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The Boy Next Door

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kritiken.de Redaktion 19.03.2015
The Boy Next Door© Universal Pictures Germany GmbH
A ca. 1621 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

The Boy Next Door: Verführte Intimität und die Mechanik eskalierender Nähe

Einleitung

Mit The Boy Next Door setzt Hollywood einen altbekannten Thrillerstoff in die Gegenwart der Celebrity-Ära: eine prominente Frau, ein jüngerer Nachbar und die Rampenlicht-gefährdende Dynamik einer Affäre bilden den dramaturgischen Kern eines Films, der weniger durch Überraschungen als durch seine Positionierung im zeitgenössischen Genderdiskurs Aufsehen erregt. Der Film ist relevant, weil er ein beliebtes Genre - den psychosexuellen Thriller - mit den Fragen moderner Medienöffentlichkeit, Rollenbildern und Machtverhältnissen verknüpft, die für die Rezeption weiblicher Stars heute zentral sind.

Der Film tritt in das Feld einer Filmographie, die sich kaum an den Intimitäts-Blick der New-Hollywood-Thriller orientiert, sondern vornehmlich massentaugliche Spannung in klares, kommerzielles Format gießt. In dieser Konstellation fungiert der Thriller weniger als radikale Formprobe denn als Testfall: Wie reagiert die starbesetzte Hollywood-Produktion auf die Forderung nach psychologischer Tiefe, wenn die ökonomischen Bedingungen ein sorgfältiges psycho-dramaturgisches Studium nicht unbedingt begünstigen?

In seiner sozialen Einbettung spiegelt The Boy Next Door die andauernde Beschäftigung mit Themen wie Verletzlichkeit öffentlicher Frauen, der Bedrohung durch vermeintlich vertraute Räume und der Vermischung von Privatheit und medialer Darstellung wider. Gerade weil die Protagonistin eine etablierte Figur ist, verhandelt der Film auch die fragile Grenze zwischen öffentlicher Persona und privatem Versagen - ein Spannungsfeld, das gesellschaftlich resoniert und den Film zu einem Spiegel zeitgenössischer Sensibilitäten macht.

Kurzüberblick zur Produktion

The Boy Next Door wurde inszeniert von Rob Cohen, einem Regisseur, der sich über ein Genre-Spektrum vom Actionkino bis zur leichten Dramaturgie etabliert hat. Cohens Handschrift ist weniger die des intimen Psychodramatikers als die eines Handwerkers, der auf Tempo, klare Bilddramaturgie und eine stringente Erzählökonomie setzt. In diesem Werk zeigt sich sein Versuch, psychologische Eskalation mit den Konventionen eines Mainstream-Thrillers zu verbinden.

Die Produktion ist als starorientierte Hollywood-Ware angelegt: ein überschaubares Konzept, das auf die Anziehungskraft einer international bekannten Hauptdarstellerin baut und so Finanzierung sowie Vertriebskanäle sichert. Die Produktionsumstände begünstigen eine präzise, auf Pointen und Wendungen konzentrierte Dramaturgie, wodurch Tiefenschärfe an einigen Stellen bewusst dem Tempo und der Spannung geopfert wird. Als Platzierung im Gesamtwerk Cohens steht der Film für eine Fortsetzung seiner Arbeit an populären, genretypischen Mechanismen, diesmal mit stärkerem psychologischem Fokus.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Jennifer Lopez, deren Karriere zwischen Kommerz und gelegentlichen Ausflügen in anspruchsvollere Rollen oszilliert. Lopez bringt hier ihre Präsenz als öffentliche Figur mit, die zugleich Stärke und Verletzlichkeit ausstrahlt. In The Boy Next Door verkörpert sie eine Frau, deren private Fehltritte rasch zur öffentlichen Belastung werden - eine Figur, die zwischen Selbstbehauptung und der Sorge um Ruf und Familie navigiert.

Der Gegenpol wird von Ryan Guzman gespielt, einem jüngeren Darsteller, der mit körperlicher Präsenz und einer Mischung aus Charme und latenter Bedrohung agiert. Guzman nutzt die Differenz in Alter und Macht, um eine Figur zu zeichnen, die auf obsessive Weise Nähe sucht und deren Grenzenlosigkeit den dramatischen Motor bildet. Unterstützt wird das Paar von einem Ensemble erfahrener Charakterdarsteller, darunter Kristin Chenoweth und John Corbett, die dem Film punktuelle Glaubwürdigkeit und soziale Verankerung verleihen. Die Nebenrollen übernehmen die Funktion, das soziale Umfeld der Protagonistin zu spiegeln - Kolleginnen, Familienmitglieder und neutrale Beobachter, die die Eskalation kommentieren und konterkarieren.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Handlung entfaltet sich aus einer scheinbar harmlosen Begegnung zwischen Nachbarn und wächst zu einem Konflikt, der Privatsphäre, Vertrauen und die Balance zwischen Verlangen und Verantwortlichkeit thematisiert. Die zentrale Prämisse ist einfach und bewusst kalkuliert: Ein Moment der Intimität eröffnet einen dramatischen Plotstrang, in dessen Zentrum die Frage nach Konsequenzen und Kontrolle steht.

Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Wiederauftauchen von Gesten und Verhaltensweisen, die Grenzen überschreiten. Die Protagonistin sieht sich mit einer Bedrohung konfrontiert, die aus der Nähe selbst erwächst - nicht aus einem entfernten, anonymen Feind. Diese Nähe macht das Bedrohliche plausibel und erzeugt die Spannung, die den Film trägt. Tonal bewegt sich die Erzählung zwischen kühler Präzision und steigendem Nervenkitzel; die Atmosphäre ist von klaustrophobischer Intimität, städtischer Eleganz und dem unterschwelligen Gefühl unkontrollierbarer Beobachtung geprägt.

Zentrale Themen und Motive

The Boy Next Door richtet den Fokus auf das Motiv der Grenze - zwischen Nähe und Besitz, zwischen Begehren und Gewalt, zwischen öffentlicher Persona und privatem Versagen. Der Film fragt, wie Verantwortung in Beziehungen verteilt wird und wie die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern in alltäglichen Situationen eskalieren können. Dabei geht es weniger um moralische Urteile als um die Mechanik, die aus einem Moment der gegenseitigen Anziehung eine Spur von Kontrollverlust macht.

Psychologisch betrachtet interessiert der Film die Dynamik obsessiver Projektion: Wie verwandelt sich Zuneigung in Anspruch, wie wird Nähe zur Forderung und schließlich zur Bedrohung? Gesellschaftlich gelesen lässt sich die Parabel auch als Kommentar auf das Risiko interpretieren, das mit der Sichtbarkeit moderner Frauen einhergeht - die Öffentlichkeit fungiert als zusätzlicher Richter, während intime Fehltritte rasch in eine Frage von Karriere, Reputation und Familiensicherung übergehen.

Formal arbeitet der Film mit den Mitteln des Genrefilms, um diese Themen zu akzentuieren. Enge Bildkompositionen, gesteigerte rhythmische Montage und ein Sounddesign, das subtile Bedrohung vermittelt, verknüpfen psychologische Intimität mit narrativer Beschleunigung. So entsteht ein Thriller, der vor allem durch seine Thematisierung von Nähe - nicht durch narrative Überraschung - seine Spannung gewinnt und als zeitgenössisches Exempel dafür steht, wie Mainstream-Kino existenzielle Fragen von Macht, Geschlecht und Privatheit verhandelt.

Filmkritik von Christopher Diekhaus

Fremdschämen mit „The Boy Next Door“

US-Produzent Jason Blum hat ein Händchen für günstige, unabhängig gefertigte Genre-Filme, die sich an den Kinokassen schnell amortisieren, da die flächendeckende Verbreitung ein großes Studio übernimmt. Eines der jüngeren Beispiele dieser recht erfolgreichen Praxis ist „The Boy Next Door“, der als Comeback-Vehikel für Superstar Jennifer Lopez konzipiert ist und den Erotikthriller-Geist der 90er Jahre aufleben lassen will. Ein 4-Millionen-Dollar-Projekt, das Stand Mitte März mehr als 40 Millionen Dollar eingespielt hat. Leider, muss man in diesem Fall wohl sagen, weil die Zuschauer mit dem Versprechen auf einen knackigen Psycho-Reißer in die Lichtspielhäuser gelockt wurden, obwohl der Film diese Erwartungen nicht einmal ansatzweise erfüllen kann. Was rasch zu der These verleitet, dass der von Hollywood-Routinier Rob Cohen inszenierte Stalking-Quark ohne Jennifer Lopez in vorderster Front wohl nur die Regale der Heimkino-Händler erblickt hätte – verdientermaßen, sollte man an dieser Stelle anfügen!

