kritiken.de› Filme›
Filme

Der Eid

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 09.02.2017
Der Eid© Alamode Film
A ca. 1371 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Der Eid - Ein nüchterner Blick auf Pflicht, Schuld und die Mechanik familiärer Gewalt

Einleitung

Mit Der Eid meldet sich das isländische Kino zurück in einem registre, das zwischen psychologischem Innerlichkeitstheater und nüchterner Sozialanalyse oszilliert. Der Film besitzt Relevanz nicht nur als weiterer Beitrag einer nationalen Filmkultur, die in den letzten zwei Jahrzehnten international an Sichtbarkeit gewonnen hat, sondern auch als Fallstudie darüber, wie persönliches Trauma und öffentliche Ordnung einander berühren. In einer Zeit, in der Debatten über Verantwortung, Schweigen und institutionelles Versagen neu geführt werden, wirkt Der Eid wie ein dramatisches Echo auf gegenwärtige moralische Fragestellungen.

Der Film positioniert sich dabei nicht als plakative Anklage, sondern als genaues Beobachtungsinstrument. Statt lauter Parolen setzt er auf das Verstummen, auf auslaufende Blicke und auf die kleinen Gesten, die Gewissenskonflikte markieren. Diese Zurückhaltung macht den Film zu einem sensiblen Text für ein Publikum, das an der Schnittstelle von Familiengeschichte und öffentlicher Ethik interessiert ist.

Feuilletonistisch betrachtet eröffnet Der Eid ein Terrain, in dem individuelle Entscheidungen zum Maßstab kollektiver Werte werden. Die erzählerische Ruhe, die der Film anlegt, legt zugleich eine Erwartung frei - nämlich die, dass die Kamera nicht nur illustriert, sondern analysiert. Das macht ihn zu einem Werk, das sich weniger an populären Formeln als an moralischer Komplexität orientiert.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Baltasar Kormákur, dessen Handschrift hier in einer Verdichtung seiner bisherigen Themen sichtbar wird. Kormákur hat sich in seinem Schaffen wiederholt als ein Regisseur gezeigt, der zwischen internationalen Genrefilmambitionen und der konkreten isländischen Lebenswirklichkeit vermittelt. In Der Eid fokussiert er stärker als in manch großem Projekt auf die feinen Risse innerhalb von Beziehungen und auf die Mechanik gesellschaftlicher Normen.

Die Produktion, verortet in Island, nutzt bewusst lokale Produktionsstrukturen und ein Bewusstsein für die ökonomischen Grenzen eines nationalen Kinos. Das spiegelt sich in einem sparsamen, doch präzisen Einsatz von Settings und Personal. Die filmische Umsetzung weist Züge einer handwerklich robusten, kamerabasierenden Dramaturgie auf: sparsame Ausstattung, natürliche Lichtführung und ein Sounddesign, das oft mit der Stille arbeitet. Solche Entscheidungen wirken weniger wie Einschränkungen denn wie stilistische Leitplanken.

Innerhalb des Gesamtwerks des Regisseurs lässt sich Der Eid als eine Rückkehr zur unmittelbaren, psychologisch motivierten Erzählung lesen. Wo frühere Werke Kormákurs gelegentlich mit größeren, beinahe epischen Strängen spielten, interessiert ihn hier das Detaillierte, die ethische Verknappung einer familiären Krise.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Hera Hilmar nimmt in Der Eid eine zentrale Position ein. Als Schauspielerin, die in den letzten Jahren auch international Aufmerksamkeit erlangte, bringt sie eine Mischung aus fragiler Intensität und innerer Härte mit. Ihre bisherigen Rollen zeichnen sie als wandelbare Darstellerin mit Gespür für psychologische Nuancen, und auch hier trägt sie die narrative Last des Films durch feine Gesten und kontrollierte Emotionsarbeit.

Baltasar Kormákur selbst tritt nicht nur als Regisseur, sondern auch als Mitglied des Ensembles auf. In dieser Doppelrolle verschiebt sich die Wahrnehmung seiner Präsenz vom reinen Handwerker zum integrativen Theatermacher, der Figuren aus dem eigenen Blickwinkel modelliert. Ergänzt wird das Ensemble durch profilierte Charakterdarsteller wie Þorsteinn Bachmann und Ingvar Eggert Sigurðsson, deren früheres Schaffen mehrfach in isländischen Regiekanon eingebettet ist. Diese Schauspieler bringen eine dichte, erdige Präsenz, die als Gegengewicht zur inneren Zerrissenheit der Protagonistin fungiert.

Die Besetzung ist insgesamt so angelegt, dass sie eher archetypische Rollen vermeidet und stattdessen Figuren anbietet, die in ihren Widersprüchen verhaftet bleiben. Das Ensemble arbeitet mit minimalen, aber höchst präzisen Mitteln, wodurch die Figuren nicht zum bloßen Vehikel narrativer Funktionen verkommen, sondern als rechteckige Seelenräume erkennbar bleiben.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Eid erzählt von einer Person, die nach einem einschneidenden Ereignis vor die Entscheidung gestellt wird, zwischen persönlicher Loyalität und gesellschaftlicher Verantwortung zu wählen. Ausgangspunkt ist ein Eid - im Sinne eines Versprechens, das sowohl privaten als auch institutionellen Charakter haben kann. Aus dieser Prämisse entwickelt der Film einen dramatischen Konflikt, der weniger von äußeren Actionmomenten lebt als von der inneren Eskalation einer Situation, die sich langsam aber unaufhaltsam zuspitzt.

