The Girl King - Herrschaft, Begierde und Identität zwischen Barock und moderner Selbstfindung
Einleitung
Mit The Girl King setzt Mika Kaurismäki, einer der markanteren Stimmen des finnischen Kinos, einem historisch aufgeladenen Sujet ein filmisches Porträt entgegen, das traditionelle Hofdramaturgie mit zeitgenössischer Identitätssuche verknüpft. Der Film ist nicht nur eine biografische Skizze einer ikonischen Herrscherin, er fungiert als Projektionsfläche für gegenwärtige Debatten über Geschlecht, Macht und Selbstdarstellung. In der Auswahl seiner Formensprachen - von barockem Dekor bis zu modernem Close-up - liegt der Anspruch, ein historisches Kapitel nahbar und doch reflektiert zu gestalten.
Relevanz gewinnt der Film durch seine Schnittstelle zwischen Historie und Gegenwart: Die Frage, wie eine Frau an der Spitze des Staates mit Erwartungen, Begehrlichkeiten und politischer Verantwortung ringt, lässt sich heute anders lesen als noch vor wenigen Jahrzehnten. The Girl King trägt dazu bei, ein altes Narrativ - Monarchie und Intrige - als Bühne für zeitgemäße Identitätsfragen zu lesen, in denen sexuelle Selbstbestimmung und öffentliche Rolle nicht auseinanderzuhalten sind.
Der Film steht in einem kulturellen Klima, das historisches Erzählen zunehmend als Medium für Gegenwartsdiagnosen nutzt. Festivals und arthaus-orientierte Verleiher haben in den vergangenen Jahren ein stärkeres Interesse an Formaten gezeigt, die historische Distanz aufbrechen und damit die Möglichkeit eröffnen, Figuren wie die Queen als moderne Subjekte zu denken. In diesem Kontext positioniert sich Kaurismäkis Arbeit als Versuch, die mythische Aura vergangener Höfe für gegenwärtige Sehgewohnheiten und Diskurse zu aktivieren.
Tonalität und Erzählhaltung sind dabei bewusst ambivalent: Keine reine Huldigungsbiografie, keine rein faktische Rekonstruktion, sondern ein filmisches Feld, das zwischen Inszenierung und Intimität oszilliert. Diese Ambivalenz macht den Film für ein kulturjournalistisches Publikum interessant, das an der Verknüpfung von Ästhetik und politischer Aussage interessiert ist.
Kurzüberblick zur Produktion
Mika Kaurismäki, dessen Filme oft Außenseiter und Grenzgänger ins Zentrum rücken, tritt mit The Girl King in ein anderes Terrain als die meisten seiner früheren Arbeiten. Bekannt geworden ist er durch ein vielseitiges Werk, das Roadmovies, Musikfilme und Gesellschaftsdramen umfasst. Mit der Entscheidung, eine historische Herrscherbiografie zu realisieren, verlagert er seine Handschrift - die Nähe zu Figuren am Rande gesellschaftlicher Konventionen - in eine barocke, politisch hoch aufgeladene Bildwelt.
Die Produktion ist ein internationaler Koproduktionsfall - finnische, kanadische, deutsche und schwedische Partner stehen hinter dem Projekt -, was die visuelle und personelle Offenheit des Films erklärt. Solche Koproduktionen arbeiten meist mit begrenzten Mitteln im Vergleich zu großen Studioproduktionen, dafür aber mit einem hohen Anspruch an länderübergreifende Besetzung, Ausstattung und Festivalsichtbarkeit. Kaurismäkis Inszenierung nutzt diesen Rahmen, um historische Opulenz und karge, intime Innenräume gleichermaßen zu realisieren.
Innerhalb des Regisseurs Gesamtwerkes bildet The Girl King einen markanten Einschnitt: Er ist weniger ein filmischer Brückenschlag zu vorherigen Themen als eine konsequente Erweiterung der Untersuchung von Außenseitertum - diesmal transponiert auf die Bühne der Macht. In technischer Hinsicht fällt der Film durch präzise Bildkompositionen und eine bewusste Arbeit mit Klang und Stille auf, Elemente, die Kaurismäki schon in anderen Arbeiten nutzte, hier jedoch in eine historisierende Form übersetzt werden.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum steht Malin Buska, deren Darstellung der titelgebenden Herrscherin das filmische Projekt trägt. Buska, in Skandinavien als aufstrebende Schauspielerin bekannt, bringt eine Mischung aus körperlicher Präsenz und innerer Zerrissenheit, die der Rolle eine frühe, noch formbare Autorität verleiht. Ihre Leistung ist die Projektionsfläche für das filmische Interesse an Macht als persönlicher wie politischer Kategorie.
