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Inferno

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kritiken.de Redaktion 13.10.2016
Inferno© Sony Pictures Germany
A ca. 1393 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Inferno und die Ästhetik der Panik - Romanstoffe, Bilderflut und moralische Paradoxien

Einleitung

Inferno erscheint 2016 als ein filmisches Exempel dafür, wie zeitgenössische Unterhaltungsindustrie mit großen Ideen und globalen Ängsten umgeht. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans knüpft an ein populäres Narrativ an, das historische Artefakte, Codes und eine als dringend vermittelte Bedrohung kombiniert. In einer Ära, in der mediale Katastrophenbilder und Debatten über Biotechnologie das öffentliche Bewusstsein prägen, fungiert der Film weniger als bloßer Thriller denn als Spiegel für eine Gegenwart, die sich zwischen Aufklärung und Katastrophenfantasie bewegt.

Für das Publikum ist Inferno vor allem ein weiterer Eintrag in eine Reihe von Stoffen, die das Kolportagehafte des Kultur- und Wissenschaftsdiskurses dramatisieren. Die Bedeutung des Films liegt weniger in originaler Ideenfindung als in der Art und Weise, wie er bestehende Topoi - das Rätsel, den Kulturdiskurs, die ethische Provokation - zu einem massentauglichen Spektakel verdichtet. Als cineastisches Produkt beantwortet er die Frage, wie große Themen auf begrenztem Raum ins Bild gesetzt und zugleich in ihrer Dramatik potenziert werden können.

Innerhalb des filmischen Diskurses lässt sich Inferno als Fortsetzung eines pragmatischen Mainstream-Kinos lesen, das Genres mischt und auf starbesetzte, handwerklich routinierte Umsetzung setzt. Die Reflexion über seine Relevanz muss daher zwei Ebenen unterscheiden: die inhaltlich-philosophische Dimension der Geschichte und die industrielle Praxis ihrer Realisierung. Beide Ebenen geben Aufschluss darüber, weshalb der Film für die mediale Landschaft der 2010er Jahre charakteristisch ist.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte ein erfahrener Filmemacher, dessen Handschrift sich durch sichere Genrekodierung, narrative Ökonomie und ein Faible für historische bzw. intellektuelle Stoffe auszeichnet. Seine Arbeit zeichnet sich weniger durch expressiven Autorenstil als durch handwerkliche Präzision und die Fähigkeit aus, breite Zuschauerschichten anzusprechen. Inferno reiht sich insofern in eine Filmografie ein, die zwischen biographischem Ernst, historischen Dramen und populären Adaptionen oszilliert.

Die Produktion operierte auf der Ebene des internationalen Studios und nutzte sowohl technisches Kapital als auch die Infrastruktur globaler Dreharbeiten. Sichtbar ist ein Aufwand, der auf Location-Shooting in europäischen Zentren setzt, um Authentizität mit touristischer Bilderlust zu verbinden. Diese Produktionsweise ist typisch für Großprojekte, die lokale Idylle als atmosphärische Kulisse instrumentalisieren. Dass der Film in mehrere Länder verortet ist, spiegelt zugleich die ökonomische Logik globaler Koproduktionen wider.

Im Gesamtwerk des Regisseurs nimmt der Film eine funktionale Position ein: Er verbindet seine Neigung zu sachlich erzählten Stoffen mit kommerziellen Anforderungen und zeigt, wie der Filmemacher sein Handwerkszeug - präzise Bildführung, stringente Montage, starzentrierte Inszenierung - auf massenkompatible Stoffe anwendet. Inferno ist damit weder stilistische Zäsur noch radikales Experiment, sondern die konsequente Anwendung eines bewährten filmischen Repertoires auf ein populäres Franchise-Material.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Tom Hanks in der Rolle des intellektuellen Protagonisten, dessen vertraute Leinwandpersona zwischen intellektueller Ruhe und handlungsbereiter Logik oszilliert. Hanks verkörpert hier den professionellen, aber vulnerablen Experten, dessen kombinatorische Fähigkeiten die narrative Maschinerie treiben. Seine Besetzung bringt dem Film die notwendige Vertrauenswürdigkeit, die solche Denkmal-Rätsel brauchen, um glaubhaft zu funktionieren.

