kritiken.de› Filme›
Filme

The Girl With All The Gifts

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 09.02.2017
The Girl With All The Gifts© SquareOne Entertainment / Universum Film
A ca. 1439 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

The Girl With All The Gifts als moralisches Labyrinth: Menschlichkeit, Wissenschaft und das Ende der Unschuld

Einleitung

The Girl With All The Gifts betritt das Terrain des Zombiekinos ohne die Genreklischees bloß zu reproduzieren. Der Film, adaptiert aus dem gleichnamigen Roman, verlagert das apokalyptische Motiv in eine humanistische Fragestellung: Wer bleibt Mensch, wenn die Regeln der Zivilisation wegfallen? Diese Relevanz erklärt sich nicht nur aus der anhaltenden Popularität von Endzeitvisionen, sondern aus dem filmischen Versuch, empirische Neugier, militärische Macht und kindliche Perspektive in einen produktiven Konflikt zu setzen.

Regisseur Colm McCarthy bringt dabei eine Fernsehhandschrift in das Spielfilmformat, die sich durch Enge, Ökonomie und einen Hang zur konzentrierten Charakterzeichnung auszeichnet. Statt einer Kaskade von Effekten setzt sein Zugang auf atmosphärische Verdichtung und eine beharrliche Fokussierung auf Beziehungen, was dem Stoff eine überraschende emotionale Präzision verleiht. Der Film spielt nicht mit reiner Schockwirkung, sondern mit der moralischen Spannung, die entsteht, wenn Wissen und Macht aufeinanderprallen.

Im Zeitgeist fügt sich The Girl With All The Gifts in eine Welle postapokalyptischer Fiktionen ein, die weniger das Spektakel als die Frage nach kollektiver Verantwortung verhandeln. Angesichts gesellschaftlicher Debatten um Biotechnologie, Sicherheitspolitik und Fürsorge rückt der Film zentrale Fragen moderner Gesellschaften ins Bild: Wie definieren wir Menschlichkeit? Wem gilt Mitgefühl, wenn Ressourcen knapp sind? McCarthys Film fordert nicht mit einfachen Antworten, sondern mit einem ästhetisch disziplinierten Vorgehen zum Nachdenken auf.

Kurzüberblick zur Produktion

Colm McCarthy, der vornehmlich im britischen Fernsehen gearbeitet hat, übertrug seine Erfahrung mit eng erzählten, atmosphärischen Stoffen auf diese Kinoadaption. Die Vorlage stammt vom Autor M. R. Carey, der am Drehbuch mitarbeitete und so eine enge Bindung zwischen Roman und Film sicherstellte. Die Produktion bewegt sich bewusst in dem Rahmen unabhängiger britischer Genrefilme: kein Hollywood-Blockbuster, sondern ein Projekt mit begrenzten Mitteln, das durch präzise Inszenierung und klares dramaturgisches Kalkül kompensiert.

Besonderheiten der Herstellung sind die Kombination aus praktischen Effekten, Make-up und selektiv eingesetzter digitaler Technik sowie eine für das Genre untypisch behutsame Soundgestaltung, die Spannungsbögen eher suggeriert als lautstark auszubrechen. Die Produktion setzt auf Sets und Landschaften, die eine verlassene Version Großbritanniens imaginieren, und ordnet visuellen Realismus einer suggestiven Bildsprache unter.

Innerhalb des Schaffens von McCarthy steht der Film für eine Verdichtung seiner Interessen: die Konfrontation von Individuum und Institution, die Großaufnahme sozialer Brüche und die Konzentration auf Figurenkonstellationen statt auf Actionsequenzen. The Girl With All The Gifts behauptet so eine Position zwischen Genrekino und moralischem Drama.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung vereint etablierte Charakterdarstellerinnen und -darsteller mit einem jungen Ensemble. Gemma Arterton, bekannt aus unterschiedlichsten Rollen von Mainstream bis arthouse, bringt die typische Mischung aus physischer Präsenz und emotionaler Zugänglichkeit in die Rolle der Soldatin, die zwischen Pflicht und Fürsorge oszilliert. Glenn Close übernimmt die Rolle der kühlen Wissenschaftlerin, deren intellektuelle Härte eine Gegenfigur zur emotionalen Logik des Films bildet. Close nutzt ihre Autorität, um eine Figur zu zeichnen, die nicht durch Bösartigkeit, sondern durch einen kategorischen Glauben an Wissenschaftlichkeit geprägt ist.

