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A Long Way Down

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kritiken.de Redaktion 03.04.2014
A Long Way Down© DCM Filmverleih
A ca. 1617 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

A Long Way Down - Komische Schwerkraft und die Moral der öffentlichen Aufmerksamkeit

Einleitung

A Long Way Down tritt in einen kulturellen Dialog, der in den letzten Jahrzehnten an Schärfe gewonnen hat: Wie nähert sich das Kino dem Thema Verzweiflung, wenn es zugleich die Mechanismen der Medienöffentlichkeit und die Sehnsüchte moderner Einsamkeit reflektiert? Die britische Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nick Hornby verbindet eine ernste Thematik mit dem Genre der Komödie - eine Spannung, die nicht nur dramaturgisch reizvoll ist, sondern auch ästhetisch und moralisch zu befragen einlädt.

Regie führt Pascal Chaumeil, ein Regisseur, der bislang vor allem aus der französischen Unterhaltung bekannt war und hier erstmals ein englischsprachiges Ensemble inszeniert. Im Vergleich zu seinem bisherigen Werk verschiebt sich der Ton - von leichten Liebeskomödien hin zu einer bittersüßen Tonlage, die zwischen Empathie und Ironie oszilliert. Diese Verschiebung macht den Film relevant, weil er ein populäres Stoffmotiv - die zufällige Gemeinschaft von Außenseitern - in ein Gegenwartsszenario übersetzt, das mediale Resonanz und private Notlagen untrennbar erscheinen lässt.

In einem gesellschaftlichen Klima, in dem psychische Gesundheit, öffentliche Entblößung und die Instrumentalisierung persönlicher Krisen für mediale Aufmerksamkeit vermehrt Thema sind, wirkt die Geschichte wie ein Spiegel. Nicht allein die Frage nach individueller Rettung steht im Raum, sondern auch die nach der Ethik der Darstellung und der Verantwortlichkeit von Öffentlichkeit - Aspekte, die der Film als Komödie verhandelt, ohne die Schwere des Sujets zu negieren.

Kurzüberblick zur Produktion

A Long Way Down basiert auf dem Roman von Nick Hornby und wurde von Pascal Chaumeil inszeniert. Die Adaption für die Leinwand stammt aus der Feder des Schriftstellers und Drehbuchautors Jack Thorne, der für seine Arbeit an zeitgenössischen Figurenzeichnungen bekannt ist. Die Produktion ordnet sich in die Tradition britischer Autorenfilme ein, die literarische Vorlagen in ein filmisch zugängliches Format übersetzen - mit einem Ensembleansatz, der Charakterstudie und situative Komik verbindet.

Die Umstände der Produktion reflektieren einen mittleren Produktionsrahmen: international besetzte Hauptrollen, eine britische Verortung des Stoffes und eine Ausrichtung auf ein Publikum, das sowohl das Kinopublikum für Komödien als auch das literarisch informierte Publikum anspricht. Im Gesamtwerk Chaumeils stellt der Film einen bewussten Schritt in Richtung tiefere emotionale Nuancen dar - weg von reinem Genreentertainment, hin zu einer sensibleren Verhandlung von Melancholie und Komik.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Rosamund Pike bringt in der Figur, die sie verkörpert, eine Mischung aus Zurückhaltung und latentem Aufruhr mit. Ihre bisherigen Rollen - von klassischer Literaturadaption bis zu psychologisch gespannten Charakteren - machen sie zur Darstellerin, die innere Widersprüche mit äußerer Fassungskraft koppeln kann. In diesem Ensemble fungiert sie als stiller Pol, dessen Innenleben dem Ensemble als emotionaler Kristallisationspunkt dient.

Pierce Brosnan und Sam Neill stehen für eine Generation etablierter Darsteller, deren Karrierehistorien automatisch kulturelle Resonanzen mitliefern. Brosnan, lange an die Figur des charismatischen Abenteurers gekoppelt, und Neill, dessen Präsenz oft eine Mischung aus Autorität und verletzlicher Würde vermittelt, spielen hier archetypische, aber nuancierte Gegenpole - Männer, deren äußere Fassung innere Brüche verdeckt.

Die Jüngeren im Ensemble - Imogen Poots und Aaron Paul - bringen unterschiedliche Energieschichten ein. Poots ist bekannt für Rollen, die eine spezielle Mischung aus Unberechenbarkeit und Verletzlichkeit verlangen, während Paul, international prominent geworden durch Fernsehserien, eine rohere Direktheit ins Spiel bringt. Toni Collette vervollständigt das Ensemble als Schauspielerin mit großer Bandbreite - sie hat die Fähigkeit, komische und tragische Register dicht nebeneinander zu setzen, ohne dass die Figuren in Klischees abrutschen.

