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Nymphomaniac 2

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kritiken.de Redaktion 03.04.2014
Nymphomaniac 2© Concorde Filmverleih GmbH
A ca. 1700 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Nymphomaniac 2: Anatomie der Begierde als radikale Glaubensprobe der Moderne

Einleitung

Nymphomaniac 2 tritt in einen bereits aufgeladenen Diskurs ein - nicht nur als Fortsetzung eines provozierenden Projekts, sondern als weiteres Kapitel in der Auseinandersetzung eines Regisseurs mit Schuld, Sexualität und Erzählmacht. Der zweite Teil der Tetralogie oder Dyarchie je nach Blickwinkel verlagert die Perspektive von bloßer Schockästhetik zu einer ruhigeren, zugleich unerbittlichen Bestandsaufnahme einer existenziellen Verfassung. In der Veröffentlichungskontroverse und den öffentlichen Debatten über Nacktheit, Autorschaft und künstlerische Freiheit liegt ein Teil der kulturellen Relevanz dieses Films.

Für Lars von Trier, dessen Werk seit den 1990er Jahren immer wieder Gegenstand heftiger Kontroversen ist, markiert Nymphomaniac 2 eine Fortsetzung seiner obsessiven Themenfolge. Nach Stationen wie Breaking the Waves, Dancer in the Dark, Antichrist und Melancholia bleibt die Auseinandersetzung mit Schmerz, Glauben und moralischem Versagen zentral. Der zweite Teil führt die bereits im ersten Teil angelegten narrativen und formalen Fragen weiter und verdichtet sie in einer anderen Tonlage - weniger Kampfschrei, mehr Sezieren.

Gesellschaftlich liest sich der Film als Spiegel zeitgenössischer Verhältnisse von Intimität und Öffentlichkeit. Im Zeitalter digitaler Exhibition und performativer Identität stellt die filmische Konfession, in der intime Details zur Erzählstruktur werden, eine beunruhigende Rückwendung zur inneren Gerichtsbarkeit dar. Nymphomaniac 2 verhandelt damit Themen, die jenseits des Films in Politik, Feminismus und Therapiepraktiken konfliktgeladen sind.

Kurzüberblick zur Produktion

Nymphomaniac 2 entstand unter der Regie von Lars von Trier und reiht sich ein in die Produktionen des dänischen Studios Zentropa, das seit Langem seine kreative Heimstätte bildet. Die Koproduktion zwischen mehreren europäischen Ländern spiegelt die übliche Realität groß angelegter Arthouse-Projekte - ein Netz aus Fördermitteln, Verleihern und künstlerischen Allianzen, das dem Regisseur die für sein Vorhaben notwendige Freiheit verschafft. Auffällig ist die Art, wie von Trier etablierte Schauspieler mit jüngeren, teils kontrovers rezipierten Darstellern kombiniert, um ein Spektrum von Erfahrungsstufen und filmischem Realismus zu erzeugen.

Handwerklich setzt der Film die radikale Mischung aus nüchterner Nähe und stilisierter Inszenierung fort, die für von Triers spätere Arbeiten kennzeichnend ist. Die Produktionsumstände - von der Wahl der Kameraführung bis zur Musikdramaturgie - verfolgen das Ziel, eine emphatische, manchmal klinische Nähe zur Hauptfigur herzustellen. Im Gesamtwerk nimmt Nymphomaniac 2 die Rolle einer systematischen Vertiefung ein - nicht als Bruch, sondern als konsequente Fortführung des Regisseurs, der sich immer wieder als Chronist von Grenzerfahrungen versteht.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum des Films steht Charlotte Gainsbourg, die die ältere Version der Protagonistin spielt. Gainsbourgs Zusammenarbeit mit von Trier hat bereits in früheren Filmen eine dichte Komplizenschaft zwischen Regisseur und Darstellerin gezeigt - ihre Darstellung balanciert Intimität und intellektuelle Distanz, was ihr ermöglicht, komplexe innere Widersprüche zu vermitteln. Stacy Martin, die im ersten Teil als jüngere Fassung der Hauptfigur eingeführt wurde, bleibt als Gegenpol präsent und strukturiert die Biografie der Erzählerin durch kontrastierende Lebensphasen.