Paddy Considine, in der britischen Filmszene für seine rauen, aber nuancierten Darstellungen geschätzt, steht als militärische Instanz für Durchsetzungsvermögen und Unsicherheit zugleich. Die zentrale Leistung liefert Sennia Nanua, die als junges Mädchen eine bemerkenswerte Balance aus kindlicher Verletzlichkeit und unheimlicher Fremdheit schafft. Nanuas Darstellung ist maßgeblich für die Ambivalenz des Films: Sie ist weder bloße Metapher noch reines Opfer, sondern der emotionale und ethische Angelpunkt der Erzählung. Dominique Tipper und Anamaria Marinca ergänzen das Ensemble als Figuren, die unterschiedliche Aspekte von Loyalität und Überlebensstrategie verkörpern.

Handlung (spoilerfrei!)

Ohne ins Detail zu gehen, lässt sich die Grundkonstellation knapp skizzieren: In einer von einer Seuche gezeichneten Zukunft hat ein wissenschaftliches Zentrum eine Gruppe von Kindern unter Kontrolle, die anders sind als die übrigen Überlebenden. Das dramatische Zentrum entsteht aus der Begegnung dieser Kinder mit einer kleinen Gruppe Erwachsener - Militärs, Wissenschaftlerinnen und einfache Soldaten - die jeweils ihre eigenen Vorstellungen von Sicherheit, Forschung und Menschlichkeit mitbringen. Eine Reise aus der isolierten Einrichtung in eine unsichere Welt wird zum Prüfstand aller Beteiligten.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus der Spannung zwischen Erkenntnisdrang und militärischer Pragmatik, aus dem Unvereinbaren von Hoffnung und Furcht. Zentrale Figuren sind das Mädchen, das sowohl Objekt der Forschung als auch Subjekt mit eigener Perspektive ist, die Wissenschaftlerin, die ihren wissenschaftlichen Imperativ verteidigt, und die Soldatinnen und Soldaten, deren Verantwortungsgefühl auf andere Weise formuliert ist. Der Ton des Films pendelt zwischen intensiver Bedrohung und leiser Empathie; Atmosphärisch geprägt ist er von einer melancholischen Kargheit, die dem Genre ungewöhnliche Nachdenklichkeit verleiht.

Zentrale Themen und Motive

The Girl With All The Gifts fragt nach dem moralischen Status des Anderen und nach den Bedingungen, unter denen Mitgefühl gewährt wird. Der Film thematisiert die Ethik wissenschaftlicher Forschung in Ausnahmesituationen und die Versuchung utilitaristischer Lösungen, wenn Leben gegeneinander abgewogen werden. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Kindheit als Index für Zukunftsfähigkeit und zugleich als Spiegel unserer eigenen verspielten, verletzlichen Seite.

Psychologisch öffnet der Film Räume für Überlegungen zu Identität und Anpassung: Wie formen Trauma und Schutzräume die Entwicklung von Subjektivität? Philosophisch stellt er die Frage, ob Menschlichkeit eine feste Kategorie ist oder etwas, das ständig neu gewonnen werden muss. Gesellschaftlich liest sich der Film als Parabel auf Sicherheitslogiken und auf die Art und Weise, wie Institutionen Kontrolle ausüben - oft mit gut gemeinten, aber problematischen Mitteln.

Formale Motive unterstützen diese Themen: Das wiederkehrende Spiel mit Nähe und Distanz, die Konzentration auf Blicke und Berührungen, sowie die sparsame, aber effektive Nutzung von Raum und Klang unterstreichen die ethische Dringlichkeit der Erzählung. The Girl With All The Gifts bleibt so ein Film, der das Genre nutzt, um existenzielle Fragen zu stellen, ohne die Spannung seiner Handlung preiszugeben.

