert, wirkt Der Spion und sein Bruder wie ein Versuch, das Genre von innen zu läutern, indem man seine Ernsthaftigkeit lächerlich macht. In einer Zeit, in der Blockbuster zunehmend mit selbstreflexiven Tonlagen und Genrehybriden spielen, nutzt dieser Film die Komödie als Zwangsjacke und zugleich als Fluchtmöglichkeit - die ernste Mission wird zur Bühne für vulgäre Witze und körperliche Exzesse.

Für das Publikum bietet das Werk damit einen doppelten Reiz: Es verspricht spektakuläre set pieces, wie man sie von Agentenfilmen kennt, und zugleich einen derben, oft provokativen Humor, der auf Kontrasten basiert. Die Aktualität des Films liegt weniger in politischer Analyse als in seiner Lesart sozialer Identität: Wie verhalten sich Loyalität, Ehre und Selbstdarstellung, wenn zwei Lebensentwürfe unversöhnlich aufeinandertreffen?

Kurzüberblick zur Produktion

Inszeniert wurde Der Spion und sein Bruder von Louis Leterrier, einem Regisseur, der sich in den 2000er und frühen 2010er Jahren einen Namen als Handwerker des actionorientierten Kinos gemacht hat. Leterriers visuelle Präzision, seine Vorliebe für dynamische Kamerafahrten und prägnante Montage finden hier eine ungewohnte Anwendung: Statt reiner Action dominiert die Kollision von Action und Komik, was den Film zu einem experimentellen Abzweig in seinem Schaffen macht.

Die Produktion bewegt sich im Rahmen einer internationalen Studiokomödie mit entsprechendem Aufwand: aufwendige Außenaufnahmen, choreographierte Prügelszenen und eine Tonalität, die zwischen britischem Humor und amerikanischer Explizitheit pendelt. Der finanzielle Rahmen ist auf publikumswirksame Attraktionen angelegt, weniger auf intimen Realismus; das Spiel mit Überzeichnung ist also bereits in der Produktionsentscheidung angelegt.

Im Gesamtwerk des Regisseurs markiert dieser Film eine Art Umkehrung: Der Leterrier, der zuvor Actionmechaniken perfektionierte, nutzt sie hier, um komische Effekte zu verstärken. Nicht die akribische Authentizität des Spionagealltags steht im Zentrum, sondern dessen Überhöhung. Damit reiht sich das Werk in eine Reihe von Versuchen ein, etablierte Genres zu übermalen und ihr Terrain für komödiantische Interventionen zu nutzen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Sacha Baron Cohen ist in Der Spion und sein Bruder die personifizierte Gegenthese zur professionellen Kälte des Agentenuniversums. Seine Kunst besteht in der körperlichen Enthemmung, in der Fähigkeit, Tabus zu brechen und die Grenze zwischen Peinlichkeit und politischem Kommentar auszuloten. Hier tritt sein bekanntes komisches Vokabular - die groteske Verfremdung, die improvisatorische Explosion - gegen die spezifischen Codes des Agentengenres.

Mark Strong fungiert als Antipode: Ein Darsteller, der in seiner Filmografie häufig stoische, kontrollierte Figuren verkörpert, wird hier als verkörperter Kontrast zum prolligen Bruder besetzt. Das Casting gegen den Typus ist ein kalkulierter Move, der die Spannung zwischen Professionalität und familiärer Unbeholfenheit befeuert und die Gags oft aus der schieren Unvereinbarkeit der Figurenlage zieht.

Isla Fisher, Rebel Wilson und Penélope Cruz ergänzen das Zentrum als vielfältige Stimmen der Komödie und des tragikomischen Moments. Fisher bringt ihre Erfahrung aus romantischen und komödiantischen Rollen ein, Wilson liefert die breitere, laute Variante der Slapstick-Komik, während Cruz als dramaturgischer Kontrapunkt - durch ihre filmographische Seriosität in dramatischen Rollen - dem Ensemble einen Hauch von ernsthafter Verankerung verleiht. Die Nebenbesetzung mit Charakterdarstellern wie Ian McShane und Scott Adkins sorgt für zusätzliche texturale Tiefe, indem sie etablierte Filmtypen auf die Schippe nimmt.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film setzt auf ein klassisches komödiantisches Motiv: die Wiedervereinigung zweier Welten. Ein weltgewandter Geheimagent trifft auf den ungezähmten, provinziellen Bruder, dessen Leben von anderen Prioritäten geprägt ist. Diese Grundkonstellation wird zum Anlass für eine Serie von Begegnungen, die sowohl die Effekte des Spionagegeschäfts als auch die Lebenswirklichkeit der Herkunftsfamilie durchspielen.

Der dramatische Konflikt entsteht aus der Spannung zwischen beruflicher Pflicht und familiärer Bindung. Die Mission, um die sich der Plot spannt, fungiert weniger als Zielpunkt einer Thrillerdynamik denn als Prüfstand für Loyalität und Identität. Die Gewichtung liegt deutlich auf Situationskomik, körperlichen Gags und ironischen Verweisen auf gängige Agententropen. Atmosphäre und Ton schwanken zwischen lautem, derbem Humor und Momenten, in denen echte Verletzlichkeit aufscheint.