Sarah Gadon, eine international profilierte Darstellerin, übernimmt die Rolle der vertrauten Begleiterin und Intimpartnerin. Gadons Erfahrung mit nuancierten Figurenzeichnungen - häufig in Serien und arthaus-Produktionen zu sehen - bietet dem Film die Möglichkeit, intime Beziehungslinien gegen die öffentliche Bühne des Hofes zu spiegeln. Michael Nyqvist, ein etablierter Charakterdarsteller mit großer Karriere in skandinavischen Film- und Fernsehproduktionen, fungiert hier als Repräsentant der politischen Realität des Hofes - ein Gegengewicht zur emotionalen und ästhetischen Radikalität der Protagonistin.
Das Ensemble aus europäischen und nordamerikanischen Schauspielern - zu dem unter anderem Lucas Bryant und Laura Birn zählen - bildet ein Netzwerk von Beratern, Rivalen und Verbündeten, das die politische Dimension der Erzählung trägt. Ihre Besetzung unterstreicht die Koproduktionslogik des Films und ermöglicht gleichzeitig unterschiedliche schauspielerische Töne, die von höfischer Ritualität bis zu privaten Konfrontationen reichen.
Handlung (spoilerfrei!)
The Girl King konzentriert sich auf eine zentrale historische Figur in einem engen Zeitfenster ihres Lebens - eine Herrscherin, die zwischen politischer Verantwortung und persönlichem Verlangen navigiert. Der dramatische Konflikt entsteht aus der Spannung zwischen öffentlicher Rolle und innerer Freiheit: Pflicht gegenüber dem Staat, die Erwartungen des Adels und die Suche nach einer eigenständigen Identität stehen in einem dauernden Spannungsverhältnis.
Im Zentrum der Handlung stehen Machtspiele am Hof, intime Begegnungen und die Fragen der Loyalität, die sowohl private Beziehungen als auch staatspolitische Entscheidungen durchziehen. Die Erzählung legt dabei besonderen Wert auf Atmosphärisches - auf das Spiel von Licht und Schatten in Prunksälen, auf detaillierte Kostümierung und auf die Geräuschwelt des Hofes -, um die psychische Verfasstheit der zentralen Figur sinnlich erfahrbar zu machen.
Ton und Atmosphäre des Films oszillieren zwischen barocker Monumentalität und überraschend modernen Momenten psychologischer Nähe. Die Dramaturgie bevorzugt Momentaufnahmen und intensive Beziehungssequenzen gegenüber chronologischer Abfolge, wodurch der Film weniger als vollständig dokumentarische Biographie, sondern eher als fokussiertes Seelenbild zu lesen ist.
Zentrale Themen und Motive
Im Kern stellt The Girl King Fragen nach dem Verhältnis von Macht und Selbstbestimmung. Wie lässt sich souveräne Autorität mit persönlicher Autonomie verbinden, insbesondere wenn die Figur als Frau in einer patriarchalen Ordnung agiert? Der Film untersucht die Performativität von Geschlecht - wie Rollen und Kostümierung politische Instrumente werden - und zeigt, wie persönliche Begierden in politisches Handeln einschneiden.
Ein wiederkehrendes Motiv ist die Bühne als Metapher: Hofzeremoniell wird als theatralische Choreographie sichtbar, die Herrschaft legitimiert und zugleich isoliert. Spiegel, Kostümwechsel und musikalische Passagen fungieren als formale Mittel, um Innen- und Außenperspektiven einander gegenüberzustellen. Psychologisch interessiert sich der Film für Einsamkeit in der Macht - für die Erfahrung, gesehen zu werden, aber zugleich unverstanden zu bleiben.
Philosophisch öffnet The Girl King Raum für Überlegungen zur Legitimität von Herrschaft und zur Bedingung von Freiheit. Gesellschaftlich gelesen spricht der Film aktuelle Diskurse über Geschlechterrollen, sexuelle Selbstbestimmung und die Sichtbarkeit queerer Lebensentwürfe an. Damit wird historische Stoff zu einer Linse für gegenwärtige Fragen - ohne dabei in plakative Aktualisierung zu verfallen, sondern durch ästhetische Mittel und konzentrierte Figurenarbeit zu problematisieren.
