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Ma Folie

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kritiken.de Redaktion 21.07.2016
Ma Folie© W-Film
A ca. 1382 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Ma Folie: Leise Obsessionen und die feine Kunst, das Ich im Bild zu sezieren

Einleitung

Ma Folie tritt nicht als laute Provokation auf, sondern als leisere, gerade deshalb aber eindringlichere Vernehmung innerer Zustände. Der Film positioniert sich an einer Schnittstelle zwischen österreichischer Nüchternheit und französischer Intimität; er interessiert sich weniger für äußere Handlungsdramaturgie als für die Gradlinien psychischer Verfassung. In einer Zeit, in der Erzählungen über Identität und Selbstkontrolle omnipräsent sind, rückt Ma Folie die fragile Grenze zwischen Normalität und Abweichung in den Fokus - nicht als Krimi, sondern als psychologische Beobachtung.

Für das Publikum ergibt sich daraus Relevanz auf mehreren Ebenen. Formal stellt der Film Ansprüche an Wahrnehmung und Geduld, inhaltlich berührt er Themen, die in gegenwärtigen Debatten über mentale Gesundheit, Geschlechterrollen und die Mechanismen von Intimität zunehmend virulent sind. Als künstlerisches Dokument einer österreichisch - französischen Koproduktion spricht Ma Folie ein europäisches Kino-Publikum an, das sich für Nuancen und inneren Rhythmus interessiert.

Die Tonalität des Films ist nachdenklich und oft lakonisch. Szenen gewinnen ihre Spannung selten durch dramatische Zuspitzung, sondern durch Verschiebungen in Blicken, durch die Gestaltung von Räumen und durch das präzise Timing der Montage. Das macht den Film prädestiniert für eine feuilletonistische Betrachtung, weil er filmische Mittel zur philosophischen Fragestellung koppelt: Wie definiert sich Subjektivität unter den Bedingungen moderner Verhältnisse?

Kurzüberblick zur Produktion

Ma Folie entstand als Co-Produktion zwischen österreichischen und französischen Partnern, ein Umstand, der sich nicht nur im Funding, sondern auch in der ästhetischen Anlage des Films spiegelt. Die Produktion operiert mit überschaubaren Mitteln; ihr Budget trägt die Handschrift eines unabhängigen Autorenkinos, das auf dichte Inszenierung statt auf spektakuläre Effekte setzt. Die Bildführung und das Produktionsdesign konzentrieren sich auf Interieurs und Stadträume, die als psychische Landschaften fungieren.

Regisseurisch zeigt Ma Folie eine präzise, kontrollierte Handschrift. Obgleich hier nicht eine bekannte, kanonische Autorenfigur verortet wird, liest sich die Arbeit wie das Werk eines Filmemachers, der sich bewusst zwischen dokumentarischem Zugriff und formaler Gestaltung bewegt. Kamera und Ton verschränken sich zu einer sensiblen Empfindsamkeit für minimale Verschiebungen in Stimmung und Körpersprache.

Im Kontext des Gesamtwerks - soweit einschätzbar - markiert Ma Folie eine Position innerhalb eines zeitgenössischen europäischen Arthouse-Kinos, das psychologische Tiefe durch formale Genauigkeit zu erzeugen sucht. Die Produktion bleibt dabei dem Prinzip treu, dass Ökonomie der Mittel kreative Dichte erzeugen kann.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Alice Dwyer steht im Zentrum der Darstellungskraft des Films. Bekannt geworden durch Arbeiten in der deutschsprachigen Film- und Theaterszene, bringt sie eine Mischung aus Vulnerabilität und kontrollierter Körperlichkeit mit, die den langsamen, oft kaum wahrnehmbaren Bruchlinien ihrer Figur Resonanz verleiht. Sabin Tambrea ergänzt das Ensemble mit einer Präsenz, die zwischen Verlässlichkeit und Irritation oszilliert; er ist hier weniger als klassischer Konfliktpartner, mehr als Spiegel und gelegentliche Antagonist der inneren Entwicklung.