Felicity Jones tritt als junge Medizinerin an die Seite des Helden und fungiert sowohl als praktische Helferin als auch als ethische Stimme. Ihre bisherige Karriere, die sie in Rollen mit innerer Klarheit und reduziertem Pathos zeigte, erlaubt es ihr, eine Figur zu spielen, die zwischen Fürsorge und wissenschaftlichem Sachverstand vermitteln muss. Ben Foster liefert die Spannungsebene des Films als radikale, charismatische Gegenfigur; seine Besetzung steht für eine lange Tradition des impulsiven, ideologisch motivierten Widersachers.

Sidse Babett Knudsen erscheint in der Rolle einer offiziellen Vertreterin internationaler Institutionen und bringt die nüchterne Autorität einer Figur, die zwischen Politik und Wissenschaft vermittelt. Irrfan Khan tritt in einer Schlüsselrolle auf, in der seine charakteristische Gelassenheit und sein subtiler Nachdruck Ambivalenz erzeugen. Omar Sy fügt dem Ensemble eine warme, bodenständige Präsenz hinzu, die im Kontrast zum intellektuellen Pathos des Protagonisten steht. Das Ensemble wird durch zahlreiche europäische Darstellerinnen und Darsteller ergänzt, die dem Film lokale Färbung und institutionelle Glaubwürdigkeit verleihen.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt von einer Kette von Ereignissen, die einen intellektuellen Experten in ein Rennen gegen die Zeit treiben. Ausgangspunkt sind rätselhafte Hinweise und historische Bezüge, die sich zu einem modernen Bedrohungsszenario verdichten. Der dramatische Konflikt besteht in der Spannung zwischen Aufklärung und Prävention, zwischen individueller Verantwortung und kollektiver Panik.

Die zentralen Figuren sind der Forscher-Detektiv, seine junge Begleiterin und eine antagonistische Kraft, deren Ideen weitreichende ethische Implikationen haben. Neben ihnen agieren Repräsentanten staatlicher und supranationaler Institutionen, die die Handlung in ein geopolitisches Feld heben. Tonal bewegt sich der Film zwischen adrenalingeladener Jagd und intellektueller Puzzlearbeit; die Atmosphäre ist von klaustrophobischer Dringlichkeit durchzogen, die sich in schnellen Schnitten, aufgeladenen Ortseinstellungen und einem dichten Sounddesign manifestiert.

Zentrale Themen und Motive

Inferno verhandelt wiederkehrende Fragen nach der Verantwortung wissenschaftlichen Fortschritts und den Grenzen utilitaristischer Ethik. Ein zentrales Motiv ist die Idee, dass große Ideen ungeahnte Folgen zeitigen können und dass die Bewertung dieser Folgen selten rein rational und nie frei von Machtinteressen ist. Der Film stellt die Frage, wie Gesellschaften mit Bedrohungen umgehen - ob durch Transparenz, Zensur oder präventive Maßnahmen - und welche moralischen Kompromisse dabei eingegangen werden.

Darüber hinaus arbeitet der Film mit dem Motiv der Stadt als Archiv kollektiver Erinnerung; historische Orte fungieren nicht nur als Kulisse, sondern als Bedeutungsträger, in denen sich Gegenwart und Vergangenheit spiegeln. Die Bildsprache verweist auf die Ambivalenz von Wissen: als Befreiung und als Zündstoff. Auf einer gesellschaftlichen Ebene berührt der Film Ängste vor Kontrollverlust und Biopolitik, auf einer philosophischen Ebene die Frage, ob das kollektive Wohl einzelne Freiheiten rechtfertigen kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Inferno weniger an einer originären moralischen Antwort interessiert ist als an der Zuspitzung von Fragen: Es fordert das Publikum auf, die Bilder von Gefahr und die Rhetorik der Prävention kritisch zu lesen, während es zugleich die Mechanik populären Erzählkinos nutzt, um diese Fragen massenwirksam zu inszenieren.

