Saint Amour: Eine lakonische Weinreise zwischen Väterlichkeit, Skandal und komischem, zeitkritischem Existenzialismus
Einleitung
Saint Amour tritt als eine eigenwillige Momentaufnahme der französischen Komödie auf, die weniger auf lauten Gags als auf gebrochener Heiterkeit und melancholischem Humor setzt. Der Film, erschienen am 13.10.2016, fügt sich in eine aktuelle Mode ein, die Roadmovie-Strukturen mit Sozialbeobachtung und dokumentarischer Schärfe verbindet. In einer Zeit, in der traditionelle Bindungen und nationale Narrative hinterfragt werden, bietet Saint Amour eine kleine, subversive Antwort - verkleidet als Weinreise.
Relevanz gewinnt der Film nicht allein durch seine prominent besetzte Tableaux aus alten und jungen Gesichtern, sondern durch die Art und Weise, wie er populäre Mythen - die des französischen Weins, die des patriarchalen Familienoberhaupts - entkleidet und neu zusammensetzt. Die filmische Sprache zieht ihren Reiz aus dem Spannungsverhältnis von Groteske und Zärtlichkeit: Wo Komik erwartet wird, ermöglicht das Bild einen Moment der Unsicherheit, der zum Nachdenken zwingt.
Innerhalb des Werkes seiner Regisseure Benoît Delépine und Gustave Kervern positioniert sich Saint Amour als konsequente Fortsetzung einer Poetik, die sich an Außenseitern und absurden Milieus abarbeitet. Die Regiearbeit bleibt der kantigen, teils rauen Ästhetik treu, die ihre Wurzeln in satirischen Fernsehformaten und der subversiven Tradition des französischen Kinos hat. Der Ton des Films reflektiert damit zugleich einen kulturellen Nerv - zwischen Nostalgie für ländliche Rituale und dem ausgelaugten Zustand populärer Identitäten.
Kurzüberblick zur Produktion
Saint Amour entstand unter der gemeinsamen Regie von Benoît Delépine und Gustave Kervern, einem Team, das in den letzten beiden Jahrzehnten mit Filmen wie Mammuth und Le Grand Soir eine unverkennbare Handschrift etabliert hat. Diese Handschrift zeichnet sich durch einen rauen Realismus, eine Vorliebe für Außenseiterfiguren und eine Mischung aus Komik und existenzieller Schwere aus. Kamera und Montage dienen hier weniger dem glatten Narrativ als der atmosphärischen Verdichtung.
Als französisch-belgische Koproduktion realisiert, bewegt sich Saint Amour in den Parametern moderater Budgets, die den Regisseuren erlauben, auf Ortsets und reale Milieus zu setzen. Die Produktion profitiert von der Einbindung von Schauspielern verschiedenster Generationen sowie von Figuren des öffentlichen Lebens, was dem Film eine heterogene, halb-dokumentarische Qualität verleiht. Auffällig ist die Inszenierung von Landschaften und Produktionsräumen - Weinberge, Dorfkneipen, regionale Messen - als dramaturgische Figuren, die Handlung und Charaktere spiegeln und kommentieren.
Im Gesamtwerk Delépine/Kervern nimmt Saint Amour die Rolle einer thematischen Variation ein: Die wiederkehrenden Motive des gescheiterten Männlichkeitsbildes, des Roadtrips als Versprechen von Erlösung und die Mischung aus Groteske und Empathie bleiben erhalten, werden jedoch in eine neue, vinophile Choreographie übersetzt.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung liest sich wie ein Bandwurm der französischen Schauspiellandschaft: Gérard Depardieu, als kulturelle Ikone und physische Präsenz, bringt seine jahrzehntelange Filmgeschichte in die Rolle des alternden Patriarchen ein. Depardieus Aura - zwischen Großzügigkeit und Grenzüberschreitung - wirkt hier als narrativer Magnet, der sowohl Komik als auch Tragik freisetzt.
Benoît Poelvoorde, bekannt geworden durch radikale Figuren in der belgischen Kinoavantgarde und späteren Komödien, fungiert als komisches und moralisches Gegengewicht. Seine Fähigkeit, Nervosität und Selbstunterschätzung zu körpern, kontrastiert mit Depardieus monumentaler Unbekümmertheit. Vincent Lacoste, Vertreter einer jüngeren Generation, bringt eine andere Tempofärbung in das Gefüge; seine Präsenz verweist auf frische, zeitgenössische Perspektiven im Umgang mit Tradition und Moderne.
Das Ensemble wird ergänzt durch Schauspielerinnen wie Céline Sallette und Chiara Mastroianni, die sensibelere, oft ambivalente Nuancen in die Szenerie tragen, sowie durch überraschende Auftritte von Persönlichkeiten wie Michel Houellebecq, die dem Film eine meta-kulturelle Schicht hinzufügen. Die Figuren sind weniger archetypisch als performativ - die Darsteller arbeiten mit ihrem öffentlichen Gewicht, um Rollen zu formen, die zwischen Selbstkarikatur und tiefen Innenleben changieren.