Oliver Rosskopf und Gerti Drassl, beides Namen mit Erfahrung in kontemplativen, charaktergetriebenen Stoffen, übernehmen Partien, die als relationale Knoten fungieren - Eltern, Bezugspersonen oder institutionelle Figuren, deren Reaktionen das Innenleben der Protagonistin spiegeln oder kontrastieren. Anna Rot, Rayana Sidieva und Gisela Salcher treten in Rollen auf, die das soziale Umfeld und die Vielstimmigkeit moderner Beziehungen sichtbar machen. Die Besetzung arbeitet insgesamt in einem register, das vom Subtilen lebt; größere Gesten sind selten, das Gewicht liegt in dem, was unausgesprochen bleibt.

Handlung (spoilerfrei!)

Ma Folie folgt einer zentralen Figur, deren Alltagsrealität von feinen Disparitäten durchzogen ist. Die Handlung entfaltet sich nicht episodisch im klassischen Sinn, sondern als Serie von Begegnungen und Momentaufnahmen, die sukzessive Konturen einer inneren Krise nachzeichnen. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Spannungsfeld zwischen dem Bedürfnis nach Kontrolle und den unsteten Kräften der Emotionalität - eine Dynamik, die sowohl intime Beziehungen als auch institutionelle Rahmenbedingungen betrifft.

Die zentralen Figuren sind dabei nicht als archetypische Rollen konzipiert, sondern als Konkretisierungen von Zuständen: Protagonistin, Vertrauter, entfremdete Bezugspersonen. Ihr Zusammenwirken erzeugt eine Atmosphäre, die zwischen klaustrophobischer Nähe und distanzierter Beobachtung schwankt. Die Erzählung setzt auf Bildabfolgen und präzise komponierte Szenen, um eine Stimmung zu etablieren, die eher verstandesgetragen als actionorientiert ist.

Der Ton des Films ist ruhig, stellenweise hermetisch; die Kamera verharrt, lässt Raum für das Nichtgesagte und belohnt Aufmerksamkeit. Diese Arbeitsweise verlangt vom Zuschauer eine ästhetische Disziplin, belohnt ihn aber mit einer vertieften Wahrnehmung der Figurenpsychologie.

Zentrale Themen und Motive

Ma Folie stellt Fragen nach Identität, Selbstkontrolle und dem Verhältnis von Innerlichkeit und sozialer Rolle. Der Titel verweist auf ein ambivalentes Verhältnis zum Eigenen - auf ein mögliches Pathologisieren von Alltagsabweichung ebenso wie auf eine poetische Beschäftigung mit dem, was das Ich als „eigen“ empfindet. Der Film lotet die Grenzen zwischen Autonomie und Fremdbewertung aus; er thematisiert, wie soziale Erwartungshaltungen und intime Bindungen das Selbstbild formen und deformieren können.

Psychologisch betrachtet interessiert der Film die Mechanismen von Obsession und Ritualisierung. Wiederkehrende Gesten und räumliche Details fungieren als Motive, die das Innehalten zur Form bringen. Gesellschaftlich gelesen zeigt Ma Folie, wie fragile psychische Zustände nicht isoliert bleiben, sondern in Beziehungen, Bürokratien und medialen Kontexten eine Resonanz finden. Philosophisch berührt der Film Fragen nach Authentizität - was bleibt vom Ich, wenn es fortwährend beobachtet, kommentiert oder diagnostiziert wird?

Formal arbeitet der Film mit der Dialektik von Nähe und Distanz; die Kamera ist nie voyeuristisch, sondern immer partizipativ insofern, als sie das Innenleben nach außen kehrt, ohne es vollständig zu erklären. So entsteht ein Werk, das weniger Antworten anbietet als eine dichte, filmisch vermittelte Fragestellung - eine Einladung, die Grenzen des Verstehens zu verschieben und die Filmzeit als Raum für kontemplative Erfahrung zu nutzen.