Filmkritik von Peter Osteried

Kann Tom Hanks das Inferno verhindern?

Nach all den Jahren hätte man nicht unbedingt erwartet, dass der dritte Teil der Robert-Langdon-Trilogie noch umgesetzt werden würde, aber dann rauften sich Ron Howard und Tom Hanks doch noch mal zusammen. Herausgekommen ist ein Film, der sich an die Vorlage hält, damit aber auch nicht deren Schwächen entgehen kann.

Der Milliardär Zorbrist (Ben Foster) hat ein Virus entwickeln lassen, mit dem er die halbe Menschheit auslöschen will. Auf diese Weise soll die Überbevölkerung in den Griff bekommen werden. In die Geschichte hineingezogen wird auch Robert Langdon (Tom Hanks), der mit einer Schusswunde am Kopf in Florenz aufwacht. Als ihn jemand töten will, hilft ihm seine Ärztin Sienna Brooks (Felicity Jones). Gemeinsam folgen sie den Hinweisen, die zum Lagerungsort des Virus führen sollen. Aber dabei werden sie von verschiedenen, an der Bio-Waffe interessierten Parteien verfolgt.

Rasant erzählt ist Inferno allemal, aber die Geschichte hat schon einige Schwächen. Das fängt beim reichlich abstrusen Plan des Schurken an und setzt sich bis zur großen Enthüllung, wie Langdon in diese ganze Geschichte hineingezogen wurde, fort. Auf gut deutsch: Hier ist es mit dem Autor Dan Brown, der die Vorlage geschrieben hat, ziemlich durchgegangen. Denn der Plot wirkt übermäßig konstruiert. Er atmet keinerlei Authentizität. Stattdessen hat man immer das Gefühl, die Bausteine zu erkennen, die zur Fertigung dieser Geschichte eingesetzt wurden.

Daran kann auch die Verfilmung nichts ändern, die mit der Komprimierung auf zwei Stunden zumindest schnell erzählt ist – und eben in dieser Schnelligkeit auch ihr Heil sucht. Man hofft, dass der Zuschauer gar nicht dazu kommt, sich zu den Ungereimtheiten des Plots allzu viele Gedanken zu machen. Stattdessen sollen ständige Verfolgungsjagden und eine Aneinanderreihung von zu lösenden Rätseln sowohl ablenken, als auch den Zuschauer rasch zum Finale tragen.

Immerhin: Langweilig ist Inferno nicht, wie sehr die Geschichte aber in sich zerbröckelt, wird schon während des Sehens bewusst. Auch und gerade, weil man auf ein paar Überraschungen setzt, die so vorhersehbar sind, dass man nur den Kopf über Robert Langdon schütteln kann. Denn ein smarter Kerl wie er hätte da auch draufkommen können. Aber gut, seiner Kopfwunde wegen ist er entschuldigt.

Tom Hanks spielt erneut makellos. Es ist immer eine Freude, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Das übrige Ensemble schlägt sich gut, bietet aber nie etwas Außergewöhnliches. Lediglich Ben Foster ist noch interessanter, da er einen Massenmörder spielt, der sich für einen Erlöser hält. Das ist ein faszinierender Konflikt, der aber nicht wirklich ausgelotet wird.

Ein Pluspunkt sind auch die Drehorte: Der Großteil der Geschichte spielt in Florenz. Das pittoreske Ambiente der Stadt wird herrlich eingefangen. Im Finale geht es dann nach Istanbul. Rein optisch hat Inferno alles richtiggemacht, inhaltlich wäre aber mehr drin gewesen.

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