Handlung (spoilerfrei!)
Saint Amour erzählt von einer Reise, die formal als Roadmovie angelegt ist und inhaltlich von Begegnungen, Konfrontationen und ritualisierten Momenten lebt. Im Zentrum steht ein Konflikt zwischen Generationen - dem alten Mann, der an tradierte Werte und alte Genüsse gebunden ist, und den Jüngeren, die mit Unsicherheit und Selbstzweifel navigieren. Diese Grundkonstellation wird auf eine Reihe von Episoden verteilt, in denen lokale Figuren, gesellschaftliche Randerscheinungen und skurrile Situationen die Route markieren.
Der dramatische Konflikt entspinnt sich weniger aus einem einzigen Ereignis als aus der Reibung der Charaktere aneinander und an einem kulturellen Gefüge, das sich im Wandel befindet. Ton und Atmosphäre schwanken zwischen lakonischer Komik und einer leisen, oft bittersüßen Melancholie. Die Kamera begreift Landschaften und Alltagsorte als Spiegel der Figurenentwicklung - intime Nahaufnahmen wechseln mit weiten Einstellungen, die das Motiv der Reise als existenzielle Suche unterstreichen.
Zentrale Themen und Motive
Saint Amour lotet Fragen der Identität und des Beziehungsgeflechts aus - insbesondere die, wie Männlichkeit in Zeiten sozialen Wandels verhandelt wird. Der Wein fungiert dabei als symbolisches Reservoir: Er ist Genuss, Tradition, aber auch Kapital kultureller Erinnerung. Die Reise durch die Weinregionen wird so zur Metapher für die Auseinandersetzung mit Herkunft, Scham und dem Bedürfnis nach Versöhnung.
Der Film stellt die Frage nach Authentizität in einer medial aufgeladenen Gesellschaft - wie werden Rollen angenommen, wie werden Mythen gepflegt, und wie zerbröseln sie? In dieser Perspektive geht es nicht nur um Familienkonflikte, sondern um die Fragilität sozialer Rituale, die Menschen zusammenhalten. Delépine und Kervern interessieren sich für die Ränder des Komischen - dort, wo Lachen und Mitgefühl unmittelbar aufeinandertreffen.
Psychologisch gesehen erkundet Saint Amour die Modalitäten des Scheiterns und des Weitermachens. Die Figuren bewältigen Enttäuschung nicht durch heroische Lösungen, sondern durch kleine Gesten, Geständnisse und das Aushalten peinlicher Situationen. Damit rückt der Film in die Nähe einer humanistischen Komödie, die die Würde ihrer Figuren auch im Lächerlichen ernst nimmt. Sozialkritisch verweist er auf den Zustand der ruralen Ökonomie und die Ambivalenz kultureller Ikonen - ohne dabei in moralische Schwere zu verfallen.
Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger
„Saint Amour“ hätte wohl eher „Sans Amour“ heißen sollen, denn diesem Film ist einfach gar nichts heilig. Am letzten Tag des Berlinale Wettbewerbs 2016, nach einer guten Woche voller Sozialdramen und Problemfilme, forderten die französischen Regisseure Benoît Delépine und Gustave Kervern ihr Publikum plötzlich dazu auf, über Themen wie Körperbehinderungen und Krebs zu lachen. Kein Wunder, dass das beim Publikum nicht sonderlich gut ankam. In welchem anderen Kontext „Saint Amour“ als Komödie funktionieren könnt, bleibt jedoch auch bei reiflicher Überlegung unklar. Vielleicht in einem französischen Maskulinistenverein? Oder als erste Station eines Junggesellenabschieds?
Der frustrierte und in einer Identitätskrise versinkende Bauer Bruno (Benoît Poelvoorde) säuft sich wie jedes Jahr durch die Weinstände der Agrarmesse. Weil sein Vater Jean (Gérard Depardieu) dieses Elend nicht mehr mit ansehen kann und zudem den Sohnemann als Nachfolger heranziehen möchte, entführt er ihn kurzerhand auf einen Road Trip durch die Weinanbaugebiete Frankreichs. Ebenfalls mit von der Partie ist der Taxifahrer Mike (Vincent Lacoste), der in der Reisegruppe die jüngste Generation vertritt.
