La La Land - Zwischen Hollywood-Mythos und moderner Sehnsucht ein Musical über Ambition
Einleitung
La La Land ist mehr als ein Comeback des großen Hollywood-Musicals; der Film hat seit seiner Veröffentlichung im Januar 2017 eine kulturelle Debatte über Nostalgie, Anspruch und das gegenwärtige Selbstverständnis der Traumfabrik Los Angeles ausgelöst. Regisseur Damien Chazelle verknüpft mit seiner kunstvollen Rekonstruktion musikalischer Konventionen eine Reflexion über die Bedingungen kreativer Arbeit im 21. Jahrhundert - ein Thema, das weit über die Form des Entertainment hinausweist.
Die Relevanz des Films liegt nicht zuletzt in der Art, wie er populäre Filmtraditionen wiederaufnimmt und zugleich befragt. Chazelle zitiert klassische Vorbilder, ohne in reine Imitation zu verfallen; sein Blick ist zugleich liebevoll und analytisch. Damit spricht La La Land ein Publikum an, das sowohl das nostalgische Gefühl der alten Studios kennt als auch die Unsicherheiten einer modernen, projektbasierten Kultur der Kreativen.
Im größeren zeitlichen Kontext reflektiert der Film einen Moment, in dem Geschichten über Erfolg und Scheitern neu verhandelt werden - in einer Ära von Social Media, Plattformökonomien und einem verschobenen Verhältnis zwischen Kunst und Kommerz. La La Land steht damit exemplarisch für eine Tendenz moderner Filme, die genretypische Codes nutzt, um gegenwärtige Lebens- und Arbeitsrealitäten zu thematisieren.
Kurzüberblick zur Produktion
La La Land stammt aus der Feder und Regie von Damien Chazelle, der vor allem mit Whiplash (2014) Aufmerksamkeit erlangte. Chazelles Handschrift zeichnet sich durch eine minutiöse Thematisierung von Ehrgeiz und künstlerischem Opfer aus, durch rhythmische Erzählstrukturen und eine starke Verbindung zwischen Musik und filmischer Montage. In La La Land übersetzt er diese Elemente in die Bildsprache des Musicals, wobei Präzision in Choreographie und Kameraarbeit dominierend ist.
Die Produktion wurde von Summit Entertainment und Lionsgate getragen, mit einem geschätzten Budget von rund 30 Millionen US-Dollar. Trotz dieses vergleichsweise moderaten Budgets gelang eine opulente, farbintensive Inszenierung, die durch die Kameraarbeit von Linus Sandgren und die kompositorische Arbeit von Justin Hurwitz geprägt ist. Auffallend ist die Kombination aus sorgfältig komponierten Set-Pieces und scheinbar langen, kontinuierlichen Einstellungen - eine formale Entscheidung, die die theatralische Qualität der Tanz- und Musiknummern betont.
Im Werk Chazelles markiert La La Land einen Schnitt: Während Whiplash bereits die Obsession des Individuums mit Exzellenz behandelte, weitet La La Land die Perspektive auf ein Paar und dessen Versuch aus, Liebe und Karriere unter einen Hut zu bringen. Der Film steht somit sowohl in der direkten Linie von Chazelles Themen als auch als dessen persönlichstes, zugleich kommerziell erfolgreichstes Projekt - ein Film, der beim Publikum als auch in der Kritik breite Resonanz fand.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Ryan Gosling und Emma Stone tragen La La Land als Paar und als sichtbare Träger zweier künstlerischer Biografien. Gosling, bekannt aus Filmen wie Drive und Blue Valentine, bringt eine kontemplative, zurückhaltende Präsenz in die Rolle des Jazzpianisten, dessen Dogmatismus gegenüber der Musik sich formal in ruhigen, punktgenauen Darstellungen von Fingerfertigkeit und Melancholie niederschlägt. Seine Darstellung arbeitet häufig mit minimalen Mienenspielen und körperlicher Präzision.