Handlung (spoilerfrei!)

Der erzählerische Ausgangspunkt ist bewusst fokussiert: Vier Menschen unterschiedlichen Alters und sozialer Herkunft treffen zufällig aufeinander in einem Moment existenzieller Verzweiflung. Aus diesem Begegnungsmoment entspringt ein Pakt - ein Zusammenschluss, der mehr aus Verzweiflung als aus Hoffnung entsteht, und der die Figuren zwingt, miteinander und gegeneinander zu navigieren.

Der dramatische Konflikt des Films ergibt sich nicht aus äußeren Feinden, sondern aus der inneren Dynamik der Gemeinschaft. Wie halten Menschen, die sich nur flüchtig kennen, ein Bündnis aufrecht? Wie transformiert die öffentliche Wahrnehmung private Krisen? Die zentralen Figuren müssen nicht nur ihre persönlichen Dämonen konfrontieren, sondern auch die Art von Aufmerksamkeit aushalten, die ihr Zusammenschluss hervorruft.

Tonalität und Atmosphäre bewegen sich zwischen trockener Komik und melancholischer Ernsthaftigkeit. Die Inszenierung vermeidet pathetische Überhöhung; stattdessen entsteht die Wirkung durch Alltagsszenen, pointierte Dialoge und die sukzessive Freilegung von Hintergründen, die den Figuren Gewicht geben, ohne das Narrativ zu überfrachten.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum stehen Fragen nach Einsamkeit, Verantwortung und der Grenze zwischen Authentizität und performativer Selbstdarstellung. Der Film erkundet, wie moderne Medien persönliche Schicksale zu kollektiven Erzählungen machen und damit sowohl Schutz als auch Ausbeutung bedeuten können. Die Figuren sind nicht nur individuell verletzlich - sie werden zugleich zu Figuren auf einer öffentlichen Bühne, was die ethische Dimension ihres Handelns komplexer macht.

Philosophisch rückt die Erzählung Existenzialfragen in den Vordergrund: Was heißt es, in einer Gesellschaft gesehen zu werden? Welche Rolle spielt Solidarität, wenn sie aus taktischem Kalkül und nicht aus reiner Empathie entsteht? Diese Fragen werden nicht theoretisch diskutiert, sondern in den Wechselwirkungen der Figuren konkretisiert - durch kleine Gesten, Missverständnisse und unaufgelöste Widersprüche.

Psychologisch liegt ein Schwerpunkt auf der Mechanik des Zusammenhalts - wie Vertrauen entsteht, brüchig bleibt und wieder repariert wird. Motive wie die wiederholte Suche nach Anerkennung, die Angst vor Bedeutungslosigkeit und die Versuchung, Schmerz zum narrativen Kapital zu machen, durchziehen den Film. Das Ergebnis ist weniger eine moralische Verurteilung als eine genaue Beobachtung sozialer Verhaltensweisen in einer Zeit, in der Privatheit und Öffentlichkeit in einem neuen Verhältnis zueinander stehen.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Ein Mann möchte am Silvesterabend Selbstmord begehen, indem er sich von einem Londoner Hochhaus stürzt. Auf dem Dach angekommen und am Abgrund stehend, muss er jedoch erkennen, dass er nicht alleine ist: Drei weitere verzweifelte Seelen haben sich mit derselben Absicht auf das Gebäude begeben.

Dieses absurd tragikomische Setting machte schon den Reiz des gleichnamigen Romans von Nick Hornby aus, der der Verfilmung von Pascal Chaumeil zu Grunde liegt. Wie in der Vorlage erzählt auch die Filmversion die Geschichte der ungleichen Selbstmörder aus vier verschiedenen Perspektiven und nimmt nach und nach jeden einzelnen genauer unter die Lupe. Da ist der ehemalige Moderator Martin (Pierce Brosnan), dessen Karriere und Familie durch eine Sexaffäre zerstört wurden und die Politikertochter Jess (Imogen Pots), die auf Grund von Liebeskummer und Familienproblemen ihrem Leben ein Ende bereiten möchte. Maureen (Toni Collette) hingegen fühlt sich mit der Pflege ihres schwerstbehinderten Kindes allein gelassen und überfordert und der ehemalige Musiker JJ (Aaron Paul) will mit dem Freitod seiner Krebserkrankung zuvorkommen. Nachdem sie einander einen Strich durch die Selbstmordrechnung gemacht haben, werden die Vier vorübergehend zu Verbündeten im Kampf gegen ihre individuellen Probleme. Doch nicht jeder von ihnen findet zu neuem Lebensmut zurück.