Stellan Skarsgård übernimmt die Rolle des Zuhörers und intellektuellen Gegenparts. Seine Funktion in der Erzählstruktur ist weniger die eines klassischen Nebencharakters als die eines interpretierenden Lesers innerhalb der Fiktion - ein Forum, in dem die Worte der Erzählerin auf ihre Plausibilität und Bedeutung befragt werden. Die weiteren Figuren werden von einem Ensemble getragen, das von Willem Dafoe bis zu Uma Thurman und Shia LaBeouf reicht. Diese Besetzung bringt unterschiedliche Schauspieltraditionen zusammen - von der kontemporären amerikanischen Performancekunst bis zur europäischen Theatralität - und macht die episodische Erzählweise zu einer Folge von Begegnungen, die je nach Darsteller eine andere Facette der Hauptfigur spiegeln.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film ist strukturell als erzählerische Rekonstruktion angelegt: Eine Frau berichtet rückblickend über Stationen ihres Lebens, deren Zentrum ihre sexuelle Gewohnheit bildet. Diese Konfession formt die Dramaturgie - einzelne Episoden reihen sich wie Etappen einer Biografie, ohne in klassischer kausaler Konsequenz zu verlaufen. Der dramatische Konflikt entsteht weniger durch ein äußeres Ereignis als durch das Innenleben der Erzählerin - das Verhältnis von Lust, Selbstverständnis und dem Versuch, aus Erfahrung Sinn zu destillieren.

Die zentralen Figuren verbleiben die Erzählerin und ihr Gesprächspartner, doch die Welt, in der sich die Handlung entfaltet, ist durch eine Vielzahl von Begegnungen geprägt. Diese Begegnungen fungieren als Reflexionsflächen - mal banal, mal existenziell - und erzeugen eine Atmosphäre, die zugleich nüchtern und geladen ist. Die Tonalität des Films wechselt zwischen analytischer Geläufigkeit und emotionaler Überwältigung, wodurch eine ambivalente Stimmung entsteht, die sich bewusst jeder einfachen Kategorisierung entzieht.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern des Films steht die Frage nach dem Wert und der Deutbarkeit subjektiver Erfahrung. Was bedeutet es, ein Leben zu befragen, das von einem veränderlichen Verhältnis zur Sexualität geprägt ist? Der Film stellt die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses, die Moralisierung von Begierde und die Mechanismen der Selbstinterpretation in den Mittelpunkt. Zugleich öffnet sich ein philosophischer Raum, in dem Verlangen, Schuld und die Suche nach Kontingenz verknüpft werden.

Psychologisch arbeitet der Film mit dem Motiv der Sucht und des Wiederholungszwangs, ohne diese Phänomene bloß diagnostisch zu behandeln. Gesellschaftlich geht es um die Normen, die Intimität ordnen und stigmatisieren - und um das Publikum, das voyeuristisch und urteilsbereit zugleich ist. Stilistisch spielen Themen wie Erzählautorität, Fragmentierung und theatralische Distanz eine Rolle: Der Film nutzt seine Form, um zu zeigen, wie Sinn konstruiert wird, und fordert damit die Zuschreibung moralischer Kategorien heraus.

Nymphomaniac 2 ist damit weniger ein Statement als ein analytisches Feld - ein Film, der Beobachtung, Selbstbeobachtung und kulturelle Anschauung verwebt. Seine Relevanz liegt in der Radikalität dieser Verwebung - in der Weigerung, einfache Antworten zu geben, und in der insistierenden Frage nach den Bedingungen, unter denen wir Erfahrungen benennen und bewerten.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Wo „Nymphomaniac 1“ den Zuschauer mit kraftvollem Rammstein-Rock auf einen Skandal einstimmte, der niemals eintrat, wählt der zweite Teil des Films den entgegengesetzten Ansatz. Fast unschuldig kommt die in Pastell gefärbte Eingangsszene daher, die Joe (Stacy Martin) und Jerôme (Shia LaBeouf) in einem Moment von Intimität und Zärtlichkeit zeigt, aber auf einen Film hinführt, der von Gewalt in ihren mannigfaltigen Ausprägungen erzählt. Und spätestens wenn nur wenige Einstellungen später Jerôme seine Geliebte von hinten penetriert, während sie desinteressiert, fast teilnehmungslos unter ihm liegt, stellt sich ein Gefühl von Bitterkeit ein.

Noch stärker als der erste Teil der Geschichte, handelt „Nymphomaniac 2“ von Schuld und Depression. Joes Liebesbeziehung zu Jerôme wird durch ihren Trieb zunehmend auf die Probe gestellt. Ausgelaugt und frustriert darüber, dass er seiner Partnerin nicht die ersehnte Befriedigung verschaffen kann, bittet Jerôme sie geradezu, sich mit anderen Männern zu vergnügen. Nur ist es eben jenes Vergnügen, dass Joe fortan nicht mehr empfindet. Jeglicher sexueller Empfindungen an ihrer Vagina beraubt, macht sie sich auf die Suche nach neuen, immer extremeren körperlichen Erfahrungen, die jedoch schließlich ihr Familienleben mit Jerôme und dem gemeinsamen Sohn Marcel zerstören. Immer stärker wird Joe auf Grund ihres Sexualtriebs an den Rand der Gesellschaft getrieben, bis es schließlich keine Hoffnung mehr zu geben scheint.

