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The Purge

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kritiken.de Redaktion 13.06.2013
The Purge© Universal Pictures Germany GmbH
A ca. 1481 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

The Purge - Kleinstadt-Horror als Politikphantom und sozialer Spiegel

Einleitung

James DeMonacos The Purge, 2013 in den Kinos gestartet, präsentiert sich nicht bloß als konventioneller Horrorfilm, sondern als prägnante Versuchsanordnung: Ein Haushalt, eine Nacht, ein staatlich sanktioniertes Gewaltregime als Rahmen. Die Relevanz des Films liegt weniger in spektakulären Effekten als in der radikalen Reduktion auf ein moralisches Experiment, das unmittelbare Fragen nach Zuschreibung von Sicherheit, Verantwortung und sozialer Legitimität aufwirft. In einer Zeit, in der politische Polemik und Sicherheitsdiskurse die öffentliche Debatte prägen, fungiert The Purge als filmische Kurzschrift jener Ängste, die lange vor der Kamera stattfinden.

Für DeMonaco markiert der Film einen Wendepunkt von reiner Drehbucharbeit hin zur Inszenierung eigener politischer Fantasien. Als Autor bereits für Hollywood-Produktionen tätig, verlagert er hier seine Stimme vor die Kamera und entwickelt eine Handschrift, die klaustrophobe Figurenkonstellationen mit deutlichen gesellschaftspolitischen Linien koppelt. The Purge liest sich als programmatischer Auftakt zu einem Werk, das weniger auf stilistische Opulenz zielt als auf Präzision der Idee.

Die Intuition des Films korrespondiert mit dem Zeitgeist der frühen 2010er Jahre - Nachwirkungen ökonomischer Krisen, wachsende Ungleichheiten und eine verstärkte Angst vor innerer Destabilisierung. Vor diesem Hintergrund wirkt The Purge weder als bloßer Slasher noch als einfache Parabel; er ist ein Spiegel jener diskursiven Radikalisierung, die Gewalt als Instrument politischer Reinigung denkt. Der Film fordert insofern zur reflexiven Spannung heraus: Wie viel Horror entsteht durch äußere Bedrohung, wie viel durch institutionalisierte Normen und kollektive Selbstverständnisse?

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte James DeMonaco, der zugleich das Drehbuch schrieb. Seine Regiearbeit ist bewusst ökonomisch; die visuelle Gestaltung setzt auf intime Räume, gedämpfte Farbtonalität und eine Lichtführung, die häusliche Geborgenheit und drohende Anomie gegeneinander ausspielt. Produziert wurde der Film unter dem Banner von Blumhouse Productions - ein Studio, das sich auf kosteneffiziente Genreproduktionen spezialisiert hat und The Purge als Beispiel für ein hohes Ideen-zu-Budget-Verhältnis etablierte. Die Premiere datiert auf den 13. Juni 2013, ein Zeitpunkt, an dem das Publikum empfänglicher für politisch aufgeladene Genrestoffe war als mancher Beobachter erwartete.

Die Produktionsumstände sind von ökonomischer Zweckmäßigkeit geprägt; die Ökonomie der Mittel schafft paradoxerweise ästhetische Vorteile: Die Konzentration auf wenige Schauplätze und eine überschaubare Figurenzahl führt zu einer straffen Dramaturgie, die den politischen Impuls des Films schärft. In der Chronologie von DeMonacos Werk nimmt The Purge die Rolle des Ausgangspunkts ein - ein Konzept, das später in mehreren Fortsetzungen in verschiedene Richtungen aufgefächert wurde und zu einer Art dystopischem Universum führte.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Ethan Hawke verkörpert die männliche Zentralfigur - den Vater, Unternehmer und Beschützer, dessen moralische Kompromisse der Erzählung den dramatischen Schwerpunkt verleihen. Hawkes prägnante Zurückhaltung und die Fähigkeit, einen verschobenen moralischen Kompass zu spielen, geben dem Film eine notwendige Glaubwürdigkeit. Gegenüber ihm steht Lena Headey als Frau und Mutter, deren stoische Präsenz und unterschwellige Verletzbarkeit Kontrapunkte setzen. Headey, bereits zuvor durch Arbeiten in Film und Serie bekannt geworden, bringt eine lakonische Härte in die Rolle, die die familiäre Ordnung unterminiert.