Um den Wein scheint es aber keinem von ihnen zu gehen, denn die Gespräche und Erlebnisse kreisen doch mehrheitlich um die Damen der Schöpfung. So klappert Mike während der Tour verflossene Liebhaberinnen ab und Bruno hält frei nach dem Motto „Bauer sucht Frau“ nach einer Lebenspartnerin Ausschau. Und auch Jean sehnt sich seit dem Tod seiner geliebten Ehefrau wieder nach der nach einem Weibe. Tatsächlich kommen alle drei Kerle zum Schuss, wie man so schön sagt, wobei die weiblichen Figuren des Films ausschließlich eben jener Funktion dienen, jedoch keine eigene Persönlichkeit verliehen bekommen.
Warum auch, denn es geht „Saint Amour“ ja nicht um Weiblichkeit, sondern um Männlichkeit und zwar in ihrer virilsten Form. Der Zuchtbulle wird schon in der ersten Einstellung wenig subtil als Motiv eingeführt und es verwundert wohl am Ende niemanden mehr, wenn die drei Helden der Geschichte quasi selbst zu Zuchtbullen werden. Das ist wichtig, denn insbesondere Bruno leidet unter einer Identitätskrise. Mit dem Rechtfertigungsdrang seinen Beruf betreffend, schießt er ein ums andere Mal über das Ziel hinaus. Sein Vater aber weiß ihn zu trösten: „Landwirt ist ein Beruf für echte Männer!“
Ein wenig irritiert es, dass der Film anhand von Bruno dann doch alle Vorurteile gegenüber „einfachen Bauern“ bestätigt: fehlende soziale Kompetenz, übermäßiger Alkoholkonsum, ein Frauenbild von vorvorgestern und das vollständige Fehlen von Tischmanieren. Schlummert in dieser Figurenzeichnung wie auch im sexistischen Frauenbild vielleicht eine gute Portion Ironie?
Der Humor von „Saint Amour“ ist das größte Problem des Films, lässt er sich doch kaum in bekannte Kategorien einordnen. Zuweilen nahe am Slapstick, mal skandinavisch trocken und manchmal einfach nur absurd, lassen sich die verschiedenen Gags einfach nicht zu einem stimmigen Bild zusammenfügen. Verwirrung, wenn nicht gar Ablehnung, entsteht insbesondere in jenen Momenten, in denen weibliche Figuren im Rollstuhl, mit einer Krebserkrankung, in vorzeitiger Menopause oder mit vollschlanken Körperformen die Zuschauer zum Lachen bringen sollen. Die misoygne Einstellung, die der Film in diesen Szenen offenbart, erfährt keine ausreichende ironische Brechung, sondern bleibt als Affront bestehen. Warum, so werden sich selbst die Feminismuskritiker fragen, hasst dieser Film seine Frauen so sehr?
Zugegeben: Auch die drei Männer bekommen ihr fett weg. Benoît Poelvoorde scheint nun endgültig auf die Rolle des Ekelpakets abonniert zu sein, denn Bruno erinnert in seinen asozialen Tendenzen verdächtig an Poelvoordes Gottesfigur in „Das brandneue Testament“. Der Taxifahrer wiederum spielt sich als Gigolo auf, nur um schließlich als Aufschneider entlarvt zu werden. Und Jean... Nun ja, der hinterlässt seiner verstorbenen Frau Nachrichten auf ihrer Mailbox.
Es ließe sich also argumentieren, dass „Saint Amour“ mit allen Geschlechterbildern kritisch ins Gericht geht und sie ironisch betrachtet. Aber dem ist nicht so. Selbst wenn es hier meist die Frauen sind, die die Männer aktiv verführen, verbleiben sie auf Grund ihrer flachen Charaktere reine Objekte, deren alleinige Funktion darin besteht, die Entwicklung der Helden zu katalysieren. Zudem hat keine der Damen einen anderen Lebensmittelpunkt als Mann und Kind zu bieten. Die Frauen bleiben reine Abziehbilder eines konservativen und eng gefassten Schönheits- und Weiblichkeitsideals. Gérard Depardieu hingegen darf trotz voluminösen Körpers, der hier auch in all seiner Pracht zur Schau gestellt wird, eine Hauptrolle spielen. An weibliche und männliche Figuren werden also sehr unterschiedliche Maßstäbe angesetzt.
Alles in allem - misogyne Rhetorik, verschrobener Humor und unsympathische Helden – ist „Saint Amour“ ein schwer zugänglicher Film, was für eine Komödie schwerwiegende Folgen hat. Ohne Beziehung zu den Leinwandcharakteren bleiben viele Gags unangenehm in der Luft hängen, wodurch auch der vermeintlich als „schwarz“ intendierte Humor nur befremden statt unterhalten kann. Der Spannungsbogen leidet ebenfalls unter der Distanz zu Figuren und Geschichte, so dass es „Saint Amour“ trotz des zentralen Road Trips stark an Tempo fehlt. Ohne Witz, Charme, Spannung oder Action, dafür mit umso mehr zweifelhaften Gags ist „Saint Amour“ eine überraschend unlustige französische Komödie. Das haben wir schon viel besser gesehen!

