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Noah

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kritiken.de Redaktion 03.04.2014
Noah© Paramount Pictures Germany GmbH
A ca. 1767 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Noah - Ark und Abgrund: Ein moderner Mythos zwischen Zorn, Schuld und Verantwortung

Einleitung

Darren Aronofskys Noah ist kein biblischer Illustriertenstoff im klassischen Sinne, sondern ein filmisches Experiment, das einen Mythenkern in die Gegenwart verschiebt. Die Rezeption des Films bei seinem Erscheinen 2014 machte deutlich, warum eine solche Neuinterpretation relevant ist: Sie trifft an einer Schnittstelle von Religion, Ökologie und moralischer Verantwortung, die im 21. Jahrhundert zu einem prägenden kulturellen Diskurs geworden ist. Aronofsky verhandelt die bekannte Erzählung nicht nur als historische Nacherzählung, sondern als Deutungsraum für Fragen nach menschlicher Schuld und kollektiver Rettung.

Im Werk des Regisseurs markiert Noah eine konsequente, wenn auch ungewohnte Fortsetzung seines Interesses an obsessiven Figuren, metaphysischen Grenzsituationen und der Frage nach dem Preis individueller Entscheidungen. Wer Aronofsky kennt - von Pi über Requiem for a Dream bis Black Swan - erwartet keine nüchterne Bibelverfilmung, sondern eine visuell rigide, tonal ambivalente Annäherung an das Mythische. Noah nimmt diese Handschrift und skaliert sie zu einem Weltentwurf, der von Urgewalt, apokalyptischer Dringlichkeit und intimer Zerrissenheit gleichermaßen lebt.

Die gesellschaftliche Relevanz des Films liegt weniger in seiner Treue zum Text als in seiner zeitlichen Platzierung: In einer Epoche, in der ökologische Krisen, die Legitimation von Gewalt und die Rolle religiöser Narrative in der Politik verhandelt werden, bietet Aronofskys Noah einen Folie, auf der diese Debatten als dramatische Fragen erscheinen. Der Film stellt die Frage nach kollektiver Verantwortung und individueller Moralität neu - nicht als abstraktes Diskursfragment, sondern in Form von Figuren, Bildern und einer Bildsprache, die sich an archaische wie an moderne Wahrnehmungsmuster richtet.

Kurzüberblick zur Produktion

Noah ist das ambitionierteste Studioprojekt in Aronofskys Filmografie bis dahin. Der Regisseur, der sich durch intimeres Autorenkino einen Namen gemacht hat, trat hier mit einem großen Budget und den Produktionskapazitäten eines Studios an. Die Produktion nutzte umfangreiche visuelle Effekte, aufwändige Sets und Naturaufnahmen, unter anderem in Island, um eine Welt zu schaffen, die zugleich primitiv und monumental wirkt. Die Bildgestaltung verantwortete der langjährige Aronofsky-Kollaborateur Matthew Libatique; die Musik, in ihrer mythologischen Dichte zentral für die Tonalität, stammt von Clint Mansell.

Die studiospezifische Dimension des Films - ein Stoff mit hoher kultureller Resonanz, finanziell aufwändig umgesetzt - setzte Aronofsky unter den Druck, einen populären Stoff an die eigene künstlerische Sprache zu binden. In seinem Gesamtwerk nimmt Noah daher eine Sonderstellung ein: Es ist einerseits ein Überschreiten früherer Formate durch epische Breite, andererseits eine konsequente Fortsetzung seiner ästhetischen Obsessionen - Isolation, Extase und die gewalttätige Logik radikaler Entscheidungen bleiben zentrale Elemente.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Russell Crowe als Titelfigur, der hier die ambivalente Rolle des Retters und Richter zugleich verkörpert. Crowes Präsenz bringt dem biblischen Archetyp eine irdische Schwere - er ist weniger fastigierter Prophet als zerrissener Vater, dessen Entscheidungen das Gewicht menschlicher Existenz tragen. Jennifer Connelly spielt die lebensweltliche Kontrapunktin - Noachs Ehefrau, die in ihrer Funktion als moralische und emotional stützende Figur das innere Gleichgewicht der Familie markiert. Emma Watson verleiht dem Film eine moderne Note als Ila, die versinnbildlicht, wie die neue Generation an Altbewährtem rührt; ihre Präsenz verweist auf Fragen von Zugehörigkeit und Emanzipation.

Logan Lerman, Douglas Booth und Finn Wittrock gehören zur jüngeren Riege und stehen für die verschiedenen Möglichkeiten familiärer und politischer Identität innerhalb der Arche. Sie verkörpern Söhne oder Nachkommen, die den Fortbestand des Menschengeschlechts repräsentieren und zugleich in Auseinandersetzungen über Loyalität, Gehorsam und Eigeninitiative geraten. Anthony Hopkins tritt in einer kleineren, aber gewichtigen Rolle als älterer, mythischer Zeuge auf und bringt die Figur des Überlebenden und Bewahrers in die Erzählung. Das Ensemble verbindet etablierte Charakterdarsteller mit jungen Talenten und erzeugt so eine dramatische Generationsdynamik, die für die Themen des Films zentral ist.