Filmkritik von Peter Osteried

Bringt das Girl with all the Gifts der Menschheit Frieden?

Zombie-Filme gibt es viele. Sie kommen in allen Formen, sind mal witzig, mal ernsthaft, mal vollkommen daneben. Angesichts der puren Masse ist es schwierig, sich von den anderen abzusetzen, aber The Girl with all the Gifts gelingt das hervorragend. Und das nicht nur, weil es sich nicht um Zombies, sondern eher um Kreaturen á la 28 Days Later handelt, sondern auch, weil der Film als Drama funktioniert. Als schauriger Abgesang auf die Menschheit, wie wir sie kennen.

Großbritannien nach der Apokalypse: Die Menschen sind mehrheitlich von einem aggressiven Pilz befallen, der sie in blutrünstige Monster verwandelt, von den Überlebenden nur Hungries genannt. In einer Militärbasis auf dem Land treibt man Experimente mit Kindern voran, die Hungries sind, aber auch über Intelligenz und die Fähigkeit zur Interaktion verfügen. Eines dieser Kinder ist Melanie (Sennia Nanua), für die die Lehrerin Helen (Gemma Arterton) eine besondere Hingabe fühlt. Dr. Caldwell (Glenn Close), die an einem Heilmittel arbeitet, will Melanie sezieren. Bevor es jedoch dazu kommt, wird die Basis überrannt und die beiden Frauen müssen zusammen mit Melanie und ein paar Soldaten fliehen. Aber wohin können sie gehen?

Der Roman „Die Berufene“ bildet die Vorlage zu diesem Film. Oder anders gesagt: Skript und Roman entstanden zeitgleich, aber letzterer wurde lange vor Beginn der Dreharbeiten publiziert. Für beides ist der auch für seine Comics (u.a. „Lucifer“) bekannte Autor Mike Carey verantwortlich, der eine ausgesprochen originelle Geschichte ersonnen hat. Denn hier geht es nicht wirklich um das typische Genre-Element des Fliehens vor Horden von Untoten. Vielmehr konzentriert sich die Geschichte auf Melanie und setzt den Fokus auf ihre Entwicklung, die das A und O dieser Produktion ist.

Denn tatsächlich erzählt The Girl with all the Gifts von etwas ganz anderem. Vom Ende der einen und der Geburt einer anderen Spezies. Das hebt den Film wohltuend von all den anderen Zombie-Stoffen ab. Denn damit einher geht ein dramatisches Element, das normalerweise fehlt. Es ist ein elegisches Gefühl, das schon bald etwas gänzlich anderem weicht: Der Erkenntnis, dass man einen Film vor sich hat, der eigene Gedanken präsentiert. Das gilt nicht nur für die Ursache der Hungries-Epidemie, sondern auch für den weiteren Verlauf und die Kulmination, bei der es letztlich so ist, dass die Menschen um Melanie herum als eine Art Katalysator dienen.

Der Film ist mit Gemma Arterton, Glenn Close und Paddy Considine hervorragend besetzt, aber die Newcomerin Sennia Nanua stiehlt ihnen allen die Schau. Weil sie eine Intensität, aber auch Unschuld in ihre Rolle legt, die einen fast schon erschauern lässt. Dann, wenn sie Helen rettet, aber auch, wenn sie eine Katze – oder auch einen Soldaten – frisst. Es ist ihr unschuldiges Äußeres, das hinters Licht führt, denn dahinter blitzt eine Stärke, die sich in einer der eindringlichsten Szenen im letzten Akt zeigt, als Melanie erkennt, was ihr Platz im Leben wirklich ist.

The Girl with all the Gifts bietet reichlich Action und Thrills, brilliert aber vor allem dadurch, weil er auch als intensives Drama funktioniert. So muss ein Genre-Film aussehen: spannend, schnell, furchteinflößend und, das vor allem, intelligent.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de