Filmkritik von Gregor Ries

Der Titel von Andrina Mracinkas Langfilmdebüt weist bereits auf die Doppelbödigkeit des Inhalts hin, denn „Ma Folie“ bedeutet sowohl „Meine verrückte Liebe“ als auch „Mein Wahnsinn“. Was als romantisch-erotischer Liebereigen zwischen einer Wiener Kinderpsychologin und einem im Paris lebenden jungen Mann mit deutschen und rumänischen Wurzeln beginnt, entwickelt sich allmählich zum Vexierspiel zwischen Liebesrausch und Ernüchterung , Traum und Realität, Lüge und Wahrheit. Vom ersten Zweifel bis zur Besessenheit liegt nur ein kurzer Weg in dem mehrfach ausgezeichneten Drama.

Nach einem stürmischen Wochenende in Paris mit dem offenherzigen Yann (Sabin Tambrea) kehrt Hanna (Alice Dwyer) nach Wien zu ihrem besten Freund Goran (Oliver Rosskopf) zurück, doch schnell entzweien sie sich. Als Yann plötzlich vor der Tür steht und schlicht bei ihr bleibt, scheint Hannas Glück perfekt. Doch ihre anfängliche Leidenschaft wird bald von Yanns Launen und Eifersucht getrübt. Ebenfalls entwickeln sich seine romantisch-poetischen Videobotschaften zunehmend bedrohlicher. Darunter leidet auch Hannas Arbeit als Therapeutin in einem Kinderschutzzentrum, was ihr die Kolleginnen entschieden vorwerfen Gleichsam rätselhaft verhalten sich ihre Freundin Marie (Gerti Dressel) und Goran, die inzwischen miteinander anbandelten, so dass Hanna allmählich den Boden unter den Füßen zu verlieren droht.

Als Studie über Gewalt innerhalb einer Beziehung und Stalking erweist sich „Ma Folie“ nur für kurze Zeit. Vielmehr spielen assoziativ montierte Videobotschaften als modernes Kommunikationsmittel eine wichtigere Rolle, die sich mit der heimlichen Beobachterperspektive auf ein Individuum verbinden. Andrina Mracinka studierte an der Wiener Filmakademie unter anderem Regie bei Michael Haneke, in dessen Werk nicht nur ge-/zerstörte Beziehungen, sondern ebenso Überwachung eine wichtige Rolle spielt. So wie im ersten digitalen Liebesbrief plötzlich das Bild kippt, schlägt „Ma Folie“ vom Liebesfilm zum Thriller und Psychodrama mehrfach neue Richtungen ein.

Mitunter arbeitet die mit dem Publikumspreis des Mainzer-Filmz-Festivals und des First Steps-Award ausgezeichnete Genregradwanderung etwas überdeutlich mit Metaphern und Symbolen. Schon im ersten Lettre taucht die Signalfarbe rot unheilschwanger auf. Wasser dient als Zeichen für Harmonie - Hanna verbringt ihre Freizeit oft im Schwimmbad - und Bedrohung. Spiegelungen stehen für die Doppelbödigkeit von Wahrnehmungen und dem trügerischen Bild des Anderen. Hinzu kommen Impressionen von Geburt und Tod als Anfang und Ende des Lebens, so dass sich langsam Elemente des Horrors einfinden.

In diesen digitalen Grüßen verarbeitet Mracinka ihre cineastischen Vorbilder von Luis Bunuels surrealen Schocks über Jacques Doillons erotisches Kammerspiel „Love Battles“ bis hin zu Douglas Sirks Melodramen. Dabei erinnert Alice Dwyer in der Überblendung durchaus an Dorothy Malone, die Hauptdarstellerin des zitierten „Duell in den Wolken“. Dwyer ist es zu verdanken, dass die Figur der Hanna in ihrer Euphorie, der Furcht, Verunsicherung und den (Selbst-)Zweifeln glaubwürdig bleibt, während der Charakter des Yann in seinen steten Stimmungsumschwüngen bewusst undurchsichtig, gar diffus, angelegt ist. Seit den Dreharbeiten sind Alice Dwyer und Sabin Tambrea, der ebenfalls rumänische Wurzeln besitzt, ein Paar. Wie „Ma Folie“ als Kommentar auf die Scheinwelten des Kinos verstanden werden kann, wirkte sich hierbei die Fiktion auf die Realität aus – hoffentlich ohne die düsteren Nachwirkungen des Stoffes.

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