Handlung (spoilerfrei!)

Noah verlegt die bekannte Erzählung in eine filmische Kontinuität, die auf großen Landschaftsbildern und intimen Interieurs zugleich basiert. Ohne Details vorwegzunehmen, lässt sich sagen, dass der Film eine dramatisch zugespitzte Ausgangssituation nutzt: Die Welt ist dem moralischen und ökologischen Verfall anheimgefallen, eine kosmische Entscheidung soll treffen, was überdauern darf. Die narrative Engine ist die Vorbereitung und Durchführung eines Rettungsaktes, dessen Ausmaß und Ausrichtung die Figuren vor existentielle Entscheidungen stellt.

Der dramatische Konflikt entsteht aus der Spannung zwischen einem von außen behaupteten Auftrag und der inneren moralischen Instanz des handelnden Menschen. Noah steht im Zentrum dieses Konflikts als Figur, die Verantwortung übernehmen muss und deren Handlungen nicht nur das Schicksal der Familie, sondern das der gesamten Menschheit berühren. Die zentralen Figuren sind klar personalisiert - ein Paar, seine Nachkommen, Verbündete und schemenhafte Gegenspieler - doch die Erzählung arbeitet stärker mit archetypischen Funktionen als mit psychologischer Ausführlichkeit. Ton und Atmosphäre oszillieren zwischen archaischer Wucht und beklemmender Nähe, zwischen Naturgewalt und innerer Zerrissenheit.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt Fragen nach Schuld und Sühne, nach der Legitimation radikaler Maßnahmen zum Schutz künftiger Generationen und nach dem Verhältnis von göttlicher Willkür und menschlicher Verantwortung. Aronofsky nutzt die biblische Vorlage als Projektionsfläche für einen Diskurs über Ökologie - die Erde als verletzter Organismus - und über die moralische Last von Entscheidungen, die Leben und Tod betreffen. Dabei tritt die Frage hervor, ob Rettung ohne Gewalt möglich ist und welche ethischen Kosten kollektive Erlösung fordert.

Formale Motive des Regisseurs durchziehen die Handlung: die Fixierung auf extremen Fokus, der Einsatz expressiver Nahaufnahmen, eine Soundgestaltung, die Naturgewalten als akustischen Protagonisten aufruft, sowie die Verwandlung des menschlichen Körpers in Träger größerer metaphysischer Fragen. Mythische Elemente - das Bild der Arche, die Idee von Auserwählung und der Bruch mit etablierten Ordnungen - werden nicht apologetisch behandelt, sondern problematisiert. So entsteht ein filmischer Raum, in dem antike Narrative auf gegenwärtige Dilemmata treffen und in dem die Bildsprache selbst zur ethischen Instanz wird.

Noah ist damit weniger eine Antwort als ein Angebot: ein ästhetisch aufgeladenes, gedanklich herausforderndes Mapping eines Mythos auf moderne Konflikte. Der Film fordert, ohne eindeutige Lösungen zu liefern, und setzt damit den Diskurs über Verantwortung, Gewalt und Bewahrung in eine neue, visuell potente Perspektive.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Wie erzählt man eine Geschichte, deren Ausgang jedem bekannt ist? Vor dieser Aufgabe standen Darren Aronofsky und Ari Handel, als sie das Drehbuch zu „Noah“ schrieben. Um das biblische Kapitel von der großen Flut, der Arche und dem Überleben der göttlichen Schöpfung spannend zu erzählen, musste die Geschichte neu erfunden werden. Und so ist „Noah“ kein klassischer Bibelepos, sondern eine Literaturverfilmung geworden, die sich wie jede anderer ihrer Art gewisse Freiheiten nimmt, um das geschriebene Wort in Bilder zu übersetzen.

Noah (Russell Crowe) lebt mit seiner Familie in einem geradezu postapokalytpisch anmutenden Ödland aus Geröll und Steinwüsten. Der Gefahren gibt es viele. Die Menschheit ist vom rechten Glauben abgefallen, spielt sich zum Weltherrscher auf und ergeht sich in Grausamkeiten. Zudem lauern zu Steinriesen verwandelte, gefallene Engel, die sich gegen die sündhaften Menschen verschworen haben. Doch nachdem Noah im Traum Gottes Ruf vernommen hat, stellt er sich tapfer allen Gefahren, bricht zu seinem Großvater Methusaleh (Anthony Hopkins) auf und baut die berüchtigte Arche. Sein fanatischer Glaube an die Schlechtigkeit der eigenen Art entwickelt sich zunehmend zu einer Bedrohung für seine Familie, denn für Noah erhält die Schöpfung nur ohne den Menschen eine zweite Chance.

