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Personal Shopper

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kritiken.de Redaktion 19.01.2017
Personal Shopper© Weltkino Filmverleih
A ca. 1478 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Personal Shopper - Zwischen Modewelt und Jenseitskontakt eine subtile Analyse von Identität und Sichtbarkeit

Einleitung

Olivier Assayas' Personal Shopper setzt an einer Grenze an, die heute besonders empfindlich geworden ist - der Übergang zwischen Präsenz und Abwesenheit in einer Welt, die Bilder, Nachrichten und Marken permanent zirkulieren lässt. Der Film interessiert sich weniger für spektakuläre Schauwerte als für die feinen Verschiebungen, mit denen Trauer, Arbeit und medial vermittelte Existenz sich gegenseitig durchdringen. In seiner lakonischen Rhythmik und seiner kühlen Bildästhetik liest sich der Film als ein Gegenstück zu boulevardesken Geistergeschichten; er wirkt wie eine Reflexion darüber, wie moderne Technik das Verhältnis zum Verschwinden transformiert.

Relevanz besitzt Personal Shopper nicht nur als Genreexperiment - eine Mischform aus psychologischem Drama, Geistergeschichte und Milieustudie - sondern auch als Kommentar zur Gegenwart: Wie viel Selbsterleben bleibt, wenn Identität zur Dienstleistung wird und persönliche Nähe zunehmend durch digitale Vermittlung ersetzt ist? Assayas verhandelt diese Fragen auf einer ästhetischen Ebene, die sowohl die Mode-Industrie als auch die Sprachregime neuer Medien in den Blick nimmt.

Im Kontext von Assayas' Werk markiert der Film eine konsequente Weiterführung seiner Themen: das Interesse an Künstler- und Prominentenkulturen, an medialen Vermittlungsformen und an der Schwierigkeit, innerhalb dieser Strukturen authentisch zu bleiben. Personal Shopper steht neben seinen früheren Arbeiten als Reflex auf die Bedingungen des Sichtbarwerdens - hier freilich in einer äußerlich stilleren, innerlich schärferen Variation.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Olivier Assayas, dessen Handschrift sich in der präzisen Balance zwischen dokumentarischer Beobachtung und genrehafter Irritation abzeichnet. Assayas arbeitet häufig an der Schnittstelle zwischen zeitgenössischer Kulturkritik und persönlichem Befragungston - eine Sprache, die auch in diesem Film sichtbar wird. Die Produktion ist ein europäisches Zusammenwirken - französisch-deutsche Kooperationen, gedreht in Paris und mit einem begrenzten Arthouse-Budget realisiert - was dem Film seine Konzentration und Intimität erhält.

Die Produktion zeichnet sich durch einen sparsamen, aber atmosphärisch dichten Zugang aus: konzentrierte Sets in der Modewelt, nächtliche Straßenzüge, enge Innenräume, die die Protagonistin isoliert erscheinen lassen. Assayas nutzt diese Rahmung, um das Verhältnis von Oberfläche und Innerlichkeit zu problematisieren - die Produktionsumstände fördern bewusst einen minimalistisch-aufmerksamen Stil statt opulenter Showeffekte. Im Gesamtwerk Assayas' nimmt der Film eine Sonderstellung ein - er ist zugleich ein formal restriktives wie thematisch expansives Kapitel, das vertraute Motive neu kombiniert.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Kristen Stewart trägt den Film mit einer kontrolliert-entschiedenen Präsenz. Nach Auftritten in kommerzielleren Produktionen hat sie sich unter anderem in Assayas' Clouds of Sils Maria als Schauspielerin mit feiner Innerlichkeit etabliert; hier spielt sie Maureen, eine junge Frau, die tagsüber als persönlicher Einkäuferin einer prominenten Persönlichkeit arbeitet und darüber hinaus eine Beziehung zum Unerklärlichen sucht. Stewart vermeidet theatralische Gesten und setzt stattdessen auf minimale, körperlich nuancierte Reaktionen - ein Auftritt, der die Gegensätze des Films bündelt.