Zentrale Figuren sind die Träger dieses Konflikts: die Betroffene selbst, Personen ihres näheren Umfelds und Vertreter der Gemeinschaft, die als Richter, Zeugen oder stille Mitwisser fungieren. Die Erzählweise ist restriktiv; sie vermeidet weite Temporalstrecken zugunsten von konzentrierten Zeitfenstern, in denen Entscheidungen getroffen und Konsequenzen sichtbar werden. Tonalität und Atmosphäre bleiben dabei gedämpft, oft beklemmend - kein opulentes Melodram, sondern ein intimes, fast klinisches Sezieren einer Lebenslage.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von Der Eid steht die Frage nach Verbindlichkeit - zwischen Wort und Tat, zwischen persönlicher Treue und kollektiver Norm. Der Eid fungiert als metaphorischer Prüfstein für Loyalität: Wie weit reicht Solidarität, wenn sie mit verletzter Moral kollidiert? Welche Formen von Gewalt werden unter dem Mantel des Schutzes reproduziert? Diese Fragen zirkulieren im Film ohne simple Antworten, wodurch das Werk in einen Dialog mit rechtlichen, religiösen und familiären Konzeptionen von Schuld tritt.

Psychologisch interessiert sich der Film für Mechanismen des Verschweigens und der Selbstrechtfertigung. Er untersucht, wie Erinnerung und Leugnung nebeneinander existieren und wie Sprachlosigkeit zu einem eigenen Regulationsmodus einer Gemeinschaft wird. Gesellschaftlich breitet Der Eid Themen aus, die über Island hinaus Resonanz haben: die Schwierigkeit, private Konflikte in öffentliche Institutionen zu überführen, und die Gefahr, dass die Idee von Ehre oder Schutz zur Legitimierung von Übergriffen wird.

Formale Motive begleiten diese inhaltlichen Anliegen. Die Bildsprache arbeitet mit engen Einstellungen und einer klaren Linienführung, die inneren Druck sichtbar macht. Außenräume fungieren oft als Spiegel für innere Isolation, das isländische Wetter als atmosphärischer Verstärker. Musik und Sound sind zurückhaltend eingesetzt, sodass Stille selbst zum dramatischen Element wird - ein Mittel, das den Zuschauer zwingt, Beobachter der moralischen Zerrissenheit zu bleiben.

Filmkritik von Peter Osteried

„Der Eid“: Ein eiskalter Thriller

In seinem neuesten Film spielt Baltasar Kormákur auch gleich die Hauptrolle. Nach seinen Ausflügen nach Hollywood kehrt er mit Der Eid in die Heimat zurück und liefert einen kompromisslosen Thriller ab, der zeigt, wozu ein Vater fähig ist – wenn man ihn nur weit genug treibt.

Finnur (Baltasar Kormákur) ist ein angesehener Chirurg, der eigentlich ein ganz gutes Leben lebt, aber seine gerade volljährig gewordene Tochter Anna macht ihm Sorgen. Sie ist ausgezogen, zieht von einer Party zur nächsten und hat sich mit einem Drogendealer namens Ottar eingelassen. Finnur ist klar, was für ein Typ Ottar ist – und er versucht, ihn aus Annas Leben zu entfernen. Doch damit zieht er den Groll des Mannes auf sich, der ihn fortan erpresst. Finnur ist bewusst, dass dieser Mann nie aus seinem Leben – und dem Leben seiner Tochter – verschwinden wird, aber er ist gewillt, etwas dagegen zu unternehmen.

Es ist kein klassischer Thriller, den Kormákur hier präsentiert. Eher ein Drama, bei dem es am Ende nur Verlierer gibt, weil Lügen immer den Weg ins Freie finden – zumindest innerhalb engster Kreise – und weil manche Dinge niemals vergessen oder vergeben werden können. Der Eid brilliert dadurch, dass er sich anfangs Zeit lässt. Die Figuren, ihr Leben, ihre Beziehungen, ihre Ängste und Probleme werden sehr gut ausgebreitet. Der Zuschauer erhält ein Gefühl für sie alle. Für den Vater, der die Tochter beschützen will, für die Tochter, die den falschen Mann liebt, und für den Gauner, der vielleicht wirklich aussteigen will, aber einen letzten Zahltag dafür benötigt. In Der Eid gibt es keine Gewinner, am Ende sind alle Verlierer.

Die karge Landschaft Islands, die Kälte und Tristesse des Winters, das alles unterstützt diese gnadenlose Geschichte, die exzellent den Wandel eines Mannes zeigt, der ein Arzt ist, der eigentlich ein guter Mensch ist, der sich aber gezwungen sieht, Dinge zu tun, die ihm bis vor kurzem noch unmöglich erschienen. Das macht Finnur zu einer sehr tragischen Figur, da er sein eigenes Seelenheil opfert, um sein Kind zu retten. Oder zumindest glaubt er, dass er das tut.

Aber so kompromisslos wie der Film ist auch das Ende angelegt, denn Kormákur lässt den Zuschauer unbeholfen zurück. Er endet auf einer düsteren Note und macht klar, dass nichts mehr ist, wie es jemals war. Finnur mag das Leben seiner Tochter gerettet haben oder sie durch seine Taten erst auf einen Pfad in den Abgrund getrieben haben, aber auf keinen Fall gibt es für beide ein gemeinsames weiteres Leben. Sie zu retten, hieß für Finnur auch, sie zu opfern. Das ist die fast schon bittere Wahrheit dieses Films, der damit sicherlich vor allem auch Eltern ansprechen wird. Weil sie besser als alle anderen nachvollziehen können, welchem emotionalen Ansturm die Hauptfigur ausgesetzt ist.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de