In „Nymphomaniac 2“ findet sich schließlich die für Regisseur Lars von Trier so typische zwangsläufige Abwärtsspirale der Heldin, die der erste Teil vermissen ließ. In seiner schmerzhaften und bedrückenden Stimmung, der man sich nur schwer entziehen kann, entwickelt „Nymphomaniac 2“ deutlich mehr Kraft als sein Vorgänger, die Verbindung von Sexualität und Gewalt wiederum bietet schon eher das vom Marketing versprochene „Skandalpotential“ als die recht brave Inszenierung des ersten Teils und das nicht nur (aber auch) weil diesmal die geschnittene Kinofassung Bilder des weiblich Genitals enthält.

Stärker als zuvor kreist die Handlung nun um das Thema Sexualität. Die Abschweifungen Seligmans (Stellan Skarsgård), dem Joe in der Rahmenhandlung des Films sozusagen ihre Lebensbeichte ablegt, sind deutlich kürzer gehalten und fügen sich weniger organisch in die Binnenhandlung der Geschichte ein. Der hierdurch fragmentarische und episodenhafte Charakter des zweiten Teils könnte jedoch auch auf die Schnittfassung des Films zurückzuführen sein. Wo es die bei der Berlinale gezeigte Langfassung von „Nymphomaniac 1“ verstand, auch zunächst abstrus erscheinende thematische Ausflüge kunstvoll mit der Haupthandlung zu verweben, wirken Seligmans Anekdoten nun zunehmend aufgesetzt und es hilft wenig, dass Joe dies in einem selbstironischen Moment des Films kommentiert. Auch die jetzt explizit benannte Aufstellung der Gesprächspartner – Nymphomanin trifft Asexuellen – wirkt arg konstruiert, das Setting der Rahmenhandlung weniger glaubwürdig.

Weiterhin irritierend bleibt die wiederholte Brechung, die Lars von Trier nicht nur durch die Anekdoten Seligmans, sondern auch durch den Einsatz von Humor erreicht. Immer wieder bringt er den Zuschauer zum Lachen und gönnt ihm damit kurze Momente der Erholung von der Scham, die doch einige in Anbetracht der Bilder von Geschlechtsverkehr und Sadomasochismus befallen wird. Fraglich bleibt, ob dies Ausdruck der Scham des Regisseurs selbst ist, der sich nicht traut, einen direkten visuellen und dramaturgischen Zugang zum Thema Sexualität zu finden, oder ob Lars von Triers hier seinem Publikum mittels der Figur des Seligman, der zwar nicht Zuschauer, aber Zuhörer ist, die eigene Verklemmtheit vor Augen führen möchte.

Die Frage, wie der Film und/oder sein Regisseur sich letztlich zur Sexualität seiner Heldin positioniert, ist auch mit dem Blick auf beide Teil des Films schwer zu beantworten. Während Joe sich im Rahmen einer Gruppentherapie selbst bejaht und Seligman ihr schließlich Absolution erteilt, weise auf die allgemeine Diskriminierung der sexuell aktiven Frau in unserer Gesellschaft verweisend, inszeniert der Film Joes Trieb durchaus als destruktiven Mechanismus. Lars von Trier zwingt seine Heldin, eine Entscheidung zwischen Mutterschaft und dem Ausleben ihrer Neigungen zu treffen. Beides zugleich scheint im Universum dieses Films nicht möglich zu sein. Joes Entscheidung gegen das Kind und für die nächtlichen sadomasochistischen Ausflüge führt zu einer Krisensituation, die in ihrem Zitat des Films „Antichrist“ nur als Kritik von Joes Verhaltens verstanden werden kann. Unklar bleibt, worin die Wurzel des Übels besteht. Ist es eine „kranke“ Gesellschaft, die Joes Sexualität pathologisiert und die Nymphomanin in die Isolation und Depression treibt? Oder ist es sie selbst, die in ihrem Verhalten als „krankhaft“ und destruktiv zu verurteilen ist?

Die Vermutung liegt nahe, dass „Nymphomaniac“ als Gesamtwerk diese Frage gar nicht beantworten möchte, dass die Frage nach der Legitimation von weiblicher Sexualität hier nicht im Zentrum, sondern am Rande der Geschichte steht. Im dritten Teil der „Depression“-Trilogie geht es dem Regisseur wohl viel mehr um das emotionale Erleben seiner Figur, um die Entstehung von Selbstzweifeln, Selbstabwertung und schließlich Selbsthass. Was nach dem Film hängen bleibt ist ein Gefühl von Isolation und Hoffnungslosigkeit eines Menschen – ob weiblich oder männlich – der von der Norm abweichend keinen Platz in dieser Gesellschaft, keine soziale Unterstützung und keinen Trost findet, niemals finden wird.

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