Die beiden jungen Darsteller - Max Burkholder und Tony Oller - fungieren als emotionale Katalysatoren. Burkholder, als das jüngere Kind, und Oller als Jugendlicher zeichnen die intergenerationelle Spannung nach, in der Verunsicherung, Loyalität und Rebellion kollidieren. Zusammen schaffen die Darsteller ein Ensemble, das weniger auf charismatische Soli als auf die rücksichtslos zugespitzte Dynamik einer Familie in Extremsituation setzt.

Handlung (spoilerfrei!)

The Purge wählt einen klar strukturierten Rahmen: In einer nahen Zukunft existiert eine gesetzlich erlaubte, einmal jährlich stattfindende Nacht, in der alle Verbrechen legal sind. Die Handlung konzentriert sich auf einen suburbanen Haushalt, dessen Mitglieder versuchen, diese Nacht zu überstehen. Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus der Konvergenz persönlicher Ängste und der externen Gewalt der Nacht - das Haus wird zum Prüfstand für Loyalität, Angst und moralische Selbstdefinition.

Im Zentrum stehen die familiären Figuren, deren interne Spannungen durch äußere Bedrohungen verstärkt werden. Die Erzählung setzt weniger auf weite Expositionen als auf unmittelbare Situationen - das Eskalationsmodell des Films funktioniert durch Verdichtung: Einengung des Raums, begrenzte zeitliche Dauer und die fortwährende Bedrohung von außen. Die Tonalität ist nüchtern und angespannt; Atmosphäre entsteht durch die Kombination aus nächtlicher Stille, gezielten Lichtkontrasten und einem Sounddesign, das den Takt der Angst mitbestimmt.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt The Purge Fragen nach dem Verhältnis von Staat und Gewalt - welche Form von Legitimität wird einer geballten, legalisierten Aggression verliehen, und welche sozialen Mechanismen werden damit sichtbar oder verschleiert? Der Film thematisiert die Ökonomie der Angst und die Instrumentalisierung von Sicherheit als Vorwand für autoritäre Maßnahmen. Damit eröffnet er eine philosophische Debatte über die Grenze zwischen öffentlichen Interessen und individuellen Rechten.

Psychologisch interessiert sich der Film für die Folgen von Normverschiebungen auf das individuelle Gewissen. Welche Formen der Selbstrechtfertigung entstehen, wenn Gewalt institutionalisiert wird? Gesellschaftlich richtet sich das Augenmerk auf Class-Dimensionen - wer profitiert, wer verliert, und wie kristallisieren sich bestehende Ungleichheiten in der Notsituation? Motivisch wiederholt sich das Bild des Hauses als Mikrokosmos einer widersprüchlichen Nation - Schutzraum und Gefängnis zugleich.

The Purge verzichtet auf einfache Antworten; seine Stärke liegt in der provokativen Zuspitzung einer Idee, die zu weiteren Diskussionen über Gewalt, Moral und Gemeinschaft einlädt. Als Genrearbeit funktioniert der Film als Prüfstein für den Utilitarismus des Horrors - nicht nur Schrecken um des Schreckens willen, sondern Schrecken als Spiegel gesellschaftlicher Konfigurationen.

Filmkritik von Josef Lommer

Noch ein Knopfdruck, und die Nacht kann kommen. Familie Sandin versammelt sich im Wohnzimmer vor einer Wand voll mit Bildschirmen, nervös, unruhig, sich an den Händen fassend. Zur gleichen Zeit verriegeln massive Stahlwände das Haus bis auf den letzten Millimeter. Eine Sirene hallt durch die leergefegten Straßen der Stadt, und im Fernsehen erklärt eine Sprecherin die Regeln für die nächsten zwölf Stunden. Das amerikanische Ritual der Reinigung beginnt.