Emma Stone, deren Karriere von Komödie bis Drama reicht und die vor La La Land in Produktionen wie Easy A und The Help zu sehen war, liefert eine Performance, die zwischen Durchsetzungskraft und verletzlicher Sehnsucht oszilliert. Ihre Figur als angehende Schauspielerin verweist auf die archetypische Hollywood-Figur der hoffnungsvollen Newcomerin, die zugleich die Bruchlinien zwischen Traum und Realität sichtbar macht. Die Chemie zwischen Gosling und Stone ist ein tragendes Element des Films; sie strukturiert seine emotionale Logik ohne in einfache Klischees zu verfallen.
Das Ensemble um die beiden Protagonisten, zu dem unter anderem Rosemarie DeWitt, J. K. Simmons und John Legend gehören, fungiert weniger als eigentliche Nebenhandlungsträger und mehr als soziales Umfeld, das Erfolgskonzepte, Skepsis und die ökonomischen Realitäten der Branche widerspiegelt. Diese Nebenfiguren schärfen die Kontraste zwischen persönlichen Ambitionen und externen Erwartungen.
Handlung (spoilerfrei!)
La La Land erzählt die Begegnung zweier junger Menschen in Los Angeles - einer Schauspielerin und eines Jazzpianisten - und ihr Ringen um berufliche Selbstverwirklichung in einer Stadt, die selbst als Projektionsfläche für Hoffnungen und Illusionen dient. Die narrative Struktur folgt klassischen Beat-Punkten des Liebesfilms, vermischt diese aber mit Szenen, die das Show-Format wieder aufnehmen: Eröffnungssequenzen mit choreografierten Massen, intime musikalische Zwischenspiele und Tableaus urbaner Begegnungen.
Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Spannungsverhältnis zwischen romantischer Verbindung und persönlicher Karriereambition. Entscheidungen, die die Figuren treffen, werden nicht als bloße Handlungspunkte, sondern als Ausdruck ihrer künstlerischen Haltung inszeniert. Die zentrale Spannung liegt weniger in äußeren Hindernissen als in inneren Konflikten - in der Frage, was ein künstlerisches Leben verlangt und was es opfert.
Tonal arbeitet der Film mit einer sensiblen Balance aus Leichtigkeit und Melancholie. Die Musikseite bringt Optimismus in Form von melodischen Höhen, während Bildkomposition und Montage oft eine leise, nachdenkliche Grundierung erzeugen. Los Angeles fungiert dabei nicht nur als Schauplatz, sondern als Stimmungsträger - zwischen grellem Scheinwerferlicht und stillen Straßenabschnitten.
Zentrale Themen und Motive
La La Land stellt grundlegende Fragen nach dem Wert von Kunst, der Natur von Erfolg und der Vereinbarkeit von Liebe und beruflicher Erfüllung. Ein zentrales Motiv ist die Auseinandersetzung mit dem Mythos von Kreativität - insbesondere die Frage, ob künstlerische Authentizität einer Kommodifizierung standhalten kann oder ob sie sich anpassen muss, um überleben zu können.
Der Film arbeitet zudem mit dem Gegensatz von Vergangenheit und Gegenwart: Nostalgische Referenzen an das klassische Musical werden nicht zum Selbstzweck, sondern dienen als Kontrapunkt zur heutigen Produktionsrealität. Die ständige Präsenz von Musik - vor allem Jazz als Symbol für Improvisation und Tradition - reflektiert eine philosophische Spannung zwischen Disziplin und Freiheit, zwischen Form und Spontaneität.
Schließlich geht es um die Stadt als Träger individueller Geschichten. Los Angeles wird als Mosaik von Möglichkeiten und Enttäuschungen gezeichnet - als Ort, an dem Träume geformt und zerkratzt werden. La La Land formuliert daraus kein einfaches Paradigma, sondern lädt zu einer feinsinnigen Überlegung ein: Welche Kosten haben Ambition und Liebe in einer Kultur, die beides zugleich verspricht und verdrängt?