Lars Eidinger bringt jene eigenwillige, theatralische Kälte ein, die seine Bühnenarbeit und seine Filmauftritte prägen. Seine Figur wirkt als Katalysator für die Verschiebungen, die Maureens Wahrnehmung herausfordern. Anders Danielsen Lie, bekannt aus dem skandinavischen Kino, liefert eine ruhigere, zurückhaltende Präsenz als Counterpart - ein Beobachter, der Nähe anbietet, ohne die narrative Achse zu errichten. Sigrid Bouaziz und weitere Ensemblemitglieder geben dem Milieu Kontur - sie repräsentieren die Bürokratie und Oberflächenästhetik einer Branche, die ebenso distanziert wie verführerisch ist.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Handlung ist bewusst sparsam gesetzt: Maureen ist Personal Shopper in Paris - sie beschafft und verwaltet Kleidung und Auftritte für eine international bekannte Kundin und bewegt sich damit im Orbit der Modeindustrie. Parallel dazu trägt sie die private Erfahrung eines Verlustes mit sich; ihr Versuch, Kontakt mit dem Verschwundenen aufzunehmen, bildet die emotionale Achse des Films. In dieses Gefüge greifen scheinbar banale Ereignisse - Anrufe, Nachrichten, Begegnungen - die nach und nach eine unterschwellige Bedrohung und Unsicherheit erzeugen.

Der dramatische Konflikt entspringt weniger äußeren Konfrontationen als dem inneren Widerstreit zwischen professioneller Dienstfähigkeit und persönlicher Suche - zwischen der Rolle als unsichtbare Dienerin der Sichtbarkeit und dem Wunsch nach eigener Antwortbarkeit. Zentral sind dabei die Figur Maureens, ihre beruflichen Ansprechpartner und eine Reihe anonym bleibender Kontakte, die den Film in den Bereich des Ambivalenten und Unbestimmten ziehen. Tonal bleibt der Film nachtwärts, ruhig und doch gespannt - eine Atmosphäre, die anhaltend unterschwellig wirkt.

Zentrale Themen und Motive

Personal Shopper stellt Fragen nach Präsenz - wer ist gesehen, wer bleibt unsichtbar - und verhandelt, wie Arbeit im Dienst der Sichtbarkeit Identität formt und aushöhlt. Der Film lotet die Grenze zwischen digitaler Kommunikation und spirituellem Begehren aus - wie verändert das Medium die Möglichkeit, Verlust zu verarbeiten? Die moderne Gespenstergeschichte hier ist weniger metaphysische Spekulation als Sozialstudie über die Vermittlung von Nähe.

Motivisch wiederkehren Doppelungen - Zwillinge, Spiegelungen, Kleidung als zweite Haut - und thematische Felder - Trauer, Entfremdung, emotionale Arbeit - die miteinander verknüpft werden. Assayas interessiert sich dabei für die kleinen, beinahe unsichtbaren Praktiken des Alltags, die zeigen, wie Subjektivität unter neoliberalen Bedingungen verwaltet wird. Formal nutzt der Film konzentrierte Bildkompositionen, Geräuschräume und die Rhythmen von Nachrichtenflüssen, um eine Erfahrung zu erzeugen, in der das Politische im Privaten spürbar bleibt.

Filmkritik von Andreas Köhnemann

Mit "Personal Shopper" setzt der französische Drehbuchautor und Regisseur Olivier Assayas seine Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Schauspielerin Kristen Stewart fort. Während diese in Assayas' Vorgängerwerk "Die Wolken von Sils Maria" (2014) noch einen Nebenpart an der Seite von Hauptakteurin Juliette Binoche verkörperte, steht sie nun im Zentrum des Geschehens – und liefert eine derart seelenvolle und intensive Performance, dass man auch lange nach der Sichtung des Films immer wieder an die von ihr interpretierte Figur denken muss: an die Blicke, Gesten und Worte, die Sehnsüchte, Ängste und Wagnisse dieser jungen Frau in Paris, die mit zunehmender Verzweiflung auf ein Zeichen wartet.

