kritiken.de› Filme›
Filme

Hell Or High Water

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 12.01.2017
Hell Or High Water© Paramount Pictures Germany
A ca. 1451 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Hell Or High Water: Ein moderner Western über Ökonomie, Brüderlichkeit und die Risse des Landes

Einleitung

Hell Or High Water hat sich seit seiner Premiere als ein Schlüsseltext des zeitgenössischen amerikanischen Western etabliert, nicht als Wiederbelebung nostalgischer Mythen, sondern als scharfsinnige Reflexion über ökonomische Verwerfungen und soziale Entwurzelung. Der Film verschiebt den Fokus vom heroischen Einzelgänger hin zu Figuren, deren Motivation weniger von Ehre als von existenzieller Not bestimmt wird. Damit sitzt er am Schnittpunkt von Genretradition und politischem Gegenwartsdrama.

Im Kontext eines Kinos, das in den letzten Jahren vermehrt auf das ländliche Amerika blickt, liest sich Hell Or High Water als präzise Momentaufnahme. Die Bildsprache nutzt die Weite der Ebene und die Enge zwischenmenschlicher Bindungen gleichermaßen, um zu zeigen, wie wirtschaftlicher Druck Familienstrukturen, Gewerbe und Rechtsempfinden deformiert. Der Film bleibt dabei weniger journalistisch dokumentarisch als dramatisch konzentriert: Er erzählt von Entscheidungen, die moralisch zweideutig sind, und von Institutionen, die gleichzeitig schützend und entfremdend wirken.

Obwohl Regisseur David Mackenzie keine amerikanische Ikone ist, trägt seine Handschrift zur besonderen Tonalität des Films bei: eine Mischung aus lakonischer Direktheit, scharfem Blick für soziale Details und einer feinen Balance zwischen lakonischem Humor und existenzieller Tragik. Hell Or High Water ist deshalb nicht nur ein Beitrag zum Genre, sondern auch ein weiterer Beleg dafür, wie internationales Autorenkino den amerikanischen Westen neu vermessen kann.

Kurzüberblick zur Produktion

Der Film wurde von David Mackenzie inszeniert, dessen Arbeit oft durch eine direkte, körperliche Erzählweise und ein Gefühl für raue Menschenpositionen geprägt ist. Für Hell Or High Water bedeutete das eine Kameraführung, die sowohl die offene Landschaft als auch intime Gesichter einfängt, und eine Regie, die auf zurückgenommene, innere Spannung setzt. Verantwortung für das Drehbuch trägt Taylor Sheridan, dessen Texte in mehreren modernen Western eine wiederkehrende Sensibilität für die Lebenswelt des ländlichen Amerika zeigen.

Hell Or High Water wuchs aus einem Produktionsumfeld, das zwischen Independent-Flexibilität und der Unterstützung etablierter Produzenten operierte. Der Film arbeitet mit einem vergleichsweise moderaten Budget, was seine Konzentration auf Schauspiel, Atmosphäre und klaustrophobisch genaue Sets begünstigte. Die Produktion bevorzugte natürliche Schauplätze und ein zurückhaltendes Design, um Authentizität zu erzielen, statt auf groß angelegte Effektmechanik zu setzen.

Im Gesamtwerk von Mackenzie markiert Hell Or High Water einen klaren Schritt in Richtung einer erzählerischen Verdichtung: Die Regie überlässt viel dem Spiel der Darsteller und der rhythmischen Montage, statt durch explizite moralische Kommentierung zu führen. Als solcher steht der Film für eine Form des Neo-Westerns, die Genrekonventionen nutzt, um gegenwärtige soziale Fragen zu beleuchten, statt sie nostalgisch zu konservieren.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die zentrale Achse des Films bilden Chris Pine und Ben Foster als Brüderpaar mit gegensätzlichen Stärken und ähnlichen Verzweiflungen. Chris Pine, vormals oft in breit angelegten Blockbuster-Rollen zu sehen, zeigt hier eine zurückgenommene, fein nuancierte Seite, die seinem Charakter eine verletzliche Entschlossenheit verleiht. Ben Foster, bekannt für seine Intensität in Charakterrollen, liefert das impulsive Gegengewicht, dessen Körperlichkeit und Unberechenbarkeit dem Film eine permanente Spannung verleihen.