Zentrale Themen und Motive

Formal und thematisch verhandelt Der Spion und sein Bruder Fragen nach Identität, performativer Männlichkeit und sozialer Zugehörigkeit. Die Figur des Spions steht traditionell für Kontrolle, Anonymität und die universelle Verpflichtung gegen das Private. Dem gegenüber steht die Brüderlichkeit, die sich durch Unmittelbarkeit, Schamlosigkeit und soziale Verwurzelung definiert. Diese Gegenüberstellung wird nicht als nüchterner Diskurs geführt, sondern als explosives Kraftfeld, das beim Aufeinandertreffen komische und nachdenkliche Momente erzeugt.

Der Film stellt außerdem die Frage nach der Grenze, an der Humor noch Kritik ist und wo er zur bloßen Provokation verkommt. Indem er Tabus und Konventionen bewusst überschreitet, testet er die Komik als politische Geste und als kulturelles Ventil. Zugleich reflektiert er die Ökonomien der Aufmerksamkeit: Wie funktioniert Sensation in einer medialisierten Welt, und wem nützt das Spektakel?

Schließlich ist noch das Motiv der Dekonstruktion des Agentenmythos zu nennen. Statt der glatten, unfehlbaren Heldenpose rückt der Film die Brüchigkeit hinter den Codes ins Blickfeld. Nicht die Ehre des Dienstes, sondern die Zerbrechlichkeit von Bindungen und die Lächerlichkeit sozialer Maskeraden werden sichtbar. Damit bietet Der Spion und sein Bruder weniger eine Abrechnung als eine komische Kartographie von Gewalt, Vulgarität und Zärtlichkeit in einer globalisierten Popkultur.

Filmkritik von Peter Osteried

Bei einem Bruder wie diesem braucht ein Spion keine Feinde mehr

Es ist viele Jahrzehnte her, da gab es sogar einen Film mit dem kleinen Bruder von James Bond. Der konnte auch nicht wirklich viel und stand im Schatten des großen 007. Ob Sacha Baron Cohen an den dachte, als er seine Figur Nobby erfunden hat? Das mag sein, aber was er dann in Der Spion und sein Bruder bietet, ist eben doch noch mal eine ganz andere Kajüte. Denn hier gibt es ein typisches Agenten-Abenteuer mit reichlich Ekel-Humor.

Nobby (Sacha Baron Cohen) ist ein Prolet, der fast ein Dutzend Kinder hat, gerne säuft, Fußball liebt, gerne vögelt und sich nach seinem Bruder verzehrt, der vor 28 Jahren verschwunden ist. Aber nun ergibt sich die Gelegenheit des Wiedersehens. Dumm nur, dass Sebastian (Mark Strong) ein Geheimagent ist, der ein Attentat verhindern soll, wegen Nobbys Einmischung nun aber wie der Killer aussieht, weswegen seine Kollegen auf ihn Jagd machen. Sebastian und Nobby müssen nun zusammenarbeiten, um die Unschuld des Agenten zu beweisen und die Welt zu retten.

Ja, für weniger macht Cohen es nicht. Wie bei einem typischen Bond-Spektakel muss am Ende schon die Rettung der Welt stehen. Mindestens. Dabei ersinnt er auch gleich noch seine eigene Schurken-Organisation – Maelstrom –, die nur einen echten Aktivposten hat: Scott Adkins. Der darf zwar kaum was sagen im Film, aber Cohen mal so richtig verprügeln. Das gefällt, auch wenn das Ende dieser Sequenz natürlich enttäuschen muss.

Der Spion und sein Bruder funktioniert nach üblichem Agenten-Muster, versucht dieses aber mit reichlich Ekel- und Fäkalhumor aufzuplustern. Das beißt sich häufig, da die eigentliche Handlung immer mehr in den Hintergrund tritt, während man nur darauf wartet, welche monströse Absurdität nun wieder Cohens Gehirn entsprungen ist. Wer Humor mag, der damit zu tun hat, dass Gift aus Hoden gesaugt werden muss, oder sich Elefanten-Sperma über die Helden ergießt, der könnte an diesem Werk durchaus Gefallen finden. Das sind nur zwei der zotigeren Ideen des Films. Es gibt aber noch weit mehr, die in ihrer Geschmacklosigkeit kaum zu übertreffen sind. Hin und wieder funktionieren sie aber doch, insbesondere, was den Gastauftritt von Daniel Radcliffe und den unfreiwilligen Auftritt von Donald Trump betrifft.

Die Geschichte hakt an allen Ecken und Enden. Wirklich stimmig ist hier nie etwas. Vieles ergibt sogar keinen Sinn und widerspricht sich. Aber Cohen hoffte wohl, dass die Rasanz der Gags davon ablenken würde. Das funktioniert aber auch nur, wenn man auf diese Art von Komik abfährt – ansonsten stechen all die Absonderlichkeiten der Geschichte eben nur umso stärker ins Auge.

Anders als Cohens Performance-Filme wie Borat fehlt hier die Spontanität. Stattdessen ist alles durchgeplant, wirkt aber auch häufig wie der Fiebertraum eines Pubertierenden, der unbedingt noch krasser sein und noch einen draufsetzen will. Weniger wäre vielleicht mehr gewesen …

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