Vor beinahe hundert Tagen hat die Protagonistin Maureen ihren Zwillingsbruder Lewis durch einen Herzinfarkt verloren. Auch sie selbst leidet unter dem Herzfehler, der Lewis das Leben kostete. Was die beiden außerdem stets verband, war die Gabe, mit Verstorbenen kommunizieren zu können. Da Lewis und sie sich einst gegenseitig das Versprechen gaben, im Falle des Todes ein Zeichen an die zurückbleibende Person zu senden, harrt und hofft Maureen seither vergeblich auf ein Signal. Sie ist – mit geringer Motivation – als persönliche Einkäuferin für das High-Fashion-Model Kyra (Nora von Waldstätten) tätig und lernt dadurch deren Lover Ingo (Lars Eidinger) kennen, welcher Maureen angeblich einen besser bezahlten Job besorgen will. Als Maureen kurze Zeit später während einer geschäftlichen Zugfahrt nach London rätselhafte Nachrichten auf ihrem Mobiltelefon empfängt, ist sie sich nicht sicher, ob Ingo oder jemand anderes ein böses Spiel mit ihr treibt – oder ob es sich bei dem Verfasser der Nachrichten um ihren toten Bruder handelt.

Schon allein im Laufe dieser Zugfahrtsequenz zeigen sich sowohl das inszenatorische Können von Assayas als auch die mimische Ausdruckskraft von Stewart. Denn obwohl diese Passage des Films im Wesentlichen nur aus Aufnahmen besteht, in denen wir sehen, wie Maureen Nachrichten erhält, auf diese reagiert und sie beantwortet, gelingt es Assayas in seiner Umsetzung sowie Stewart in ihrer Darbietung, eine dauerhafte emotionale Spannung zu erzeugen – nicht zuletzt deshalb, weil uns allen die Dramaturgie dieser Sequenz aus dem eigenen Alltag bekannt vorkommen dürfte: das Hin-und-her-Schreiben via Handy, durch das eine digitale Nähe entsteht, das Zögern und Tippen sowie das Bangen und Hoffen beim Warten auf die nächste Antwort. Assayas bildet diesen Vorgang in perfektem Timing ab – und Stewart vermittelt die Gefühle ihrer Figur treffend und nachvollziehbar.

Mit Maureen hat Assayas eine komplexe und faszinierende Heldin geschaffen, die von Stewart glaubhaft zum Leben erweckt wird – in all ihrer tiefen Trauer, ihrem Hadern mit der oberflächlich-materialistischen Luxus-und-Glamour-Welt, die sie in der französischen Metropole umgibt, sowie ihrem innigen Wunsch nach einer Verbindung. Bereits in zahlreichen (Indie-)Filmen, von "Das gelbe Segel" (2008) über "Willkommen bei den Rileys" (2010) bis hin zu "Still Alice" (2014), hat Stewart (neben ihrem internationalen Erfolg mit der "Twilight"-Reihe) ihr großes Talent bewiesen – und doch kann ihre Leistung in "Personal Shopper" als eine der besten Verkörperungen in ihrer bisherigen Karriere bezeichnet werden. Stewart lässt uns den Scherz spüren, den Maureen durch den Verlust von Lewis empfindet – und ebenso deren Überforderung angesichts der bedrohlichen Dinge, die sich bald in ihrem Umfeld ereignen. In Erinnerung bleibt überdies Stewarts stimmiges Zusammenspiel mit Lars Eidinger ("Alle Anderen") als Ingo sowie mit Anders Danielsen Lie ("Oslo, 31. August") in der Rolle des neuen Freundes von Lewis' Ex-Freundin Lara (Sigrid Bouaziz).

"Personal Shopper" ist kein Werk, das man problemlos in eine Genre-Schublade einordnen kann, da Assayas bewusst vieles in der Schwebe lässt. Es tauchen unter anderem ein Spukhaus und der Geist einer zornigen Frau auf; es gibt einen blutigen Mord sowie Momente des Stalkings. Gleichwohl ist Assayas' Schöpfung mit den Termini "Geisterfilm" und "Psychothriller" nur äußerst unzureichend beschrieben. In das Skript flossen diverse Inspirationsquellen – etwa der französische Autor Victor Hugo oder die schwedische Malerin Hilma af Klint – ein; Spiritismus wird hier nicht als Grusel-Unterhaltung ausgebeutet, sondern dazu genutzt, eine Geschichte über Identitätssuche, Trauerbewältigung und Emanzipation zu erzählen. Das Ergebnis ist ein wunderschöner, kluger Film zum Mit- und Nachdenken.

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