Die Protagonisten können leider nicht gleichermaßen überzeugen. Obwohl oder vielleicht gerade weil sich Pierce Brosnan mit seiner arroganten Aura als die perfekte Besetzung für den Selbstdarsteller Martin erweist, kann er nur schwer Sympathie für seinen Charakter erzeugen. Martin bleibt bis zum Ende eine schwer zugängliche Figur, deren Not kaum erfahrbar ist. Maureens Geschichte hingegen drückt zuweilen zu stark auf die Tränendrüse. Auch ist Toni Collettes Darstellung einen Deut zu überzogen, um die Probleme ihrer Figur ernst zu nehmen. Deutlich stärker sind die beiden jüngeren Figuren Jess und JJ. Dass die Einfühlung hier leichter gelingt, ist paradoxer Weise darauf zurückzuführen, dass ihre Beweggründe weit weniger auf der Hand liegen. Hier gilt es für den Zuschauer, im Laufe des Films noch etwas zu entdecken, wodurch sich kleine Spannungsbögen etablieren, die den Episoden um Martin und Maureen fehlen.

Die notwendige Kürzung einer jeden Literaturvorlage führt im Falle von „A Long Way Down“ bedauerlicher Weise dazu, dass die Entwicklung der zentralen Charaktere insgesamt deutlich zu kurz kommt. Erlaubte das Buch noch eine tiefe Einfühlung in die spezifische Einsamkeit Maureens, muss hier der Blick auf ihren von Spasmen gebeutelten Sohn reichen, um die Not der Figur nachzuvollziehen. Da dies für eine tatsächliche Einfühlung bei weitem zu platt ist, versucht Pascal Chaumeil die fehlenden Gefühle mit rührender Musik zu ersetzen, was jedoch selbstredend ebenso wenig Tiefe erzeugen kann. „A Long Way Down“ kratzt stets nur an der Oberfläche der vier Lebenskrisen und setzt auf Rührung statt Verständnis.

Deutlich komplexer angelegt weist die Literaturvorlage durchaus dramaturgische Schwächen auf und vermag mit ihrer episodischen Struktur den Leser nicht dauerhaft zu fesseln. Dies gelingt der Filmversion weitaus besser, ist sie doch weniger auf die Beschreibung der Charaktere als auf die Entwicklung der Handlung ausgerichtet. Die einzelnen Erzählstränge gehen nahtlos ineinander über und würden unter Umständen nicht einmal als separate Episoden erscheinen, wären sie nicht durch die Einblendung der Namen und kurze Voice Over Sequenzen markiert. So wird aus vier Einzelschicksalen tatsächlich eine große kohärente Geschichte.

Der Humor des Filmkonzepts funktioniert zu großen Teilen, auch wenn Pierce Brosnan und Toni Collette bei ihrer komödiantischen Darstellung ein wenig über das Ziel hinaus schießen. Auch in dieser Hinsicht sticht Imogen Pots positiv heraus, die ihrer Figur trotz aller Exzentrik Glaubwürdigkeit verleihen kann. Während Martin und Maureen konstruierte Typen bleiben, entwickeln sich Jess und JJ trotz komödiantischer Anlagen zu ganzen Menschen, mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann. Im Gegensatz zu vielen amerikanischen Independent-Komödien gelingt es „A Long Way Down“ jedoch insgesamt nicht, über die humoristische Brechung des tragischen Moments hinweg echte Nähe zu den Figuren zu etablieren, wodurch auch zu den sympathischen Figuren stets ein kleine Distanz verbleibt.

Und so taucht immer wieder die Frage nach der Botschaft der Geschichte auf. Worum geht es denn eigentlich wirklich in „A Long Way Down“? Die Einsamkeit des Einzelnen und die heilende Wirkung der Gemeinschaft? Das wäre nicht nur ziemlich plakativ, sondern auch eine bereits mehrfach und vor allem besser vermittelte Moral der Geschichte. Eine andere Botschaft jedoch lässt sich nicht herauslesen. „A Long Way Down“ ist zu oberflächlich, um einen tieferen Sinn zu generieren und zu transportieren und bleibt am Ende trotz des originellen Auftakts ein vollkommen austauschbarer und mittelmäßiger Film.

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