Filmkritik von Bianka Piringer
Königin Kristina, die wilde Lesbe
Königin Kristina von Schweden, die Mitte des 17. Jahrhunderts regierte, gilt bis heute als eine geheimnisumwitterte Persönlichkeit. Sie trug maßgeblich zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges bei und setzte sich in Schweden für die Bildung des Volkes, für Kunst und Kultur ein. Aber sie weigerte sich, zu heiraten und einen Thronfolger zu zeugen und dankte schon mit 28 Jahren ab. Der finnische Regisseur Mika Kaurismäki verleiht ihr in diesem überzeugenden Drama die Züge einer fast schon modernen Persönlichkeit, die nach Selbstverwirklichung strebt. Das Porträt, das er zusammen mit seinem kanadischen Drehbuchautor Michel Marc Bouchard aus historischen Fakten und durchaus eigenwilligen Interpretationen entwickelt, wirkt in psychologischer Hinsicht sehr schlüssig.
Die von der schwedischen Schauspielerin Malin Buska dargestellte Kristina steht im Zentrum politischer Intrigen: Der Reichskanzler, der sie im Sinne ihres Vaters wie einen männlichen Kronprinzen erzog, will sie mit seinem Sohn verkuppeln. Der französische Botschafter versucht, sie für den katholischen Glauben zu gewinnen. Denn er erkennt, wie sehr Kristinas fortschrittlicher Geist mit der Enge der protestantisch-lutherischen Lehre und Moral hadert. Eine Schlüsselszene zeigt, wie sie den französischen Philosophen René Descartes vor schwedischen Würdenträgern eine Leiche sezieren und ihrem Gehirn die Zirbeldrüse entnehmen lässt. Das sei der Sitz der Seele, sagt der Franzose, was die einheimischen Kirchenmänner empört als Ketzerei zurückweisen.
Descartes wird zum wichtigen Vertrauten und Ratgeber der jungen Kristina, die sich in einem wilden Aufruhr der Gefühle befindet.
Sie hat sich in die Komtess Ebba Sparre (Sarah Gadon) verliebt und erklärt sie zur Kammerzofe und sogar zur „königlichen Bettgefährtin“. Der Film lässt die historische Spekulation einer lesbischen Liebe Wirklichkeit werden. Kristina schenkt Ebba schöne Kleider und kann den Blick nicht von ihr wenden, während sie selbst oft schwarze Stoffe und Hosen bevorzugt und ihre Haare achtlos offen trägt. Ob die blonde, anmutige Ebba Sparre die Königin ebenfalls liebt, bleibt in der Schwebe. Die beiden Frauen lachen viel zusammen, nehmen sich für die damalige Zeit unerhörte Freiheiten, die auch Ebba beflügeln.
Es geht oft etwas undefiniert Bedrohliches von dieser wilden, jungen Königin aus, das Kaurismäki auch als Projektion männlicher Angst vor der ungezähmten Weiblichkeit deutet. In einer wie eine Halluzination wirkenden Szene erscheint die Königin barfuß und im Nachthemd dem machthungrigen Sohn des Kanzlers und raunt, sie wisse über seine Taten Bescheid. Aber Kristina ist nicht unberechenbar wie ihre von Martina Gedeck reichlich unheimlich gespielte Mutter. Vielmehr weckt die Krone als das Erbe ihres geliebten Vaters ihr Pflichtgefühl. So gerät die düstere, in engen Schlossgemäuern spielende Coming-of-Age-Geschichte zur labyrinthischen Suche nach einem gangbaren persönlichen Weg.
Kaurismäki ist eine schöne, stimmungsvolle Hommage an eine außergewöhnliche Frau gelungen. Sie plädiert dafür, dass Kristina ihrer Zeit in mehrfacher Hinsicht voraus war. Ihre Opposition gegen jegliche geistigen Fesseln spiegelt sich auch in der visuellen Gestaltung. Der stilvolle Historienfilm wagt gelegentlich den subjektiven Blick in die Erinnerung, oder den Seiltanz mit der Fantasie: Zum Beispiel reitet Kristina voller Kummer durch den winterlichen Wald, fällt und bleibt liegen, bis sie an Ort und Stelle von einer Abordnung geweckt wird, die eine wichtige Botschaft zu überbringen hat. Kristinas Weg der Erkenntnis mag bitter sein, aber sie findet dabei zu sich selbst.

