Das ewige Leben: Ein lakonisches Porträt von Schuld, Erinnerung und österreichischer Existenz
Einleitung
Mit Das ewige Leben legt die österreichische Kinoadaption eines populären Kriminalromans eine vorsichtige, aber nachhaltige Spur in die Diskurse über Erinnerung, Verantwortlichkeit und die Verfasstheit öffentlicher Institutionen. Der Film bindet das Genrekorsett des Krimis an eine meditativ-nüchterne Erzählhaltung, die weniger auf Action als auf die psychologische und gesellschaftliche Resonanz eines Verbrechens abzielt. Gerade im Kontext eines europäischen Kinos, das seit Jahren verstärkt soziale Krisen und historische Brüche verhandelt, wirkt diese Zurückhaltung programmatisch: Der Film sucht nicht die spektakuläre Auflösung, sondern das Ausloten von Folgen.
Für das deutschsprachige Publikum ist Die ewige Leben schon deshalb relevant, weil er an eine produktive Tradition anschließt, in der Kriminalfälle als Vergrößerungsglas für kollektive Ängste dienen. Dabei interessiert ihn weniger forensische Genauigkeit als die Frage, wie Gewesenes in Gegenwart hineinwirkt und wie Institutionen mit ihren eigenen Versäumnissen umgehen. Insofern eröffnet der Film einen Reflexionsraum über Erinnerung und die Schwierigkeit, persönliche und öffentliche Narrative zu trennen.
In stilistischer Hinsicht ordnet sich Das ewige Leben in eine Linie ein, die lakonische Dialoge, ironische Distanz und eine Präferenz für ruhige, beobachtende Kameraführung verbindet. Diese Tendenzen haben sich im aktuellen österreichischen Kino als ästhetische Reaktion auf politische Gleichgültigkeit und sozialen Verfall herausgebildet. Der Film positioniert sich damit nicht als bloßes Genrestück, sondern als ein Beitrag zur kulturellen Auseinandersetzung mit Moral und Gedächtnis.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Wolfgang Murnberger, ein Filmemacher, dessen Handschrift besonders in der Inszenierung lakonischer, literaturbasierter Stoffe sichtbar wird. Murnberger arbeitet wiederholt mit Josef Hader zusammen und hat sich als profilierter Adaptor schwarzhumoriger Kriminalromane einen Namen gemacht. Seine Regie vermeidet pathetische Gesten und setzt stattdessen auf eine präzise Figurenführung und eine sparsame Bildsprache, die oft mehr andeutet, als sie erklärt.
Die Produktion bewegt sich in dem Rahmen, den das mitteleuropäische Autorenkino für Genrefilme zur Verfügung stellt: solide Mittel, ein eingespieltes Ensemble und die Nähe zu literarischem Ausgangsmaterial. Als Adaption beansprucht der Film, den Ton der Vorlage zu übertragen und zugleich filmisch zu verdichten - ein Balanceakt, der sowohl die narrative Ökonomie als auch die visuelle Konzentration fordert. In der Reihung von Murnbergers Arbeiten nimmt Das ewige Leben einen Platz ein, der seine Vorliebe für die Vermischung von schwarzem Humor und gesellschaftlicher Schärfe bestätigt.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Josef Hader trägt die zentrale Figur und fungiert als interpretatorische Achse des Films. Hader, ursprünglich als Kabarettist bekannt geworden, hat sich in der Rolle des lakonischen Ermittlers eine eigene filmische Sprache erarbeitet: präzise Gestik, ein zurückhaltender, bisweilen ironischer Ton und die Fähigkeit, Innenleben mit minimalen Mitteln auszudrücken. In Das ewige Leben verkörpert er die Form von Zynismus, die zugleich Verwundbarkeit verbirgt.
Tobias Moretti ist in diesem Ensemble der repräsentative Gegenpol - ein Schauspieler mit großer Präsenz und der Fähigkeit, Autorität ebenso wie Ambivalenz darzustellen. Seine bisherigen Rollen in Fernseh- und Kinoproduktionen haben ihm einen Ruf als Charakterdarsteller eingebracht, der auch in komplexen moralischen Lagen verständlich bleibt. Nora von Waldstätten gehört zur jüngeren Generation österreichischer Darstellerinnen und bringt eine subtile, oft ambivalente Präsenz, die Beziehungs- und Machtverhältnisse nuanciert.
Christopher Schärf, Roland Düringer und Margarethe Tiesel ergänzen das Gefüge mit unterschiedlichen Tonlagen: Schärf als vielversprechender Stichwortgeber, Düringer mit seiner gewohnt pointierten Gesellschaftssatire und Tiesel als verkörperte Innenansicht kleinbürgerlicher oder marginaler Lebenswelten. Zusammen formen sie ein Ensemble, das dem Film erlaubt, von personalen Mikrofonen auf breitere gesellschaftliche Spannungen zu schließen.
Handlung (spoilerfrei!)
Im Zentrum steht ein Kriminalfall, der als Auslöser dient, um die Konturen eines Milieus und die Biografien der beteiligten Figuren freizulegen. Die Ermittlung selbst funktioniert weniger als technisch-akademisches Puzzle denn als dramaturgisches Prisma: Über Befragungen, Begegnungen und Konfrontationen werden Fragmente präsentiert, die zusammengenommen ein Bild von Schuld, Verdrängung und institutionalem Versagen ergeben. Der dramatische Konflikt entspinnt sich an der Schnittstelle zwischen persönlicher Erinnerung und öffentlicher Verantwortlichkeit.