Die Handlung von „Noah“ lässt sich grob in zwei Teile teilen. Der Film beginnt mit epischen Aufnahmen der Wüstenei, märchenhaften Steinriesen, nahezu psychedelischen Visionen und einer großen Portion Action. In diesem ersten Abschnitt gelingt es Darren Aronofsky die Kraft der biblischen Geschichte in Bildgewalt zu übersetzen. Dramatische Musik schürt die Emotionen der Zuschauer, die vollends in die Handlung aufgesogen werden. Ob gläubig oder nicht, Aronofsky kann hier jeden mitreißen, der bereit ist, sich auf eine übersinnliche Geschichte einzulassen. Und wenn man den Erfolg der „Herr der Ringe“-Trilogie betrachtet, dann dürft dies auf eine beträchtliche Anzahl von Menschen zutreffen. „Noah“ entpuppt sich als klassischer Heldenepos, der seine Hauptfigur ordentlich überhöht und in blutigen Duellen gegen seine Feinde antreten lässt.

Sobald jedoch die Wassermassen vom Himmel fallen, verwandelt sich Aronofskys Film in ein Familiendrama. Schon im ersten Teil deutet sich das Paarungsbedürfnis der Söhne Noahs, Ham (Logan Lerman) und Shem (Douglas Booth), an. Während ersterem durch den Untergang der Menschheit auch die Chance auf ein Weib genommen wurde, geht letzterer eine sexuelle Beziehung zu seiner Adoptivschwester Ila (Emma Watson) ein. Das wiederum sieht sein Vater gar nicht gern, möchte er doch das Überleben der Rasse Mensch unter allen Umständen verhindern. Die schwelenden Konflikte bringen in Noah und seiner Familie eben jene Aggression zum Vorschein, die sie mit der Sintflut verloren gehofft hatten.

Bedauerlicher Weise funktioniert der zwischenmenschliche Plot des Films nur ungenügend. Das Begehren zwischen Shem und Ila ist kaum spürbar und entlädt sich schließlich in einer gänzlich unglaubwürdigen Vereinigungsszene, die nicht nur wegen ihrer Knappheit keinerlei Emotionen transportieren kann. Auch das Drama auf der Arche wirkt zu überladen, wenn nicht gar konstruiert, um wahrlich zu berühren. Verzerrte Gesichter, Tränenbäche, aggressiv geballte Fäuste – statt subtiler Beziehungsdynamik setzt Aronofsky auf melodramatische Szenen, die den einst völlig gefesselten Zuschauer stetig wachsender Irritation aussetzen.

Vielleicht aber gehört eben jene Übertreibung auch zu der Erzählung einer solchen Geschichte dazu. Die Aufnahmen von Landschaften und herbeieilenden Tierherden sind mächtig, die Inszenierung der sündhaften Menschen überaus barbarisch. Darren Aronofsky trägt dick auf und das ist gut so. Die konsequente Übertreibung ist sein Stilmittel der Wahl, mit dem er eine Distanz zu seinem Stoff gewinnt, die für ein nicht christlich-frommes Publikum fundamental ist. Schon die Schriftart der Eingangstitel erinnert an die Verfilmung eines Fantasyromans, die Steinriesen rufen Erinnerungen an „Die unendliche Geschichte“ wach und die Figur des nicht nur weisen, sondern gar magisch begabten Methusaleh erinnert eher an einen Zauberer als an einen Propheten. Trotz seiner Nähe zur „Heiligen Schrift“ funktioniert „Noah“ auch für ein bibelfernes Publikum, nicht zuletzt deshalb, weil zwischen den eindeutig christlich basierten Passagen immer wieder andere Glaubenssysteme durchschimmern. Mit einer wunderschönen Zeitraffersequenz führt Darren Aronofsky sein Publikum schließlich durch eine Schöpfungsgeschichte, die Genesis und Evolution miteinander versöhnen kann.

Die vielleicht etwas überdeutliche Moral der Geschichte ist sowohl christlich als auch religionskritisch. Auf der einen Seite arbeitet „Noah“ mit der Gegenüberstellung des Guten und Bösen auf der Basis christlicher Werte, gleichzeitig stellt der Film diese Kategorisierung in Frage. Wenn wir die ertrinkenden Menschenmassen betrachten, müssen wir uns dem Zweifel stellen, wie gerecht die Rettung weniger „Unschuldiger“ denn tatsächlich ist. Auch Noahs Verbitterung, seine Einstellung, für die eigene religiöse Überzeugung gar über Leichen zu gehen, ist ein Spiegel all jener Gewalt in unserer Welt, die der Verbreitung des „richtigen“ Glaubens gilt. Ganz ohne Missionseifer lehrt „Noah“ das Publikum eine Lektion über Demut vor dem Leben selbst.

Trotz einiger Schwächen bleibt Darren Aronofskys Film somit ein Beweis für die Kraft biblischer Geschichten. Einige sehen darin vielleicht lediglich eine spannende und vor allem fantastische Erzählung, andere dann doch eine spirituelle Erfahrung. Aber völlig kalt lassen wird „Noah“ wohl niemanden.

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