Den Sternen so nah - Jugendliche Sehnsucht und kosmische Entfremdung im modernen Liebesfilm
Einleitung
Mit dem am 09.02.2017 erschienenen Den Sternen so nah betritt ein Hollywood-Liebesfilm das Feld, das sich an der Schnittstelle von Coming-of-Age und Science-Fiction bewegt. Anders als reine Genremischungen, die technische Spielereien in den Vordergrund stellen, sucht dieser Film die Spannung in der emotionalen Kluft zwischen Welten: zwischen einem Protagonisten, dessen Herkunft die Grenzen der menschlichen Erfahrung verschiebt, und einer Erde, die er nur aus Bildern kennt. Die Relevanz des Films liegt weniger in spektakulären Visionen als in der Frage, wie Intimität und Identität sich unter Bedingungen extremer Distanz neu formen.
Als populärer Beitrag zum jungen Erwachsenen- Kino spiegelt Den Sternen so nah ein typisches Anliegen der 2010er Jahre: die Suche nach Zugehörigkeit in einer globalisierten, technologisierten Welt, in der körperliche Nähe zunehmend virtuell verhandelt wird. Der Film tritt in ein Feld, das von Netflix-Serien und YA-Romanadaptionen geprägt ist, verweigert sich aber der reinen Genrekonformität durch eine beharrliche Betonung psychologischer und moralischer Implikationen.
In dramaturgischer Hinsicht ist der Film ein Versuch, die sentimentale Energie klassischer Liebesgeschichten mit der entfremdenden Metaphorik des Alls zu koppeln. Er verhandelt Sehnsucht nicht nur als romantisches Motiv, sondern als epistemische Frage: Was bedeutet es, jemanden zu kennen, den man niemals physisch berühren konnte? Diese Prämisse macht Den Sternen so nah zu einem kulturgeschichtlichen Dokument seiner Zeit - und zu einem Prüfstein für die Fähigkeit des Kinos, intime Erfahrung und wissenschaftliche Imagination zusammenzudenken.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Peter Chelsom, ein britischer Regisseur, der in seinem bisherigen Werk zwischen leichter Unterhaltung und melancholischer Reflexion pendelt. Chelsom wurde bekannt durch Filme wie Serendipity und Hector and the Search for Happiness, Werke, die gleichermaßen auf Gefühl und philosophische Fragmente setzen. In Den Sternen so nah zeigt sich seine Handschrift in der Präferenz für charakterzentrierte Erzählungen, die gelegentlich in pathetische Bilder münden, aber stets auf die Figurenpsychologie zurückfallen.
Die Produktion ist als amerikanische Studioarbeit erkennbar: kein Low-Budget-Experiment, aber auch kein blockbustergroßes Sci-Fi-Epos. Der Film nutzt visuelle Effekte, um die Distanz zwischen den Schauplätzen zu markieren, setzt diese jedoch zurückhaltend ein, damit die emotionalen und relationalen Dimensionen nicht überlagert werden. Diese Entscheidung verweist auf eine Produktionslogik, die kommerzielle Zugänglichkeit mit einem nüchternen ästhetischen Anspruch zu verbinden sucht.
Im Gesamtwerk Chelsoms nimmt der Film eine Position ein, die seine Neigung zu sentimental-empathischen Erzählungen betont, ohne die ironische Distanz früherer Titel völlig aufzugeben. Hier entwickelt sich sein Interesse an Schicksal und Begegnung in ein Szenario mit wissenschaftlich-kosmischem Hintergrund, wodurch das Regiekolorit in eine neue Tonalität verschoben wird - die Melancholie bleibt, die Bühne wird jedoch größer.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung verbindet junge, aufstrebende Namen mit etablierten Charakterdarstellern. Asa Butterfield, zuvor bekannt aus Filmen wie Hugo und Ender’s Game, trägt die Rolle des Jugendlichen, dessen Außenseiterexistenz zugleich biologisches und soziales Schicksal ist. Butterfields Spiel ist geprägt von einer fein austarierten Mischung aus Verletzlichkeit und stoischer Neugier - eine Performance, die weniger auf theatralische Gesten als auf subtile Blickregie setzt.
Britt Robertson, deren frühere Arbeiten im Bereich dramatischer Jugendromanzen liegen, fungiert als emotionale Gegenkraft. Sie verkörpert eine Figur, die zwischen Empathie und Skepsis oszilliert und so die realistische Erdung der Geschichte übernimmt. In Nebenrollen bieten Carla Gugino und Gary Oldman dem Film gewichtige Gegengewichte: Gugino als eine pragmatische, zugleich fürsorgliche Bezugsperson und Oldman in einer Rolle, die wissenschaftliche Autorität und moralische Ambivalenz verbindet. Diese Konstellation schafft ein Ensemble, das sowohl den intim-dramatischen als auch den institutionellen Rahmen der Erzählung plausibel macht.
Handlung (spoilerfrei!)
Den Sternen so nah erzählt von der Begegnung zweier junger Menschen, deren Lebenswirklichkeiten durch kosmische Umstände getrennt sind. Zentral sind ein Protagonist, dessen Biographie an den Rand des Vorstellbaren führt, und eine junge Frau von der Erde, die ihn durch eine Reihe von Annäherungen und Missverständnissen kennenlernen will. Der dramatische Konflikt entspringt weniger äußeren Gefahren als aus der Unmöglichkeit, Nähe ohne gemeinsame Erfahrung herzustellen.