Die Protagonisten - an ihrer Spitze der Ermittler in der Darstellung Josefs Haders - navigieren durch eine Landschaft aus Verdächtigungen, Andeutungen und widerstreitenden Interessen. Die narrative Ökonomie vermeidet salbungsvoll aufgebaute Enthüllungsmomente; stattdessen entfaltet sich die Spannung im Zusammenspiel von lakonischem Dialog, stillen Beobachtungen und gelegentlicher Eskalation. Der Ton bleibt meist kühl, bisweilen trocken-komisch, was der Inszenierung erlaubt, moralische Ambivalenzen in aller Ruhe zu sezieren.
Zentrale Themen und Motive
Das ewige Leben fragt nach dem Gewicht der Vergangenheit im Leben der Gegenwart. Dabei geht es nicht allein um die Aufklärung eines Delikts, sondern um die Frage, wer in einer Gemeinschaft die Deutungshoheit über Erinnerung beansprucht und welche Kosten das hat. Schuld wird weniger als juristischer Tatbestand denn als sozialer Zustand verhandelt - als etwas, das Beziehungen belastet und Institutionen korrumpieren kann.
Der Film erkundet zudem die Grenzen des Erzählens: Wie viel kann Sprache leisten, wenn Erinnerungen fragmentarisch oder willkürlich sind? Hier zeigt sich die Affinität zur literarischen Vorlage - eine Präferenz für den ironischen Erzähler, die Verdichtung von Alltagssätzen zu sachdienlicher Ironie und die Nutzung von minimalen Details als Bedeutungsanker. Gesellschaftlich gelesen, thematisiert der Film ein Klima von Desillusionierung und die Schwierigkeit kollektiver Selbstvergewisserung in Zeiten, in denen Transparenz und Täuschung eng ineinander greifen.
Formale Motive wie stille Räume, zurückhaltende Bildkomposition und ein Klangraum, der eher um Leere als um musikalische Suggestionen kreist, unterstützen diese Reflexion. Die Krimi-Struktur dient hier als Vehikel für eine existenzielle Untersuchung - ein Krimi, der weniger auf das Ende als auf die Spuren achtet, die ein Verbrechen in einer Gemeinschaft hinterlässt.
Filmkritik von Peter Osteried
Josef Hader ist zum vierten Mal als Simon Brenner unterwegs – das ewige Leben ruft
Schon dreimal steckte Brenner in Schwierigkeiten, so tief am Boden wie in Das ewige Leben war er aber noch nie. Obdachlos, pleite, wie ein geprügelter Hund muss er heim nach Graz. Das Haus seines Vaters, alt und heruntergekommen, so wie Brenner selbst, wartet auf ihn, aber noch mehr lauert in der steirischen Stadt – die Vergangenheit, die einen immer wieder einholt.
Nach Komm, süßer Tod, Silentiumund Der Knochenmann spielt Josef Hader zum vierten Mal den ehemaligen Polizisten Brenner, der hier auf alte Freunde trifft, mit denen ihn längst keine Freundschaft mehr verbindet. Die Kopfschmerzen quälen ihn, und zwar so sehr, dass er sich irgendwann eine Pistole an den Kopf setzt. Aber Brenner überlebt, was von seinem seiner ehemaligen Freunde nicht gesagt werden kann. Während Brenner noch überlegt, wer ihn ermordet hat, ist er sich sicher, dass er nie einen Selbstmordversuch unternehmen würde. Die Erinnerung ist weg, er glaubt, jemand hätte ihn töten wollen, aber was nicht ist, kann ja noch werden.
Der in Graz gedrehte Film ist ein geradezu klassischer Brenner. Eine interessante, wendungsreiche Geschichte geht einher mit hoher Dramatik und einem makaberen Sinn für Humor, der auch gerne an der politischen Korrektheit kratzt. Er ist eben unangepasst, so wie es auch die Figur Brenner ist.
Das Faszinierende ist dabei nicht nur, ihn in diesem Film zu sehen, sondern seine Entwicklung über einen Zeitraum von 15 Jahren, seit Komm, süßer Tod in die Kinos kam, beobachten zu können. Im Ergebnis ist das das beeindruckende Porträt eines Mannes, der am Ende seines Weges angekommen ist. Manchmal spielt einem das Leben eben übel mit –und manchmal sind selbst alte Freunde nicht das, was sie einmal waren.
Das Zusammenspiel von Josef Hader und Tobias Moretti ist großartig. Sie spielen Freunde, die keine mehr sind, und reiben sich exzellent aneinander. Aber nicht nur das, es gibt ein paar intensive Szenen, in denen es um Leben und Tod geht, und die doch gänzlich anders ausgespielt werden, als man das erwartet. Das ist generell eine der Stärken der Brenner-Krimis. Nichts ist je so, wie man das vermutet, und alles kann und wird gänzlich anders sein, als es konventionell wäre.
Die Filme – und damit auch Das ewige Leben – biedern sich nicht an. Das fängt schon bei den Dialogen an, die die Grazer Eigenheiten bieten und damit eine Barriere zum deutschen Publikum aufbauen, und endet bei der realistischen Charakterisierung der Figuren. Sympathieträger im eigentlichen Sinne gibt es hier nur wenige, nur echte Menschen mit Schwächen und Stärken. Das ewige Leben ist bodenständiges Erzählkino, spannend, lustig, traurig, überraschend – ein buntes Füllhorn von allem, was das Leben lebenswert macht.