Mit The Purge – Die Säuberung (2013) liefert James DeMonaco nach Staten Island New York (2009) seine zweite Regiearbeit ab, in der er ein düsteres Gesellschaftsbild seines Landes in nicht allzu ferner Zukunft zeichnet. Die Idee ist simpel, aber reizvoll: Ein neues Gesetz gestattet es der Bevölkerung, für eine Nacht ihren unterdrückten Aggressionen freien Lauf zu lassen und sich nach Herzenslust allen nur erdenklichen Gräueltaten hinzugeben. Das fragwürdige Vergnügen wird von einigen zelebriert wie ein religiöser Brauch oder eine Art Karneval, bei dem die „Säuberer“ durch die Straßen ziehen und von ihrem verdienten Recht Gebrauch machen. Eine Handvoll eben solcher findet sich schließlich auch vor dem Haus der Sandins ein, denn Sohn Charlie (Max Burkholder), der dem brutalen Treiben nur wenig Verständnis entgegenbringen kann, gewährt einem von einer Truppe mörderischer junger Bildungsbürger gejagten Obdachlosen Schutz im vermeintlich sicheren Haus.

DeMonacos Zukunftsfantasie löst die Vorherrschaft exzentrischer oder lethargischer, vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten angewiderter Eigenbrötler, wie man sie aus Natural Born Killers (1994) oder God bless America (2011) kennt, ab und verlagert den amerikanischen Wahnsinn in das konservative Gutbürgertum. Keine Bonnys, keine Clydes. Jeder darf mal, die Purge Night ist Massenkonsum. Unangepasst sind diejenigen, die das Massaker verurteilen. Als Zeichen der Befürwortung des großangelegten Gemetzels legen die Bewohner der geschniegelten Gated Community symbolisch blaue Blumen vor die Türe, ein Akt, dem auch James (Ethan Hawke) und Mary Sandin (Lena Headey) jedes Jahr akribisch nachgehen. Man wünscht den Nachbarn noch eine „sichere Nacht“ und trifft die letzten Vorkehrungen.

Trotz des vielversprechenden Anfangs begleitet The Purge schon bald ein fader Beigeschmack, der sich zum einen aus der allzu grobschlächtigen Gesellschaftskritik ergibt und zum anderen durch die Anhäufung vieler bekannter Elemente aktueller Horrorfilme entsteht. Man wird das Gefühl nicht los, dass sich The Purge unbedingt als kluges zeitgenössisches Erzählkino begreifen möchte, das einem großen Publikum als schwarzseherischer Lehrmeister dienen soll. Die Sozialkritik ist verständlich bis ins kleinste Detail, da wird nichts dem Zuschauer überlassen oder mit Symbolen gespielt. Wissenschaftler erklären im Fernsehen die dem „Event“ zugrunde liegende psychologische Ausgangsidee, und fröhlich gestimmte Radiomoderatorinnen fassen die Ereignisse der Nacht zusammen.

Sieht man einmal davon ab, dass sich DeMonacos Thriller mit strenger Ernsthaftigkeit an seine recht aufgesetzte didaktische Haltung klammert, hätte man sich von der Horrorvision ein wenig mehr Eigenständigkeit gewünscht. Bilder und Motive wirken stark abgenutzt und bedienen sich aus unterschiedlichsten Genrewerken der jüngeren Zeit. Der exzessive Gebrauch von digitalen, schlecht aufgelösten Kamerabildern erinnert stark an die Paranormal Activity-Reihe (2007–2012) und das Motiv der maskierten Eindringlinge an Filme wie etwa The Strangers (2008).

James DeMonaco wechselt durch diese Verbindung der Subgenres von der Makro- zur Mikroebene. Im letzten Drittel beschränkt sich das Grauen auf ein Urmotiv des Horrorfilms. Öffentliche Gewalt wird zum privaten Familienterror, der in einer wirren Hatz durch beengte Korridore und düstere Wohnräume gipfelt. Bis zum Höhepunkt des Showdowns, an dem auch – wer hätte es gedacht – die Nachbarn noch einmal auf den Plan treten dürfen, verliert sich die Sozialkritik auch gänzlich in dem temporeichen Mordrausch und wirkt mehr und mehr als reiner Aufhänger. Hinzu kommen einige Momente und Handlungsstränge, die man als arg beliebige dramaturgische Ausschmückungen zwischenstreut. So beispielsweise eine Szene in der Mitte des Films, in der der Gerettete davon abgehalten werden soll, zu entkommen, und mit einem Brieföffner malträtiert wird. Derartige Szenen sind aber schlicht und ergreifend nicht nachvollziehbar.

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