Auf der anderen Seite steht Jeff Bridges in der Rolle des abgeklärten Gesetzeshüters. Bridges, ein Veteran mit einem Repertoire zwischen lakonischen Antihelden und melancholischen Patriarchen, verleiht dem Ermittler eine Mischung aus Weltmüdigkeit und stoischem Pflichtbewusstsein. Nebenrollen, etwa von Charakterdarstellern wie Gil Birmingham und Dale Dickey, stärken das Ensemble durch präzise, oft still arbeitende Präsenz, die den realen sozialen Kosmos des Films glaubwürdig macht.

Die Besetzung ist bewusst so angelegt, dass sie archetypische Rollen besetzt, ohne in Klischees zu verfallen: Jede Figur erscheint als Produkt einer historischen Kontinuität von Arbeit, Verlust und Anpassung, und die Schauspieler schaffen es, diese Lebenslinien auch in wenigen Einstellungen spürbar zu machen.

Handlung (spoilerfrei!)

Hell Or High Water erzählt von zwei Brüdern, die in einer ländlichen Region der USA eine Serie von Banküberfällen begehen. Ihr Motiv ist nicht Habgier, sondern die Aussicht, ein letztes Mal die Existenzgrundlage zu sichern, die durch Schulden, Bankenstruktur und die Ökonomie des Marktes bedroht ist. Auf der anderen Seite stehen Gesetzeshüter, deren Pflichtgefühl und persönlicher Hintergrund die Jagd nach den Tätern zu einem moralisch komplexen Katz-und-Maus-Spiel machen.

Der dramatische Konflikt besteht weniger in spektakulärer Action als in der Konfrontation zweier Logiken: derjenigen, die improvisierte, illegale Mittel zur Sicherung individueller Zukunft nutzen, und derjenigen, die Ordnung, Gesetz und institutionelle Stabilität verkörpern. Die Figuren sind dabei klar konturiert, ohne die Komplexität ihrer Motive zu verlieren. Tonal bleibt der Film melancholisch und oft lakonisch, die Atmosphäre von staubigen Landschaften, flackernden Neonlichtern und einer latent drohenden sozialen Zerstörung geprägt.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Eigentum, Gerechtigkeit und der Funktionsweise wirtschaftlicher Systeme im Alltag. Hell Or High Water stellt die Frage, wie Recht und Moral zueinanderstehen, wenn die ökonomische Realität Menschen in existentielle Bedrängnis treibt. Es geht um die Zerstörung kleiner bäuerlicher und handwerklicher Existenzen durch globale Finanzlogiken und um die Art, wie persönliche Loyalität und familiäre Verantwortung in solchen Umständen neu definiert werden müssen.

Thematisch verbindet der Film ökonomische Kritik mit einer Analyse maskuliner Identität: Brüderlichkeit erscheint als letzte soziale Ressource, die gleichzeitig Schutz und Belastung ist. Die Motive des Films - verschlissene Landstraßen, Bankfassaden, leerstehende Betriebe - funktionieren nicht nur als Kulisse, sondern als Metaphern für einen Raum, in dem historische Versprechen von Stabilität und Aufstieg verloren gegangen sind.

Formal arbeitet der Film mit einem reduzierten, aber pointierten Repertoire: lange Einstellungen, die Weite und Verlassenheit betonen; sparsame, atmosphärische Musik, die moralische Dissonanzen nicht überdeckt; und eine Schauspielkultur, die in kleinen Gesten große Geschichten erzählt. In dieser Kombination entsteht eine moderne Parabel über die Brüche eines Landes, das zwischen Mythos und ökonomischer Realität zerrieben wird.