Filmkritik von Peter Osteried
Im „La La Land“ singen und tanzen Ryan Gosling und Emma Stone
Mit Whiplash hat Damien Chazelle schon einen Film abgeliefert, der die Musik nicht nur liebt, sondern sie zelebriert. Die Idee zu La La Land trug er lange mit sich. Er wollte einen Film realisieren, der sich an den amerikanischen Musicals des Goldenen Zeitalters Hollywoods orientiert. Einen, der mit Gesang und Tanz als erzählerisches Mittel den Zuschauer das Gefühl einer Zeit bescheren kann, die weit weniger zynisch und düster gewesen ist. Im heutigen Kino wirkt La La Land wie ein anachronistischer Fremdkörper, aber wie einer, von dessen Schönheit man überwältigt ist.
Mia (Emma Stone) ist Schauspielerin, Erfolg hat sie damit bislang jedoch nicht. Nach mehreren Zufallsbegegnungen lernt sie den Pianisten Sebastian (Ryan Gosling) kennen, der eine unsterbliche Liebe zum Jazz hat und davon träumt, einen eigenen Club zu eröffnen. Mitten in Los Angeles folgen beiden ihren Träumen und verlieben sich dabei ineinander, doch als er mit einer Band erfolgreich ist – und darüber hinaus vergisst, was er eigentlich mal wollte –, sie jedoch weiterhin im Karrieretief steckt, ist das für ihre Beziehung nicht förderlich.
Die Geschichte spielt im Hier und Jetzt, aber die Art, wie Chazelle sie umgesetzt hat, erinnert an längst vergangene Zeiten. Nicht nur, weil Sebastian den Jazz liebt und sich eines Kleidungsstils bedient, der mit seinem Art Deco an alte Zeiten erinnert, sondern auch, weil die Inszenierung so glatt und beschwingt ist. Die Kamera ist sehr vital, sehr aktiv, immer in Bewegung und darum auch stets nah am Zuschauer, der direkt in diese Geschichte hineingezogen wird.
Großartig ist schon die Eröffnungssequenz auf einem Freeway. Die Autos stehen im Stau, weswegen die Leute aussteigen. Erst beginnt eine Frau zu singen, dann schließen sich andere an. Was folgt, ist eine herausragend choreographierte Tanz- und Gesangsroutine, die umso imposanter ist, weil Chazelle sie in nur einer Einstellung dreht. Er nutzt einen Kamerakran und fängt exakt ein, was sich alles auf diesem Freeway tut. Im Verlauf dieser Sequenz merkt man, dass der Filmemacher ohne Schnitte auskommt. Ein Umstand, der sich fortsetzt und bei allen anderen Performances von La La Land zum Tragen kommt.
Ryan Gosling und Emma Stone sind großartig. Sie singen nicht nur gut, sie haben auch die jeweilige, häufig anspruchsvolle Choreographie verinnerlicht. Gosling spielt sogar selbst Piano. Andere Filme würden eine Großaufnahme des Mimen zeigen, dann einen Schnitt machen und die Hände beim Spiel zeigen. La La Land ist ehrlicher. Es ist eine fließende Bewegung von Goslings Gesicht zu seinen Händen und dann groß aufgezogen, so dass man sieht, dass hier nicht getrickst wurde.
Visuell und akustisch ist dies ein wundersames Werk. Eines, das Freude macht, das ein gutes Gefühl verleiht, das sich aber dagegenstemmt, sich der zuckersüßen Qualität alter Musicals zu beugen. Denn Chazelle hat sich entschieden, dem märchenhaften Ambiente zum Trotz eine realistische Geschichte zu erzählen. Somit findet er ein unerwartetes Ende, das erstaunlich bitter ist und umso stärker nachwirkt, weil er einen perfekten Moment findet. Wenige Minuten, in denen sich eine andere Version der Geschichte entfaltet, die nur in dieser kurzen Zeitspanne existiert, die aber ihrer sofortigen Vergänglichkeit wegen umso prägnanter ist. La La Land ist großes Kino der großen Gefühle, eine Verbeugung vor dem Goldenen Zeitalter Hollywoods, aber zugleich auch ein sehr moderner Film.