Zwei Jahre nachdem die Latina-Queen in Taylor Hackfords Actionthriller „Parker“ zum letzten Mal auf der Leinwand zu sehen war, gibt sie sich nun also wieder die Ehre – nicht nur als Hauptdarstellerin, sondern auch als Mitproduzentin. Weshalb man annehmen darf, dass sie die Stoßrichtung des Films und die Ausformung ihrer Rolle entscheidend mitprägt hat. Lopez spielt die Highschool-Lehrerin Claire Peterson, die sich neun Monate nach der Trennung von ihrem untreuen Ehemann Garrett (John Corbett) mit Zweifeln und Unsicherheiten herumschlägt. Kann sie ihrem Teenager-Sohn Kevin (Ian Nelson) gerade jetzt eine gute Mutter sein? Gibt es vielleicht noch eine Chance auf einen Neuanfang für sie und Garrett? Oder soll Claire auf ihre Freundin und Kollegin Vicky (Kristin Chenoweth) hören, die sie dazu drängt, sich endlich auf neue Bekanntschaften einzulassen? Fragen über Fragen, die kurzzeitig in den Hintergrund treten, als die Mittvierzigerin den fast zwanzigjährigen Noah (Ryan Guzman) kennenlernt, der ins Nachbarhaus zu seinem Großonkel zieht.

Fortan wird der junge Mann für Kevin zu einem brüderlichen Mentor und schafft es sogar, Claire nach einem fehlgeschlagenen Dating-Abend zu einer Liebesnacht zu verführen. Während sie das Schäferstündchen schon am nächsten Morgen bereut, steigert sich Noah in eine Obsession hinein, die schon bald bedrohliche Züge annimmt. Zumindest ist das die Absicht, die Drehbuch-Novizin Barbara Curry, eine frühere Staatsanwältin, mit ihrem Skript verfolgt. Leider wimmelt es darin jedoch nur so von Klischees, vorhersehbaren Wendungen und idiotischen Figurenentscheidungen, die eine kontinuierlich ansteigende Spannungskurve von Anfang an unmöglich machen. Sicher, Noah zieht rasch andere Saiten auf, lässt seine charmante Junge-von-nebenan-Maske fallen und entpuppt sich als aufbrausender Psychopath. Die meiste Zeit wirkt er dabei aber nur wie ein aggressiver kleiner Bengel, dem man sein Spielzeug weggenommen hat.

Kontraproduktiv ist freilich auch, dass der Stalker als großes Rundum-Genie gezeichnet wird. Egal, ob es sich um Claires defektes Garagentor (eine recht plakative sexuelle Anspielung?), Computertechnik oder Homers „Ilias“ handelt, Noah ist auf vielen Gebieten bewandert und scheut sich nicht, seine Fähigkeiten offen zur Schau zu stellen. Vollkommen albern wird es vor allem dann, wenn er die Highschool-Lehrerin (natürlich eine Expertin für griechische Klassiker) mit seinen literarischen Kenntnissen bestürmt. Immer wieder wirft der junge Mann mit Homer-Zitaten um sich, die den (vermeintlich) nervenzerrenden Fortgang der Handlung andeuten sollen. Die Reaktion des Zuschauers jedoch ist jedes Mal dieselbe: ungläubiges Gelächter, da sich der schlichte Thriller-Plot auf diese Weise partout nicht auf intellektuelles Niveau anheben lassen will.

In starkem Kontrast zu diesen hilflosen Aufwertungsversuchen stehen dümmliche Dialogwechsel, die das Geschehen überexplizit kommentieren oder als witzige Auffrischungen gedacht sind, letztlich aber nur zum Fremdschämen einladen. Zu den „Volltreffern“ zählt hier auf jeden Fall der Satz „Bei uns war es feucht“, den Noah auf die Wetterlage und die leidenschaftliche Nacht mit Claire bezieht. Trash-Talk, wie man ihn sich schlimmer nicht ausmalen könnte. Cohens Inszenierungsstil passt sich dieser unterirdischen Qualität zwar nicht an, fällt aber höchstens routiniert und damit wenig eindrücklich aus. Actionszenen weiß der „The Fast and the Furious“-Regisseur zu handhaben. Sterile Vorstadtbilder kann er aufrufen. Und auch der Hauptdarstellerin erweist er einen großen Dienst, indem er die gereifte Lopez – wohl nicht zuletzt auf ihr Betreiben hin – insbesondere im ersten Drittel als leicht bekleidete Sexbombe ins Bild setzt. Eine Zurschaustellung im bestmöglichen Licht, die alle anderen, ohnehin schwach ausgeprägten Eigenschaften der Protagonistin in den Hintergrund drängt.

Wer angesichts dieser Prämissen auf knisternde Erotikszenen hofft, sollte seine Erwartungen allerdings gleich zurückschrauben. Insgesamt siegt Biederkeit über sexuelle Eskapaden, was den Film weitaus harmloser und prüder wirken lässt als etwa den provokanten Genreklassiker „Basic Instinct“, der vor mehr als zwanzig Jahren die Gemüter eines weltweiten Kinopublikums erhitzte. Bleibt nur die Frage, wen dieser rundum verunglückte Suburbia-Thriller wirklich vom Hocker reißen sollte? Schließlich werden hier selbst glühende Lopez-Fans nur bedingt auf ihre Kosten kommen.

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