Filmkritik von Bianka Piringer

Der Geist des Wilden Westens lebt

Manche Dinge ändern sich nie in den Weiten von Texas. Hier über dem flachen Grasland weht noch der Geist des Wilden Westens und bringt einen alten Gesetzeshüter wie Marcus Hamilton (Jeff Bridges) schon mal um seinen Schlaf. In eine Decke mit indianischem Muster gehüllt, verlässt der Texas Ranger nachts sein Motelzimmer und vertritt sich die Beine, als wolle er seinem bevorstehenden Ruhestand entkommen. Der Mann jagt zwei Bankräuber mit dem Spürsinn eines Bluthunds. Aber wenn er Alberto (Gil Birmingham) scherzhaft mit der „Intuition des weißen Mannes“ kommt, ist ihm der Spott dieses Kollegen indianisch-mexikanischer Abstammung gewiss.

Alberto muss sich täglich rassistische Sprüche von Hamilton anhören, der sich ihm gegenüber voller Cowboystolz als historischer Sieger positioniert. Alberto wiederum erinnert den Weißen daran, wem dieses Land einst gehörte. Jetzt werde es eben den weißen Bewohnern weggenommen, sagt er, und zwar von den Banken. Überall weisen Schilder am Straßenrand auf Häuser hin, die zum Verkauf stehen, oder preisen den Leuten Kredite an.

Der Lauf der Dinge zieht merkwürdige Schleifen hier in West Texas. Die Männer tragen seit jeher Waffen, um ihren Besitz zu verteidigen, oder um Banken zu überfallen. Manchmal tun sie sogar beides. Der schottische Regisseur David Mackenzie und sein Drehbuchautor Taylor Sheridan („Sicario“) blicken mit einer Mischung aus Nüchternheit, Sehnsucht und sarkastischem Humor auf dieses mythische Land, über das die jüngste Wirtschaftskrise hinweggerollt ist wie ein Tornado. Der geschiedene Toby (Chris Pine) hat zwei Söhne und will die verschuldete elterliche Ranch nicht der Bank überlassen. Also überfällt er mit seinem älteren Bruder Tanner (Ben Foster) verschiedene Zweigstellen jener Bank, die Geld von ihm fordert.

Cowboy und Indianer, Sheriff und Bandit, Familienmensch und Desperado: Überall sucht der Film mit seinen Gegensatzpaaren den Brückenschlag zwischen gestern und heute, zwischen Krimi und Western. Das kaputte Elternhaus hat Tanner in eine Verbrecherkarriere getrieben. Nun stehen die Brüder verloren und verwaist vor diesem Haus und betrachten den Abendhimmel. Wer in solch einsamer Landschaft aufwächst, bleibt der Familie auf Gedeih und Verderb verbunden.

Chris Pine kann Toby unendlich traurig dreinblicken lassen. Der Schauspieler erinnert mit seiner Frisur und dem Schnurrbart aber auch an Josh Brolin in „No Country for Old Men“, und Jeff Bridges' Charakter besitzt eine gewisse Ähnlichkeit mit dem dort von Tommy Lee Jones gespielten Sheriff. Der Neo-Western liebt die Nostalgie und die ikonischen Figuren. Ganz besonders scheint er für die alten Männer des Gesetzes zu schwärmen, weil sie aussterbende Sicherheiten verkörpern. Bridges genießt die Rolle des schwer atmenden, umständlich sprechenden Hamilton sichtlich wie ein Heimspiel. Es erscheint lange her und zugleich doch nicht so weit weg, dass er 1974 in „Die Letzten beißen die Hunde“, an der Seite Clint Eastwoods, einen Charakter auf der anderen Seite des Gesetzes verkörperte.

Überall schließen sich die Kreise in dieser Hommage an den Wilden Westen und sein Personal. Die in Texas beliebten Countrylieder klingen hier sehr melancholisch, wie auch die Filmmusik von Warren Ellis und Nick Cave. Die Kamera entdeckt den bedrückenden Charakter des Flachlands und verweigert sich auch sonst dem Erhabenen. Profane, realitätsnahe Perspektiven liegen ihr mehr. Und wenn sich Bandit und Gesetzeshüter einander zum Showdown nähern, tun sie das nicht frontal, sondern eher wie Wölfe, die sich lauernd umkreisen. Das Gefühl, irgendwie zusammenzugehören, kann tröstlich sein in dieser gleichgültigen Weite.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de