Die Struktur des Films pendelt zwischen intimen Momenten und weitergedachten Fragen: Wie funktioniert Bindung, wenn die klassischen Räume gemeinsamer Erinnerung fehlen? Wie stellt man Verbindung her, wenn die Bedingungen des Lebens fundamental verschieden sind? Tonal bleibt der Film melancholisch, oft verträumt, gelegentlich mit komödiantischen Einsprengseln, die die Schwere der Prämisse auflockern, ohne sie zu banalisieren.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum steht die Frage von Herkunft und Identität: Herkunft als biologisches, geographisches und epistemisches Problem. Der Film stellt die Konstruktion von Selbst unter die Bedingung des Fremden und macht dadurch sichtbar, wie sehr Zugehörigkeit an körperliche Nähe und geteilte Weltmodelle gebunden ist. Ein zweites leitendes Motiv ist die Technik als Medium der Vermittlung - nicht nur in Form von Raumfahrt, sondern als Metapher für alle Technologien, die Nähe über Distanz herstellen sollen. Die Ambivalenz technologischer Vermittlung wird nicht moralinsauer abgeurteilt, sondern als ambivalentes Instrument gezeigt, das Nähe ermöglicht und zugleich verschiebt.
Philosophisch lotet der Film Fragen der Erkenntnistheorie aus: Was weiß man wirklich über einen anderen Menschen, wenn man ihn nur über Bilder, Daten und eingeschränkten Kontakt kennt? Gesellschaftlich berührt die Geschichte Themen wie die Instrumentalisierung von Forschung, elterliche Verantwortung unter außergewöhnlichen Bedingungen und die Sehnsucht nach einem Ort, der als Heimat gelten kann. Psychologisch arbeitet der Film mit Motiven der Entwurzelung und der Suche nach Sinn - klassische Themen des Liebesfilms, die hier unter die Bedingung des Kosmischen gestellt werden.
Den Sternen so nah ist kein nüchterner Science-Fiction-Thriller und keine schlichte Teenagerromanze. Er ist ein filmischer Versuch, die Widersprüche einer Liebe zu zeigen, die sowohl unvergleichlich als auch zutiefst menschlich ist. In dieser Verschiebung von Genre zu Reflexion liegt sein größeres kulturgeschichtliches Interesse: Der Film fragt, wie Nähe in einer Welt bleibt, die durch Technik und Raum zerschnitten ist, und welchen Preis Identität dafür zahlt.
Filmkritik von Peter Osteried
Eine Sci-Fi-Romane: „Den Sternen so nah“
Auf einem Jugendroman basiert Den Sternen so nah nicht, auch wenn man das sicherlich meinen könnte, ist das SF-Element doch eher so eingesetzt, dass es als Katalysator für eine süße Teenie-Romanze dienen kann. Dabei ist die Geschichte des Films ganz und gar originär und profitiert davon, zwei tolle Jungstars im Cast zu haben.
Der Teenager Gardner (Asa Butterfield) ist der erste echte Außerirdische, denn er wurde auf dem Mars geboren, da seine Mutter, die als Astronautin zu einer Langzeitmission aufbrach, nicht wusste, dass sie schwanger ist. Da Gardners Körper an die niedrigere Schwerkraft des Mars gewöhnt ist, beschließt man, ihn nicht nach Hause zu holen. Aber das ändert sich, wofür Operationen vonnöten sind, die es ihm aber erlauben, zur Erde zu reisen, wo er sich von seinen Aufpassern losreißt und mit seiner Chat-Freundin Tulsa (Britt Robertson) loszieht, um seinen Vater zu finden. Aber er ahnt nicht, dass sein Körper der Belastung nicht gewachsen ist …
Natürlich darf man es mit der Logik bei diesem Film nicht so ernst nehmen. Die Geschichte behandelt Gardner so, als hätte er so gut wie nie etwas über die Erde gehört. Aber da er in einer Szene auf dem Mars einen Film sieht, ist wohl davon auszugehen, dass er Zugriff zu allerhand Filmen hatte. Seine Unbeholfenheit im Umgang mit anderen Menschen ist darum nicht gänzlich nachvollziehbar. Er benimmt sich hier eher wie der Starman denn wie ein fast ganz normaler Mensch.
Es gibt noch reichlich andere logische Fallstricke, in denen sich Den Sternen so nah wieder und wieder verheddert, aber der Film ist sympathisch erzählt, so dass man ihm das tatsächlich nachsieht. So wird nie geklärt, wie das Baby überhaupt auf dem Mars überleben konnte, oder wieso sich die Welt in den 16 Jahren kein bisschen verändert hat und genauso aussieht wie die unsere – abgesehen von den etwas moderneren Computern, die aber allenfalls Augenwischerei sind.
Eine einigermaßen rasante Erzählweise muss darüber hinwegtäuschen, ebenso wie Butterfield und Robertson, die zwar schön zusammen agieren, aber doch sehr unterschiedlich wirken. Das ist natürlich auch gewollt, um den Kontrast des Mars-Jungen mit dem Mädchen vom Land zu forcieren. Allerdings muss man schon feststellen, dass für Britt Robertson die Zeit, in der sie Teenager spielen kann, endgültig vorbei ist. Insbesondere dann, wenn man ihr mit Butterfield einen echten Teenager gegenüberstellt.
Den Sternen so nah ist darüber hinaus sehr gut besetzt, er lebt aber vor allem davon, dass er ein Gefühl für die Schönheit unserer Welt heraufbeschwört, indem er den Zuschauer durch die Augen des jungen Gardner die Wunder sehen lässt, über die man im Alltag normalerweise hinwegsieht.

